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Kaltes Licht | Januar 2014
Die Mission
von Elmar Aweiawa

Die Fahrgeräusche sind so laut, dass man sein eigenes Wort fast nicht versteht.
„Sag mal, hat der Auspuff ein Loch? Das ist ja unerträglich!“ Der Sprecher ist etwa Mitte vierzig und so dunkelhäutig, dass man ihn kaum auf dem schwarzen Rücksitz ausmachen könnte, wenn nicht seine rot und gelb karierte Garderobe einen starken Kontrast bieten würde.
„Nun mach mal halblang, Baldo, das Geschoss ist nur knappe dreißig Jahre alt. Und außerdem bist du nur Gast in diesem Auto, Tramper haben hier nichts zu sagen.“
Die junge Frau am Steuer des Wagens fährt sich mit den Fingern durch das blonde Haar und grinst ihren Fahrgast im Rückspiegel an. Das Rouge auf ihren Wangen verleiht dem blassen, weißen Gesicht eine gesunde Farbe, obwohl ihre heisere Stimme auf ein kränkliches Befinden schließen lässt.
„Leute, streitet doch nicht“, lässt sich der dritte Fahrzeuginsasse vernehmen, „wir drei haben das gleiche Ziel und sitzen im selben Boot.“ Seine asiatischen Augen lächeln noch intensiver als sein runzeliges Gesicht.
„Wenn du meinen VW noch einmal ein Boot nennst, sind wir geschiedene Leute, Kasimir! Nur weil wir alle zum Kind wollen, darfst du noch lange nicht mein Heilig‘s Blechle beleidigen.“
„Schon gut, Melissa, war nicht so gemeint. Ich bin ja dankbar, dass du für mich angehalten hast.“
Die etwas gereizte Stimmung wird nach diesen versöhnlichen Tönen deutlich entspannter.

„Bald haben wir es geschafft“, ertönt es nach einer schweigsamen Minute vom Rücksitz, „nach meiner App sind es nur noch 204 Kilometer.“
„Quatsch, mein Garmin sagt 212 Kilometer, und der geht immer richtig“, verkündet Kasimir.
„Das Maß aller Dinge ist mein Navi, und der sagt 209“, bestimmt Melissa.
„Aber werden wir das Kind auch erkennen? Was meint ihr?“, fragt sie nach kurzem Schweigen.
„Na klar, in meiner Prophezeiung ist von Esel und Ochse die Rede. So was findest du in Deutschland heute doch fast nirgends mehr“, gibt Baldo im Brustton der Überzeugung von sich.
„Und bei mir heißt es, dass die Eltern arm sind und sich kein Hotel leisten können. Sie hausen also in einer stillgelegten Fabrik oder so.“ Melissa spricht etwas undeutlich, denn sie muss sich wegen des dichten Schneetreibens auf den Verkehr konzentrieren.
„Stimmt, wird eine ehemalige Autofabrik sein, denn ein Stern soll sich oben auf dem Dach befinden. Mercedes, schätze ich“, ergänzt Kasimir.

Die drei wundern sich nicht darüber, dass ihre Informationen sich so gut ergänzen. Nachdem Melissa erst Baldo als Tramper und dann den von seinem verendeten Kamel im Stich gelassenen Kasimir aufgegabelt hat, gab es Überraschungen genug. Welchem Zufall war es denn auch zu verdanken, dass sie alle drei denselben Nachnamen trugen? So viele „König“ gab es nicht in Deutschland, dass sich ständig drei dieses Namens zusammenfanden. Und sie waren weder verwandt noch verschwägert, soweit sich das feststellen ließ.

„Sag, Melissa, hast du ein Geschenk für den Jungen?“, fragt Baldo.
„Tse, wer sagt denn, dass es ein Bube ist? Es ist doch nur die Rede von einem Kind. Typisch Mann!“
„Typisch Frau, du hast auf meine Frage nicht geantwortet!“
„Klar hab ich ein Geschenk. Du etwa nicht?“
„Doch, hab ich, etwas ganz Besonderes. Und was hast du?“
„Gold, was sonst. Die einzige sichere Geldanlage.“
„Quatsch“, schaltet sich Kasimir ein, „ich hab Aktien mitgebracht. VW - Vorzugsaktien. Die sind auch in zwanzig Jahren noch ihr Geld wert.“
„Was Dümmeres ist dir nicht eingefallen? Autos sind so was von umweltschädlich. Dann kannst du ja gleich Kraus-Maffei unterstützen.“
„So was von engstirnig! Bist du etwa bei Greenpeace?“

