Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Halb und halb | Dezember 2013
Von dem, was bleibt
von Martina Lange

David legte seine wettergezeichnete Hand auf das Holz. Hinter der geschlossenen Küchentür vernahm er das Klappern von Geschirr. Nora hantierte mit dem Abwasch.
Er hatte seine Kinder zu Bett gebracht und sie waren erst eingeschlafen, als seine im letzten Jahr wenig gebrauchte Stimme kratzig geworden war.
Nun stand er im gedämpften Licht des Flures, lauschte Nora und wusste nicht wohin mit sich.

Unausweichlich näherte sich der Moment, in dem er mit Nora allein sein musste. Sein Herz übersprang einen Schlag. Wie fremd er sich im eigenen Haus fühlte. Fremde klopfen, wenn sie Eintritt erbitten. David hob die Hand und stockte.
Ihr Gespräch vom Nachmittag kam ihm erneut in den Sinn. Von Freundschaft hatte Nora gesprochen. Wie sollte er sich das vorstellen, nach seinem Jahr in der Welt? Seine Zweifel, die er noch am Nachmittag streng aus seinem Kopf verbannt hatte, meldeten sich bedrohlich zurück. Nora hatte nicht gelächelt und ihre Augen waren stumm geblieben. Kein besänftigendes Leuchten, keine Ermunterung, auf sie zuzukommen.
Was verbarg Nora hinter diesen verhangenen Spiegeln, durch die er einst ihrer Seele folgen konnte? Noch immer sich selbst, seine Frau?
Vielleicht zur Hälfte, wenn er sie rein äußerlich betrachtete. Tief holte David Luft. Würde sie seine Nähe zulassen, selbst wenn die Kinder nicht mit ihnen im Raum waren? Wie ...?
Die Fragen türmten sich auf und brachen über ihm zusammen. Jede von ihnen zog eine weitere nach, forderte in seinem Kopf laut, gehört zu werden. Ein aufgewühlter Ozean, dessen verheerende Wellen erst am Ufer zerschellten. Genau so würden sich seine Fragen erst auflösen, wenn er sich Nora stellte. David war sich der Untiefen bewusst, die er durchquerte, aber hinter dieser Tür wartete sein Ufer auf ihn. David klopfte.


Gedämpft klang Noras Stimme, als sie ihn hereinbat. Die hell erleuchtete Küche empfing David. Sofort stieg ihm der Duft frisch gebrühten Kaffees in die Nase.
"Willst du einen?" Nora deutete auf die Thermoskanne. Er nickte und sah sich nach seinem Stuhl um. Der Küchentisch war über und über bedeckt von Zeitungen. Nora stellte ihm einen frischen Becher hin und schenkte zuerst ihm und dann sich selbst ein. Als sie die Tasse umfasste, bemerkte David ihre geschwärzten Finger. Schweigend tranken beide.
"Entschuldige, ich muss weitermachen." Nora wandte sich dem geöffneten Küchenschrank zu. Ihr Blick war dem seinen schnell ausgewichen.
Den Becher noch immer fest umschlossen, verfolgte er jede ihrer Bewegungen. Sie war offensichtlich nicht mit dem Abwasch beschäftigt. Der Küchenschrank war fast leer, lediglich zwei Gläser standen noch darin. Sie nahm sie heraus, griff nach einem Stück Zeitungspapier und wickelte jedes vorsichtig ein. Dann bückte sie sich unter die Arbeitsplatte und tauchte mit leeren Händen wieder auf.
David musterte Nora ungläubig. Und von all den vielen Fragen blieb eine, an die er niemals gedacht hatte.
"Du ziehst aus?"
Nora stockte, blickte um sich und nickte ihm zu. "Ja. Ja, so könnte man das nennen, was ich hier mache." Sie ergriff eine Rolle Klebeband und verschloss den Karton.
"Warum hast du nichts gesagt?" Auch die Kinder hatten nicht ein Wort davon erwähnt.
"Hm, lass mich einmal überlegen. Es könnte vielleicht daran liegen, dass du über ein Jahr lang aus unserem Leben verschwunden warst. Da kann es schon mal vorkommen, dass die Zurückgelassenen beginnen ihre eigenen Entscheidungen zu treffen."
So, nun zeigte sich allmählich, was sich hinter ihrer Schale verbarg. David ließ sich bekümmert in die Schwärze seines Bechers fallen. Alles, was jetzt ausschlüpfte, hatte er verdient. "Es tut mir leid."
"So, es tut dir leid. Nun, mir auch." Energisch klappte sie einen neuen Karton auf, um im nächsten Moment innezuhalten.
"Mehr fällt dir nach all der Zeit nicht ein als ein lahmes 'Es-tut-mir-leid'?" Zum ersten Mal sah David deutlich die Spuren, die das vergangene Jahr hinterlassen hatte. Nora war schmal geworden und zwischen den Brauen zeichnete sich eine steile Falte ab. Ihr wunderschöner, sinnlicher Mund hatte einen sehr harten Zug bekommen.
David hob die Schultern und suchte nach jenen Worten, die er sich sorgsam zurechtgelegt hatte, um ihr begreiflich zu machen, was mit ihm geschehen war. Aber sie waren alle fort. Weggeweht von dem Sturm, der sich hier gerade zusammenbraute.
"Also sind wir wieder genau dort, wo wir damals waren. Du sagst nichts und bist eigentlich schon wieder fort." Nora schüttelte den Kopf. Wenn Enttäuschung einer Gestalt bedurft hätte, so stand sie nun vor ihm.
"Nein, Nora, so ist das nicht." David musste sich räuspern. "Ich konnte nicht. Ich habe geglaubt, ich werde verrückt ... Ich wollte euch nicht ..." Er brach ab und sah sie verzagt an.
Nora musterte sein Gesicht, seine Augen und zum ersten Mal sah sie ihn wirklich an, seit er zurückgekommen war. Dann blinzelte sie.
"Hm, ... ich denke du wirst keine andere Bleibe haben für heute Nacht?", wechselte sie so abrupt das Thema, dass ihm beinah schwindlig wurde.
Verneinend schüttelte er den Kopf.
"Vielleicht kann ich ... im Wohnzimmer schlafen?" In Gedanken schlich David zu seinem Bett, und ebenso rasch verwarf er diese absolut unsinnige Fantasie wieder. Dafür kannte er Nora zu genau.

