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Schmelzpunkt(e) | März 2014
Alles eine Frage der Perspektive
von Susanne Ruitenberg

Drew wusste gleich beim Aufwachen, dass etwas nicht stimmte. Nassgeschwitzt aufzuwachen, daran war er nach drei Jahren auf diesem Geröllhaufen gewöhnt. Heute jedoch fühlte es sich an, als wolle jemand Miner City garen. Fluchend ließ er sich von seiner Koje gleiten und stürzte den Rest seines Wassers hinunter. Es schmeckte abgestanden, aber es war seine letzte Flasche. Neues gab es erst morgen. Die Außenposten im Asteroidengürtel bekamen immer als Letzte etwas geliefert, dazu waren sie zu weit ab vom Schuss.
Er hatte gerade die Dusche betreten, als jemand wild an die Tür seines Wohncontainers hämmerte. Drew beschloss, dass der Anklopfende die dreißig Sekunden warten konnte, bis das Programm „Benetzen – Trocknen“ abgelaufen war – mehr stand ihm als Minenarbeiter Klasse Z nicht zu.
Ein altes Handtuch um die Hüften gewickelt, öffnete er wenig später die Tür. Sein Kollege Brand stand da, hochroter Kopf, schweißnass. Ein Schwall heißer, trockener Luft begleitete ihn, als er mit einem großen Schritt den Container betrat und die Tür zuknallte. „Hast du heute schon nach draußen gesehen?“, fragte er anstelle einer Begrüßung.
„Nein, wieso?“
Brand wischte sich mit einem Stofftaschentuch, das mittlere Museumsreife aufwies, über seine glänzende Stirn. „Sieh dir das an“, rief er, und hämmerte auf den Touchscreen neben der Fensterluke. Mit einem ratternden Geräusch floh die Jalousie in den dafür vorgesehenen Hohlraum und Drew trat verwundert an die Luke. „Was zum ...“
Statt des beigefarbenen Himmels, an dessen Anblick er sich nie gewöhnt hatte, erwartete ihn feuriges Glutrot. Als hätte jemand Grillanzünder in die Luft gestäubt und ein Streichholz hochgeworfen.
Überall standen Arbeiter zwischen den Containern, gestikulierten wild.
„Achtung, Achtung. Wichtige Durchsage. Die Außentemperatur ist soeben über fünfundvierzig Grad gestiegen. Verlassen Sie die Container und Walkways. Versammlung in der Halle“, ertönte es aus dem Lautsprecher über der Tür. Drew schlüpfte in seinen Overall. „Mist. So schaffen wir unser Pensum nie.“ Dabei hatte er eine Doppelschicht geplant für heute. Mehr Erz, mehr Geld. Mehr Geld, mehr Chance, diesen verdammten Asteroiden irgendwann verlassen und zur Erde zurückkehren zu können.
Als sie nach draußen traten, schnappte er nach Luft. Die Atmosphäre auf diesem Felsklotz war schon zu besten Zeiten ungenießbar – geringerer Sauerstoffgehalt als auf der Erde, dafür jede Menge übelriechende Gase und Staubpartikel. Heute jedoch fühlte es sich an, als inhaliere er eine Portion frisch explodierter Lava.
Sie reihten sich in den Strom der Kollegen ein, die zur Halle eilten. Viele hielten sich Stofffetzen vor das Gesicht.
Die Halle füllte sich schnell und die anfangs angenehme Temperatur heizte sich bald auf. Immer mehr Menschen drängten hinein, ein Robo verteilte Wasser und Nährpacks.
Eine Gruppe nervös wirkender Execs von der Delta Mines Corp, der alles hier gehörte, standen in der Ecke und redeten, so wie es aussah, alle gleichzeitig aufeinander ein.
Kein gutes Zeichen.
Drew fuhr sich mit beiden Händen durch das schweißnasse Haar. Es wurde immer heißer und er bekam kaum noch Luft.
Techniker stoben wie aufgescheuchte Hühner durch die Halle und hämmerten wild an allen möglichen Reglern herum - vergeblich.
„Was ist hier los?“, rief jemand. Als wäre das ein Signal, riefen alle durcheinander. Eine Handvoll Männer raste Richtung Ausgang. Einer fasste an die Tür und zog seine Hand sofort mit einem Aufschrei zurück. Die Hitze ließ die Luft flimmern, irgendwo musste etwas angekokelt sein, es stank verbrannt und Rauschwaden zogen durch die Luft. Drew ließ sich zu Boden sinken. „Au!“ Er sprang wieder auf und schüttelte seine Hand. Entsetzt sah er, dass die Sohlen seiner Stiefel schwarze Spuren hinterließen. Er schmolz!
Danach brach das Chaos aus. Schreiend rannten die Männer durcheinander, viele sanken zu Boden, hustend, röchelnd. Drews Kopf schien zu bersten. Er schleppte sich zu einem qualmenden Stuhl und ließ sich darauf sinken.
Kurz bevor die Halle sich in ein Flammenmeer verwandelte, verließ ihn das Bewusstsein.

* * *

Die fünf Anwärter bildeten einen Kreis um den Glaskasten. Alle zehn Augenpaare folgten Master Torks blaugeschuppter Hand mit dem Flammer. „Haltet die Messgeräte bereit. Wir überprüfen jetzt, ob die Gesteinskugel A15 nach zehn Minuten schmilzt, wie ihr gestern ausgerechnet habt.“
„Und dann?“, wollte Tilu wissen.
„Dann protokolliert ihr das Ganze. Und als nächstes“, er deutete auf eine andere Kugel, „als nächstes errechnet ihr den Schmelzpunkt für die kleine blauweiße dort hinten.“


©Susanne Ruitenberg
Version 2

Letzte Aktualisierung: 27.03.2014 - 17.39 Uhr
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