Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Halb und halb | Dezember 2013
Yvonne
von Karl-Otto Kaminski

Welch ein Kontrast! Unter dem Licht der Scheinwerfer ducken sich am Straßenrand eiskalt überzuckerte Ginsterbüsche in das mit Raureif gepuderte Altgras. In mir aber pulsiert lustvolle Wärme.

Yvonne! Ach Yvonne! Was für eine Frau! Wie schlank sie ist. Ihr kurzes Haar spielt ins Kastanienfarbige. In den tiefbraunen Augen tanzen goldene Kobolde. Oft, wenn ich von ihr komme, bin ich total ausgepumpt, brauche eine Weile, bis meine wackeligen Knie wieder imstande sind, Kupplung, Gas und Bremse sicher zu bedienen.
Herma glaubt ja zum Glück an die späten Konferenzen, zu denen ich seit ein paar Monaten regelmäßig muss. Meine Ehe mit ihr ist so herrlich bequem, wie ein paar gut eingelaufener Schuhe. In Bezug auf körperliche Liebe gibt es allerdings zwischen uns schon längere Zeit nichts Neues. Doch das ist wohl ganz normal bei älteren Paaren, selbst wenn die Ehe glücklich verläuft. Wahrscheinlich haben wir unsere gemeinsamen Möglichkeiten der Lust bereits alle durchliebt.

Ob die Teufelsbrücke über den Bach schon vereist ist? Lieber runter vom Gas. Da stehen schon zwei Kreuze. Muss ja nicht noch eins dazu mit meinem Namen.

Auf Herma und unser geregeltes Nebeneinander möchte ich keinesfalls verzichten. Blond, blauäugig, gut gebaut und intelligent, hat sie mich seinerzeit verhext. Wie jung wir damals waren! Inzwischen ist sie zwar etwas füllig geworden, sieht aber immer noch sehr gut aus. Doch vor allem ist Herma der ruhende Pol in meinem Leben, verkörpert Beständigkeit und liebe Gewohnheit. Yvonne dagegen ist das pure Abenteuer, eine prickelnde Herausforderung für einen Mann in den besten Jahren.

Schneit es etwa schon? Nein. Gott sei Dank! Ist wohl nur gefrierender Nebel, der auf die Windschutzscheibe krümelt.

Gelegenheit macht Liebe, heißt es. Ausgerechnet Herma verschaffte mir vor Monaten solch eine Gelegenheit.
„Kümmere dich ein wenig um Yvonne“, hat sie mich am Festabend des Firmenjubiläums gebeten. „Die hat gerade eine böse Beziehung abgebrochen.“ Herma und Yvonne sind seit ein paar Jahren Kolleginnen. Mich, den betriebsfremden Ehemann der Chefsekretärin, hatte man netterweise auch zu der Veranstaltung eingeladen. Und ich kümmerte mich um Yvonne, während Herma gastgeberischen Verpflichtungen nachkam, die ihre Stellung von ihr verlangten.
Zunächst genügte ich mir in der Rolle des verständnisvollen älteren Beichtvaters. Mitleidsvoll und anfangs fast ein wenig gelangweilt hörte ich mir die Geschichte von Yvonnes verkorkster Liaison an. Aber als ich dann tröstend meine Hand auf ihre legte und ihr in die Augen schaute, geschah es.
Coup de foudre nennen die Franzosen so etwas, einen Blitzschlag. Wie treffend! Ich hätte nie geglaubt, dass es mich in meinem Alter noch einmal so erwischen könnte. Schließlich bin ich bald fünfzig. Herma hat zum Glück nichts davon mitbekommen.
Das sicherste Mittel gegen die Versuchung ist Feigheit, hat Mark Twain einmal behauptet. Ich war und bin kein Feigling. Yvonnes unbekümmerte Art reizt mich ständig aufs Neue. Ich liebe ihren jungen, attraktiven Körper, ihr herzliches Lachen, diese unverkrampfte Lust, plötzlich unerhörte, für mich zuvor undenkbare Praktiken im Bett auszuprobieren.

Ha! Wusste ich’s doch! Der Frost hat die Fahrbahn auf der kleinen Brücke mal wieder zu einer Rutschbahn gemacht. Rechtzeitig runter vom Gas und du lebst länger!

