Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Schmelzpunkt(e) | März 2014
Der Versuch idealer Viskosität im Süden Englands
von Robert Pfeffer

Es sollte ein spannender Tag werden in Athelhampton Court. Einer, wie ihn die über vierhundertjährige Geschichte des Hauses noch nicht erlebt hatte. Hoher Besuch stand auf dem Plan, wenngleich er ganz und gar bürgerlich sein würde. Doch selbst Bethany und Finley ritt hin und wieder eine Anwandlung, moderner zu sein, als es die ergraute Gemeinschaft in und um Puddletown gewöhnlich zu sein pflegte. Im Dorf nahe des Landsitzes ging man nicht mit der Zeit, eher langsam am Stock. Die Überalterung des Städtchens nahm bedrohliche Formen an und es gab Etliche, die nicht nur den Kern des Ortes historisch nannten, sondern auch alle, die sich in ihm bewegten.

An einem frühherbstlichen Tag des vergangenen Jahres schien Finley Baxter Theodor Heathermore, seines Zeichens Duke of Dorset, der akzeptable Zeitpunkt, seine Gattin von den Plänen für die Zukunft zu unterrichten. Entgegen der sonst unverhandelbaren Gewohnheit, den Tee im oberen Erkerzimmer einzunehmen, von dem aus man trotz seines begrenzten Platzangebotes einen die Seele erheiternden Blick über die Wipfel des Puddletown Forrest genoss, richtete er die Zeremonie im Vorraum der Bibliothek ein. Und das aus gutem Grund. Es gab nahezu nichts, was der Duke ohne einen solchen tat, außer vielleicht dem Legen einer Patience dann und wann, wenn durch unachtsame Tagesplanung noch eine Viertelstunde Zeit war, bevor er zu Bett ging.
Bethany Amber Darcy Heathermore, Duchess of Dorset, machte ihren zarten Unwillen ob der Ortsveränderung für den Tee mit einem schnellen Lidschlag deutlich. Sie suchte, die kritische Situation analysierend, den Raum ab, als aus dem Untergeschoss die Stimme ihres Gatten hinauf klang, der sie wieder hinabbat.

Mit einer Mischung aus Rücksichtnahme und Bestimmtheit weihte er sie in sein Vorhaben ein, versuchte, ihr den Gedanken schmackhaft zu machen, so wie sich ein Trüffel dezent und doch mit Nachdruck unter den Gaumen schmiegt. An einer Stelle seines Vortrages setzte sie empört die Tasse ab, holte so viel Luft, wie es gerade noch als damenhaft galt, wartete gleichwohl einen Moment und sammelte die passenden Worte: „Finley, du versteigst dich da in etwas, das mir so sinnlos scheint, wie es ohne Erfolgsaussicht ist, einem Ferkel das Lesen beizubringen! Eine Esskultur entsteht nicht dadurch, dass man Speiseabfälle im Trog gratiniert!“

Der Winter blieb auch im Süden Englands ungewöhnlich mild und der Duke unternahm mit Cromwell, einem Havaneser, nicht minder ungewöhnlich oft und lange Spaziergänge. Dieses Exemplar Hund war so eigenwillig, dass er seinen Namen nach nur drei Monaten in Athelhampton Court einbüßte und von Fitzroy nicht einmal in Oliver umgetauft wurde, sondern gleich dessen Nachnamen erhielt. Die Duchess beobachtete häufiger beim Blick aus dem Fenster, wie ihr Gemahl noch auf dem Hofgelände mit einem jener neumodischen Geräte zu telefonieren begann, dessen Anschaffung sie für vollkommen unnötig befand. Doch Finley schien über Wochen außerhalb der herzoglichen Mauern vorzubereiten, was heute seinen Abschluss am ersten echten Frühlingstag des Jahres finden sollte.

