Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Halb und halb | Dezember 2013
Der Weihnachtsmarkt
von Eva Fischer

Sie legte ihre Hände um das wärmende weiße Porzellan der Cappuccino-Tasse und blickte durch die Scheibe des Coffeeshops. Tropfen perlten von außen über die gläserne Oberfläche und gaben den Blick frei auf einen grauen Nachmittag, dem kein Sonnenstrahl Farbe verlieh.
Männer hämmerten gleichmütig vorgefertigte Holzwände zusammen. Sie fügten sie wie Schachteln in Reih und Glied.
Jani mochte keine Weihnachtsmärkte, ganz im Gegensatz zu ihrer Freundin Christa, die Weihnachtsmärkte sammelte wie andere Frauen Schuhe und die dem Treiben draußen zufrieden zusah, während sie genüsslich an einem Stück Birnen-Nuss-Marzipan-Kuchen kaute.

Christa: „Wusstest du schon, dass es einen Weihnachtsmarkt mitten im Wald gibt?“
Jani: „Warum nicht. Demnächst bauen sie ihre Stände noch auf dem Mond auf.“
Christa: „Mag sein. Der Weihnachtsmarkt, von dem ich spreche, ist fast genauso schwer zu finden.“
Jani: „Klar, wenn das Zeug, das sie verscherbeln, alltäglich ist, müssen sie sich wenigstens was mit der Suche einfallen lassen.“
Christa: „Das „Zeug“ soll aber auch ungewöhnlich sein.“
Jani: „Ach ja. Haben die Weihnachtskugeln Schottenmuster? Ich glaube, das gibt es schon.“ Christa: „Nee. Irgendwie anders. Kommst du mit? Wenn wir den Weihnachtsmarkt nicht finden, so hatten wir wenigstens einen schönen Nachtspaziergang.“
Jani: „Nachtspaziergang?“
Christa: „Ja, der Markt findet zwischen 18 Uhr und 24 Uhr statt, nur einmal im Jahr, und zwar am Freitag vor dem 1. Advent.“

Zu einem Spaziergang im Dunklen, vielleicht sogar zu einem kleinen Abenteuer, ließ sich Jani überreden.

Sie parkten das Auto vor einem Schloss. Es wirkte verwaist hinter den dunklen Fenstern. Nur das Licht des Mondes spiegelte sich auf dem Wasser des breiten Grabens.
Jani zückte ihre Taschenlampe und leuchtete auf ein gußeisernes Tor, das offen stand.
„Los geht’s!“ ermunterte sie ihre Freundin.
„Sie folgten dem schnurgeraden Hauptweg. Hohe Baumwipfel wiegten sich gegen den anthrazitfarbenen Himmel und bildeten eine undurchdringliche, dunkle Wand.
Nach einigen Metern hörten sie ein Geräusch, als ob Metall gegeneinander schlug. Christa zuckte erschrocken zusammen.
„Da oben, siehst du das?“ wisperte sie.
An einem zwischen den Bäumen gespannten Draht hingen Metallstäbe, die sich bei jedem Windstoß berührten und unterschiedliche Töne erzeugten.
„Jingle bells einmal anders“, grinste Jani. „Jetzt fehlen nur ein paar Rentiere. Na, vielleicht sehen wir ein paar Rehe.“
Sie zeigte auf eine Futterkrippe.
„Schau mal, dahinten sind Lichter.“
Sie bogen in einen schmalen Seitenweg ab, der zu einer Waldschneise führte.

Fackeln erleuchteten den Platz, auf dem mehrere Stände aufgebaut waren.
„Hmm. Das riecht aber lecker!“, bemerkte Christa, die erleichtert war, dass sie endlich auf Licht und Leben gestoßen waren.
Eine Frau in Minirock und Stiefeln winkte sie heran.
„Was darf es sein? Ein Gläschen Glühwein? Ein knuspriges Schwein? Oder lieber etwas Süßes?“
Sie zeigte auf Lutscher.
„Garantiert ist für jeden Gaumen etwas dabei.“
Jani nahm ein Glas Glühwein. Die mit Gewürzen aromatisierten Dämpfe stiegen in ihre Nase und versetzten sie in einen Rausch der Euphorie, bevor sie einen Schluck genommen hatte.
Christa ließ ihre Zunge über den Lutscher gleiten. Vergeblich suchte sie herauszufinden, wonach er genau schmeckte. Immer gieriger leckte sie an dem Lutscher, der sich nicht aufzulösen schien.
„Sieht aus wie ein Penis“, kicherte Jani.
„Ist dir eigentlich aufgefallen, dass hier alles knatschrot ist, schon lust-ig!.“
Christa schaute sich um, als ein junger Mann vom Typ David Garrett sich ihr näherte und ihr einen Zettel zuschob.
„Ruf mich mal an, wenn du Langeweile hast“, flüsterte er ihr zu.
„Hast du nicht“, zischte Jani ihrer Freundin zu und zog sie am Ärmel, damit sie gemeinsam den nächsten Stand erkunden konnten.

