Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Verschlafen | Februar 2014
Das Chopperrevival
von Frank Atteln

Das Radio irritierte ihn. Die Programmschiene musste gändert worden sein. Er suchte nach Orientierung in dem Geräuschestrom, der ihm einem experimentellen Hörspiel zu entstammen schien. Unterlegt von Tastaturgeklapper und Besteckklirren stieß eine befehlsgewohnte Fistelstimme mit den zwei Worten »Jetzt aggregieren« eine betriebsame Häufung von akustischen Ereignissen an. Etwas in der Folge der Audiosequenzen erinnerte Röhrmann an die Desinfektionsabteilung für chirurgische Instrumente, wie sie in kleinen Kliniken betrieben werden.

Enttäuscht von der aussagelosen Berieselung seines Morgenprogramms wollte er aufstehen und das Radio ausschalten. Im gleichen Augenblick, in dem sich dieser Wille bildete, zerfiel er. Der Wunsch, liegenzubleiben, ergriff ihn so schnell und vollständig, als wäre in seinem Gehirn ein Wechselschalter betätigt worden. Röhrmann glaubte, einem magischen Spiel unterworfen zu sein. Niemand mit geistiger Gesundheit erlebt solch eine blitzartige Willensumkehr. Angst, Besorgnis oder Irritation deswegen empfand er aber nicht. Aufmerksam registrierte er die neue Stumpfheit, denn bisher war er ein fast hypochondrischer Mensch gewesen. Erstaunen erfasste ihn. Und wie nutzlos kam ihm sein passiver Wille vor! Wenn er jetzt einen Wunsch frei hätte, würde er um die Trennung von Körper und Geist bitten. Voller Heiterkeit dachte er, dass sich sein Leib selbständig machen und schon einmal duschen, frühstücken und zur Arbeit fahren könnte, während er länger liegen bliebe.

Ganz wie in einer Synchronität seiner Reflektionen mit der Dramaturgie im Radio fragte nun die scharfe Stimme einer jungen Frau, ob »der Delinquent in seinem quasi somnambulen Zustand« körperlich handeln könne. In beleidigendem Tonfall erwiderte das autoritäte Fisteln: »Sie waren früher besser, meine liebe Frau Michaelis. Somnambul ist hier niemand. Unsern Herrn Röhrmann lenke ich wie ein Dämon den Salomon. Wenn ich ihm kein Leben einhauche, dann bleiben seine Muskeln starr, bis er verwest. Das kommt vom Applizin. Ich kann ihm ins Gesicht schlagen, so, die Nackenmuskeln halten den Kopf in der gleichen Lage, und sie sehen keinen Ausschlag auf dem EEG. Vertun sie nicht so viel Zeit damit, dem Herrn Gabriel schöne Augen zu machen, dann lernen sie besser.« Jemand seufzte. Das Fisteln fuhr fort: »Jetzt müssen wir Röhrmanns Haut behandeln. Geben sie mir das Hexametanatriumphosphoricum. - Mensch, was sollen sie mir geben? Kommen sie runter von ihrer Wolke!«

Röhrmann durchfuhr die Erkenntnis, dass ihn kein Hörspiel berieselte, sondern dass seine Leiblichkeit verhandelt wurde. Offenbar wurde sein Körper präpariert. Er empfand keinen Schreck, fühlte nichts, hatte keinen auf Handlungen gerichteten Willen, aber er dachte, hörte, und hatte ein Zeitempfinden. Ob sich seine Seele vom Körper gelöst hatte? Nahtoderfahrungen hatten sich immer anders gelesen. Es gab eine visuelle Komponente dabei. In der physischen Welt hatte es ihm vielleicht die Augen verätzt, oder er hatte die Augen längere Zeit geschlossen, oder sein Sehzentrum war schon abgestorben und schickte ihm keine Phantombilder. Oder er war schon jenseits der Schwelle zum Tod. Sollte er sein Sterben verschlafen haben? Dieser Gedanke war völlig unlogisch, doch er faszinierte ihn.

