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Kaltes Licht | Januar 2014
Der Sachbearbeiter
von Wolf Awert

Der Sachbearbeiter nahm das oberste Blatt von einem Stapel und las laut: „Maximilian Müller!“ Wieder so ein Allerweltsname. Mein Gott, wie er diese Müllers, Meiers und Schulzes verabscheute. Und dann auch noch Maximilian. Als wenn ein Müller Anspruch auf geschichtliche Größe haben könnte. Aber er würde schon dafür sorgen, dass das Unkraut nicht höher als der Getreidehalm wuchs.
Der Sachbearbeiter kaute einen Moment an seinem Kugelschreiber herum. Er war klug genug zu wissen, dass er nicht schreiben durfte, was ihm durch den Kopf ging. Also schrieb er:
„Gesellschaftlich unproduktiv und von diffuser Gesinnung.“
Der Begriff „diffuse Gesinnung“ erfüllte ihn mit leichter Genugtuung. Nicht zu greifen und dadurch besonders heimtückisch. In das Feld mit der Bezeichnung „Bestätigung“ setzte er jetzt entschlossen und kraftvoll seinen Namen. Zu seinen Beurteilungen stand er.
Der Nächste.

Malinger, Erik. Lehrer, verdächtig der Subversion. Ach ne, der Malinger. Den kannte er persönlich. Ein Arsch. Immer schon gewesen. Und ausgerechnet über den sollte er jetzt etwas sagen. Er konnte ihn durchschlüpfen lassen. Der alten Zeiten wegen.
Der Sachbearbeiter legte den Kugelschreiber ab, schaute über den Schreibtisch durch das große Fenster weit hinaus in die Ferne. Für einen göttlichen Moment spielte er mit der Idee der Großzügigkeit, von der er wusste, dass sie immer ein Teil der Allmacht war. Aber andererseits hatte ihm der Malinger einmal gegen das Fahrrad getreten und dabei eine Speiche verbogen. Es rächt sich eben alles mal im Leben, auch die kleinen Dinge, dachte der Sachbearbeiter und schrieb:
„Verkehrt in verdächtigen Kreisen, ist kaum staatstragend.“ Und dann in einem neuerlichen Anflug von Großmut setzte er hinzu: „Kein Aktivist“.
Doch nun stutzte er. Was schrieb er da nur für einen gefährlichen Blödsinn? Was wäre, wenn sich dieser Malinger bei all seiner Feigheit doch einmal etwas trauen würde? Nein, nein, jetzt bloß keinen Fehler. Wer konnte schon in die Zukunft blicken? Also ergänzte er sicherheitshalber noch: „Allerdings voll im Geist der Subversion“.
Dem Sachbearbeiter war klar, was sein Urteil bedeutete. Sie würden ihn abholen kommen. Aber warum hatte der Malinger auch immer eine solch große Klappe gehabt? Letztlich hat sich jeder alles selbst zuzuschreiben. Das nächste Blatt.

Nerlitz, Heinz. Was sollte das denn? Heinz Nerlitz! Das war doch sein eigener Name. Wie kam denn sein Blatt auf diesen Stapel? Aber ein Irrtum war ausgeschlossen. Nerlitz. Arzt. Staatsdienst. Verdächtig der Unkorrektheit. Unkorrektheit! Das konnte alles und jedes bedeuten. Sollte er jetzt etwa seinen eigenen Untergang quittieren? Oder sogar die Unkorrektheit weiter erläutern?

Das große Fenster versprach keine Hilfe. Es ließ lediglich die Sonne hinein, die den Raum plötzlich mit einer brütenden Hitze erfüllte. Nerlitz stand auf und griff zum Hörer. Alter Trick. Hatte er von seinem Vater. Immer im Stehen telefonieren. Das gibt einem gleich eine ganz andere Resonanz in der Stimme.

„Hallo, Walter. Sag mal, was soll das denn? Ich habe hier einen Vorgang auf meinem Tisch, der meinen eigenen Namen trägt. Soll ich mich jetzt selbst beurteilen? Ha, ha. Und wieso hast du diesen Vorgang überhaupt an mich weitergeleitet, anstatt ihn gleich auszusortieren?“

Walters Schweigen dauerte Nerlitz eine Sekunde zu lang, als es unter bedeutungslos abzuheften. Doch konnte er sich keine Hast erlauben. Bevor er noch einen einzigen weiteren Satz aussprach, musste er erst wissen, wo Walter stand.

