Bitte lächeln!
Bitte lächeln!
Unter der Herausgeberschaft von Sabine Ludwigs und Eva Markert präsentieren wir Ihnen 23 humorvolle Geschichten.
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Sylvia Schöningh-Taylor IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Kaltes Licht | Januar 2014
Das Zimmer
von Sylvia Schöningh-Taylor

Kaltes Licht drang unter der Tür hervor und ergoss sich in silbernen Bächen in den dunklen Gang, den sie gegen seine Warnungen betreten hatte. Sein Gesicht war in ihr Gedächtnis gebrannt, als er das Verbot dieser Tür ausgesprochen hatte, die steile Falte zwischen den dunklen Augenbrauen, der Mund verborgen hinter seinem blauschwarzen Bart, sein Lächeln, das sie zugleich angezogen wie abgestoßen hatte. Noch heute war Velyana sich selbst ein Rätsel geblieben, als sie sich von diesem unheimlichen Mann hatte von der Tanzfläche ziehen und von einem sanften Druck seiner kühlen Hand zwischen ihren Schulterblättern in ein nur spärlich beleuchtetes samtgepolstertes Kabinett stoßen lassen. Es war die Aura der Angstlust um diese bezaubernde Frau, welche der hochgewachsene Fremdling mit den guten Manieren zielsicher erspürt hatte. Genau diese Energie ließ sie sich ihm willenlos hingeben, eben dort, auf einem staubig riechenden Plüschsofa, nur beschienen von einer unruhig flackernden Kerze. Von da an fühlte sich Velyana wie ferngesteuert von einer Sehnsucht, sich mit diesem geheimnisvollen Fremden wieder und wieder zu treffen. Und obwohl eine innere Stimme sie warnte, willigte sie nach nur wenigen Wochen, in denen er ihr den Hof gemacht hatte, ein, seine Frau zu werden und mit ihm auf seinem Schloss in den Surrey Downs zu leben.
Anfangs lief alles gut. Velyana liebte das Panorama der in Wellen zum Meer abfallenden grünen Hügel Südenglands, das sich zu ihren Füßen entrollte, wenn sie des Morgens barfuß auf die verwitterte Schlossterasse trat. Robert blieb ihr nach wie vor ein Geheimnis, da er jeden Morgen noch vor dem Frühstück wie aus dem Ei gepellt und mit einem Aktenkoffer bewehrt das Schloss verließ. Sein Chauffeur wartete dann schon mit angelassenem Motor auf ihn, sie beobachtete ihn manchmal, wie er sich mit einer eleganten Bewegung auf den Beifahrersitz schob, worauf der Chauffeur die Tür des Bentleys lautlos schloss. Dann sah sie den Wagen den Hügel hinab rollen und in Richtung London verschwinden. Bei seiner Rückkehr war sie meistens schon zu Bett gegangen. Sie fragte sich, warum sie das nicht wütend machte, dass sie ihn nur am Wochenende im Tageslicht sah. Warum hatte er sie überhaupt geheiratet? Und was machte er den ganzen Tag in London? Warum durfte sie ihn niemals danach fragen? In gewisser Weise erregte es sie, von einem völlig Fremden begehrt zu werden. Es verhinderte jegliche Vertrautheit, die häufig ein Bruder/Schwesterverhältnis schafft, das wiederum das sexuelle Begehren verlöschen lässt. Zugleich war sie sich selbst unheimlich, wenn die Angstlust, die sein fremdes Gesicht mit dem dunkeln Bart und sein behaarter Körper bei ihr auslösten, eine Begierde in ihr hervorrief, die sie an sich nicht kannte. Danach war sie erleichtert, wenn er den ganzen Tag in seine Welt entschwand. Sie selbst konnte sich dann wie eine Prinzessin fühlen, die sich neugierig in ihrem Schloss umschaute, ohne dass ihr irgendjemand Vorschriften machte. Am liebsten hielt sie sich in der Bibliothek auf, die tausende uralte Bücher enthielt. Drei dicke Folianten mit Zeichnungen der menschlichen Anatomie mochte sie besonders. Sie konnte sich an dem rot und blau gezeichneten Adersystem von Herz und Lunge nicht satt sehen. Als sie die Bibliothek verließ, gewahrte sie plötzlich einen Gang, der auf eine kleine Tür zulief, unter der kaltes Licht auf den Marmorboden floss. Velyana wurde plötzlich von einer unbändigen Neugier gepackt, betrat den Gang und drückte die Klinke – Die Tür war verschlossen.
Als sie sich umdrehte, stand Robert unbegreiflicher Weise direkt vor ihr. Es war heller Nachmittag und im Gegenlicht wirkte sein Bart gewaltiger, seine Lippen verächtlicher, seine Augen noch dunkler. Er packte sie grob am Arm, zerrte sie die Treppe hinunter in die Lounge, wo er sie in einen Sessel drückte. Dann ging er schweigend zum Schrank, entnahm ihm zwei Gläser und eine staubige Flasche Rotwein, goss ihnen beiden ein und drückte ihr das Glas in die Hand. Trink, herrschte er sie an. Ich muss hier etwas klar stellen. Du darfst überall hin in meinem Haus, aber niemals dieses Zimmer betreten. Dabei zog er einen kleinen, sehr altmodisch geformten Schlüssel aus der Tasche und legte ihn vor Velyana auf den Tisch. Dies ist der Schlüssel zu dem Zimmer. Verwahre ihn gut. Ich vertraue darauf, dass Du meinem Verbot Folge leistest. Wenn du mein Vertrauen missbrauchst, wird es dir schlecht ergehen. Sie schaute in seine Augen und was sie dort erblickte, löste ein tiefes Grauen in ihr aus. Wie konnte sie nur so naiv sein und das Geheimnisvolle dieses Mannes attraktiv finden. In Wirklichkeit saß sie in in der Falle. Der Herr beobachtete sie die ganze Zeit. Sie sah plötzlich die Grausamkeit in seinen Augen, die er anwenden würde, wenn sie sein Verbot überträte. Zugleich konnte sie den Blick nicht von dem Schlüssel wenden, den er auf den Tisch gelegt hatte und den zu berühren sie sich sehnte, sobald ihr Gebieter das Schloss verlassen hatte. Darauf brauchte sie nicht zu warten. Robert hatte den Raum lautlos verlassen, während sie gedankenversunken auf den Schlüssel starrte. Sie hörte gerade noch, wie sich das sanfte Schnurren des Bentleys vom Haus entfernte.
