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Verschlafen | Februar 2014
Den Jahreswechsel verschlafen
von Anne Zeisig

Ich, Rosemarie, habe mich zerrissen zwischen Beruf und den Kindern, deren Vater frühzeitig das Weite gesucht hat, weil er sich in der Toskana selber verwirklichen musste mit Haschischkonsum, einer Schafherde und selbstgemachtem Käse, der zwar gut schmeckte, aber keinen Unterhalt für unsere beiden Töchter übrig ließ.
Vom Käse alleine wurden meine beiden Töchter nicht satt, aber sie jubelten, wenn Weihnachten der Paketzusteller einen Laib aus der väterlichen Kleinstproduktion anlieferte.

Fortan lebte ich mit einem Vaterphantom, dem meine Mädels einen Heiligenschein aufsetzten, während ich tagaus tagein dafür sorgte, dass das Büro meines Chefs nicht im Chaos versank und er jeden Morgen seinen magenschonenden Kaffee in einem Tässchen aus hauchdünnem Porzellan bekam, während sich mein schlechtes Gewissen meldete. Hatte nämlich wieder keine Zeit gehabt, den Mädchen ein gesundes Frühstück zu bereiten.
Sie stopften süße Corn-Flakes in sich hinein und beruhigten mich, weil doch die Milch Eiweiß und Kalzium enthalte. Wie auch der fettige Schaftskäse vom fernen Papa.
Ich verschlief neuerdings des öfteren, weil ich nachts wegen der Wechseljahrs-Hitze mit Transpirieren beschäftigt war und oft erst gegen Morgen so richtig einschlafen konnte.

Ich tippte diverse Geschäftspost blind und besorgte termingerecht den obligatorischen Rosenstrauß für meinen Boss, weil er nie an Geburts- oder Hochzeitstage dachte.
Zum vierzigsten Ehejubiläum habe ich ihn und seine verwöhnte Edelgattin zum Luxusflittern in die Wüste geschickt. Zweisamkeit im Beduinenzelt. Danach hat die Gemahlin ihren Gatten in die Wüste geschickt, weil er was mit einer blutjungen Wüstenschönheit angefangen hatte.
Nach seiner reuigen Rückkehr hat mein Chef mich zwar nicht in die Wüste, aber zur Bundesagentur für Arbeit geschickt mit den Worten:
“Die Verdrängung ist spürbar, da muss sich die Firma verjüngen und wach bleiben für die Zukunft.”
Die Verjüngung hatte ellenlange Beine, ellenlange rote Haare und ein ellenlanges Informatikstudium. Okay, vielleicht sind Beine und Haare so lang nicht, aber trotzdem ist sie jung.
Blutjung.
Die verschläft bestimmt nie, weil ihre Wechseljahre Lichtjahre entfernt sind, und falls sie ihren Wecker doch einmal überhören sollte, dann liegt mein Ex-Chef bestimmt in ihrem Bettchen und weckt sie mit heißen Küssen auf ihre aalglatten Wangen auf.
Wer, wie ich, des nachts wegen der Schwitzerei und den daraus resultierenden Duschorgien nicht durchschlafen kann, der verschläft schon mal ab und zu morgens.
Aber ich schwöre es im Angesicht der Gewerkschaft, dass ich dieses halbe Stündchen des Zuspätkommens immer nach Feierabend drangehängt habe.

* * *

Mein Kopf dröhnt und pocht. Ich brenne von innen nach außen und schwimme im eigenen Saft. Am besten, ich bleibe einfach liegen und halte meine schweren Lider geschlossen. Wo auch immer ich sein mag, ich habe endlich eine Nacht durchgeschlafen und es ist schnurzegal, ob ich verschlafen habe, denn mein Arbeitsamt-Fallmanager hatte bisher keinen produktiven Termin für mich. Heute bestimmt auch nicht.
“Hm”, rückte er seine Brille von Hugo Boss zurecht, “Fünfzig überschritten! Nur bei Feinkost Kunze tätig gewesen, das zeugt nicht von Flexibilität!” Er plusterte beim Einatmen seine Brust auf. “Jedoch der Arbeitsmarkt verlangt nach ... “
Ich hatte es kapiert. Kontinuität und langjährige Erfahrung waren out, blickte beim Gehen kurz zurück um festzustellen, dass seine Brust beim Ausatmen in sich zusammen fiel wie eine Mogelpackung.

