Burgturm im Nebel
Burgturm im Nebel
"Was mögen sich im Laufe der Jahrhunderte hier schon für Geschichten abgespielt haben?" Nun, wir beantworten Ihnen diese Frage. In diesem Buch.
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Verschlafen | Februar 2014
Rose
von Martina Lange

"Bist du dir wirklich sicher, dass wir hier Staub wischen sollen?" Ayshe wandte sich zu ihrer Kollegin um, die mit Staubsauger und Feudel bewaffnet an ihr vorbei durch die Tür drängte.
"Na, klar! Der Chef hat gesagt: alles. Und es wird auch wirklich Zeit, wenn du mich fragst. Der alte 'Gobbe-Läng' hatte es wirklich nötig. Und jetzt sieh dir das an ... Die letzte Reinigungskolonne hat wahrscheinlich nur um den Wandbehang herum geputzt." Entrüstet stemmte Evi die Hände in ihre ausladende Hüften und sah sich kopfschüttelnd um.
Nach einiger Anstrengung war es den beiden Frauen gelungen den Gobelin von der rückwärtigen Wand des Ausstellungsraumes im Besucherzentrum Sababurg herunterzunehmen. Dahinter kam eine, über und über mit Staub bedeckte, leicht angelehnte Tür zum Vorschein. Evi stemmte ihre resoluten zweihundert Pfund dagegen und endlich gab das Holz knarrend nach.

Staub lag zentimeterdick auf den Möbeln, in den Mauerritzen und bedeckte flockig die Steinplatten. Spinnweben hüllten die Deckenbalken und ein Bett ein. Die Farbe der Vorhänge war nicht zu erkennen.
"Ich weiß nicht. Das sieht hier nicht wie ein Teil des Besucherzentrums aus." Ayshe stand noch immer unschlüssig an der Tür, während Evi bereits begonnen hatte, mit dem robusten Sauggerät den Boden und die Wände zu bearbeiten.
"Nu' steh da nicht so rum. Wir wollen heute noch fertigwerden. Nimm die Vorhänge ab, die müssen in die Reinigung." Während Evi ihre brüllende Gerätschaft hinter sich her zerrte, umrundete Ayshe langsam das riesige Himmelbett.
Die vier Vorhänge waren rundum geschlossen. Als sie einen zur Seite ziehen wollte, zerfiel der morsche Stoff zwischen ihren Fingern. Fetzen uralten Samtes hingen noch in den Befestigungsringen, während der Rest zu Boden rieselte. Ayshe wich vor dem Anblick, der sich ihr offenbarte, zurück. Der schreckerstickte Laut aus ihrer Kehle konnte das Brummen nicht übertönen. Sie tastete nach dem Kabel und zerrte daran. Endlich flog der Stecker aus der Dose nebenan.

"Ja zum Kuckuck ...!" Evi fuhr entrüstet herum und bedachte Ayshe, die noch immer das Kabel in der Hand hielt, mit einem finsteren Blick.
"Da ..", würgte die junge Türkin hervor und deutete endlich auf das Bett.
Evi stieß einen unwillig schnaubenden Laut aus und begab sich an Ayshes Seite. Nun nahm ihr Gesicht die Farbe des Staubes an.
"Ach du heilige ...", erstarb der Rest des Ausrufs. "Los, raus hier!"


"Was treiben Sie dort?" Die Historikerin des Museums, Bella Prinz, stand entrüstet vor dem nachlässig zusammengelegten, wertvollen Wandteppich. Ein Gobelin aus dem frühen Mittelalter, auf welchem dreizehn weise Frauen dargestellt waren, und der eigentlich die rückwärtige Wand des Ausstellungsraumes bedeckte. Zu der scharfen Zurechtweisung, die sie sich bereitgelegt hatte, kam es jedoch nicht. Zwei Reinigungskräfte stürzten beinah panisch durch einen Türbogen hinter einem der Schaukästen. Nur stolpernd kamen die Frauen, durch den Gobelin zu ihren Füßen aufgehalten, Bella gegenüber zum stehen.

"Wir ... Das müssen Sie sich ansehen. Bitte, kommen Sie!", drängte Evi und die Erleichterung auf eine Verantwortliche getroffen zu sein, war ihr deutlich anzuhören.
"Nö, ich geh da nicht mehr rein!" Ayshe wich entsetzt zurück.
"Wovon sprechen Sie eigentlich?"
"Na, der Raum. Hinter dem 'Gobbe-Läng' ..." Evi deutete zur weit offen stehenden Tür. Die Historikerin sah zweifelnd von einer Putzfrau zur anderen.
"Dort gibt es keinen Raum", beharrte Bella. Schließlich kannte sie die Pläne der Burg genau und in diesem restaurierten, nicht ausgebrannten Teil des Gemäuers, war jeder Zentimeter genauestens von ihren Vorgängern und von ihr selbst untersucht worden. Oder gab es Lücken in der Aufzeichnung?

Evi zog die Augenbrauen hoch. "Na, aber doch! Sehen Sie nur. Und dann ... auf dem Bett. Uh, es ist so gruselig. Wir sollten die Polizei rufen, oder ... Na, wenn das allerdings wieder so ein Trick sein soll, um noch mehr Gäste in die Burg zu locken, ich weiß nicht. So etwas würde ich mir nicht freiwillig ansehen wollen." Sie verschränkte ihre Arme vor der Brust. Mit der wiedergefundenen Fassung kehrte auch die Farbe in ihr Gesicht zurück.

