Der himmelblaue Schmengeling
Der himmelblaue Schmengeling
Glück ist für jeden etwas anderes. Unter der Herausgeberschaft von Katharina Joanowitsch versuchen unsere Autoren 33 Annäherungen an diesen schwierigen Begriff.
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Verschlafen | Februar 2014
Ein ganz besonderer Heiliger
von Wolf Awert

„Nun mein Guter, dann erzählen Sie uns doch mal, wie es Ihnen gelungen ist, diese – äh …“, der Bischof suchte nach einem Ausdruck für eine Sache, die sein Bistum für mehr als zwei Jahre umgetrieben hatte, ohne ihr jetzt zum Ende noch eine unbeabsichtigte Dramatik zu geben, „… Unregelmäßigkeit im Glockenturm abzustellen.“

Bei dem Wort „Unregelmäßigkeit“ nickte der Generalvikar zufrieden vor sich hin, der Dechant rührte sich gar nicht, und die Pfarrer des Bistums, soweit anwesend, schauten sich an, als hätten sie sich verhört. Nur einer hielt sich nicht an die bischöfliche Wortwahl.

„Ha“, rief ein kleiner rundlicher Mann mit Brille und abgewetztem Werkkittel aus. „Was der hochwürdigste Herr da als Unregelmäßigkeit bezeichnet, war in den Augen meines Pfarrers gleich eine Beleidigung des ganzen Kirchspiels, eine Schande für die Pfarrei und eine Blamage der gesamten katholischen Kirche. Und mir warf er vor, morgens zu spät aufzustehen und die Glocken nicht pünktlich zu läuten. Was für ein Unsinn. Ich bin doch kein Glöckner nicht. Noch nicht einmal Unterdiakon. Ich bin nur jemand, der bei der Predigt aushilft, wenn unser Herr Pfarrer in die Nachbargemeinde muss, weil dort die Pfarrstelle immer noch nicht besetzt ist. Und außerdem. Glöckner gibt’s gar nicht mehr. Das machen auch bei uns längst Uhrwerke.“

„Ist ja gut.“ Der Bischof versuchte, auf der einen Seite den aufgeregten Mann zu beruhigen, und besänftigte mit einer Geste zur anderen Seite den Gemeindepfarrer, dessen zuckendes Gesicht deutlich machte, dass er unbedingt zu sprechen wünsche, denn er wollte vor seinem Bischof nicht eingestehen, einem altgedienten Mitglied der Gemeinde solche Vorhaltungen gemacht zu haben.
„Ich glaube, am besten ist es, Sie erzählen uns einfach alles schön der Reihe nach. Wie war es denn jetzt genau?“, fragte der Bischof.

„Die Glocken schlugen manchmal zu spät. Vor allem zur Frühmesse. Morgens um sieben. Bis manchmal um eine halbe Stunde hinter der Zeit riefen sie die Gläubigen. Aber manchmal, manchmal …“, und jetzt machte der kleine Mann eine Handbewegung, als ließe ein Illusionist auf einer schwarzen Bühne alles Licht verschwinden, „… manchmal eben auch nicht.“

„Ein Wackelkontakt in der Elektrik, ohne Zweifel“, schlug der Dechant vor, der vor seiner Berufung einmal vorgehabt hatte, Ingenieurwissenschaften zu studieren.

„Hab ich auch gedacht. Zuerst.“ Der kleine Mann warf sich in die Brust. „Bis ich feststellen konnte, dass die Glocken immer dann ihre Pflicht versäumten, wenn der Nordostwind blies. Und wenn die Nächte sternenklar waren. So ging das bis zum Frühjahr.“

„Merkwürdig. Wirklich merkwürdig. Und was war im Frühjahr?“

Der kleine Mann warf seine Stirn in Falten, die einem Rüschenkragen Ehre eingelegt hätten, schwieg für einen Moment und sagte dann:
„Nichts.“
Er genoss den Augenblick der Verblüffung, bevor er fortfuhr.
„Es ging erst wieder im Sommer los. Zunächst nur hin und wieder, dann immer häufiger. Aber nie bei Regen. Oder besser gesagt, gerade bei Regen.“

„Ja, was denn nun? Schwiegen die Glocken bei Regen oder nicht?“
Es war die Ungeduld, die den Dechant vorpreschen ließ.