Als ich mich nach fünfmonatiger Arbeitslosigkeit abermals gegen vierzehn Uhr träge aus dem Bett gewälzt hatte, beschlossen meine Mädels, dass es Zeit sei, meinen Marktwert zu checken.
Ich sollte zum Jahreswechsel auf eine Fete gehen.


* * *

Die Silvesterparty schwappte dem Höhepunkt entgegen und der Drink aus Rosemaries Glas schwappte ihm über die Anzughose.
“Macht nichts!”, schrie er gegen die Lautstärke der Musik an und stierte in ihren Ausschnitt, “ist doch geil, nicht wahr, wie der Beat rockt .” Er wog sich im Rhythmus und stampfte mit den Füßen auf wie ein Urwaldbewohner während des Fruchtbarkeitstanzes. Das bunte Licht der Diskokugel ließ sein silbergraues Haar farbig schillern.
“Jau! Geil!”, rief auch Rosemarie und zerrte ihn auf die Tanzfläche. Sie hatte keine Ahnung, das wievielte Getränk sie bereits hinuntergegossen hatte, allerdings war ihr Nachholbedarf ja auch enorm.
“Ich bin Vladimir! Aus Weißrussland! Mit deutschgebürtiger Babushka!”, erklärte er lautstark.
“Wow!”, antwortete sie, und drehte sich immer wieder im Kreis, bis ihr schwindelig wurde. “Du hast überhaupt keinen Akzent!” Und schon lag sie in seinen Armen, spürte seine Lippen und probierte den ersten Wodka ihres Lebens.
“Kocht das Großmütterchen auch Blinis?”, lallte sie glucksend, fächelte sich mit der Getränkekarte Luft zu und ließ sich von ihm entführen.
Er winkte ab. “Blinis? Ich weiß was Besseres, mein Rebenok.”
“Rebenok?”
“Schätzchen”, säuselte er.
Schampus im Bett, es folgte der erste Joint, und ihr erster Orgasmus nach gefühlten einhundert Jahren.

* * *

Ich höre, wie jemand einen Schlüssel im Schloss umdreht, eine Tür knarrt in den Angeln. Der kühle Lufthauch tut gut.
“Vladimir”, hauche ich, “gibt es Blinis und Schampus zum Frühstück?”
Öffne vorsichtig meine bleiernen Lider. Die Wände sind weiß gekachelt. Kein Fenster. An der Decke eine Neonröhre.
“Das ist hier keine Frühstückspension, sondern eine Ausnüchterungszelle!”
Wie ein Steh-Auf-Männchen sitze ich plötzlich aufrecht.
Eine Polizistin drückt mich sanft auf das Bett mit steinharter Matratze zurück. “Wissen Sie eigentlich, dass wir Sie vorm Erfrieren gerettet haben?” Einer ihrer Mundwinkel zuckt.
“Ich und erfrieren? Dass ich nicht lache!”, entfährt es mir, und ich frage die auch nicht mehr ganz Taufrische, ob sie wüsste, was Wechseljahrshitze sei.

