Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Kaltes Licht | Januar 2014
Armleuchter mit Kondomen
von Anne Zeisig

“Wir heißen Sie herzlich willkommen im ‘Lichtkaufhaus’ und hoffen sehr, dass Sie sich in unserer Lampenwelt wohlfĂŒhlen!”

Henriette schrak zusammen, presste ihre Handtasche an sich, bekam von hinten einen Schubs und stolperte direkt einem VerkÀufer in die Arme.
Der junge Mann befreite sich sanft, aber bestimmt, aus dieser Umarmung. “Diese DrehtĂŒren sind wirklich keine gute Erfindung”, sagte er entschuldigend.

Die alte Dame zupfte ihren Blazer zurecht und ordnete den Spitzenkragen ihrer Bluse.
Sie zeigte mit ihrem Stockschirm zum Eingang. “Diese TĂŒr hat mich nicht erschreckt, sondern der Lautsprecher.”
“Aha. Und?”
“Nichts Und! Aber korrekterweise muss ich Ihnen sagen, dass es diese, diese, tja, wie soll ich es ausdrĂŒcken?” Sie rĂŒckte ihre Brille zurecht. “Diese laute und unpersönliche Stimme aus dem Lautsprecher hat mich vor Schreck in Ihre Arme plumpsen lassen.” Sie kicherte leicht heiser. “Denn eigentlich wollte ich mir nur die Auslage im Eingangsbereich ansehen.”
“Auslage?”, fragte er ausdruckslos.
Wieder zeigte sie zur TĂŒr. “Ich wollte mir nur diese Energielampen im Schaufenster angucken. Manche leuchten blĂ€ulich bis weiß, andere eher gelblich bis goldgelb. Und dann diese unterschiedlichen Formen!”, begeisterte sie sich.
Plötzlich strahlte sein bis dahin unbewegliches Gesicht. “Ach so! Wenn Sie sich fĂŒr Leuchtmittel interessieren, sind Sie bei uns genau richtig!” Er schob Henriette vom Hauptgang zur Seite. “Haben Sie an etwas bestimmtes gedacht?”
Sie wankte leicht, deshalb stellte der VerkĂ€ufer ihr flink einen Stuhl hin. “Danke. Also. Gedacht habe ich beim Anschauen kaum, aber viel Zeit hatte ich ja nicht, wegen dieser Stimme.” Sie blickte um sich, und angesichts dieser vielen Lampen wurde ihr fast schwindelig. Auch schmerzten ihre Augen von der Helligkeit. Sie kniff sie zusammen.
“Ich kann mir vorstellen, dass Sie das gelbe bis goldgelbe Licht eher bevorzugen. Wissen Sie”, fuhr er fort, “die meisten Menschen fĂŒhlen sich wohler, wenn das Licht WĂ€rme ausstrahlt. Das wird als behaglich empfunden.”
Henriette wunderte sich. “DĂŒrfen die Birnen denn noch WĂ€rme ausstrahlen? Ist das nicht verboten wegen der Stromvergeudung? Weil so viel CO-Zwei ausgestoßen wird in die Umwelt?”, fragte sie.
Er winkte ab. “Wenn ich von warmem Licht rede, so meine ich den optischen Eindruck und nicht die Temperatur. Die Lichtfarbe wird in ‘Kelvin’ gemessen. Üblicherweise liegen warmweiße ‘Light Emitting Dioden’ so bei 2700 bis 2900 Kelvin. Stromsparend sind sie auch und haben eine Lebensdauer von gut zwanzig Jahren!”
“Zwanzig Jahre? Aber dann mĂŒsste ich ja Hundert werden!” Wieder kicherte sie. “Nun, da könnte sich meine Enkelin ĂŒber das Erbe freuen. Das wĂ€re also eine sinnvolle, generationenĂŒbergreifende Anschaffung.”
Der VerkĂ€ufer quĂ€lte ein LĂ€cheln hervor. “FĂŒr welche Leuchte soll die LED denn sein?”
“El-Eh-Deh?” Die alte Dame trommelte mit den Fingern auf den Griff ihres Schirmes und kam zu der Erkenntnis, dass der junge Mann offensichtlich keine große Leuchte seines Faches sei. “Ich habe von meinen Eltern seinerzeit einen ‘CandĂ©labre’ geerbt. Das ist eine Lampe, die hat unten einen Sockel mit einer mittigen SĂ€ule, wo mehrere Arme abzweigen, auf denen man Kerzenbirnen eindrehen kann.”
Er rĂ€usperte sich und nestelte nervös am Krawattenknoten. “Sie haben einen Kronleuchter?”
Henriette stampfte mit der Spitze des Schirmes auf den Boden. “Französisch gehört nicht zu Ihrem Fachwissen? Aber ich will Ihnen wirklich nicht zu nahe treten. Ich habe also einen Kandelaber.”
Er nickte. “Und dafĂŒr benötigen Sie warmweiße Leuchtmittel. Wieviel Arme hat er denn?”
Sie stampfte lauter auf. “Leuchtmittel! Alleine das Wort lĂ€sst mich frösteln! Ich benötige sechs milchige Kerzenbirnen.”
“Nicht so laut”, zischte er, schaute beunruhig um sich, griff ins Regal und hielt der alten Dame einen kleinen Karton vor die Augen. “Diese Energiesparlampe ist mit Phosphor beschichtet, das wirkt anheimelnd warm und ist angenehm fĂŒr die Augen.”
Sie wendete die Kartonage hin und her. “Aber direkt matt ist die Birne nicht?”
Er schĂŒttelte den Kopf. Da mĂŒssten Sie vom Lichtdesigner Ingo Maurer ein ‘Euro-Condom’ ĂŒber das Leuchtmittel ziehen, damit wird die Mattierung imitiert.”
Sie rappelte sich vom Stuhl hoch. “Zwar steht der Kandelaber in meinem Schlafzimmer, aber ich bin achtzig Jahre alt, da ist ein Kondom ĂŒberflĂŒssig, junger Mann! Und wenn Ihre Generation die europĂ€isch genormten VerhĂŒterli ĂŒber die GlĂŒhbirnen zieht, anstatt ĂŒber eure Geschlechtsteile, da frage ich mich ernsthaft, warum so wenig Kinder geboren werden!”
Endlich eilte ein Kollege zu Hilfe. “Ich höre, Sie haben Ihre Leuchte im Schlafzimmer stehen? Dann empfehle ich eher kaltes Licht, weil das aktivierend auf den Organismus wirkt.” Er rĂ€usperte sich kurz. “Was im Alter von Vorteil ist.” Er machte abermals eine kleine Pause. “Das wĂ€re besonders anregend fĂŒr den Gatten.”