„Hört auf!“, beschwert sich Baldo. „Ich dachte, wir sind auf der gleichen Mission!“
„Was hast du eigentlich als Geschenk dabei?“, fragt ihn Melissa.
„Alles, was ich noch habe. Mein Unternehmen ist in einen Bankrott geschlittert und ich besitze nichts mehr. Sonst wäre ich als ehemaliger Porschefahrer doch nicht getrampt! Also hab ich mein Testament dabei, in dem ich dem Kind alles vermache, was ich bei meinem Tod besitze. Ich hoffe sehr, dass ich bis dahin wieder ein Vermögen angehäuft habe.“

„Da vorne ist ein Licht, da muss es sein!“ Baldo beugt sich über die Rücklehne des Beifahrersitzes und zeigt mit dem Finger auf einen im Schneetreiben kaum erkennbaren hellen Fleck.
„Hab ich längst gesehen“, murmelt Melissa und nimmt etwas Tempo aus ihrer Fahrt. In den letzten Minuten sind sie keinem anderen Auto mehr begegnet und die Strecke ähnelte mehr einem Feldweg als einer Landstraße.
„Schon seltsam, dass dein Garmin jetzt mit meiner App und dem Navi übereinstimmt. Da drüben muss es sein. Ich bin ja so aufgeregt!“ Baldos Gesicht verrät seine Anspannung ebenso wie der zittrige Finger, der immer noch auf das Ziel hindeutet.

Endlich bleibt der uralte VW stehen und die drei schälen sich aus ihren Sitzen.
„Verdammt, ist das kalt!“, beklagt sich Melissa und zieht den Schal enger um ihre Schultern.
„Was soll ich erst sagen“, entgegnet Baldo, der sich in einen beigefarbenen Anorak gehüllt hat. „Ich bin afrikanische Temperaturen gewöhnt und nicht eure arktischen hier in Deutschland.“
„Still, ein bisschen mehr Würde, Genossen. Im Reich der Mitte ist es gleichzeitig eiskalt und brütend heiß. Je nachdem, in welchem Teil des Landes du wohnst.“ Doch auch Kasimir scheint zu frieren, denn er schlägt die Arme um seinen Oberkörper.
„Ich glaube, hier ist der Eingang. Den Stern kann man vor lauter Schnee nicht sehen, aber er ist bestimmt da oben.“ Melissa deutet mit dem Finger hoch hinauf, wo das gigantische Gebäude im Dunkel verschwimmt.

Eine Drehtür lässt die drei ungleichen Gestalten ins Gebäude und das Licht, das sie schon von Weitem im ersten Stock gesehen haben, beleuchtet eine Treppe von oben her. Baldo geht voraus, Melissa folgt ihm auf den Fersen und Kasimir bildet das Schlusslicht.
„Wie alt das Kind wohl ist“, fragt Melissa und ihre Stimme wirkt verloren in dem riesigen Raum.
„Keine Ahnung, das stand nicht in meiner Prophezeiung“, antwortet Baldo und Kasimir bestätigt das ebenso. „Aber bald werden wir es wissen“, fügt er hinzu.
Je höher sie die Treppe steigen, desto heller wird das Licht, und als sie im ersten Stock ankommen und um eine Ecke biegen, wird es so gleißend, dass sie stehen bleiben und sich die Augen reiben.
„Manno, ich kann fast nichts mehr sehen. Aber riechen, und nach Weihrauch oder Myrrhe riecht es hier eindeutig nicht“, rümpft Melissa die Nase.
„Das werden Esel und Ochse sein“, vermutet Baldo, „irgendwo müssen die ja auch ihrer Verdauung Tribut zollen.“
„Verdammt vornehm drückst du das aus, für mich stinkt es hier nach Scheiße!“, stellt Kasimir seine beleidigte Nase in den Mittelpunkt.
„Aber wo ist jetzt das Kindlein? Ah, da vorne ist eine Wiege. Da muss es drin liegen“, vermutet Melissa und stürmt als Erste auf die Quelle des Lichts zu. Alle drei haben ihre Geschenke ausgepackt und tragen sie in Händen.
Fast gleichzeitig erreichen sie die Wiege und beugen sich darüber.
Ein kleines goldgelocktes Mädchen lacht ihnen fröhlich entgegen und hält einen rechteckigen flachen Gegenstand in seinen Händen …

Die Kamera zoomt darauf und erfasst den Schriftzug:

K I N D L E


© aweiawa, 2013 V3

Letzte Aktualisierung: 11.01.2014 - 11.26 Uhr
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