Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Schmelzpunkt(e) | März 2014
Niemand schlafe!
von Hajo Nitschke

Er hatte alles gewagt und alles gewonnen. Turandot, die keinem Mann gehören wollte, musste sich in die Eheschließung fügen. Doch Prinz Calaf war großmütig. Könnte sie bis Sonnenaufgang seinen Namen erraten, würde er sie entpflichten. So befahl sie, dass bei Todesstrafe niemand im Reich schlafen dürfe, sondern jedermann nach dem Namen zu suchen habe.

„Ähnelt das nicht dem Märchen vom Rumpelstilzchen?“, unterbrach ich mein Gegenüber.
Herr Van der Weide, ein ergrauter Herr in meinem Alter, seufzte:
„Lieber Freund, es ist leider kein Märchen. Diese Oper ist mein Schicksal. 'Niemand schlafe! Auch du, Prinzessin ...'“, er deklamierte Calafs Part, „'schau die Sterne, die beben vor Liebe und Hoffnung ...' Aber glauben Sie mir, es könnte genauso gut 'Auch du, Edelgard' heißen. 'Auf deinen Mund werd ich ihn nennen, wenn die Dämm'rung anbricht …'“ - Bitter lachte er auf. „Aber bis dahin lässt sie mich nicht schlafen. Unersättlich. Gibt erst Ruhe, wenn ich sie morgens küsse und ihr dabei meinen Namen sage.“ Er wirkte jetzt müde und eingefallen, rührte mit zitternder Hand in seiner Tasse und murmelte: „Helmut! - Wie oft ich ihr meinen Namen nennen musste, kann ich nicht mehr zählen.“

„Wie halten Sie das nur aus? Ich meine, wir sind doch beide nicht mehr die Jüngsten ...“
„Natürlich nehme ich diese ... dieses …“, er senkte die Stimme zu einem Flüstern, „... dieses Potenzmittel. Anders würde es schon lange nicht mehr funktionieren.“ Und nach einer Pause:
„Ich kann mich ihr nicht versagen. Sie würde das nicht verstehen und es mich spüren lassen. Das angenehme Leben, der Luxus, die Reisen, all das wäre für mich vorbei. Es ist die Strafe dafür, dass ich mich in jungen Jahren von Schönheit und Reichtum blenden ließ.“ Dann erzählte er mir seine Geschichte.

Edelgard Van der Weide war, gerade volljährig, durch eine Erbschaft über alle Maßen vermögend geworden. Inzwischen summierten sich Aktien, Fonds, Immobilien und Gold auf einen zweistelligen Millionenbetrag. Die einzige Erklärung, warum sie Helmut Felten erhörte, war dessen Gespür für ihr großes Geheimnis, das sie bis dahin noch jedem Bewerber verschwieg. Helmut war zwar ein Habenichts, aber damals ein attraktives Mannsbild, das „auszuprobieren“ sie nicht abgeneigt war. Bei einer gemeinsamen Spritztour, gerade als sie durch einen romantischen, einsamen Streckenabschnitt fuhren, erklang im Autoradio eine italienische Arie:

“Un bel di vedremo levarsi un fil di fumo sull' estremo confin del mare, e poi la nave appare ...'

In diesem Moment wurde Edelgard unruhig und bekam einen Schweißausbruch. Helmut hielt besorgt am Straßenrand, das Radio verstummte. Doch schlagartig normalisierte sich ihr Zustand und er zündete den Motor zur Weiterfahrt. Gleichzeitig erklang wieder die Arie, und sofort setzte Edelgards Unruhe wieder ein. Helmut wartete ab.

Bald registrierte er, dass ihr Busen aufwogte, dass sie, die zuvor vermeintlich Unnahbare, aufstöhnte und ihre Hand auf seinen Schenkel legte. Plötzlich presste sie sich an ihn, umschlang ihn mit beiden Armen. Ihr Mund kam näher. Sie war jetzt Cio-Cio-San, die arme Butterfly, die auf das Schiff am Horizont mit ihrem treulosen Leutnant gewartet hatte und diesen, abweichend vom Libretto, nun in die Arme schließt. Helmut erlebte die Verwandlung mit Erstaunen, ließ aber den Dingen gerne ihren Lauf. In diesem Alter brauchte man keine Potenzpillen und die Polster waren weich …

Die Aufnahme war neun Jahre alt: Maria Callas in der Mailänder Scala, 1955. Helmut und Edelgard schlossen den Bund fürs Leben 1964.