„Ich habe mich auch gewundert, Heinz. Aber dieses Blatt kam von ganz weit oben. Die wussten anscheinend noch nicht einmal, dass du ein unverzichtbarer Teil unserer Bewertungskette bist. Unter normalen Umständen hätte ich dir heute Abend bei einem Bier empfohlen, das Blatt einfach liegenzulassen.“

„Wäre wohl auch das Klügste, Walter.“

„Nein, Heinz. Jetzt nicht mehr. Du warst mal wieder um ein paar Stunden zu eifrig. Habe ich dich nicht immer wieder vor zu großer Effektivität gewarnt? Nein, Liegenlassen wäre jetzt das Verkehrteste, was du machen könntest. Dadurch, dass du mich angerufen hast, hast du gleichzeitig auch einen Vorgang daraus gemacht. Und wenn du es jetzt liegenlassen würdest, sähe es aus, als wolltest du etwas vertuschen. Mich würden sie dann außerdem fragen können, worüber wir miteinander gesprochen haben. Du musst das Blatt bearbeiten. Unter keinen Umständen darfst du es übergehen.“

„Und was soll ich deiner Meinung nach tun?“

„Ganz einfach, beweise denen da oben, dass du ohne Ansehen der Person und ohne Zögern deine Arbeit machst. Wie eine Maschine, Heinz. Sogar besser noch als eine Maschine. Gib deine Beurteilung ab und bestätige sie. Das würde ich machen, Heinz. Genau das.“

„Danke, Walter. Auf dich kann man sich noch immer verlassen.“

Heinz Nerlitz überlegte, was er über sich schreiben sollte. Es könnte sich gut machen, die eine oder andere kleine, unbedeutende Schwäche anzudeuten. Andererseits wusste man nie, ob das, was er selbst als unbedeutend ansah, anderenorts ebenfalls so gesehen wurde. Und er wusste vor allem nicht, wer hier welches Spiel spielte. Wem konnte es etwas nutzen, dass man ihn opferte. Er war doch nur ein kleines Licht und für niemanden eine Gefahr. Aber er hatte Freunde. Nerlitz lockerte die Krawatte und hob erneut den Hörer ab.
„Hans Rudolph, mein Guter. Alles klar bei dir? Sag mal, hat es irgendwo weiter oben eine Verschiebung gegeben? Du weißt schon, was ich meine. Nein? Nicht? Ja, ja. Verstehe, Sitzung. Ich rufe später noch einmal an.“

Das klang nicht gut. Außerdem war heute Donnerstag. Die Sitzungen fanden immer mittwochs statt. Konnte aber auch sein, dass man am Mittwoch mal nicht fertig wurde.

„Klaus, sag mal … Wie bitte? Der Herr Bergmann ist heute gar nicht im Haus?“

Nerlitz reckte sich auf die Zehenspitzen. Er konnte von seiner Position aus den Parkplatz recht gut übersehen. Rechts hinten stand Bergmanns Auto. Jetzt ließ sich der Feigling bereits verleugnen. Aber das würde er sich gut merken.

Heinz Nerlitz wischte sich den Schweiß vom Gesicht. Die Sonne glühte immer mehr, und für Sonnenblenden war nie Geld da. Typisch. Er wusste jetzt, dass er ganz auf sich allein gestellt war. Er dachte so lange nach, dass er während dieser Zeit gleich drei Vorgänge hätte bearbeiten können. Dann entschied er sich für die Flucht nach vorn, strich das vorgegebene Wort „Unkorrektheit“ aus und schrieb:
„Beurteilung: Äußerst korrekter Staatsdiener. Arbeitet bis zur Selbstaufgabe. Makelloser Werdegang. Korrekt bis auf den allerletzten Punkt.“
So, jetzt noch Unterschrift und Siegel. Dann konnte er den Vorgang weiterleiten.

Für den Rest des Tages hielt Nerlitz sich zurück. Er räumte seinen ohnehin ordentlichen Schreibtisch auf, sortierte seine Bleistifte und nummerierte die noch unerledigten Vorgänge durch. Der Feierabend näherte sich, als sein Telefon klingelte. Nerlitz besaß gerade noch so viel Widerstandskraft, dass er den Hörer erst nach dem zweiten Klingeln abnahm.

„Nerlinger, äh Nerlitz.“

Die Stimme am anderen Ende war nicht mehr als ein Flüstern.
„Ich bin’s. Es war ein Irrläufer. Aber jetzt läuft offensichtlich ein Verfahren gegen dich. Die da oben wollen wissen, um welche ominöse Sache es da mit dem allerletzten Punkt ging. Warum du da unkorrekt warst. Aber von mir hast du das nicht. Verstanden? Und ruf mich nicht noch einmal an. Viel Glück.“

Durch das Oberlicht des Seitenfensters schien ein weißes Licht auf seinen Schreibtisch. Es schien kalt, und Nerlitz fröstelte.

Letzte Aktualisierung: 26.01.2014 - 18.52 Uhr
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