Eindeutig war dort eine kleine Kammer. Licht schien diffus durch ein sehr hoch sitzendes, winziges Fenster, beinah schon auf Deckenhöhe. Sehr ungewöhnlich. Vielleicht eine Schießscharte? Bella räusperte sich.
"Ich werde es mir ansehen. Bitte machen Sie erst einmal eine Pause, wir sprechen uns später noch einmal, wenn ich den Direktor informiert habe."
Evi fasste die erstarrte Ayshe am Kittel und zog sie mit sich zur Cafeteria. "Komm schon, wir machen später weiter."

Bella trat unter den Türbogen. Nein, das hier war eindeutig keine neue Strategie, um Besucherzahlen zu erhöhen. Diese Schlafkammer war echt, das sah sie auf den ersten Blick. Hoffentlich hatten die beiden keine historisch wichtigen Details zerstört.
Das herrlich gearbeitete Himmelbett fing ihren Blick ein. Eilig zog sie die weißen Handschuhe aus ihrer Hosentasche, die sie als notwendige Ausrüstung immer bei sich hatte, und streifte sie über. Die kostbaren alten Folianten des Burgarchivs verziehen es nicht, wenn sie mit feuchten Fingern in Berührung kamen.
Vorsichtig strich Bella über einen der gedrechselten Pfosten. Kirschholz kam unter dem Staub zum Vorschein. Sie sah sich um. Man konnte genau erkennen, bis zu welcher Stelle die Putzaktion vorangekommen war. Aufgewirbelte Staubflocken tanzten über einer eisenbeschlagenen Truhe und ließen sich auf einem hochlehnigen Stuhl nieder. Daneben stand ganz und gar verhüllt von Spinnenseide ein Spinnrad.
Unter Bellas Haut begann es zu kribbeln. So ein Unfug! Sie lebte im einundzwanzigsten Jahrhundert und hier wurden Märchen nicht unversehens zur Realität, selbst wenn sie in der Burg arbeitete, die als Ursprungsort desselben galt. Trotzdem sah sie sich verstohlen nach der Spindel um, konnte sie aber nicht entdecken. Nun, vielleicht war sie vom Staub verschluckt worden.
Langsam näherte sich Bella dem Bett von der Seite, auf welcher ein Teil des Vorhanges heruntergerissen war. Die Härchen auf ihren Armen stellten sich auf. Bis hinauf zu ihrer Kopfhaut. Und sie schluckte trocken. Es war nicht verwunderlich, dass die beiden Frauen zuvor so schockiert gewesen waren.

Die Zeit stand still. Der Staub hörte auf zu tanzen, verharrte regungslos in der Luft und Bella hielt den Atem an.
Unter einem feinen Gespinst aus Gaze und Staub lag ein Körper. In Burgen war es durchaus üblich gewesen, dass ein Mörder sein Opfer hinter geheimen Türen oder Mauern verschwinden ließ. Wenn sich hier etwas Ähnliches ereignet hatte, so war das vor sehr, sehr langer Zeit geschehen.
Bella wappnete sich davor, in das Gesicht einer mumifizierten, hoffentlich reichlich alten, Leiche zu blicken. Die Aussicht auf die Schlagzeilen in den Tageszeitungen und den anschließenden Besucherstrom, der ihren Arbeitsplatz sichern würde, gab ihr Mut.

Bella streckte die Hand aus. Ihre Finger zitterten leicht, als sie nach dem Gewebe griff und es langsam vom Gesicht der Frau zog.
Ein Antlitz, frisch wie ein Frühlingsmorgen, strahlte ihr entgegen. Die Wangen, rosig überhaucht vom tiefen Schlaf, auf welche lange dunkle Wimpern zarte Schatten zeichneten. Das edle Haupt, umschmeichelt von goldenem Lockengewirr. Der Anblick nahm Bella gefangen und rauschte durch ihre Adern wie junger Apfelwein.

Das konnte nicht sein! Bella riss die Hand zurück. Nachdem sie qualvolle Minuten damit verbracht hatte, ihren Verstand wieder unter Kontrolle zu bringen, siegte die Neugierde. Vorsichtig trat sie erneut an die Schlafstätte. Mit dem Fuß stieß sie an einen Gegenstand. Bella bückte sich und fand die Spindel unter dem Bettrock. Sie lag genau an jener Stelle, wohin sie aus der erschlafften Hand der wunderschönen Frau gefallen war.
Bella presste die Spindel an ihre Brust. Ein Knistern erfüllte die Luft. Sie fühlte sich sonderbar losgelöst, als wäre sie aus der Zeit herausgetreten. Ergriffen schloss sie kurz die Augen. Alles war genauso, wie sie es in einem der alten Folianten gelesen hatte. Sie war sich nun sicher, was zu tun war, und dass sie es nicht verhindern wollte. Zu allem entschlossen beugte sie sich vor.
Ein zarter Duft nach kandierten Rosenblättern umschmeichelte sie, als Bellas Lippen den Mund der jungen Frau berührten. Ein Seufzen schwang durch die Vorhänge und von fern vernahm Bella die Erlösung versprechende Prophezeiung der zwölften Weisen Frau:
"Der wahren Liebe erster Kuss wird den Fluch der dreizehnten weisen Frau brechen und Rose wird wieder erwachen." Rose seufzte leise und reckte sich.

Letzte Aktualisierung: 08.02.2014 - 12.41 Uhr
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