Honigfalter
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Halb und halb | Dezember 2013
Die andere Hälfte des Himmels
von Sylvia Schöningh-Taylor

Ereshkigal war von ihrem Abstieg in die Unterwelt zurückgekehrt. Wild wogte ihr Haar, heftig bebte ihr Busen und die Erinnerung an die Agonie des einsamen Gepfählt-Seins in der Tiefe ließ sie in Klagen ausbrechen über die Äonen von Erniedrigungen, die ihr und ihren Schwestern widerfahren waren. Der Abstieg hatte sie gereinigt von allen Seelenschatten und sie genoss die Lichtwelt auf neue Weise. Mild strichen ihr die wohlriechenden Winde der Frühlingswiese über die nackte Haut, ein leichtes Schauern durchrieselte ihren Schoß und ihre Augen fielen auf Helios, der leichtfüßig auf sie zu eilte. Sie kannten sich schon lange, aber Ereshkigal hatte zuerst in die Tiefe hinab steigen müssen, um sich dem Mann ihrer Träume hingeben zu können. Ach, wie leicht erschien jetzt die Hingabe an die männliche Kraft, jetzt, da sie bei sich angekommen war!
Mit großer Beunruhigung hatte die Dämonin Gobble die Liebenden beobachtet. Das konnte doch nicht wahr sein, dass diese Frau sich aus ihrem Bann befreit hatte? Das durfte niemals geschehen, denn Gobble war einst dick und fett geworden, weil sie sich von der Lebenskraft dieser beiden ernährte. An ihre Menschennahrung kam die Dämonin aber nur, wenn sie die Liebenden getrennt voneinander vor sich hatte. Nur wenn sie die beiden Hälften des Menschen an ihrer Vereinigung hinderte, gelang ihr rachsüchtiger Feldzug gegen die Liebe. Aber Gobble war eine Meisterin im Manipulieren und hatte sich in dieser Kunst vom Anbeginn der Zeit geübt. So wusste sie auch bei diesen beiden, was zu tun war.
Als erstes machte sie sich an Ereshkigal heran, als diese sich gerade lustvoll in der Frühlingswiese räkelte. Dass du mit diesem Fremden jemals wirklich intim werden könntest, bildest du dir nur ein, meine Süße, flüsterte Gobble ihr einschmeichelnd ins Ohr. Er kennt dich ja gar nicht, vor allem weiß er nicht um das Geheimnis, das du nur mit mir teilst. Du kannst gar nicht lieben, nicht wahr? In Wirklichkeit hast du dort, wo er dein Herz vermutet, ein schwarzes Loch, das ihn aussaugen und schwächen wird. Ich spreche von deiner Bedürftigkeit, die nicht anders kann, als ihm die Liebe abzupressen. Und warum ist das so, liebe Freundin? Nur du und ich wissen, dass die Leere in dir eine Gefahr für jeden Mann darstellt. Komm fort mit mir: Ich bin die einzige intime Freundin, die deine ganze Wahrheit kennt und liebt, welche du vor ihm verbergen müsstest. Wie viel leichter hast du es mit mir, die dich liebt, so wie du bist. Gobbles Stimme hatte die bekannte Wirkung auf Ereshkigal. Weil sie ihr in der Tat seit Anbeginn ihres Lebens vertraut war, misstraute sie plötzlich wieder der eben noch gespürten Fülle und Leichtigkeit. Vielleicht war die Vertrautheit, die sie gegenüber Helios gespürt hatte, nur ein Sehnsuchtsbild, geboren aus ihrer eigenen Bedürftigkeit? Hatte die Dämonin nicht recht? War sie nicht Gift für jeden Mann, liebessüchtig wie sie war? Indem Ereshkigal solche Gedanken in sich kreisen spürte, gewahrte sie gar nicht, dass Gobble sie von ihrem Tempel fortzog. Wie in einer Trance schlich sie gebeugten Hauptes hinter der Dämonin her.