»Ja, das habe ich mir gedacht! Haben sie keine Einweisung in das neue Gerät bekommen?« Das Fisteln vibrierte vor Wut und Erregung. »Jetzt müssen wir das Verfahren beginnen und können nichts verwerten, und das alles wegen ihrer einzigartigen Blödheit!« Röhrmann hörte ein schnell näherkommendes, zischendes Geräusch, das kurz darauf seinen Klang ins Dumpfe, Saugende veränderte. Nur einen Wimpernschlag später dämmerte es vor seinen Augen. Aus dem Schwarz ins Grau trat eine Person in einer hellen Toga. In der Hand hielt sie eine große Tafel. Die Geräuschkulisse aus Klappern, Klirren, Saugen und gesprochenen Worten war noch da, und Röhrmann versuchte, weitere Gesprächsfetzen aufzuschnappen, doch er konnte seine Aufmerksamkeit nicht von der Person lösen. Er war irritiert.

Das Geschlecht der Person, die sich ihm näherte, schien unbestimmbar. Mit ihrem kahlgeschorenen Kopf und ihren großen, mit Makeup versehenen dunklen Augen erinnerte sie ihn an eine Ägypterin oder einen Ägypter des frühen Hollywood-Kinos. Gottes Diener mussten keinen Modegeschmack haben, dachte er. »Hallo,« sagte die Gestalt, »ich bin Doktor Kuschinski. Ich begleite sie durch ihre Tests. Wenn alles gut geht, können sie anschließend weiterleben wie bisher, und das ist auch wahrscheinlich, denn im Schnitt haben wir bei 86 Prozent unserer Probanden keine Prognoseänderung. Entspannen sie sich ruhig.«

»Ich habe meinen Tod nicht gespürt, Herr Doktor,« sagte Bröhrmann, »ist das jetzt die Neue Medizin, bei der sie sich in meine sterbende Neuroaktivität einschalten, um mich zur Mitarbeit bei der Reanimation zu bewegen? Oder hätte ich besser religiös sein sollen?« Er kämpfte gegen den schwindenden Willen, etwas über seine Lage zu erfahren, und weil Neugier und aufkeimende Angst in ihm bohrten, brachte er mit einer Kraftanstrengung die Frage »Sagen sie, habe ich meinen eigenen Tod verschlafen?« heraus.

Die Gestalt lächelte. »Aha, Herr Doktor. Wie sie belieben. - Wissen sie, Moral, Intelligenz und körperliche Gesundheit hängen irgendwie immer mit dem Leben zusammen, nicht wahr? Machen sie sich keine Sorgen, wir stehen das gemeinsam durch.« Sie tätschelte ihm beruhigend die Hand und trat aus seinem Gesichtsfeld.

Eine Weile geschah nichts, nur seine Zuversicht ergriff die Oberhand über seine Gefühle. Dann erschienen neue Bilder vor seine Augen, und er bekam Fragen zu beantworten.
»Lieben sie den Angstschweiß bei ihren Geschäftspartnern, wenn sie sie festgenagelt haben?«
»Sicher, ohne Sadismus kann ein ehrlicher Mann doch keinen Spaß im Beruf haben.«
»Was sagt ihnen der Satz: Das Zumpfentaler Strudelwupfen ist eine talentschonende Großkörpersportart für die verschlungene Generation?«
»Marketing ist eine ewig junge Verführungskunst, die besser richtig beherrscht sein will.«
»Haben sie sich schon einmal einen Teewärmer auf den Kopf gesetzt?«
»Nein.«
»Auch nicht heimlich, wenn sie niemand gesehen hat?«
»Nein.«
»Haben sie sich heute die Zähne geputzt?«
»Ja, mir, meinem Hund, und die langen gelben Flächen, die meine Frau unter den Haaren hat.«
»Versuchen sie nicht, witzig zu sein, das gibt Punktabzug. Können sie Synkope buchstabieren?«
»Nein.«
»Sie sollten auch nicht lügen, das ruiniert ihren Schnitt gewaltig. Wann haben sie das letzte Mal Sympathie für eine im Fernsehen gezeigte Demonstration gehabt?«

