Der Tod aus der Teekiste
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Verschlafen | Februar 2014
Auf Messers Schneide
von Ingo Pietsch

Roger Bains war kalt. Er konnte sich nicht bewegen, auch nicht die Augen öffnen. Aber er war bei vollem Bewusstsein und spürte, wie er ausgezogen und auf eine kalte Oberfläche gelegt wurde. Er hörte Stimmen um sich herum. Sie wollten ihn obduzieren! Aber er war nicht tot! In ihm brach Panik aus.
Es roch nach Desinfektionsmittel.
Er spürte Menschen um sich.
Irgendetwas drückte gegen seinen Hinterkopf.
Bains versuchte sich irgendwie bemerkbar zu machen.
„Stopp, der linke Arm hat sich bewegt!“ ,hörte er einen Schrei.
Die Starre ließ nach.
„Ying?“, fragte jemand.
„Muskelreflexe. Genauso wie das Entleeren des Darms“, antwortete eine Frau.
„Richtig, Ying.“
Baines versuchte mit aller Kraft ein weiteres Zeichen zu geben, dass er noch lebte.
Wieder spürte er den Druck am Kopf und dann vernahm er das Kreischen einer Säge...

„So, Leute!“ Der Gerichtsmediziner hielt einen Tablet-PC in der Hand. „Das hier ist Nummer fünf. Leider konnten wir bei den anderen die Todesursache nicht eindeutig klären. Wir gehen von plötzlichem Herzinfarkt aufgrund eines Medikaments aus. Jetzt nun der vorletzte Bankräuber: Roger Bains. Genau wie seine Kollegen war auch er, nach den Akten zu urteilen, ein echtes kriminelles Schwergewicht. Zeitpunkt des Todes: Vor genau vierundzwanzig Stunden. Wir verfahren wie bei den anderen: Erst Schädel öffnen, dann Organe untersuchen und so weiter.“
Die meisten Medizinstudenten blickten angewidert auf den Leichnam. So ekelig hatten sie sich den praktischen Teil nicht vorgestellt.
„Noch eins“, sagte der Pathologe. „Falls wieder jemand den Drang verspüren sollte, sich übergeben zu müssen“, er sah eine bestimmte junge Studentin einen Moment länger an, „nutzen Sie bitte die eigens dafür bereitgestellten Behältnisse. Danke.“
Die angehenden Mediziner folgten dem Pathologen zum Tisch. Er griff zur Säge und hielt sie hoch. Das Blatt blitzte im Schein der Lampe auf. „Wer möchte diesmal den ersten Schnitt machen?“
Es gab ein dumpfes Rumpeln, als ein Mann zu Boden ging. Der Pathologe schnitt eine Grimasse.
„Würden Sie bitte.“ Er sah zwei kräftige Studenten aus der Gruppe an. „Sie wissen ja, was Sie zu tun haben.“
Die beiden hoben den Bewusstlosen auf und setzten ihn in einen Sessel, der sich nur heute, extra für die Stundenten, in diesem Raum befand.
„So, wer möchte?“
Eine Hand schoss sofort nach oben.
Der Lehrer überging die Geste. „Noch jemand?“ Ihm schien es, als träten alle einen Schritt zurück, obwohl sich niemand bewegte. „Dann eben wieder Miss Ying.“
Er zuckte mit den Schultern.
Es gab immer ein oder zwei Streber in der Gruppe.
„Dann mal los.“ Sie bildeten einen Kreis um den Toten. Ying setzte die Säge an den Kopf und blickte zum Pathologen. Der nickte. Ein Schüler würgte.
„Stopp“, schrie jemand, „der linke Arm hat sich bewegt!“
„Ying?“, fragte der Pathologe.
„Muskelreflexe. Genauso wie das Entleeren des Darms.“
„Richtig, Ying.“
Ying setzte die Säge wieder an. Das Kreischen der Maschine hallte durch den Raum ...

