Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Verschlafen | Februar 2014
Urahne erinnert sich
von Thea Derado

„So, meine Leni, nun hast du keine Mutter mehr!“, begrüßte mich Großmutter, als ich am Beerdigungstag mit meiner größeren Schwester Grete die Stube betrat. Die Verwandten drängten sich in dem kleinen Raum. Doch meinen Vater sah ich nicht. Ich hätte ohnehin nicht mit ihm reden wollen. War er nicht an allem schuld? Hatte er nicht Mamas Herz gebrochen? Anfangs, als er gerade aus dem Krieg, dem ersten Weltkrieg, heimgekommen war, da hatte er noch Sinn für Familie. Da mochte ich ihn richtig gern.
Aber bald änderte sich alles. Seine verdammte Sauferei! Wenn er nachts heim kam, kotzte er das Schlafzimmer voll, in dem wir alle schliefen. Aber Mama umsorgte ihn, sie liebte ihn noch immer. Dennoch zog er bald zu einer Anderen, die ein Kind von ihm bekam. Selten mal fand er Arbeit.
Wie beschämend: Am Zahltag musste ich ihm auflauern, damit er Geld für Mama und mich rausrückte. Sonst hätten wir nie etwas davon gesehen.
Die wenigen Ersparnisse hatte die Inflation aufgefressen. Wir waren so arm geworden. Meine Mama wurde sehr krank. Ihr Herz machte nicht mehr mit. Und keine Geld, ihre Medizin zu bezahlen!
Infolge des im Körper angesammelten Wassers konnte sie nicht mehr liegen. Sie schlief im Sitzen. Es kam wohl immer mal eine Gemeindeschwester zu uns, bis dann eine die Einweisung ins Krankenhaus veranlasste.
Meine Mama kam nie wieder nach Hause. Sie war nur 40 Jahre alt geworden.
Sie wollte oft vom Sterben reden. Einmal begann sie: „Wenn ich gestorben bin …“.
Aber ich, erst zwölf Jahre alt, unterbrach sie: „Ach, Mama, red nicht vom Sterben!“
Wer weiß, was sie mir sagen wollte? Das bedrückt mich noch heute.
Der Tod ist grausam, einem einfach das Liebste von der Welt zu nehmen.
Und wie sollte das Leben ohne Mama weitergehen?


An den Gang zum Friedhof kann ich mich nicht mehr erinnern. In einer Halle stand der noch offene Sarg. Zum letzten Mal konnten wir uns von Mama verabschieden. Wie friedlich sie da lag. Dann wurde der Sarg für immer verschlossen und wir folgten ihm zum Grab.
Alles Andere ist aus meinem Gedächtnis gelöscht. Ich weiß nichts mehr von den nächsten Tagen, ein tiefes Loch, nicht ob ich mit meiner Schwester noch in der Wohnung wohnen blieb. Nur meine Verzweiflung ‚Ach, Mama, was soll ich ohne dich machen?’, und dass ich jeden Tag an ihr Grab ging, die Blumen zu pflegen.
Von unserem Vater hörten und sahen wir nichts, und so fiel Grete die ganze Verantwortung für mich zu. Sie behielt unsere Wohnung noch, konnte aber oft abends, wenn es spät geworden war, nicht heim kommen. Und mich allein lassen, das ging nicht.
Zu den Großeltern konnte ich auch nicht, wegen der Schule, denn sie wohnten zu abgelegen.
Irgendwie hat Grete es gemeistert, in ihrem Bekanntenkreis etwas für mich zu finden. Ich erinnere mich auch nicht, wie wir dort hingekommen sind.
Eines Tages war ich in Conradsdorf, etwas von Freiberg entfernt, so zu sagen in Pflege bei einem Ehepaar mit einem kleinen Landwirtschaftsbetrieb. Ein dort angestelltes Mädchen kümmerte sich mehr um mich als das Ehepaar, das noch in der Stadt ein Geschäft betrieb.
An einer Bahnstation, die nur aus einem Wartehäuschen bestand, musste ich jeden Morgen die Bimmelbahn besteigen. Viele Kinder des Dorfes fuhren mit zur Schule nach Freiberg. Auf der Rückfahrt wurden dann meist schon die Schulaufgaben erledigt; denn bis wir das Dorf erreichten, war es schon recht spät.
Es ging dem Winter zu. Die Bahn wurde mit Kohlen beheizt.
Zwei Mädchen lernte ich während der täglichen Zugfahrten flüchtig kennen. Mein Vater hatte kurz nach dem Krieg auf dem Gut ihrer Eltern gearbeitet. In der Landwirtschaft wohl kaum! Angeschlossen war eine Schnapsbrennerei, wofür Kartoffeln verwendet wurden.

Unterdessen war dicker Schnee gefallen.
Das Mädchen, das mich rechtzeitig hätte wecken sollen, damit ich mich zurecht machen und frühstücken konnte, hatte es verschlafen.
Ich rannte los, eine Scheibe Brot in den Ranzen gestopft. Ungekämmt! Meine Mama hätte sich im Grabe umgedreht, hätte sie das sehen können! Wie viel Mühe hatte sie sich stets mit unseren Haaren gegeben! Sie flocht die Zöpfe straff, damit ja keine Härchen heraushing! Manchmal flocht sie uns einen so genannten Friedenskranz, in den jede Strähne einzeln eingeflochten war. Und wie sah ich nun aus? Wahrlich so wie gerade aus dem Bett gekommen!
Aber ach, wie sehr ich mich auch beeilte, ich sah nur noch das Schlusslicht des Zuges! Mir blieb nichts anderes übrig, als mich über die verschneiten Feldwege, dazu steil bergauf, teils rutschend nach Freiberg durchzukämpfen. Viel zu spät kam ich zur Schule. Es war für mich sehr unerfreulich! Ich war noch nie zu spät gekommen! Ich schämte mich so sehr.