Henriette klemmte sich ihre Tasche unter den Arm. “Aha! Interessant! Kaltes Licht wirkt also anregend! Und warum schraubt ihr junges Volk euch nicht solche Birnen in die Schlafzimmer-Fassungen? Dann gĂ€be es auch mehr Nachwuchs!”
“Nicht so laut!”, zischte nun auch der junge VerkĂ€ufer und flĂŒsterte Henriette ins Ohr: “Wenn das Wort ‘Birne’ oder ‘GlĂŒhbirne’ beziehungsweise ‘Kerzenbirne’ unserer hauseigenen Abhör- und Lautsprecheranlage akustisch zu Ohren kommt, dann haben wir unverzĂŒglich die Luminaire-Cops im Shop.” Er wischte sich den Schweiß von der Oberlippe. “Sie ahnen nicht im Entferntesten, was dann hier los ist!”
Henriette schĂŒttelte verstĂ€ndnislos den Kopf.
“Lichtpolizei!” ErklĂ€rte der andere und lockerte seinen Krawattenknoten. “ Die kommen mit einem Durchsuchungsbefehl und da bleibt hier keine Schachtel auf der anderen, das können Sie uns glauben!”, zischte er.
Henriette nahm ihren Schirm und stolzierte zum Ausgang. “Das ist nicht mein Problem!”, rief sie laut, “ ich wollte lediglich sechs durchsichtige Williams-Christ mit matter Beschichtung! Aber wenn Ihr sowas nicht auf Lager habt, dann könnt Ihr mir bestimmt auch keine von der Sorte Abate, 1. Wahl, verkaufen.”
“Aber die sind doch ĂŒberhaupt nicht lange haltbar!”
“Faulen so schnell”, ergĂ€nzte der junge Kollege seufzend, “mal abgesehen davon, dass die gesetzlich verboten sind”, und streichelte liebevoll die Verpackung der LED.

“Danke fĂŒr Ihren Einkauf!”, tönte es ihr entgegen, als sie die DrehtĂŒr passierte. ‘Armleuchter!’, dachte Henriette, als sie den Bordstein erreicht hatte, und spannte ihren Schirm auf.
‘Dann stecke ich halt Kerzen in die Fassung. Sieht romantisch aus und wĂ€rmt auf natĂŒrliche Weise.’


©Anne Zeisig. End-Fassung, Àh, End-Version

Letzte Aktualisierung: 21.01.2014 - 21.16 Uhr
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