Als Helios voller Vorfreude zu seinem Rendezvous mit Ereshkigal vor ihrem Tempel erschien, sah er, wie das Lebensfeuer, das seine Geliebte immer kräftig am Brennen hielt, niedergebrannt und die Freundin verschwunden war. Ihn ergriff eine dunkle Vorahnung. Und wirklich, schon erschien die gefürchtete Gobble und pflanzte sich genüsslich vor ihm auf, ihre Worte höhnisch auf ihn herab spuckend: Du meinst wohl, eine so wunderbare Frau wollte sich auf einen Schlappschwanz wie dich einlassen? Wie konntest du nur so blöd sein, dich ihrer Liebe für würdig zu erachten! Ich kenne dich besser, also vertrau mir und lass die Finger von der Frau. Helios schaute verlegen an sich herunter und schämte sich erbärmlich: Ereshkigals Blick hatte ihn aufgebaut, ihre Wahrnehmung hatte ihn erst zum strahlenden Mann werden lassen. In Wirklichkeit war er das nicht. Sie hatte die Wahrheit herausgefunden und ihn verlassen. Die Scham ließ Helios in den Boden versinken. Die Dämonin rieb sich die Hände, mit Männern hatte sie immer ein leichteres Spiel als mit Frauen. Und warum? Weil sie ohne das Weibliche einfach lächerliche Gestalten waren!
Pod hatte im Hintergrund alles mit angesehen. Gelassen schmunzelte er über die ewige Leier der Widersacherin und die armen Menschen, die immer wieder auf deren Lügen herein fielen. Es war schon ein Kreuz, dass seine Schutzbefohlenen durch die Hölle der Trennung hindurch mussten, um zur Einsicht zu gelangen, dass sie nur auf einem Selbst-Betrug beruhte. Aber so war es nun einmal, die Menschen-Seelen kamen auf diese Ebene, weil sie nur hier all das an sich erfahren konnten, was aus der Dunkelheit der Dämonenwelt ans Licht gehoben und befreit werden wollte. Und natürlich glaubten alle erst einmal an die Wirklichkeit von Gobble und meinten, sie schon aus eigener Kraft besiegen zu können. Was für eine Hybris! Aber er war ja immer an ihrer Seite und begutachtete das magische Geschenk, das er für die Liebenden bereit hielt und ohne das dieses Paar nicht würde zusammen kommen können. Pod trat aus dem Wäldchen, tippte dem zusammengesunkenen Helios leicht auf die Schulter und bot ihm sein magisches Geschenk an, die Rose der Leichtigkeit. Helios winkte müde ab, denn was sollte er mit einem Blümchen in seiner schweren Lage. Der Naturgeist in seinem flirrend grünen Wams tanzte leichtfüßig um ihn herum und ermahnte ihn dringend, sich des magischen Geschenks zu bedienen. Gobble werde zurückkommen, um ihn von seiner Geliebten zu trennen, denn sie ernähre sich von der Trennung jeglicher Liebesverbindung. Ohne die Hilfe des Himmels gebe es also keine Liebe. Helios hörte mit halbem Ohr zu und legte das Geschenk achtlos neben sich. Schon eilte Pod von dannen, der geistesabwesenden Ereshkigal hinterher, um auch ihr sein Geschenk zu überreichen. Ach, wie froh war diese, den Naturgeist zu sehen, denn sie standen sich schon immer sehr nahe. Voller Dankbarkeit empfing sie die magische Rose und fiel Pod weinend um den Hals, weil sie ahnte, dass sie ohne die Hilfe aus der jenseitigen Welt der Dämonin hilflos ausgeliefert war. Ihr Herz war zu weich, um sich deren Verführungskünsten zu widersetzen. Kaum lag die Rose der Leichtigkeit in ihrem tränendurchnässten Schoß, hielt Ereshkigal inne und die Erinnerung an ihre Unschuld kam zurück. Leicht fühlte sich ihr Herz an, das zuvor unter der Schuld ächzte, die ihr die Dämonin eingeflüstert hatte. Aus alter Gewohnheit war sie ihr aufs Neue in die Falle gegangen. Sie setzte sich unter eine Zypresse und versenkte sich in ihre Leichtigkeit, auf ihren Liebsten wartend.
