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Halb und halb | Dezember 2013

Sein oder Nichtsein ?
von Monika Heil

„Manno, Chris, was soll denn das? Natürlich gibt es den Weihnachtsmann. Genau so wie den Nikolaus. Mama sagt, wenn man nicht an den Weihnachtsmann glaubt, werden Wünsche nicht erfüllt. Ich habe mir voriges Jahr die Kassette von Emil und den Detektiven gewünscht und die auch bekommen.“
„Aha, ich habe mir keine Inline-Skater gewünscht und auch keine bekommen. Was lernen wir daraus?“
„Dass du ein Blödmann bist.“
Krachend fällt die Tür hinter Martin ins Schloss, als er aus dem Zimmer seines Bruders stürmt. Das Grinsen auf Christofs Gesicht sieht er nicht mehr.

Martin schließt sich in sein Zimmer ein. Er schmollt. Mama sagt, es gibt den Nikolaus, Christof sagt nein. Martin, der später mal ein berühmter Kommissar werden will, nimmt sich vor, die Wahrheit herauszubekommen. Aber wie? Sein Kinderhandy klingelt. Auf dem sind fünf Nummern gespeichert. Mit Bild. Es ist Tim, sein Freund von oben. Der kann vor Aufregung kaum sprechen.
„Du glaubst es nicht, wer eben hier war“, wispert er.
„Na wer schon, die Lisa von nebenan“, rät Martin aufs Geradewohl.
„Quatsch, der Nikolaus war hier und ich glaube, der ist jetzt auf dem Weg zu euch.“
Ups. Also doch. Martins Herz klopft plötzlich ganz laut.
„Wie sieht der´n aus?“ Das will er jetzt möglichst genau wissen.
„Na, wie in unseren Bilderbüchern. Rote Mütze, rote Nase, weißer Bart, roter Mantel und schwarze Sneaker.“
„Ähm, schwarze Stiefel, oder? In meinem Bilderbuch hat der schwarze Stiefel an.“
„Wenn ich es dir doch sage, Sneaker.“
„Draußen liegt jede Menge Schnee!“
„Ja komisch“, murmelt Timm. „Und die waren ganz trocken.“
„Du, jetzt klingelt´s. Das ist er bestimmt!“ Oh Mann!
„Ruf an, wenn er ...“ Martin hat das Gespräch vor Schreck einfach weggedrückt und vergisst sogar fast zu atmen. Da klopft es auch schon. Mama steckt den Kopf ins Zimmer.
„Rate mal, wer eben gekommen ist“, fragt sie und schiebt Lisa von nebenan ins Zimmer.
„Hey, Martin.“
„Ach, du nur. Hey Lisa.“ Hörbar lässt Martin die angestaute Luft aus seiner Lunge. Er mag das Nachbarmädchen zwar sehr. Ein bisschen enttäuscht ist er jetzt trotzdem.
„Was ist denn mit dir los? Du guckst so komisch.“
„Das ist mein Detektivgesicht. Sag mal, gibt es den Nikolaus oder nicht?“
„Klar gibt es den. Ich habe ihn allerdings noch nie in echt gesehen. Zu uns kommt der immer nur nachts, wenn ich schlafe.“
„Na, wenn du Glück hast, siehst du ihn gleich in echt. Der war nämlich eben bei Tim im dritten Stock und der sagt, jetzt kommt er gleich zu uns.“
„Uii, glaubst du wirklich?“ Lisa bekommt sofort rote Backen, wie immer, wenn sie aufgeregt ist. Sie rennt ans Fenster. Hätte da nicht ein Rentierschlitten stehen müssen, als sie kam? Den kann man doch eigentlich gar nicht übersehen, oder? Unten parkt nur das Auto von Tims Papa.
Martin versucht, sich abzulenken und blättert in seinem Lieblingsbuch mit den vielen Bildern. Das klappt aber kein bisschen.
„Christof sagt, es gibt keinen. Und der ist schon elf.“
Als wäre das ein Beweis.
„Christof ist doof.“
„Und wenn er doch Recht hat?“
Jetzt ist Lisa auch verunsichert. Martin gibt keine Antwort und blättert weiter. Lesen kann er noch nicht. Trotzdem kennt er jede Zeile auswendig.

