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Metamorphose | November 2013

Metamorphose
von Inanna Aton

Mein Blick wanderte hoch zu den Wipfeln der Bäume über mir. Unruhe breitete sich langsam in mir aus, während mir ein zwei schwache Sternenpunkte auffielen. Ich musste mich beeilen, wenn ich noch rechtzeitig ankommen wollte.
Wieder voll auf meinen Weg konzentriert, bewegte ich mich schneller voran. So schnell ich konnte. Doch je näher der Zeitpunkt kam, desto schwieriger wurde es für mich, mich schnell zu bewegen. Eher glich nun mein Gang einem Stolpern und Stöhnen, bei jedem Schritt, den ich tat.
Der Mond war noch nicht ganz aufgegangen. Der Boden zu meinen Füßen war kaum noch zu erkennen. Schritt für Schritt quälte ich mich voran. Hinaus aus dem Wald. Ich wusste nicht genau wohin, aber ich wusste, dass ich diesem Weg folgen musste.
Es war mir bestimmt und es war Zeit. Wieder breitete sich Angst in mir aus, dass ich es nicht rechtzeitig schaffen würde.
Diese Angst trieb mich an, meine aufkommenden immer stärker werdenden Schmerzen zu vergessen und nicht langsamer zu werden.
Endlich sah ich das Ende des Waldes vor mir. Links und rechts war ich noch von dichtem Wald umgeben. Vor mir allerdings bemerkte ich einen hellen Schein, wie ein rundes Loch in einer Wand aus Bäumen.
Mein Atem ging nun stoßweise, teils aus Schmerzen, teils vor Aufregung….
Ich humpelte und stolperte meiner Bestimmung entgegen. Heißer Atem vor meinem Gesicht, welcher zuvor weiß war, schimmerte nun in einem hellgelben Licht…
Es fing schon an, schoss es mir durch den Kopf. Meine Gedanken schienen sich mit meinem Herzschlag zu einer Melodie zu verbinden, als ich endlich durch das Tor aus Licht zwischen den Bäumen trat.
Vor mir lag eine Fläche, die einer großen sanften Woge glich, aus Stein. Glatt, ohne Pflanzen und glänzend vom Mondlicht. Ich konnte nicht mehr aufrecht stehen und kroch bis zum Rand, um alles erblicken zu können.
Mein Atem stockte vor Ehrfurcht, als ich in die Tiefe blickte und die fernen Lichter des Dorfes sah, in welchem ich aufgewachsen war.
Niemals wieder würde ich dahin zurückkehren können. Ich wischte mit meinem Handrücken die Tränen von meiner Wange. Wehmut gepaart mit Freude überlagerten meine Seele.
Ein heftiger Schmerz in meinem gesamten Körper ließ mich vollends zusammenkrümmen. Ich verharrte in dieser embryonalen Stellung, bis er erträglicher wurde.
Wieder nach oben blickend erkannte ich, dass mich der Mond in ein weiches gelbes Licht gehüllt hatte. Kleine Sternchen stiegen von meinem Körper auf. Mit jeder Sekunde wurden diese gelben Leuchtpünktchen immer dichter und fingen an zu pulsieren.
Man erzählte mir, wenn die letzte Phase beginnt, würde ich nicht mehr vor Schmerzen denken können. Doch ich konnte noch denken, obwohl meine Schmerzen so stark wurden, dass ich einen langen Schrei in die Nacht hinausschickte…
Meine Angst steigerte sich nun ins Unermessliche, vielleicht war es falsch, was mit mir passiert und jetzt muss ich dafür büßen?
Mein Schmerz wurde so intensiv, das ich es nicht schaffte mich hinzuknien. Stattdessen rollte ich kraftlos auf den Rücken. Meine Arme und Beine wurden schwer wie Blei, so dass ich sie nicht mehr bewegen konnte.
Den Himmel direkt über meinem Gesicht zu haben, ließ mich meine Schmerzen für einen Augenblick vergessen. Tausende Sterne blickten zu mir herunter.
Meine Familie.
„Ich komme zu euch.“ Wieder rann eine Träne meine Wange herab.
Ich bemerkte nicht, dass ich diesen Satz laut ausgesprochen hatte. Und ich bemerkte auch nicht, wie ich aufhörte zu denken.
Mein Körper löste sich in tausend kleine, leuchtend gelbe Punkte auf, diese wanderten hoch in den Himmel, um sich unter den Sternen zu vereinigen.

…..
„Oma, warum leuchten und blitzen heute Abend die Sterne so heftig?“
Die alte Frau nahm die Hand von dem kleinen Mädchen. Nach einer langen Minute des Schweigens sagte sie: „Eines Tages werden gewisse Menschen dazu auserkoren, einen ganz bestimmten Weg zu gehen. Wenn, aber nur wenn sie ihr Ziel erreichen, werden sie sich von ihrem Körper befreien und zu puren Seelen werden.“ Die alte Frau hielt die Hand des Mädchens nun fester.
„Das Leuchten der Sterne ist die Freude der anderen, weil wieder eine neue Seele es geschafft hatte.“
Die Frau kniete sich nun vor das Mädchen und sah ihm direkt ins Gesicht. Sie bemerkte nicht, wie ihr die Tränen über die Wange rannen.
„Dort oben, meine Kleine, … dort oben siehst du unsere Familie. Fern von uns, jedoch nah genug, um uns zu beschützen.„

Letzte Aktualisierung: 18.11.2013 - 20.21 Uhr
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