Dieses Conradsdorf!
Auch manch anderes Erlebnis dort im Haus schreckte mich ab. Schließlich klagte ich meiner Schwester mein Leid und gab zu verstehen, dass ich da nicht weiter bleiben würde.

Grete hat nie mit mir darüber geredet, wie sie all die Sorgen um mich trug und Abhilfe schaffte, auch ob sie mit unserem Vater in Verbindung stand. Er musste ja eigentlich für meinen Unterhalt und Unterbringung zahlen.
Ich weiß nicht, wie es kam, dass wir eines Tages vor dem Waisenhaus standen und ich dort Aufnahme fand. Waisenhaus war wohl nicht ganz der richtige Begriff, eher Kinderheim. Neben der Hausleiterin gab es noch drei Betreuerinnen.
Dort fiel es mir nicht schwer, mich einzuleben, alles hatte seine Ordnung. Und das war nach dem chaotischen Conradsdorf angenehm. Wir waren auch gar nicht viele Kinder: in meinem Alter vier Mädchen und vier Jungen. Ansonsten Kleinkinder, auch Babys. Einige Kinder wurden sonntags von ihren Eltern zum Ausgang abgeholt.

Auch Babys von ledigen Müttern hatten wir im Heim, darunter ein süßes braunhäutiges, unsere Schokoladenpuppe.
Freiberg schätzte sich ja glücklich, die weltberühmte Bergakademie zu haben. Aus allen Ländern kamen wissbegierige junge Männer. Manche Freundschaft zu einheimischen Mädchen wuchs und zeigte eben mitunter Früchte. Wie unser Baby, das einen ägyptischen Vater hatte. Die kleine Mama wusste nicht, wohin mit dem Baby. So kam es zu uns ins Heim.
Wir großen Mädchen halfen beim Füttern der Kleinen. Welch gutes Fresschen! Mancher Löffel landete statt im Babymund in meinem.
Ich war überhaupt immer nur hungrig.

Eine große Terrasse führte vom Haus in einen großen Garten mit Turngeräten für die größeren Kinder und einem Sandkasten für die Kleinen.
Zum Schlafen ging es ins Obergeschoss in einen Riesensaal mit Eisenbetten. Hier wurden wir stets pünktlich geweckt.
Matratzen gab es nicht, sondern Strohsäcke, die gut aufgelockert wurden. Das Bettenbauen wurde für uns Größere selbstverständlich.
Wer mal krank war, drückte den Strohsack. Einmal hatte ich eine schön schillernde Fliege gefangen, die mich daraufhin in die Hand stach. Eine Entzündung mit bedenklich langem roten Streifen bis zur Achselhöhle war Anzeichen einer Blutvergiftung. Ins Bett wurde ich gesteckt und der Arm ruhig gestellt. Die ärztliche Betreuung war gut. Aus dem nahe gelegenen Krankenhaus kam entweder ein Arzt herüber oder man wurde dorthin geschickt.
Mein Interesse daran, was der Arzt mit mir anstellte, war größer als meine Sorge um die Blutvergiftung. Ich stellte es mir schön vor, in so einem Krankenhaus seine Arbeitsstelle zu haben.

Unser Tagesablauf war geregelt. Alle Schulpflichtigen verließen morgens das Haus. Nur die Kleidung sagte mir nicht zu mit meinen 13 Jahren. Die grob gestrickten Strümpfe wechselte ich unterwegs. ‚Florstrümpfe’ nannte man damals die, die ich mir von meiner Schwester geben ließ.
Das Haus unterstand der Stadt. Die Stadtkasse bekam wohl auch die Gelder für die Heimplätze von den Angehörigen, soweit noch welche lebten. - Mein Vater wurde vermutlich auch zur Kasse gebeten.
Eines Tages auf dem Schulweg, noch nahe des Hauses, kam er mir entgegen. Doch ich trat rasch zur Seite. Ich wollte ihn nicht sprechen. Zu tief saß all das so unerfreulich Erlebte in mir, besonders dass er meiner Mama so viel Leid angetan hatte.
Und über den durch seine Sauferei verursachten sozialen Abstieg schäme ich mich heute noch.

Die Zeiten in dem Heim waren für mich fröhlich und sorglos. Durch die Kontakte zwischen Rathaus und Heim trat eines Tages etwas ganz Neues an mich heran: Die Familie des Rechnungsdirektors brauchte für ein paar Nachmittagsstunden jemanden, der mit ihren Kindern spielte. Das wurde mir gestattet, und so bekam mein Alltag einen neuen Charakter. Die Rektoren-Villa lag weiter weg, war aber zu Fuß durch den Stadtpark leicht zu erreichen.
Das Schuljahr ging zu Ende und somit meine acht Jahre Schulpflicht.
Ob ich noch die zwei Jahre bis zur Mittleren Reife weiter zur Schule gehen wollte, hat mich keiner gefragt. Viel später habe ich das in Abendkursen nachgeholt.
Niemand war da, der mir den Weg ins Leben hätte ebnen können.
Irgendwie musste ich selbst sehen, wie ich klar käme.



(Anmerkung: Wer mehr von Lenis Erinnerungen lesen möchte: „Nicht ohne Beruf; Urgroßmutter Leni erinnert sich“ habe ich im Herbst 2013 herausgegeben. Zu beziehen über mich oder Amazon; da auch als e-book.)

Letzte Aktualisierung: 05.02.2014 - 19.12 Uhr
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