Trotzig ergriff Velyana den Schlüssel und eilte nach oben. Sie wusste, er hatte ihr eine gefährliche Falle gestellt. Für den Bruchteil einer Sekunde hatte sie eben in seine Mörderseele gesehen. Sie hatte zwar schon einige Horrorgeschichten gelesen, die in alten englischen Schlössern wie diesem spielten. Sie nahm sich vor, einen kühlen Kopf zu bewahren bei dem, was sie vorhatte. Ihre Intuition sagte ihr, dass dieser Mann keine Macht mehr über sie haben würde, sobald sie keine Angst mehr vor ihm hätte. Bekamen nicht armselige Kreaturen nur deshalb Macht über uns, weil unsere Angst ihnen erst Macht verlieh? Sie betrat den dunklen Gang und tastete sich vorwärts, geleitet vom kalten Licht unter der Tür. Dann steckte sie den Schlüssel in das Schlüsselloch. Die Tür sprang auf, bevor sie ihn umgedreht hatte. Ihr entfuhr ein spitzer Schrei. Mitten im Zimmer stand eine große goldene Wanne, angefüllt mit dunkel glänzendem Blut und den abgeschlagenen Köpfen und Körperteilen vieler Frauen, daneben ein silberner Block. Darauf lag eine blitzende Axt, in deren Schneide sich ihr eigenes entsetztes Gesicht spiegelte, als sie zitternd näher trat. Sie begab sich zur Blutwanne und sah hinein. Da war es ihr, als ob die abgehackten Köpfe der Frauen noch lebten, ihre Münder bewegten sich, als wollten sie ihr etwas mitteilen. Vor allem konnte sie sich von dem Flehen in ihren Augen nicht losreißen. Sie verstand, ihre Vorgängerinnen baten sie um Hilfe, aber was konnte sie für sie tun? Sie musste vor allem ihre eigene Haut retten. Zögernd griff sie in die Wanne und hob erst die Köpfe- es waren sechs an der Zahl- und danach die anderen blutigen Klumpen heraus. Als alle Körperteile schließlich auf dem blutgetränkten Teppich verstreut lagen, geschah etwas Merkwürdiges. Schneller als Velyana begreifen konnte, eilten Frauenrümpfe, Köpfe und Gliedmaßen zueinander und fügten sich blitzschnell zu den lieblichen Geschöpfen zusammen, die sie gewesen waren, bevor der Bärtige sie zerhackt hatte. Sechs wunderschöne Frauen standen plötzlich um Velyana herum, makellos, ohne einen winzigen Blutspritzer auf Wangen, Armen oder ihren seidenen Kleidern. Die sechs Opfer des Bärtigen umringten sie, lachten und küssten sie voller Dankbarkeit.
In den Moment der Stille nach der wundersamen Errettung drangen die harten Schritte des Mörders, die sich eilig dem Blutzimmer näherten. Die sieben Frauen schauten sich angstvoll an. Velyana ergriff blitzschnell das Beil und hieß ihre Gefährtinnen an, sich hinter der riesigen Blutwanne zu verstecken. Sie selbst stellte sich erhobenen Hauptes daneben, das blitzende Beil mit beiden Händen umfassend. Sie wusste nicht, was geschehen würde, aber sie hatte keine Angst. Da trat Robert durch die Tür. Als sich ihre Blicke trafen, ging eine unerwartete Verwandlung mit ihm vor sich. Velyanas furchtloser Blick zerbrach seine Macht, seine Schultern sanken nach vorn, sein schwarzer Bart ergraute augenblicklich und seine Augen nahmen die Trübung eines blinden alten Mannes an. Sie baten stumm um Erlösung. Er ging in die Knie und kroch auf allen Vieren zum Schlachtblock, auf den er seinen Kopf bettete, als sei er ein weiches Ruhekissen. Zwei Tränen fielen aus seinen trüben Augen und rollten wie Perlen über den silbernen Block. Velyana verstand, um was Robert sie bat: Er wollte von einer Frau überwältigt werden, von einer Frau ohne Furcht vor der Hölle. Sanft schob sie das ergraute Haar von seinem Nacken, erhob das Beil mit beiden Händen und ließ es fast zärtlich auf seinen bleichen Hals niedersausen. Dann nahm sie seinen Kopf und legte ihn behutsam in die Wanne, wo das dunkle Frauenblut liebevoll über ihn schwappte Es erschien ihr, als lächle sein Mund. Ihre Gefährtinnen hatten sich inzwischen um die Wanne aufgereiht. Velyana legte jeder von ihnen das Beil in die Hände. Eine Frau nach der andern trennte einen Körperteil des Geliebten ab und versenkte ihn mit sanfter Gebärde in den Blutfluten. Dabei sangen die sieben Frauen ein Lied:
Fair is foul
Foul is fair
At the bottom of the cup
Welcome love.

Letzte Aktualisierung: 12.01.2014 - 10.27 Uhr
Dieser Text enthält 9322 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2021 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.