Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Halb und halb | Dezember 2013
Die Renovierung des Herrn O.
von Susanne Ruitenberg

An einem Samstag im Dezember beschloss Herr O., seinen Flur zu streichen. Er räumte die Möbel in die angrenzenden Zimmer, fuhr zum Baumarkt und begab sich in die entsprechende Fachabteilung. Lange verharrte er grübelnd vor den Farbeimern. Schwarz wäre seine erste Wahl. Schwarz, als Kontrast zu dem aggressiven Bunt der ästhetisch fragwürdigen Werbeplakate, die auf der Straße alle paar Meter seine Augen beleidigten, zu den schrillen Schaufenstern, zu den blinkenden grellen Weihnachtsbeleuchtungen, die ihm den Schlaf und den letzten Nerv raubten. Wie wohltuend musste es sein, nach einem Arbeitstag auf dem Amt und dem Kontakt mit seinen unerträglich fröhlichen Kollegen im Flur zu sitzen und das beruhigende Schwarz auf sich einwirken zu lassen.
Der Nachteil wäre, dass dunkle Farben dazu neigen, alles Licht zu schlucken und den Austausch seiner ökologischen Flurbeleuchtung gegen eine hellere und somit wattstärkere entspräche absolut nicht seinen Grundsätzen von Sparsamkeit und Bescheidenheit.
Da kam ihm eine zündende Idee.
Wie wäre es, wenn er den Flur halb in Schwarz und halb in einem annähernd ebenso beruhigenden, unaufdringlichen Hellgrau striche?
Begeistert von seinem Einfall, ließ er sich von einem in widerlichem Orange gekleideten Angestellten, der ihn verwundert ansah, einen Eimer mit tiefschwarzer und einen mit unscheinbar grauer Farbe mischen, stellte sich ein Sortiment Pinsel, Farbrollen sowie Kreppband zusammen, zahlte und fuhr heim.
Nachdem er den Flur mit Zeitungspapier ausgelegt, den Rand der Holzdecke abgeklebt und die Steckdosen entfernt hatte, legte er los. Die Wand auf der Küchenseite strich er schwarz, die zur Schlafzimmerseite hin grau.
Nach getaner Arbeit stellte er einen Stuhl in die Mitte, setzte sich darauf und betrachtete lange und eingehend das Resultat.
Ein Flur, halb schwarz, halb grau. Ein Flur, der seine Gemütslage vortrefflich widerspiegelte.
Aber ... wäre es nicht reizvoller, diese Zerrissenheit vollumfänglich zum Ausdruck zu bringen?
Er sprang auf, schnappte sich Pinsel und Eimer und legte los.
Bald waren beide Wände halb schwarz, halb grau. Es gefiel ihm schon besser, indes ...
Noch hatte der Baumarkt offen. Herr O. eilte dorthin und besorgte sich einen ausreichend großen Nachschub an Farbe.
Er strich die graue Hälfte auf der Küchenseite zur Hälfte schwarz und die schwarze Hälfte auf der Schlafzimmerseite zur Hälfte grau.
Aber das traf nicht annähernd das, was er ausdrücken wollte.
Verbissen machte er sich erneut ans Werk.

Als seine Kollegen ihn am Montag vermissten und, ihn auch telefonisch nicht erreicht habend, das Schlimmste befürchtend, seinen Vermieter um den Zweitschlüssel baten und die Wohnung öffneten, fanden sie Herrn O. in der Ecke zwischen der Schlafzimmertur und dem Bad lauf dem Boden liegend vor, wie er versuchte, mit zwei einzelnen, seinem Rasierpinsel entrissenen Dachshaaren einen millimeterbreiten Streifen Wand abwechselnd schwarz und grau zu streichen.


©Susanne Ruitenberg
Version 1

Letzte Aktualisierung: 22.12.2013 - 11.46 Uhr
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