'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Verschlafen | Februar 2014
Anton
von Susanne Ruitenberg

Das Erste, was Anton verschlief, war sein Geburtstermin. Dritter März, spätestens, meinte der Frauenarzt beim Betrachten des Ultraschallbildes.
Als Anton zwei Wochen später per Kaiserschnitt geholt wurde, glich er mit seiner schrumpeligen Haut einer getrockneten Pflaume.
Anfangs freuten sich Sonja und Frank über ihr pflegeleichtes Baby. Schon nach acht Tagen schlief der Kleine durch und reklamierte sein Futter in alltagstauglichen Abständen tagsüber.
Als er aber mit neun Monaten stets nur zu Mahlzeiten wach wurde und sich weder für zappelnde Handpuppen auf Mamis Hand noch für sein Spielzeug interessierte, fragte Sonja besorgt den Kinderarzt um Rat. Der untersuchte den Säugling gründlich, fand keinen Fehler und empfahl ein Vitaminpräparat.
In der Krabbelgruppe war Anton das ruhigste Kind. Bei der Babymassage schlief er bei der ersten Berührung ein. Selbst wenn die ganze Meute der versammelten Laras, Luises, Alexanders und Maximilians aus vollem Hals schrie, verlor Anton nicht seine Ruhe.
»Du hast es gut«, meinten die anderen Mütter, und rieben ihre von Schlafmangel rotgeränderten Augen.
Sonja sah schulterzuckend und mit einem leichten Anflug von Neid auf die spielenden, lachenden, sich auf dem Boden kullernden Babys.

Als Anton in den Kindergarten kam, schlief er auf dem kurzen Weg im Kindersitz ein und musste hineingetragen werden. Die Kindergärtnerinnen indes liebten ihn. Als einziger fing er nie einen Streit an, nahm nie einem anderen Kind das Spielzeug weg und brach nie in Gebrüll aus, wenn Mittagsschlafzeit angesagt war.
Beim Krippenspiel an Weihnachten lag er als Jesuskindlein in der Wiege und tat keinen Mucks, ungeachtet der pieksenden Strohhalme.
Im Lauf der Zeit taute er auf, spielte gelegentlich mit seinen kleinen Kameraden, beteiligte sich brav an Basteleien und Sprachübungen. Nicht jedoch ohne mindestens drei Mal am Tag in die Kuschelkissen zu verschwinden für ein Nickerchen.

Beim Einschulungstest befand man ihn tauglich, wenngleich man Sonja fragte, ob das Kind ausreichend Schlaf bekomme. Anton hatte nach dem Bearbeiten des letzten Malbogens den Kopf auf die Hand gestützt und war am Tisch eingeschlafen.
Im Einschulungsgottesdienst döste er vor sich hin und bei der Rede des Schulleiters in der Aula nickte er ein.
Davon abgesehen, dass er bei jeder Gelegenheit sich für ein Nickerchen in der Sitzgruppe der Aula davonstahl, verlief seine Grundschulzeit unauffällig. Mit dem Stoff schien er zurechtzukommen und die Noten konnten sich sehen lassen.
Nach langer Beratung entschieden sich seine Eltern gegen das Gymnasium und meldeten ihn auf einer Realschule an.
In der Tanzstunde war er bei den Mädchen beliebt, sie schätzten seine ruhige Art und dass er weder frech noch aufdringlich wurde. Beim Abschlussball fiel er bei seiner Tanzpartnerin in Ungnade, nachdem sie den Eröffnungswalzer verpassten.
Anton hatte ein kurzes Nickerchen in der Garderobe gehalten.

Nach der Schule absolvierte er eine Lehre zum Verwaltungsfachwirt und bald sah man ihn als Beamtenanwärter im Bauamt sitzen. Dem Klischee, dass Beamten einen Großteil ihrer Dienstzeit verschlafen, entsprach er vollumfänglich.
Er heiratete die ruhige Anna aus der Buchhaltung, sie bekamen zwei Kinder und ein kleines Reihenhäuschen im Grünen.
Anton verschlief die ersten Worte seines Sohnes, die ersten Schritte seiner Tochter und das olympische Feuer, als es durch die Hauptstraße seines Wohnorts getragen wurde.
In diesen ruhigen Bahnen verlief sein weiteres Leben ohne besondere Vorkommnisse. Von verpassten Terminen, Einladungen, wichtigen Ereignissen im Leben seiner Kinder sowie sämtlicher Fernsehsendungen ab Minute fünfzehn abgesehen.

Eines Tages rüttelte jemand an Antons Schulter. Verdutzt blickte er um sich. Wo war sein Ehebett? Wo seine Anna? Statt der vertrauten Eichenmöbel und unauffälligen beigefarbenen Tapete sah er blauen Himmel, weiße Wolken und eine leuchtende Gestalt, die über ihm schwebte. Die Leuchtfigur schüttelte langsam den Kopf.
»Ach Anton, jetzt hast du auch noch deinen eigenen Tod verschlafen.«


©Susanne Ruitenberg
Version 1

Letzte Aktualisierung: 22.02.2014 - 18.19 Uhr
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