Herma ist mir deshalb aber durchaus nicht gleichgültig. Ich liebe ihr Gesicht, ihre Stimme. Ich mag es, ihre Haut zu streicheln, ihr Haar. Bei ihr ist alles so herrlich vertraut, so beruhigend, so sicher.
Vor ein paar Wochen fing Yvonne an, mich zu einer festen Beziehung zu drängen.
„Lass dich doch scheiden!“, forderte sie. „Du siehst doch, wie toll es mit uns beiden klappt. Warum klammerst du dich da an eine langweilige Vergangenheit?“
Ich möchte aber keine Scheidung von Herma. Und langweilig war unsere Vergangenheit durchaus nicht. Ich will aber auch keine feste Bindung an Yvonne. So wie es jetzt ist, soll es von mir aus bleiben bis an mein Lebensende. Herma und Yvonne. Ruhe und Abenteuer. Ein herrlich belebendes Wechselbad.

Muss denn immer in dieser vertrackten Kurve so ein blöder Rehbock die Fahrbahn kreuzen, ausgerechnet wenn ich durch die Nacht fahre und der Raureif die Piste unsicher macht? Es scheint immer der gleiche zu sein, der mich an dieser Stelle erschreckt. Dabei habe ich doch, wenn ich von Yvonne komme, wirklich noch genug Adrenalin in meinen Adern.

Seit vorgestern beginnt Yvonne ernsthaft Druck zu machen.
„Meinst du nicht, es würde allmählich Zeit, dich zu entscheiden?“, nervte sie auch heute wieder, nachdem wir uns ausgetobt hatten. Doch ich möchte mir über eine Änderung meiner derzeitigen Lebensumstände überhaupt keine Gedanken machen. Also versuchte ich, mich raus zu reden. Das sei nicht so einfach, wandte ich ein. Das noch nicht ganz abbezahlte Haus, die Zugewinngemeinschaft, komplizierte Besitzverhältnisse, und überhaupt …
Der Blick, den sie mir darauf zuwarf, erinnerte mich verteufelt an den von Herma, mit dem sie mich bedenkt, wenn ich wieder mal einem ihrer typisch weiblichen Gedankengänge nicht sofort folgen kann. Noch einmal versuchte sie mir einzureden, dass unser Glück erst vollkommen wäre, wenn ich von Herma geschieden und mit Yvonne ständig zusammen lebte. Aber ich drückte mich vor der Entscheidung, so gut ich konnte.
Der Kuss, mit dem sie mich schließlich verabschiedete, fiel recht oberflächlich aus.
„Mach’s gut“, sagte sie leise. „Und fahr vorsichtig. Es friert.“ Dann schloss sie rasch die Haustür. Klar, sie war ja im Negligé, und draußen ist es wirklich recht frostig.

Wieso ist denn kein Licht in unserem Haus? Ist Herma etwa schon im Bett? Ist doch erst halb zwölf. So leise wie möglich öffne ich die Haustür und mache die Lampen an im Erdgeschoss. Alles ist so wie immer, heimelig, warm und aufgeräumt. Auf der schweren dunklen Schieferplatte des Couchtisches liegt ein Bogen von Hermas Briefpapier.
„Lieber Martin“, steht da. Das L ist leicht verlaufen, als wäre ein Tropfen darauf gefallen.
Wie in den Boden gerammt und vor den Kopf geschlagen, lese ich weiter. Mein Gott! Herma weiß von meiner Beziehung zu Yvonne. Seit wann? Heute Nachmittag ist sie zu ihrer Schwester nach Köln gefahren. Sie will die Trennung. „… weil deine Liebe zu mir offenbar nicht stark genug ist, um einer Versuchung zu widerstehen … Alles Weitere von meinem Anwalt. Herma.“
Während ich noch ungläubig auf das Papier starre und mitten in diesem gemütlichen, warmen Wohnzimmer der Frost des Begreifens an mir hoch kriecht, meldet sich mein Handy.
SMS von Yvonne: „Habe endlich verstanden. Mag aber nicht teilen. Lass dich nie wieder bei mir sehen. Y.“

Letzte Aktualisierung: 17.12.2013 - 21.08 Uhr
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