„Bethany“, wandte er sich ihr zu, „wir bekommen Besuch vom Vertreter einer großen Firma. Um ihn stilvoll zu empfangen, habe ich im Vorraum der Bibliothek eine Versuchsanordnung aufbauen lassen. Ich hielt es für ratsam, die Umgebung für die Präsentation ein wenig einschüchternder zu wählen. Dies wird den Aspekt höchster Qualität noch stärker pointieren.“
Er hakte sie ein und führte sie durch die Lobby in das angekündigte Zimmer. Die Herzogin blieb auf der Schwelle wie angewurzelt stehen, starrte erst eine Weile in den Raum und dann in Richtung ihres Gatten.
„Grundgütiger! Du hast deiner Ankündigung wahrlich Taten folgen lassen!“
Vor ihr stand ein elektrisch betriebener Herd, was angesichts des zur Seite verlaufenden Kabels nicht zu leugnen, aber wegen der Tradition des Kochens mit Holzkohle im Herrscherhaus geradezu frevelhaft war. Eine einzige Platte hatte das Gerät, rechteckig und schwarz, sah überdies schon mehrfach benutzt und nur unvollständig gereinigt aus, jedenfalls für die gestrengen Augen der Herzogin. Rechts neben der Kochfläche war auf Rollen eine Anrichte platziert, auf der in einer Schale Rötliches auf seinen Einsatz wartete. Eine Pfeffermühle, ein Salzstreuer sowie drei Blöcke Käse und ein Hobel für jenen füllten den Rest vom Tisch. Und über allem schwebte ein grauer, fingerdicker Draht, der sich, je länger sie hinschaute, orangerot färbte.
„Hier, Liebste“, nickte er erwartungsfroh, „das Hackfleisch, nur von besten Rindern, versteht sich, verfeinert mit Zwiebeln und allerlei anderen Ingredienzen, wird auf dem Herd gebraten. Danach kommt das Entscheidende für meine Präsentation, der du hoffentlich beiwohnen möchtest.“
„Um keinen Preis werde ich mir dieses Schauspiel entgehen lassen. Ich hoffe nur, dass der Bratengeruch nicht in die Bücher nebenan zieht!“

