Der Tod aus der Teekiste
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Halb und halb | Dezember 2013
Harte Bandagen, emotional empfänglicher Kern
von Jochen Ruscheweyh

„Weeesley! Sorry, meine doofe Hund horcht mich nicht! Duits?“, fragte sie und griff ihren Hund am Halsband.
Wesley ähnelte unserem Hund Harvey nicht nur sehr stark, sondern starrte mich auch mit demselben treudummen Blick an wie Harvey, wobei Wesley allerdings auf irgendeine Reaktion von mir zu warten schien. Ich beugte mich ein Stück hinunter und kraulte ihn hinter den Ohren. Anders als unser Hund quittierte Wesley meinen Einsatz mit einer wahren Sinfonie an Zuneigungslauten.
„Ihr Wesley und mein Harvey könnten glatt Geschwister sein, bei der Geburt getrennt“, sagte ich, „ich frage mich grade, ob sie sich wohl verstehen?“
„Komm, machen wir eine Test!“, lachte die Holländerin und warf ihren rotblonden Zopf mit einer sinnlichen Kopfbewegung nach hinten.

Harvey und mir war von Anfang an klar gewesen, dass wir einfach nicht auf einer Wellenlänge lagen, uns aber arrangieren müssten. Meine Frau Sabine hatte sich zwar sehnlichst einen Hund gewünscht, würde aber mit ihrem Job als Pharmareferentin und den dazugehörigen Arbeitszeiten nie in die Verlegenheit kommen, mit ihm Gassi gehen zu müssen. Die Kommandos Platz und Sitz blieben daher Harvey und mein größter gemeinsamer Nenner. Sabine hingegen überschüttete er mit Zuneigung.
Mir war immer unverständlich gewesen, wie es einigen Verrückten gelungen sein sollte, diesen Rassenmix zu einer gefährlichen Waffe abzurichten, besonders in Situationen wie jetzt, wo Harvey wie erwartet trübtassig über den Nordseestrand zu mir trottete, mich ignorierte und das Meer betrachtete.
„Tweelinge, absolut, da ben ich eins met“, sagte sie und tätschelte Harveys Rücken. „Er ist auch halb Staffordshire und halb ... wie sagt man?“ Sie legte einen Finger quer über ihre Oberlippe.
„Riesenschnauzer“, ergänzte ich.
Harvey wedelte mit dem Schwanz, etwas, das er bei mir noch nie gemacht hatte.

„So ist deine Frau geschäftlich in Nederlands“, bemerkte Anneke - mit diesem Namen hatte sie sich mir vorgestellt, „und du bist die Hundesitter, solange sie die Big Deal mit Haagenbosch Pharma macht.“
Ich blinzelte gegen die Septembersonne, deren Wärme sich hinter den transparenten Windschutzelementen des Strandpavillons ausbreitete. „Es mag jetzt vielleicht so wirken, als wäre ich ein besserer Haushälter. Aber unsere Beziehung ist ... ausgeglichen.“
Anneke zog die Stirn kraus.
„Ich habe auch einen guten Job mit Verantwortung“, schob ich nach und fragte mich gleichzeitig, warum es mir so wichtig war, vor dieser mir vollkommen fremden Frau in gutem Licht zu erscheinen. Den unterschwelligen Konflikt mit Sabine wegen meiner ehrenamtlichen Tätigkeit in einer Partei, die nichts ausließ, um den Lobbyismus der Pharmaindustrie anzuprangern - auch wenn ich nur wegen deren bildungspolitischem Programm dort eingetreten war - und mein spärliches Gehalt als Aushilfslehrer thematisierte ich nicht weiter.
„Dann“, stellte sie fest, „bist du heute allein unterwegs aan het Strand.“
Ich zögerte einen Moment, ehe ich sagte: „Na, jetzt ja nicht mehr.“
Anneke sah mich über den Rand ihrer Kaffeetasse an. „Ich habe jetzt wirkliche Bock auf ein Heineken, kaufst du mir eins, Jakob?“