"Ja, das ginge." Ihre Antwort klang bereits abwesend. Sie plante sicherlich schon ihre nächsten fünf Schritte, während weiteres Küchenzubehör im Karton verschwand. David beschloss sich mit der Gestaltung seines Nachtlagers zu beschäftigen.
"Danke. Wo hast du die Decken?"
"In der Truhe, wie immer." Kaum war ihr die Antwort entschlüpft, riss sie den Kopf hoch und sah ihn schuldbewusst an. David lächelte ein sehr kleines, verborgenes Lächeln und ging hinüber ins Wohnzimmer. Diese Situation war so weit von dem entfernt, was er sich vorzustellen vermocht hatte, dass er keine Prognose für die Ereignisse der nächsten fünf Minuten wagen konnte.
"David?" Ihre Stimme schlich sich von hinten an ihn heran und er ließ die Decke sinken.
Wie sie dort in der Tür stand, sanft beleuchtet vom Flurlicht und nicht wusste, wohin mit ihren Händen. Ein kleines Mädchen, das dem großen Unbekannten gegenübertritt.
"Ich versteh schon ..."
"Nein, tust du nicht. Plötzlich bist du wieder da, aber ich kann es kaum glauben. Gestern warst du noch wer-weiß-wo und ich musste mich allein durchschlagen. Ich ziehe hier aus, weil ich muss. Ich konnte für nichts mehr aufkommen. Verkaufen konnte ich es aber auch nicht. Dazu brauchte ich dein Einverständnis. Du hast unser gemeinsames Leben zerstört. Ich weiß nicht, ob du bleibst oder wieder gehst. Was soll ich den Kindern sagen? Ich ... oh ..."
Jetzt glitzerten doch Tränen in ihren Augen. Wie gern wollte er sie in den Arm nehmen. Doch noch war da zwischen ihnen eine Stück der Mauer, die sie zu ihrem Schutz errichtet hatte. Langsam löste David sich und ging auf Nora zu. Er schob sie vorsichtig in die Küche zurück, drückte sie auf einen Stuhl und setzte sich ihr gegenüber. Dann umfasste er ihre Hände.
"Hör mir zu. Nur wegen euch bin ich zurückgekommen. Und ich bleibe, wenn du ... wenn ihr das möchtet. Das alles hier ist nicht wichtig. Und wenn du es verkaufen willst, bitte. Dann finden wir etwas anderes ... für uns ..."
Den Kopf noch immer gesenkt, nickte Nora zögerlich.
"Du hast das Haus vermietet?" Wieder ein blickloses Nicken.
"Habt ihr eine Wohnung?" Jetzt schüttelte Nora den Kopf, seufzte und sah auf.
"Wir ziehen zu meinen Eltern. Den Kindern habe ich gesagt, wir besuchen Oma und Opa für einige Zeit, weil Oma Hilfe braucht." Zwischen den Sätzen klang die Entschuldigung mit, dass niemand mit ihm gerechnet hatte und seine Schwiegereltern vorerst auch nicht besonders gut auf ihn zu sprechen sein würden.
David räusperte sich und sah zu den Zeitungen auf dem Küchentisch.
"Nun, dann werde ich in denen nach einer Wohnung suchen, bevor du sie zum Einwickeln gebrauchst."
"Ich kann den Rest hier auch morgen machen." Damit zog Nora den Stapel Zeitungen näher heran. David holte Noras Tasse und schenkte beiden Kaffee nach.
Über Kaffeeduft und Druckerschwärze hinweg begannen sie zu reden, zögernd kamen die Worte zurück und als die zweite Hälfte der Nacht vom Morgen ausgelöscht wurde, beleuchtete er das, was David und Nora geblieben war.

Letzte Aktualisierung: 18.12.2013 - 10.24 Uhr
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