Wo bleibt nur der Nikolaus? Das dauert ja ewig, bis der vom dritten Stock runterkommt. Martin kann einfach nicht mehr still sitzen und beschließt, den Dingen auf den Grund zu gehen.
„Bin gleich wieder da.“ Lisa nickt, ohne sich vom Fenster wegzubewegen. Martin schleicht durch den Flur. Mama und sein Bruder, der inzwischen auch im Wohnzimmer sitzt, sollen ihn nicht hören. Mama telefoniert. „Das war knapp“, lacht sie gerade, verabschiedet sich von irgend Jemandem und legt auf. Christof tippt etwas in seinen Laptop und murmelt: „ ... life und in Farbe. Da wird der Kleine Augen machen.“

Leise, ganz leise, öffnet Martin die Tür ins Treppenhaus. Angestrengt lauscht er. Nichts. Ob er mal nach oben geht? Und wenn der Nikolaus dort sitzt und die Päckchen für Familie Hendersen sortiert? - Und wenn da keiner sitzt? Gibt es dann doch keinen Nikolaus? Manno, ist das alles schwierig. Aber, was mal ein guter Kripomann werden will, muss sich eben anstrengen, das rauszubekommen. Er will gerade eine Treppe höher schleichen, da hört er, wie die Tür zum Keller aufgeht, schlurfende Geräusche, schweres Atmen. Schnell zieht sich Martin in die Wohnung zurück. Leise schließt er die Tür, schleicht zurück zu Lisa, die sich die ganze Zeit nicht von der Stelle gerührt hat. Seufzend lässt er sich rücklings auf sein Bett fallen.
„Und, hast du ihn gesehen?“
„Nee. Ich glaube, der ist fort, ohne zu uns zu kommen.“ Lisa hört die Enttäuschung in seiner Stimme.
„Vielleicht kommt der auch erst heute Nacht zu euch“, versucht sie, ihn zu trösten. Martin schüttelt den Kopf. Mädchen!
„Das ist doch total unlogisch“, belehrt er sie. „Wenn der schon mal im Haus ist, dann klingelt er auch bei uns. – Wenn es ihn gibt!“ Wahrscheinlich hat sein großer Bruder doch Recht. Das ist Kleinkinderkram. Und Tim ist ja wirklich noch ein Kleinkind. Drei Monate jünger als Martin. Das ist ne Menge Zeit.
„Es hat geklingelt!“ Martin setzt sich ruckartig auf.
„Ich hab´s gehört.“ Lisa lächelt selig. Endlich wird sie den Nikolaus kennenlernen. Da ist sie ganz sicher. Aufgeregt hüpft sie von einem Bein auf das andere. Martin versteht das alles nicht. Gerade wollte er sich die Argumente seines großen Bruders noch mal durch den Kopf gehen lassen, da hört er eine tiefe, unbekannte Stimme:
„Hallo, hallo! Wohnt hier Familie Hendersen? – Ist jemand zu Hause?“
„Hallo Nikolaus. Komm herein. Meine Kinder sind da und Lisa, ein nettes Mädchen von nebenan. Willst du ihnen ´guten Abend` sagen?“
„Ja, liebe Frau, das möchte ich.“ Martin hört sein Herz schon wieder bummern. Er schluckt die Spucke im Mund weg und steht auf. Vorsichtig öffnet er die Zimmertür und lugt um die Ecke. Jetzt verlässt auch Lisa ihren Fensterplatz. Martin nimmt sie an die Hand und versucht, mutig Richtung Wohnzimmer zu gehen. Als er den Nikolaus fast erreicht hat, registriert er sofort, dass der dicke, schwarze Fellstiefel trägt, und die sind klitschnass. Manno! Der kommt ganz eindeutig von draußen aus dem hohen Schnee.