Jetzt knöpfte sich Gobble Helios vor. Sie wusste genau, wo seine Schwachstelle war. Wie dumm Männer doch waren! Sie baute sich vor ihm auf und wies höhnisch auf die rußgeschwärzten Säulen von Ereshkigals Tempel: Du willst ein Held sein? Ein Mann packt die Dinge an, die im Argen liegen. Du aber sitzt nur da und jammerst. Siehst du nicht, dass dieser Tempel ausgebessert werden müsste? Sein Dach ruht nur auf drei Säulen und könnte einstürzen. Erhebe dich, du Schlappschwanz, und errichte eine neue Säule. Endlich wusste Helios, was zu tun war, tagelang brach er Steine, schleppte sie auf seinen schlanken Schultern zum Tempel. Die ganze Zeit trieb ihn Gobble feixend an, nannte ihn einen Schlappschwanz und lachte ihn wegen seiner Ungeschicklichkeit aus. Kaum aber war der Tempel ausgebessert, drängte ihm die ekelhafte Alte eine neue Arbeit auf, er solle ein Boot bauen, denn Frauen reisten gern. Das leuchtete Helios ein, nur woher sollte er die Kraft nehmen? Aber die Dämonin ließ ihn keine Stunde zur Ruhe kommen. Am Ende schleppte er den ganzen Tag Steine, während Gobble gnadenlos mit einem schrillen Eisengong den Takt seiner Schritte antrieb.
Schließlich brach Helios zusammen. Erschöpft lag er im Staub der Erde und alle Kraft war aus ihm gewichen. Alles war verloren, seine Geliebte unerreichbar, die Sonne verdunkelt, seine Glieder zerschmettert und vor ihm lag der steinige Weg der Schuld, die niemals zu tilgen war. Die Welt um ihn herum war verstummt, kein Vogelsang drang an sein Ohr, seine Sinne schienen abgestumpft gegen die Schönheit des Abendhimmels. In seinem Nacken spürte er den Fuß der Dämonin, die ihn mit ihrem ganzen Gewicht in den Staub drückte. Da gewahrte er neben sich die Rose der Leichtigkeit. Ungläubig hob er sie auf und strich über ihre samtigen Blätter. Sofort fühlte er neue Kraft in sein Herz strömen. Verwundert setzte es sich auf und der Fuß der Dämonin glitt von seinem Nacken. Da ergriff eine leichte Bewegung seinen Körper und er vernahm wieder die Stimmen des Waldes, das sanfte Rauschen der Wellen, wie sie den Sandstrand leckten, die Stimme des Naturgeists und die Erinnerung kehrte zurück: Dass alles gut war und er reich beschenkt, dass Gobble ihn angelogen hatte und dass ihm nichts fehlte außer seiner Liebsten. Er sprang auf und schaute sich noch nicht einmal nach der Dämonin um, denn sie war nicht real, das sagte ihm die Rose in seiner Hand. Nur die Liebe war real. Und jetzt war alles ganz leicht, er lief voller Vorfreude zur Lichtung, an der er sich mit Ereshkigal verabredet hatte. Und wirklich, da stand sie und wartete auf ihn. Meine Liebste, hier bin ich! rief er, ich brauche deine Liebe wie die Luft zum Atmen! Er hatte Ereshkigal erreicht und schlang seine Arme um sie. Und wo sie zusammengekommen waren, sanken sie ins tiefe Gras und liebten sich traumvergessen, bis der nächtliche Sternenhimmel sie sanft zudeckte.

Letzte Aktualisierung: 09.12.2013 - 20.24 Uhr
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