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Verschlafen | Februar 2014
Woher die Stille?
von Daniela Gerlach

Der Himmel war so klar in dieser Nacht, dass man Sternschnuppen fallen sehen konnte. Und es war so ruhig in den schmalen Straßen, dass man sie vielleicht sogar hätte hören können.
Wahrscheinlich aber stand niemand draußen im Dunklen, um nach oben oder in eine andere Richtung zu blicken oder einfach nur zu lauschen. Es war wie fast immer hier, es bewegte sich nichts, es gab keine Geräusche, und wenn es sie gab, dann wurden sie wie von einem schalldichten Raum geschluckt. Sogar tagsüber war das so. Wenn jemand aus seiner Wohnung trat, um irgendwohin zu gehen, dann passierte das auf eine ruhige, unauffällige Weise. Selbst wenn der Bauer mit seinem Traktor aufs Feld fuhr, Autos und Lieferwagen verkehrten, oder ein Hund um die Ecke jagte, so glichen all diese Bewegungen doch eher einem Bild, in dem sie eingefroren waren, wie ein Innehalten oder ein Warten darauf, dass jemand sie zum Leben erweckte. 

Das Dorf zählte 475 Einwohner und lag etwa 10 Fahrminuten vom nächst größeren Ort entfernt. Wenn man sich ihm von der Bundesstraße her näherte, sah man den Bauernhof mit der großen Scheune dahinter und recht gemütlich wirkende Häuser, die sich an einen bewaldeten Hügel schmiegten. Vielleicht würde der eine oder andere einen Abstecher dorthin machen, oder sein Auto abstellen, um durch den Wald zu spazieren. Vielleicht, wenn jemand Ruhe suchte. Wenn jemand allein, an einem Ort sein wollte, an dem er noch nie war und Dinge tun wollte, die er noch nie getan hatte, weit weg von allem, was ihn umtrieb, belastete, bedrängte. Hier konnte man schlafen, wenn man wollte. 

Kleine Vorgärten zierten die Ein- und Zweifamilienhäuser mit überdachten Eingängen, an den Fenstern hingen straff die Gardinen und darunter wuchsen gleichfalls straff der Goldkugelkaktus oder der Bogenhanf empor. Alles war gepflegt, und diese Pflege der Fenster, blanken Stufen und Hecken ging geräuschlos und unbemerkt vor sich. Was getan werden musste, das wurde eben getan.
Geschäfte gab es nicht viele, aber alles Notwendige war vorhanden: die Filiale einer Backkette, die Metzgerei Bötzel, die bereits von der dritten Generation geführt wurde, Schreibwaren und Lotto Hummel, bei dem man auch verschiedene Werkzeuge und Gemischtwaren bekam, ein Supermarkt. Die meisten Bewohner hier kannten sich, nur wenige waren hergezogen, ehemalige Städter oder Leute, die in den umliegenden Orten arbeiteten.

Der Tag hatte wie immer begonnen. Um halb acht kam der alte Audi von Lenningers über die Hauptstraße, kurz darauf fuhr Frau Hummel ihre Kinder zur Schule, die gelben Tonnen standen auf den Bürgersteigen, denn heute war Donnerstag. Nur Frau Koch war schon um halb neun Uhr aus dem Haus gegangen. Sie hatte es eilig, blieb aber kurz bei ihren Nachbarn stehen, die dabei waren, den Birnbaum zu stutzen. Sie sprachen über den Winter, der wohl nicht mehr kommen würde dieses Jahr, und die alte Frau Bötzel, die so krank war. Dann ging sie weiter, den Einkaufsbeutel aus Stoff fest in der Hand, fest auch ihre weit ausholenden Schritte auf Kreppsohlen. Sie verschwand in der nächsten Seitenstraße links und kam erst Stunden später wieder zurück. 

Am Nachmittag fuhr ein Auto von der Bundesstraße ab und näherte sich langsam dem Dorf. Es fuhr weiter die Hauptstraße entlang und bog am Ortsrand in den Weg neben der Scheune ein. Etwa zwanzig Meter weiter, auf der gleichen Seite, stand ein Haus, das hin und wieder vermietet wurde. Hier hielt das Auto, und als der Motor abgestellt wurde, hörte sich das an, als hätte es eine lange Reise hinter sich. Es war keine Familie mit Kindern, die Ferien machen wollte, es waren drei Frauen, die ausstiegen. Eine von ihnen hatte einen Schlüssel und schloss die Tür auf, die anderen folgten ihr, sie hatten kein Gepäck dabei.

Der Wind weht manchmal tagelang, ohne dass man ihn bemerkt. Man gewöhnt sich an ihn. Er schlängelt sich um die Häuser und bläst inmitten der Stille. Diese Stille, woher kommt sie nur? Sternschnuppen fallen hinein, und niemand sieht sie, niemand hört sie. In jenem Haus neben der Scheune brennt Licht.

Fünf Tage vergingen, dann öffnete jemand die Tür. Sie war nicht abgeschlossen. In der kleinen Stube lagen drei Frauen, die sich mit Gas das Leben genommen hatten. Eine von ihnen war noch sehr jung, höchstens Anfang zwanzig, die anderen beiden hätten vom Alter her ihre Mütter sein können. Aber sie waren nicht verwandt, sie hatten sich nicht mal persönlich gekannt, bis zu ihrem Treffen an der Autobahnraststätte. Sie hatten über ein Internetforum Kontakt aufgenommen und sich verabredet. Verabredet zu einem stillen Tod.

„Was in so einem verschlafenen Dorf alles passieren kann“, sagten Leute, die davon hörten oder lasen.


V1, ©copyright by Daniela Gerlach, 2014
D. Gerlach: Woher die Stille 1 08.02.14

Letzte Aktualisierung: 08.02.2014 - 12.53 Uhr
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