Der Nikolaus geht zum großen Kachelofen und reibt seine kalten Hände. Noch ein Beweis, dass er von draußen und nicht von oben kommt. Nur, wer war dann bei Tim? Martin vergisst vor Nachdenken fast, dass er aufgeregt ist. Also, wenn er gleich den neuen Legobausatz bekommt, will er nie wieder zweifeln. Denn dass er sich den wünscht, hat er nicht einmal Mama erzählt. Erst einmal werden er und Lisa aufgefordert, ein Gedicht aufzusagen. Das hat er mit Mama oft geübt. Das ist jetzt kinderleicht. Noch immer Hand in Hand stehen sie da und sagen im Chor:
„Lieber guter Weihnachtsmann, sieh mich nicht so böse an.“ Lisa stockt, Martin bringt das Gedicht allein zuende. Lisas Mama hat nicht so viel Zeit, mit ihr zu üben. Sie muss jeden Tag arbeiten gehen. Er weiß, Lisa wünscht sich vom Weihnachtsmann einen neuen Papa. Wenn das klappt, kann der mit ihr Gedichte üben und dann schafft sie im nächsten Jahr auch den ganzen Text.
„Sehr schön, sehr brav“, lobt der Nikolaus die beiden Kleinen und schaut jetzt Christof an. „Und du, mein Sohn, hast du auch etwas auswendig gelernt?“
„Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage“, beginnt der Große und Mama unterbricht ihn sofort.
„Chris, nicht. Du sollst ein Weihnachtsgedicht aufsagen. Jetzt sei nicht so. Bitte!“
Wird der Blödmann doch tatsächlich rot, registriert Martin überrascht. Aber er sagt jetzt ein richtiges Gedicht auf.
„Advent, Advent, ein Lichtlein brennt. Erst eins, dann zwei, dann ...“ Martin hält die Luft an. Wie wird er die letzten beiden Zeilen aufsagen? Wenn keiner zuhört, heißt es immer: Und wenn die fünfte Kerze brennt ...
„hast du Weihnachten verpennt!“ Bingo! Der traut sich was! Jetzt bewundert Martin seinen großen Bruder doch, auch wenn der vom Nikolaus die Rute zu spüren bekommt.
Der Nikolaus zieht kleine Päckchen aus seinem Jutesack. Eines für Christof, eines für Martin und eines für Lisa. Alle drei bedanken sich brav. Der Nikolaus schüttelt Mama die Hand und verabschiedet sich ziemlich schnell.
„Ich habe noch viele Kinder zu besuchen. Keine Zeit, Frau Hendersen, keine Zeit.“ Und weg ist er.

Christof legt sofort seine neue CD ein, stöpselt sich mit dem Kopfhörer in eine andere Welt. Die beiden Kleinen wuseln zurück in Martins Zimmer. Gespannt packen sie ihre Päckchen aus. Eine Hörkassette. Neue Detektivgeschichten. Cool. Das muss er gleich Tim erzählen. „Life und in Farbe“ wie sein Bruder immer sagt, hat er den Nikolaus gesehen. Lisa schaukelt ein Püppchen in den Händen, geht mit ihm zum Fenster und sagt:
„Schau mal Püppi, da geht der Nikolaus.“ Sie ist ganz sicher, dass der helle Schein am Ende der Straße dessen Schlitten ist. Schlau, der hat gar nicht vor der Tür geparkt.

Bevor sie den Kleinen folgt, ruft Martins Mutter bei Tims Mama an.
„Anne hier. Nochmal alles gut gegangen, Lili. Dank deiner Hilfe. Ein Glück, dass du gehört hast, wie dein Tim Bernhard beschrieben hat. Und ein Glück, dass ich die ausrangierten Stiefel noch nicht in die Sozialstation gebracht hatte. Nur Christof, der Blödmann, hätte beinahe die ganze Stimmung verdorben. – Ja, du hast Recht. Das ist auch ein schwieriges Alter. Schön, dass die Kleinen noch so zu begeistern sind. Wer weiß, was nächstes Jahr ist. Schönen Abend noch. Mach´s gut.“

Martin grübelt schon wieder. Gibt es einen Nikolaus oder gibt es keinen? Wenn ja, welcher war dann der Richtige? Der mit den Sneakers, oder der, der nicht mal wusste, dass Martin sich einen Legobausatz gewünscht hatte? Na ja, den konnte er sich ja nun vom Christkind wünschen und das Thema Nikolaus würde er bis zum nächsten Jahr vertagen. Dann war er ein Jahr älter und viele Detektivgeschichten schlauer. Dann würde er den Fall sicher lösen können.

Version 2

Letzte Aktualisierung: 13.12.2013 - 20.40 Uhr
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