Finley wollte ihr gerade versichern, dass er diese Gefahr durchaus bedacht hat, als der Butler die Ankunft der Gäste vermeldete. Der Herzog ließ bitten.
„Yo man, das ist mal ne stilechte Hütte. Man könnte glatt meinen, wir wären in England“, grinste Dave Burrell, blieb kurz in der Tür stehen, blickte einmal rund und lief dann mit ausgestrecktem Arm auf den Duke zu. In seinem Gefolge eine asiatische Barbie und ein grobschlächtig schreitender Hüne mit Händen, die für das Greifen einer Pfanne einen Stiel für entbehrlich hielten.
„Wir sind, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, in England, Sir“, machte Bethany darauf aufmerksam, dass sie nicht weniger eine Begrüßung erwartete. Die junge Frau und der Riese blieben hingegen einige Meter abseits und verfielen in eine Starre.
„Ich hab meine Managerin mitgebracht, Li Wang. Waschechte Schottin, wie man sieht, ey?“
Er zwinkerte. Auf eine Art, als habe er etwas sehr Unangenehmes zwischen Nase und Rachenraum sitzen. „Und der schmächtige kleine Kerl daneben ist unser britischer Küchenchef, Ron Kellerman.“ Der Angesprochene machte einen halben Schritt vorwärts, nickte kurz in den Raum, ohne dabei jemand anzusehen, und trat zurück in die Reihe.
Finley kontrollierte seinen Impuls, auch die anderen beiden zu begrüßen. Das war offenbar vonseiten seines Hauptgastes nicht vorgesehen.
„Teuerste“, wandte sich der Duke an seine Frau, „das ist Mister Burrell. Er ist der Chef Westeuropas für eine große amerikanische Gaststättenkette, wie man sie an Autobahnraststätten und in der Nähe von Bahnhöfen bevorzugt findet.“
„Restaurant, sagen wir, nicht wahr? Das wissen Sie doch“, zwinkert der Gast erneut. „Dann werfen Sie ruhig mal den Grill an, Fin“, kam Dave umgehend zur Sache. „Immer drauf auf die Brutzelplatte! Wann kommt der Knaller, den Sie versprachen?“
Bethany zog bei der vertraulichen Namensform ihres Gatten das Taschentuch, um die Empörung zu verbergen, und nahm es nun kurz zur Seite: „Knaller, Finley? Du versprichst Knaller?“
Der Duke formte aus dem Hackfleisch eine Scheibe und legte sie betont vorsichtig auf die Herdplatte.
„Ich versprach, Liebste, dem Herrn aus Amerika einen Clou. Möglich, dass er das etwas anders übersetzt hat.“ Er wandte sich zu Dave.
„Die revolutionäre Idee für die Steigerung Ihres Umsatzes auf dem britischen Markt, Mister Burell, die ich für Sie ersann, besteht im distinguierten Zusammenspiel biologisch erzeugten Rindfleischs mit gleichfalls hochwertigem Chesterkäse. Sie sehen hier einen weißen Cheshire, einen roten und einen geräucherten. Auf den blau geäderten habe ich mit Rücksicht auf die geschmackliche Strenge verzichtet.“
Er wendete die Fleischscheibe, griff den Käsehobel und schabte etwas von dem weißen Chester ab.
„Ich denke, dieser wird der Gängigste sein, aber Sie sollten anschließend auch mindestens den roten kosten.“
„Wenn es meine Zeit erlaubt, euer Durchlaucht“, tippte Dave mit dem Finger auf die Uhr. „Wie lange haben wir es denn noch bis zum Clou?“
„An dieser Stelle ist ein wenig Geduld gefragt, Mister Burrell. Die Heizschleife des Grills hängt exakt mit einem Fuß über der Herdplatte auf Optimalhöhe. Der Clou besteht dann im Schmelzpunkt des Käses! Nach einer Zeitspanne von etwa einer Minute und vierzig Sekunden hat er bei einer Ausgangsdicke der Scheibe von Nullkommadrei Inch seine Idealviskosität erreicht. Gerade so, als könne er binnen einer weiteren Minute genüsslich das Fleisch umschließen, weil die Schwerkraft ihm diesen Weg weist.“
Finley schnitt ein Stück für den Gast ab und reichte es auf einem kleinen Teller. Er selbst kostete ein anderes. „Welch ein Genuss, welch ein Duft, diese Aromen! Mister Burrell, es ist wie eine Operette aus Fleisch und Käse, nicht wahr?“
Der Buletten-König von Westeuropa verdrehte ebenso die Augen. „Das schmeckt ja ganz nett, aber ... soll Ron Ihnen mal zeigen, wie lange man bei uns dafür braucht?“
„Ich befürchte das Schlimmste, Theodor“, stieß Bethany hervor. Sie nutzte stets seinen dritten Namen, sofern sie plante, sich zurückzuziehen.
„Ok, lassen wir das“, beruhigte Dave. „Das Fleisch hat vierzig Sekunden von jeder Seite und der Käse“, er hielt eine quadratische, einfolierte Scheibe hoch, „hat elf! Dann ist alles fertig! Sie melden sich einfach, wenn Sie Ihre Operette in der Zeit schaffen, ey? Have a great day und danke für die Einladung.“

Im oberen Erkerzimmer stellte Bethany kurz darauf die Teetasse ab.
„Bei Gott, Finley, hast du das gesehen? Sie verarbeiten tatsächlich gelbes Plastik im Essen. Das nach elf Sekunden gar ist? Ich weiß wahrlich nicht, ob ich diesem Fortschritt gewachsen bin.“
„Ich muss mich, Liebste, für meine Idee tadeln. Ich glaubte doch wirklich, dass sie ein wenig Kultur in ihren scheußlichen Gaststätten vertragen könnten. Und dass ich ihn mit dem Geschmack und dem Duft überzeugen würde. Was denkst du darüber?“
„Nun, Finley, ich denke, in dreißig Sekunden können wir es schaffen. Darunter allerdings kaum.“
(Version 2)

Letzte Aktualisierung: 24.03.2014 - 22.48 Uhr
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