Das Interview ging noch eine halbe Ewigkeit weiter, dann verabschiedete sich die Gestalt von ihm und verschmolz mit dem Schwarz des sich abdunkelnden Raumes. Die Geräusche, die er für ein Hörspiel gehalten hatte, drangen bald wieder voll in sein Bewusstsein. »Wir geben ihm noch ein bisschen Kamitazemol, dann schwindet jede mögliche Erinnerung an die Befragung,« hörte er eine männlich tiefe Stimme sagen, und die Autorität schnarrte: »Gut. Können sie mir auch ausrechnen, wieviel Milliliter ich aufziehen muss, Herr Gabriel?«

In die Antwort mischte sich die scharfe Stimme der Frau: »Und was machen wir jetzt mit ihm, die Situation war doch nicht kontrollierbar, die Antworten können wir doch auf keinen Fall verwenden.«
»Sie meinen, ob ich sein Weiterleben mit den vorhandenen kognitiven Fähigkeiten empfehle? Ja. In einer genäherten Prognose aus seinen Basissozialdaten und den Reflexen bis zum Kollabieren in der parasitären Feedbackschleife, die sie mit ihrer selten blöden Tollpatschigkeit verursacht haben, kann ich das vertreten. In einem halben Jahr ziehen wir ihn zu einer Nachuntersuchung heran, bis dahin wird er nicht aus dem Ruder laufen. Im Gutachten für die Charakterbehörde untermauern wir das mit Verweisen auf die einschlägigen Arbeiten von Kuschinski, Miller und Chen, eine Kopie geht an die Berufsgenossenschaft. Jetzt kabeln sie Herrn Röhrmann ab, Frau Michaelis. Sehen sie, wie gut die Haut regeneriert ist? Und das nächste Mal üben sie bitte an den Dummies, bevor sie auf einen menschlichen Probanden losgehen, ja? Handwerk ist Übung, Übung, Übung.« In diesem Moment verstummte die Geräuschkulisse. Röhrmann begann zu vergessen und sich leer zu fühlen. Die Ohren sausten ihm, als spielte sein Kreislauf verrückt. Schlafen würde ihm jetzt guttun, dachte er.

»Wir haben schon ein bisschen Angst um sie gehabt!« Ein freundliches Gesicht blickte ihn an und Röhrmann erinnerte sich. Er war in der Mittagspause zum Zahnarzt gegangen; die jährliche Vorsorge. Eine regelmäßige Tiefenreinigung, und sein Zahnfleisch bestand jeden Apfeltest. Langsam richtete er sich auf. »In einem halben Jahr kommen sie wieder, wir haben da eine Wurzel, die wir im Auge behalten müssen. Lassen sie sich vorne einen Termin geben.« Röhrmann verabschiedete sich und ging mit leichten Kopfschmerzen zur Rezeption. Mit jedem Schritt war ihm besser, sein Tritt wurde sicherer und seine Stimmung hob sich. Als er im Praxisvorraum stand, hatte er einen Impuls. Die neue, auszubildende Arzthelferin an der Terminausgabe war nicht ganz bei der Sache und schien etwas bedrückt zu sein. Liebeskummer, dachte er, pflückte eine Blume aus dem Gebinde, das auf dem Tresen stand, und reichte sie ihr. Sie fasste ihn am Handgelenk, zog ihn zu sich herunter, ließ ihn dann wieder los, als hätte sie sich anders besonnen, und fummelte ihm den Terminzettel in die Hand. Ihre Augen waren auf den Computerbildschirm gerichtet. Er sagte leise: »Verschlafen sie das Leben nicht, junge Frau.« Sie kniff die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf. Dann wandte sie sich ab.

Letzte Aktualisierung: 25.02.2014 - 19.31 Uhr
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