Die Kombination von Puccini (eigenartigerweise nur Puccini) und Italienisch ließen Edelgard dahinschmelzen wie Butter in der Lava-Glut. Ließen sie selber zum Vulkan werden. Italienisch, schon gesprochen nur Melodie, schlug bei ihr in tatsächlich gesungener Form eine Saite an, deren Schwingungen alle Schleusen von Gefühl und Erregung öffneten. Im Lauf der Jahre änderte sich daran nichts, nur stellte Edelgard fest, dass eine Männerstimme ihre Lust noch steigerte. Ein italienischer Puccini-Tenor, und sie war nur noch geschmolzene Masse, der Welt entrückt in einem Taumel von Leidenschaft, Tränen und Jauchzen. Vor allem Turandot ließ sie, mit Helmuts Nachhilfe, in einen abgrundtiefen Strudel orgiastischer und emotionaler Eruptionen versinken, bis sie endlich, satt und befriedigt, zu sich kam. Wieder Edelgard war und nicht etwa die Sängerin Tosca, der gerade in der Engelsburg ein Abschiedsbrief geschrieben wird:

E lucevan le stelle, o dolce baci, o languide carezze ...

Natürlich war Helmut dann nicht mehr Helmut, sondern Cavaradossi, der kurz vor seiner Hinrichtung an seine Geliebte denkt und sich erinnert, wie die Sterne leuchteten: 'O süßes Küssen, o sehnsüchtiges Verlangen ...' Dabei hatte sich selbiges bei Helmut schon lange abgekühlt. Und trotzdem war er in den letzten Jahren gleichzeitig auch noch Andrea Bocelli. Irgendwann hatte sich die Gattin auf diesen Sänger eingeschworen. Helmut schob den Grund mangels anderer Erklärungen auf dessen erotische Ausstrahlung, in der kühnen Annahme, Edelgard sähe darin den jungen Helmut Felten.

Puccini und Bocelli – Die Masse Edelgard Van der Weide zerschmolz schon beim ersten Vokalton zu einem alles verschlingenden See aus Sehnsucht und Verlangen. So zum Beispiel bei La Bohème: Die schwindsüchtige Mima versichert noch auf dem Krankenbett Rodolfo ihre Liebe, fragt ihn, ob die Besucher gegangen seien – sie habe sich nur schlafend gestellt:

Sono andati? – Fingevo di dormire …

Und nun wird Rodolfo-Helmut mit seinem Teil dieses Duetts antworten, die Augen niedergeschlagen, vielleicht einen weißen Schal um den Hals, um mit kümmerlicher Stimme den Belcanto eines italienischen Startenors zu imitieren. Wird schmachtend alle Liebesschwüre erwidern. Auf Italienisch, versteht sich.



Herr Van der Weide hatte sich sein Leid von der Seele geredet. Wir bestellten noch einen Kaffee und saßen lange schweigend da. Bis er mich nach Hause einlud. Bald durfte ich mit dem Ehepaar die Abendmahlzeiten einnehmen und die Stunden bis zum Einbruch der Nacht verbringen. Edelgard, inzwischen 73, schien sich durch meine Anwesenheit zumindest zu Beginn ihrer jeweiligen Metamorphose zusätzlich in Stimmung zu bringen, während Helmut resignierend alles hinnahm. Zum Glück herrschte so viel Anstand, dass ich mich rechtzeitig stehenden Fußes verabschieden durfte, um nicht Zeuge nächtlicher Intimitäten zu werden.