Blaue Kugeln in allen Größen baumelten wie Marionetten an unsichtbaren Fäden.
Christa schaute sich eine Kugel genauer an.
„Guck mal, ist das nicht toll. Das bin ich. Ich würde sagen, sehr vorteilhaft fotographiert und ich bin mindestens 10 Kilo schlanker. Aber woher haben die überhaupt mein Foto?“
Jani gesellte sich neugierig zu ihrer Freundin.
„Was redest du da? Auf der Kugel ist eine Meereslandschaft zu sehen. Ist sie nicht schön? Da bekommt man Lust zum Verreisen.“
Christa entriss ihr die Kugel.
„Nein, das bin ich. Wie kannst du das bloß nicht sehen!“
„Gemach, gemach, meine Damen“, ertönte eine sanfte Stimme.
„Die Kugeln sind zerbrechlich wie unsere Hoffnungen und Wünsche. Natürlich sind die Kugeln individuell angepasst. Was anderes wäre doch langweilig,“ zwinkerte die Verkäuferin ihr zu. Sie trug ein bauschiges, himmelblaues Kleid, das sie wie eine Wolke umhüllte.
„Heute sind drei Kugeln im Angebot. Drei Kugeln für nur 30 Euro. Das sollten uns unsere Sehnsüchte schon wert sein.“
„Und kann ich in jeder Kugel etwas anderes sehen?“, fragte Christa neugierig.
„Probieren Sie es aus, meine Dame!“
„Das gibt es doch gar nicht! Da ist genau die tolle Loftwohnung, von der ich immer träume!“
Gerne hätte Christa sie ihrer Freundin gezeigt.
„Ich nehme Ihr Angebot an“, entschied sie.
„Wollen Sie sich nicht auch die dritte Kugel anschauen?“
Christas Begeisterung schlug um. Die Leuchtkraft ihrer Augen erlosch. Stattdessen füllten sie sich mit Tränen.
„Und, was siehst du jetzt?“, wollte Jani ungeduldig wissen.
„Das ist mein Vater!“, schluchzte sie.
Jani wusste, dass ihre Freundin den Tod ihres Vaters vor einem Jahr nicht recht überwunden hatte.
„Er guckt mich so freundlich an, so echt, als ob er noch lebte.“
Christa zitterte am ganzen Leib. Jani legte tröstend den Arm um sie.
„Und nehmen Sie jetzt die Kugeln oder nicht?“
„Sehen Sie nicht, in welchen Zustand Sie meine Freundin versetzt haben?“, blaffte Jani die Verkäuferin an.

Langsam gingen sie weiter. Zwei Männer in Mönchskutten rieben sich wärmend die Hände an einer Kerze hinter ihrem Stand.
„Ich glaube, ich habe etwas für Sie“, meinte der eine ermunternd. Das weite Gewand konnte einen Kugelbauch nicht verbergen. Grübchen tanzten auf einem rundlichen Gesicht.
„Was fürchten wir mehr als den Tod?“, fragte der zweite Mönch, selbst von bedenklicher Blässe und hagerer Statur.
„Und was verkaufen Sie? Das ewige Leben?“, spottete Jani.
„Das haben wir auch im Angebot“, gab der Dicke gutmütig zurück.
„Wird davon mein Vater wieder lebendig?“, jammerte Christa.
„Das nicht. Es geht mehr um die Ängste der Lebenden vor dem Tod,“ philosophierte der Bleichwangige.
„Wollen Sie meine Freundin mit hohlen Phrasen abspeisen?“
Jani spürte Zorn in sich hochsteigen.
„Vielleicht gefällt Ihnen unser hinduistisches Angebot ‚Wiedergeburt’ besser. Das wäre auch etwas für Ihren Herrn Vater“, meinte der Dicke versöhnlich.
„Wir haben auch etwas für Atheisten“, bot sein Mitbruder eilfertig an.
„Da bin ich aber gespannt.“ Jani warf ihm einen skeptischen Blick zu.
Der Mönch reichte ihr feierlich ein weißes Pergament. Carpe diem, las sie.
„Ist das nicht sehr minimalistisch?“, bemerkte sie.
„Nun ja, die christliche Variante ist da sicher professioneller und dekorativer. Sie hat schließlich eine lange Tradition. Wenn Sie wollen, können Sie auch mischen. Das wird von unseren Kunden gern gemacht.“
„Wie jetzt? Das Paradies mit der Hölle?“, entfuhr es Jani.
„Nein, die Hölle ist ein Ladenhüter. Die ist nicht mehr gefragt, aber die Wiedergeburt findet zunehmend mehr Absatz.“
„Soll mein Vater als Maikäfer wiedergeboren werden?“, empörte sich Christa.
„Wissen Sie, wir verkaufen nur. Sie sind der Kunde,“ lächelte sie der Dicke an.
„Was hat das ganze Gerede vom Tod überhaupt mit Weihnachten zu tun? Da geht es doch um eine Geburt, oder sehe ich das falsch?“ hakte Jani unbeindruckt nach.
„Die in der längsten Nacht des Jahres gefeiert wird. Das Licht vertreibt die Dunkelheit, das Leben den Tod und doch holt der Tod das Leben wieder ein.“
„Können Sie mir nicht etwas Tröstliches verkaufen?“, bat Christa plötzlich. „Etwas zum Anfassen und Begreifen?“
Der Dicke holte eine Ikone hervor, wickelte sie vorsichtig aus einem Wolltuch und legte sie auf die Holzplatte.

Das Kind saß aufrecht in der Krippe umgeben von seinen fürsorglichen Eltern. Es schaute dem Betrachter geradewegs in die Augen.
Sein Blick war halb fröhlich, halb traurig, als ob es schon wüßte, welch Schicksal es erwartet.

Letzte Aktualisierung: 11.12.2013 - 20.16 Uhr
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