Roger Bains; wie er diesen Namen hasste. Heute Mittag sollte der ganz große Coup stattfinden. Ein halbes Jahr Undercover-Arbeit hatte es ihn gekostet. Falsche Identität, neues Aussehen. Er wollte zurück zu seiner Frau und seinem Kind. Dieser letzte Job im Außendienst und er würde befördert werden und könnte endlich vom Schreibtisch aus arbeiten.
Die Bande war eine der schlimmsten der letzten Jahre. Ausgeklügelte Einbrüche, Geldtransporterentführungen, Kunstmuseen ausrauben. Nicht selten war Blut geflossen und es hatte Tote gegeben.
Die vierte Stadt schon. Der Kopf der Gang wollte diesmal persönlich die Operation leiten. Sonst hatte er sich immer im Hintergrund gehalten.
Im Hauptquartier blieb eine Rettungstruppe zurück, falls etwas schiefging.
Die Bande hockte in einem unauffälligen Transporter und wartete auf das Signal. Der Van parkte am Straßenrand ein paar Meter vor dem Gebäude.
Vor Bains riss jemand die Schiebetür auf und sie stürmten in die Bank. Dabei rempelten sie Passanten an. Laut kreischend machten die Leute, die die Situation erfassten, Platz.
Der Van raste mit quietschenden Reifen los.
Gerade, als alle sechs in der Bank waren, hörten sie schon das Sirenengeheul der Polizeifahrzeuge.
Die Bankräuber drängten sofort zu den Seiten und in die Deckung der Schalter.
Die Bankangestellten und Kunden waren getarnte Polizeibeamte und hatten sich inzwischen ebenfalls hinter den Schaltern verschanzt.
Noch schoss niemand.
Der Kopf der Bande, wie alle anderen maskiert, hielt seine Hand nach oben, um das Angriffssignal zu geben.
Fünf Sekunden später warfen sie die Blend- und Rauchgranaten.
Während sich die Beamten hustend am Boden wälzten, stürmte der Trupp los. Vereinzelte, ungezielte Schüsse wurden mit Maschinengewehrslaven beantwortet. Ein Schuss traf allerdings einen der Kriminellen, der danach von den anderen mitgeschleift wurde.
Es war nicht ein Wort gefallen. Nur der Mann, dem ins Gesicht geschossen worden war, wimmerte.
Sie rannten zur Hintertür, in der Hoffnung, der Van würde bereitstehen. Aber er war nicht da. Wahrscheinlich versteckten sich überall Scharfschützen.
Der Anführer fluchte und sagte dann: „Ich kann keinem von euch mehr trauen, deshalb werft ihr jetzt alle der Reihe nach eure Waffen in die Ecke dahinten.“ Er entsicherte sein Gewehr und hielt es auf seine Leute.
„Los! Alle nehmen jetzt die Tablette! Sofort!“ Ohne die anderen aus den Augen zu lassen steckte er sich eine Tablette in den Mund. Alle taten es ihm gleich, außer Bains und dem Verletzten.
„Du auch, Bains!“ Der Lauf der Waffe zeigte auf ihn.
„Ich kann ohne Wasser keine Pillen schlucken!“
Das Gewehr schwenkte auf den Verletzten und spuckte ein paar Kugeln aus.
„Immer noch nicht?“
Bains sah sich die Pille an. Er würde 24 Stunden in einen todesähnlichen Schlaf fallen. Ein Arzt würde den klinischen Tod feststellen, da man keinen Puls mehr messen konnte und das Atmen kaum mehr sah.
Sie würden alle in der Pathologie landen und der Rettungstrupp würde sie da rausholen.
„Runter damit oder ich erschieße dich!“, raunte der Anführer ihm zu.
Bains schluckte die Tablette. Draußen schrie irgendjemand, sie sollen sich ergeben in ein Megafon, aber das hörte Bains kaum noch.

Ying nähte den Oberkörper des Mannes wieder zu. Der Pathologe beobachtete, wie sie geschickt den y-förmigen Schnitt schloss.
„Sehr gut. Ich hoffe, Sie hatten heute einen lehrreichen Tag. Einige von Ihnen werden eine Chirurgenlaufbahn nehmen, andere von Ihnen werden vielleicht Kinderarzt. Jetzt wissen Sie, was bei einer Operation, bzw. einer Obduktion auf Sie zukommen kann. Danke!“
Ying warf noch einen Blick auf die Leiche, die jetzt mit einem Laken bedeckt war. Sie schauderte. Aber das Gefühl war gleich darauf wieder verschwunden.

Baines hatte Kopfschmerzen und sein Kopf war bandagiert. Er lebte. Im letzten Moment war es ihm gelungen, die Augen aufzureißen. Die Säge hatte sich schon einige Millimeter in die Schädeldecke gearbeitet, aber der Pathologe hatte es gerade noch geschafft, die Säge zur Seite zu reißen.
Die meisten Stundenten waren aus dem Saal geflohen.
Sofort war Hilfe gekommen.
Das Pathologenteam hatte sich anschließend noch den Bankräuber mit den Schussverletzungen vorgenommen.
Der Polizist lag im Krankenhaus und dankte in Gedanken immer wieder dem geistesgegenwärtigen Gerichtsmediziner und dass er endlich seine Familie wiedersehen konnte.
Die anderen aus der Gang hatten nicht so viel Glück gehabt ...

Letzte Aktualisierung: 22.02.2014 - 17.37 Uhr
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