Nach dem dritten Bier waren wir in einen dieser Loungemuscheln gewechselt, und Annekes Kopf lehnte so offensichtlich an meiner Schulter, dass man uns unweigerlich für ein Pärchen oder auf dem besten Wege dorthin halten musste.
Anneke klopfte auf ihr Knie. Dann geschah etwas Merkwürdiges, weil nicht etwa Wesley sondern Harvey seinen breitkieferigen Kopf in ihren Schoß legte und sich von ihr kraulen ließ.
„Nur zu, Jakob“, sagte sie, „teste deine Geluk!“
Einen Moment später hatte ich Wesleys erwartungsvoll dreinblickenden Hundekopf auf meinen Oberschenkeln ruhen.
„Siehst du, es ist alles eine Sache von die ... wie sagt man? Attitude? Manchmal musst du etwas gegen etwas anderes eintauschen, um festzustellen, wie sehr willst du es wirklich.“
In einer verbotenen Fantasie liebten Anneke und ich uns bereits über die volle Breite eines Kolonialstil-Sofas, bevor wir nackt und espressoschlürfend hintereinander am Rahmen eines großen Panoramafensters lehnten und auf die stürmische Nordsee blickten.
Ich hatte schon immer klare Prinzipien was Fantasien anging, also vergewisserte ich mich, dass Anneke nichts von mir erwartete, zu dem ich nicht bereit war: „Du meinst ... ?“
„Ja“, bekräftigte Anneke, „lass uns dog-swapping machen!“

Ich gab mir Mühe, meine Enttäuschung zu verbergen, dass ihre Andeutung nicht mir gegolten hatte, auch wenn ich nicht darauf eingegangen wäre.
Aber je länger ich über die andere Sache nachdachte, gefiel mir der Gedanke, Harvey gegen Wesley einzutauschen immer besser. Denn wäre es nicht nur recht und billig, wenn ich ein wenig nachhalf, dass ein Tier, das mich liebte, zu mir fand?
Was allerdings blieb, war die Dimension Sabine.
Man konnte es sicher nicht 1:1 übertragen, aber ich hatte neulich einen Beitrag in einem Boulevard-Format gesehen über Frauen, deren Babys bei der Geburt vertauscht worden waren. Grauenhaft.
Trotz der harten Bandagen, die Sabine sich in ihrem Job hatte anlegen müssen, besaß sie immer noch ihren weichen, emotional empfänglichen Kern. Was wäre, wenn ihr auffiel, dass sich ein veränderter Hund auf ihrem Bett rekelte?
Anneke rieb ihre Wange an meiner Schulter; eine Geste, die an Intimität kaum zu überbieten war und mich vor die Frage stellte, was ich da gerade zuließ.
Plötzlich drängte sich eine andere Überlegung in mein Denken: Waren nicht auch Tiere sensible Wesen, die auf Veränderungen in ihrem Umfeld reagierten? Und könnte ich das andere Verhalten des vermeintlichen Harveys - der nach dem dog-swapping in Wirklichkeit Wesley wäre - Sabine gegenüber nicht einfach als eine natürliche Anpassung an seine Umwelt zu verkaufen, sprich: der Hund liebt auf Dauer den, der mit ihm Gassi geht und den Großteil des Tages mit ihm verbringt?
Wie auf Kommando sagte Anneke plötzlich: „Wenn deine Frau etwas merkt, sagst du: Darling, ich glaube, du musst mehr Zeit thuis verbringen, die Hund erkennt dich niet mehr!“
Ihr Handy ging, und noch bevor es zum zweiten Mal diesen Echolot-Ton ausgab, hatte Anneke das Gespräch mit einer routinierten Bewegung weggedrückt. Wesley, dessen Körper sich eine Sekunde vorher noch wie ein Brett versteift hatte, entspannte sich. Ich erinnerte mich dunkel an Biologie und irgendetwas mit Frequenzen, die Hunden wehtaten.