Die Beamtin weist zur Tür. “Ich bringe Sie zu meinem Kollegen.”
Ich folge ihr mit weichen Knien und sitze plötzlich einem Mittfünfziger gegenüber.
Ich schüttele dem Herrn die Hand. “Schön, dass hier Leute in meinem Alter beschäftigt sind. Wenn Sie jemanden zum Tippen benötigen, oder Akten sortieren?” Bedanke mich für die Übernachtung.
Er hält mir meine Tasche unter die Nase. “Wir müssen wissen, wie das Kokain in ihre Handtasche gekommen ist.” Und legt sie beiseite.
Der Kommissar schiebt mir ungefragt ein Glas Wasser und eine Aspirin über den Schreibtisch zu. “Ist das ihre Tasche?”
Ich nicke. Da ist mein Pass drin. Lügen nutzt also wenig.
“Wer sind Ihre Hintermänner? Ihre Lieferanten?”
“Hintermänner? Vor hundert Jahren hatte ich mal einen Ehemann, der ausschließlich Käse liefert, dann hatte ich einen Chef, der Feinkost auf dem jungen Markt verkauft, weil er seine Vorliebe für Babygemüse entdeckt hat, und dann traf ich Vladimir, der mir, und, äh, ja, und.”
“Und?”
Mir wird siedendheiß. ‘Der Joint!’
“Gnädigste! Wir schreiben den ersten Januar! Aufgegriffen haben wir Sie gegen Null-Uhr-Fünfundvierzig auf einer Bank im Ostpark, als sie Ihren Rausch ausschliefen. Wir fanden in Ihrer Handtasche das Rauschgift.”
Meine Hände sind kalt und auf meiner heißen Stirn bildet sich Schweiß.
“Ich habe nur einen Joint geraucht”, gebe ich kleinlaut zu.
“Sie hatten auch noch eine Wodkafahne wie tausend Russen. Haben offenbar ausgiebig Silvester gefeiert.”
Ich spüre ein dumpfes Gefühl in der Magengegend. `Erster Januar bereits?´
“Aber dann habe ich ja den Jahreswechsel verschlafen.”
Wie jedes Jahr. Nur dieses Mal nicht auf meinem Sofa, sondern auf einer Parkbank.

Er haut mit der Faust auf den Tisch. “Sollen wir etwa glauben, dass ein edler Spender Ihnen das Zeug geschenkt hat, als Sie auf der Parkbank schliefen?”
“Habe wirklich nur einen einzigen Joint geraucht”, gebe ich abermals schuldbewusst zu, “das schwöre ich bei der Gewerkschaft für Nahrung und Genussmittel.”
Bin bereits arbeitslos, da kann ich keine Sucht gebrauchen, nur weil mein weißrussischer One-Night-Stand offenbar einen neuen Absatzmarkt mit Leuten ab Fünfzig erschließen will. `Finger weg vom Rauschgift´, habe ich meinen Töchtern immer gepredigt.

“Wo haben Sie denn Silvester gefeiert?”
Langsam dämmert es mir. “Im Clubhaus am Park.”
Hatte nicht Vladimir gesagt, dass ich seine Silvesterböller in meiner Handtasche mit hinausnehmen soll, damit wir das neue Jahr begrüßen können? Verstaute das Päckchen in meiner Tasche und ging noch zur Toilette. Ich wartete draußen auf der Bank auf ihn.
“Aber das Clubhaus befindet sich am anderen Ende der Grünanlage.”
Mir schießt wieder eine Höllenhitze in den Kopf. “Wir sind noch vor Zwölf in seine Wohnung gegangen”, wispere ich.
“Wer ist Wir?”
“Vladimir. Weißrusse ohne Akzent und ich.” Das muss als Erklärung reichen.
Es gibt Details, die einzig und alleine meinem Privatleben zuzuordnen sind.
“Er wollte noch zum Klo und steckte mir ein Päckchen in die Tasche, sagte, das seien Knaller”, antworte ich und heule los. “Ich wartete draußen auf ihn.”
“Aha. Aber dann frage ich mich, warum er nicht mehr zu Ihnen in den Park kam.”
Ich zucke mit den Schultern. “Vielleicht ist er ja auf der Toilette eingeschlafen.”
“Wie kommen Sie denn auf diese Idee?”
`Manner schlafen doch grundsätzlich nach dem Sex ein´, denke ich mir und sage nichts mehr ohne einen Anwalt.


anne zeisig, ENDversion

Letzte Aktualisierung: 24.02.2014 - 08.40 Uhr
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