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Verschlafen | Februar 2014
Tour de Force
von Klaus Freise

Als ich aufwachte und auf dem Display meines Weckers nur noch das alarmierend blinkende Batteriesymbol sah, schoss mein Blutdruck schlagartig in die Höhe. Mein Gehirn schaltete um auf Schnappatmung und kleine Schweißperlen bildeten sich in Sekunden auf meiner Stirn. Von Tiefschlaf auf Volldampf in fünf Sekunden. Laut Geo-Magazin bei meinem Hausarzt haben wir diesen Panikreflex von den Mammutjägern übernommen. Ich stürzte ins Badezimmer, wobei mir ein Blick auf die Uhr mit dem Hinweis auf acht Uhr fünfundvierzig einen Schauer über den Rücken jagte. Gerade als ich Socken und Unterhose angezogen hatte, klingelte unten im Wohnzimmer das Telefon. Immer noch vom Panikreflex meiner Vorfahren getrieben, lief ich die Treppe hinunter. Wie ungünstig die Kombination aus Baumwollsocken und glatter Holztreppe war, erfuhr ich dann auch noch. Spärlich bekleidet drehte ich einen Salto, der selbst Bruce Willis wehgetan hätte. Mit Rücken, Ellenbogen und Hinterkopf knallte ich auf unnachgiebiges Buchenholz. Gerade als die Sterne vor meinen Augen verschwanden, verstummte auch das Klingeln. Benommen und mit starken Schmerzen im linken Ellenbogen taumelte ich zum Apparat, um in der Firma anzurufen. Dem Tagesbeginn entsprechend war nach dem zweiten Klingeln mein Chef dran. Normalerweise braucht er immer eine gewisse Vorlaufphase, um sich in Rage zu reden. Meist fielen dann Begriffe wie: „…Enttäuschung über mangelnde Arbeitseinstellung…fehlende Disziplin…Überforderung, durch die an mich gestellten Aufgaben…mangelnde Wertschätzung gegenüber dem Arbeitgeber…bla…bla…bla.“ Diesmal jedoch übersprang er den sich steigernden Teil und war sofort auf hundertachtzig.
Ob ich die Präsentation um halb neun verpennt hätte und ihn vor der japanischen Delegation, die doch extra aus Yokohama eingeflogen war, bloßstellen wolle, bellte er in den Apparat. Unglücklicherweise nutzte ich die Atempause in seinem Vortrag nicht sofort für eine passende Rechtfertigung. Im weiteren Verlauf seines Monologes über Konsequenzen für Firma, Kunden und einen ausgewählten Mitarbeiter ließ er doch erhebliche Zweifel an einer weiteren Fortführung meines Arbeitsverhältnisses durchblicken. Kurzum, ich war bescheuert und gefeuert.
Reichlich konsterniert steuerte ich körperlich und zunehmend auch seelisch gebrochen wieder die Treppe an, um mich vollständig anzukleiden. Da klingelte das Telefon erneut. Ich wendete auf dem Treppenabsatz. Dabei keimte in mir die Hoffnung, mein cholerischer Chef hätte sich besonnen und würde meine Kündigung zurücknehmen, mit Begriffen wie: „…im Eifer des Gefechts,…möglicherweise überreagiert,…Kontenance verloren,…darüber könne man doch reden…“
Aber die Stimme meiner Ex-Frau machte diese hauchdünne Option sofort zunichte. Ich sollte gefälligst das dämliche Haus verkaufen, um sie auszuzahlen, und über das Ferienhaus auf Sylt bräuchte ich gar nicht zu diskutieren. Ein entsprechendes Schreiben hätte ihr Anwalt meinem Anwalt bereits zugestellt und den Mercedes SLK könnte ich mir gleich abschminken, schließlich hätte sie ein Recht auf ein Auto, um zwischen Anwalt und ihrem Elternhaus in Blankenese zu pendeln. Mit dem Hinweis, sie könnte sich den Mercedes sonst wohin stecken, legte ich auf.