„Bei viel Sonnenschein, und bei Gewitterschauern. Nicht bei bedecktem Himmel und auch nicht bei Landregen.“

Die hohen Herren schauten ratlos in die Runde.
„Ein Wetterphänomen?“, wunderte sich der Bischof. „Aber wenn das stimmt, dann ist es ein äußerst merkwürdiges Phänomen. Wer könnte uns da beraten? Das Wetteramt? Oder ein Bauingenieur? Vielleicht auch ein Architekt?“

„Der Herr Pfarrer schlug vor, ich sollte die Glocken mal den ganzen Tag beobachten, aber dann, wenn sie anfingen zu läuten, schnell verschwinden, weil das ja so auf die Ohren ginge. Aber ich hatte tagsüber zu arbeiten. Also legte ich mich jeden Morgen um sechs Uhr auf die Lauer. Und da sah ich ihn.“

Der kleine Mann blickte triumphierend hoch und ließ seinen Blick von einem zum anderen wandern, um sich auch sicher zu sein, dass jeder die Bedeutsamkeit seiner Beobachtung würdigte. Er sagte kein weiteres Wort und ließ die Erwartungen steigen, bis dem Dechant der Geduldsfaden riss.
„Ja, wen denn? Lassen Sie sich doch nicht alles aus der Nase herausziehen.“
Der kleine Mann räusperte sich, senkte die Stimme und flüsterte: „Den Geist.“

Ein Gemurmel füllte den Raum, das immer lauter wurde. Dazwischen einzelne Ausrufe wie „das habe ich mir gedacht“ oder ein spöttisches Auflachen. Der Bischof runzelte die Stirn. Ihm gefiel die Sache mit dem Geist immer weniger. Geister bedeuteten Ärger, Zweifel und vor allem öffentliche Aufmerksamkeit an der falschen Stelle. Er wollte schon etwas sagen, als ihm wieder einfiel, dass die Glocken ja wieder störungsfrei läuteten, und so bat er um Ruhe, damit der Hilfsprediger seine Geschichte beenden konnte.

„Der Geist saß auf dem Uhrwerk. Seine weiße Gestalt verschwand da, wo seine Füße hätten sein müssen. In dem Schaltkasten. Und seine Hände drückten auf die Kabel.“

„Seit wann hat ein Geist Füße?“ Eine Zwischenfrage, die der Bischof ebenfalls abwinkte.
„Weiter“, sagte er nur.

„Ich bin zum Pfarrer. Aber der hat mich nicht ernst genommen und mir vorgeschlagen, ich möchte doch, bitte schön, den Geist einfach vertreiben. Bin ich denn ein Exorzist?“

Der Pfarrer schüttelte energisch mit dem Kopf, aber der Generalvikar auf der anderen Seite der Runde signalisierte eine Frage.
„Was mich interessiert“, fragte der Generalvikar, „ist, warum der Geist auf der Uhr saß. Hat er denn keine Auskunft erteilt?“

Der kleine Mann stutzte einen Augenblick.
„Er meinte, das Dach müsse ausgebessert werden. Im Winter pfiffe da der Wind durch, und er würde frieren. Im Sommer würde es ihm viel zu heiß, weil die Isolierung fehle. Und bei Regen würde er nass. Bei starkem Regen, wenn die Windböen das Wasser in den Glockenturm treiben. Das habe ich auch dem Pfarrer berichtet. Aber der hat mich ausgelacht. Für Reparaturen sei kein Geld da, sagte er mir. Sah ich ja auch ein, aber erzählen Sie das mal einem Geist.“

„Ja, Geister haben ihren eigenen Kopf. Vor allem, wenn sie in Glockentürmen hausen“, sagte der Bischof mit todernstem Gesicht, und der Generalvikar wusste jetzt nicht, ob ein Lachen angebracht war oder ob er damit eine Grenze überschritt.

„Exorzieren konnte ich ihn nicht“, sagte der kleine Mann. „Dafür habe ich keine Ausbildung. Deshalb habe ich ihm die Meinung gegeigt und ihm gesagt, dass, wenn schon nicht ich, dann die Heiligen der Kirche ihn vertreiben würden.
„Und das ist ihnen wohl auch gelungen, denn die Glocken läuten ja wieder pünktlich.“

„Ja, hochwürdigster Herr, aber so einfach war es dann doch nicht, denn der Geist lachte mich nur aus und erklärte mir, dass auch die Heiligen alle einmal eine Sünde begangen hätten, er alle diese Sünde kennen würde, und dass die Heiligen ihm deshalb gegenüber machtlos seien.
Da habe ich ihm gesagt, dass er ein Dummkopf wäre. Und gefragt, ob er denn nicht wüsste, dass unser Ort unter dem Schutz eines ganz besonderen Heiligen stände. Und ihm in unserem Ort vor allem die Kirche wichtig wäre. Und in der Kirche wären es wiederum die Glocken, um die er sich kümmerte. ‚Dieser Heiliger hat nie eine Sünde begangen. Es ist also besser, du verhältst dich ruhig. Sonst werde ich ihn anrufen und alles in seine Hände legen.’
Da wurde der Geist erst unruhig und dann nachdenklich, und ich glaubte schon, ich hätte gewonnen, doch dann sagte er zu mir: ‚Du bluffst! Einen solchen Heiligen gibt es nicht.’
Da fiel mir nichts mehr ein. Und in meiner Verzweiflung schaute ich nach oben in den Himmel über den Glocken und dem Kirchendach und rief: ‚Heiliger Bimbam, was soll ich nur machen?’
Na ja, und von da ab war wieder Ruhe im Karton.“

Letzte Aktualisierung: 19.02.2014 - 21.23 Uhr
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