Anneke schien noch nicht lange in ihrem Haus zu wohnen. Sie fand den richtigen Schlüssel zuerst nicht. Außerdem verwechselte sie den Anschlag der Türen.
„Ist deine Hund gechipt?“
„Nein“, erwiderte ich, während ich mir ein Kinderbild von Anneke in einem dieser herrlich oriental-kitschigen Rahmen ansah. „Du hattest früher Locken?“
Ich spürte ihre Hand an meiner Schulter, als sie sagte: „Was zählt, ist die Jetzt!“

In den nächsten Tagen vermied ich den direkten Blickkontakt mit Sabine, hauptsächlich, weil ich das Gefühl hatte, irgendwo zwischen Iris und Netzhaut würde bei mir das Wort Betrug wie ein Warnlicht aufblinken.
Sabine selbst wirkte auf eine seltsame Art beschwingt. Selbst Wesleys kühles Verhalten ihr gegenüber quittierte sie mit einem lapidaren „Ich verstehe, dass du sauer bist, Frauchen hat dich ja auch ziemlich vernachlässigt!“

Am darauf folgenden Freitag überraschte ich Sabine morgens um Fünf in der Küche, als sie Lasagne vorbereitete. „Ich rufe an und lasse dreimal klingeln, lege auf und lasse noch dreimal klingeln, wenn ich heute auf der Arbeit losfahre. Dann stellst du den Ofen an, ja?“
„Warum doppelt?“
Sie antwortete nicht, stattdessen glitt ihr Morgenmantel wie von selbst von ihren Schultern.

Irgendetwas stimmte nicht, als ich am frühen Abend von meinem Zahnarzttermin zurückkehrte. Ich konnte nicht sagen, was. Und vielleicht hatte es auch nur etwas damit zu tun, dass mich schon den ganzen Tag Kopfschmerzen quälten. Wesley, den ich zuhause gelassen hatte, schien ebenfalls groggy zu sein und schaute noch nicht einmal auf, als ich an der Couch vorbeiging. Ich nahm zwei Aspirin, ließ die Rollos herunter und blätterte in der Tageszeitung, bis das Telefon klingelte.
Dreimal.
Anders als sonst.
Sabine musste am Morgen noch einen dieser Mode-Töne, die irgendwie nach U-Boot klangen, eingestellt haben.
Pause.
Wieder dreimal.
Ich stellte den Ofen an.

Etwa eine halbe Stunde später hörte ich Sabines Wagen, dann ihre und eine andere Stimme.
Ich wollte grade die Tür öffnen, als von außen herumgeschlossen wurde.
Etwas schoss an mir vorbei und sprang an Sabine hoch, die abwehrend die Hände hob und mich panisch anstarrte. „Wes ...?“, schrie sie, während eine Hundezunge ihr strumpfhosenfreies Bein abschleckte, „weshalb ... Hardy ... warum mag er mich wieder?“
„Willst du mir unseren Gast nicht vorstellen?“, fragte ich, während ich einen vollkommen euphorisierten Hund, an einem Halsband zurückzog, das nicht seins war, aber das einzelne lange rote Haar erklärte, das ich vor wenigen Minuten im Wohnzimmer gefunden hatte.

Sabine zitterte, als ich die Bettdecke zurückschlug und mich neben sie legte. „Du hat mir keine andere Wahl gelassen mit deinem dummen politischen Aktivismus“, sagte sie nach einer Weile.
„Eins verstehe ich nicht“, erwiderte ich. „du hättest die Hunde auch so tauschen können. Wieso der Umweg über Anneke?“
„Sie ist die Züchterin, sie hat beide Hunde abgerichtet. Nur sie konnte testen, ob Wesley auf dich reagiert.“
„Und trotzdem ist sie letztendlich das schwächste Glied in der Kette gewesen, auch wenn ich zugeben muss, dass der Plan, mich durch einen konditionierten Hund per Telefonsignal zerfleischen zu lassen schon genial war.“
„Du kannst Menschen für dich begeistern, Jakob, und deswegen ist Anneke wohl umgekippt und hat die Hunde zurückgetauscht. Was wirst du jetzt tun?“
„Ich gehe mich jetzt gleich übergeben, dann bis morgen früh wach liegen, meine Sachen packen und ausziehen.“
„Das heisst, du wirst nicht ...?“
„Die Polizei? Was hab ich denn in der Hand? Ein rotes Haar und einen schwachsinnigen Hund!“
„Ich habe dich mal geliebt, Jakob. Das musst du mir glauben.“
„Ich weiß.“

V2

Letzte Aktualisierung: 18.12.2013 - 10.23 Uhr
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