Ich starrte benommen auf das Telefon und warf es resigniert auf das Sofa. Dann ging ich in die Küche, wo ich geistesabwesend den Kühlschrank öffnete und eine angebrochene Flasche Sekt herausnahm. In einem Anfall tiefer innerlicher Zerrissenheit trank ich ein paar große Schlucke. Die Schmerzen zwangen mich zurück auf das Sofa. Ich dachte darüber nach, einen Krankenwagen zu bestellen. Mein linker Arm verweigerte jeden Versuch, sich beugen zu lassen. Gerade als sich der Gedanke über den Sinn des Lebens und dessen zeitiger Abbruch durch mein alkoholschwangeres Hirn arbeitete, klingelte es wieder. Von zunehmendem Fatalismus getragen, nahm ich auch dieses Gespräch entgegen. Es war mein Chef. Die Situation wäre doch ein wenig eskaliert und dann folgten Begriffe wie:
„…langjährige Zusammenarbeit…bestehendes Vertrauensverhältnis nicht zerstören wollen…bla…bla…bla.“ Doch mein Wille, den aktuellen Arbeitsplatz zu halten, war nur noch sehr schwach ausgeprägt. Also ließ ich meinen Frust in diesem hoffentlich letzten Telefonat voll zur Geltung kommen. Nachdem ich aufgelegt hatte, ging ich wieder in die Küche und trank den Rest der Flasche leer. Mit der festen Überzeugung, dass mein Kampf gegen den Rest der Welt jetzt doch prima im Fluss wäre, legte ich mich erneut aufs Sofa.
Wieder klingelte es. Ich griff nach dem Telefon, aber das Telefon klang anders.
Die Wohnungstür, jemand läutete Sturm, na großartig. Mühsam schleppte ich mich zu durch den Flur. Leider sah ich nicht durch den Türspion. Kaum hatte ich die Klinke gedrückt, kam das Grauen über mich.
"Sag mal, Junge, wie lange soll ich denn noch hier stehen? Wie läufst du denn rum? Hast du keine Hosen mehr? Ich hab deine Hemden mitgebracht. Du musst dir mal den Hals waschen, ich krieg die Kragen kaum sauber."
Sie stapfte an mir vorbei, hängte die Hemden ans Treppengeländer und stellte schnaufend einen Schnellkochtopf auf meinen Küchentisch.
"Mama, ich habe ... wir waren uns doch einig, kein Essen ..."
"Magst du jetzt kein Gulasch mehr?"
"Doch, aber ..."
"Na also. Wie sieht es denn hier aus? Hast du keinen Geschirrspüler?"
Langsam, aber sehr beständig, wurde mir schlecht.
"Doch, aber ich bin jetzt über vierzig und ..."
"Ach, und mit vierzig brauch man nicht mehr abwaschen?" Mit diesen Worten betrat sie das Wohnzimmer.
Als besondere Merkmal ihres Entsetzens, schlug sie die Hände vors Gesicht, was die Lautstärke ihrer Stimme aber nicht dämpfte.
"Ja wie sieht es denn hier aus? Kaum ist deine Frau aus dem Haus, geht es bei dir drunter und drüber." Sie war jetzt eindeutig auf hundertachtzig. Die verpasste zeitige Abnabelung von ihr schien mir als Thema für einen Abschiedsbrief geradezu prädestiniert.
Ich wollte mich gerade zur Toilette an ihr vorbei drängeln, um meiner Übelkeit ihren Lauf zu lassen, als es wieder an der Tür klingelte. Wenn das jetzt meine Ex oder ihr Anwalt war, könnte sich das Klo als letzter Zufluchtsort erweisen.
Trotzdem öffnete ich. Zwei junge Herren in Anzug und Krawatte mit Schultertasche und einer Zeitschrift in den Händen.
"Guten Tag, wir würden gerne mit Ihnen über Gott sprechen."
Obwohl in meinem verwirrten Hirn nicht mehr alle Synapsen im harmonischen Einklang zusammen arbeiteten, gelang es mir doch zu sagen:
"Einen Moment, bitte." Ich wendete mich zum Wohnzimmer.
"Mama, könntest du mal eben ..."


Klaus Freise Version 3

Letzte Aktualisierung: 24.02.2014 - 22.28 Uhr
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