Vor vier Wochen war ich zum letzten Mal ihr Gast. Wir hatten es uns im Anschluss an ein zartes Hühnchen nach Kung-Pao-Art bei blumig duftigem Jasmintee gemütlich gemacht. Ich nippte von dem heißen, süßen Getränk und musterte einmal mehr verstohlen die Einrichtung: Rötliches Mahagoni, allein dieses Edelholz schon ein Vermögen wert. Trennwände aus Bambus, Kissen aus chinesischer, bestickter Seide, Buddhastatuen und Dekor aus Lotus- und Orchideenblüten. So ungefähr mochten die Wohnungen wohlhabender Leute zu Prinzessin Turandots Zeit im orientalischen Märchenland ausgesehen haben.

Edelgard beobachtete mich, bis sich unsere Blicke trafen. Mir schien, als wollte sie diesen Moment über Gebühr ausdehnen, doch ich wandte mich ab. Nicht, dass man ihr das Alter ansah. Edelgard war immer noch eine fast verführerisch wirkende Schönheit. Sie erhob sich, baute sich kerzengerade, ein Glas chinesischen Reisweines für mich in der Hand, vor mir auf und zwang mich lächelnd, zu ihr emporzuschauen:

Immer noch auffallend gut proportionierte Figur mit Neigung zur Fülle – zur angenehmen Fülle, die auch im reifen Alter noch gewisse männliche Instinkte zu wecken vermag. Ausdrucksvolles Gesicht mit hohen Wangenknochen, dunklen, schmalen Brauen und langen Wimpern unter naturblondem Kurzhaar. Verlockend die vollen, gepflegten Lippen und die Haut glatt, ohne geliftet zu sein, wie Helmut betonte. Sie wollte erneut meinen Blick festhalten, aber auch jetzt wich ich aus, sah zu Helmut. Es wurde Zeit. Der DVD-Player sprang an und Helmut erhob sich. Stellte sich in Positur, die Augen niedergeschlagen. Edelgard verschwand im Schlafzimmer, um gleich darauf majestätisch in bodenlangem Goldkleid hereinzuschweben.

Der dritte Akt war vorprogrammiert, die ersten Orchestertakte setzten ein: Signal, mich zu verabschieden. Es würde für Helmut eine lange Nacht werden, die er einmal mehr mit der Nennung seines Namens beenden musste. Das letzte, was ich beim Hinausgehen vernahm, war

„Nissum dorma (in die Höhe gezogen)! Nissum dorma (jetzt wieder abwärts geschwungen)! Tu pure, o Principessa nella tua fredda (hier ein schmalziges Glissasndo) stanza, guardi le stelle che tremano d'amore e di speranza!“

Andrea Bocelli … Helmuts klägliches Stimmchen dagegen war draußen nicht mehr auszumachen. Ich sollte es nie mehr hören, denn er, wohl schon länger unter koronaren Problemen leidend, erlag in dieser Nacht im Alter von 75 Jahren einem plötzlichen Herzinfarkt. Vermutlich eines von vielen älteren Viagra-Opfern. Seinen Namen konnte er nicht mehr nennen. Schlafen durfte er selten, nun holt er alles nach. Ich schrieb eine Beileidskarte und entschuldigte meine Abwesenheit bei den Beisetzungsfeierlichkeiten mit einer fiebrigen Bronchitis.



Gestern Abend stand unangekündigt Edelgards Limousine vor meiner Tür. Er habe den Auftrag, mich zum Abendessen mit der gnädigen Frau abzuholen, sagte der Fahrer, und bitte keine großen Umstände. Ich versicherte ihm meine Freude, um anhaltend hustend hinzuzufügen, ich müsse zu meinem Bedauern noch einen Rückfall meiner Bronchitis auskurieren. Aber übermorgen um diese Zeit sei ich bereit, und meine Empfehlung.

Übermorgen ist nun morgen. Ich habe den heutigen Tag genutzt, wirklich ohne große Umstände: Flugticket online gebucht, eine größere Summe abgehoben, Papiere und Mastercard kontrolliert, zwei Koffer gepackt und den Hausmeister auf eine längere Abwesenheit eingestimmt. Morgen Abend werde ich bereits weit weg sein.



@ Hajo Nitschke, V3

Letzte Aktualisierung: 11.03.2014 - 23.17 Uhr
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