Der Tod aus der Teekiste
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Schmelzpunkt(e) | März 2014
Peters persönliche Kernschmelze
von Eva Fischer

Als Peter das rote Backsteingebäude mit den hellgrün gestrichenen Fenstereinrahmungen verließ, erschien es ihm weit weniger freundlich als bei seiner Ankunft.
Er fühlte das Blatt Papier in seinem Sakko. Der ihm unverständliche Inhalt gipfelte in einem Wort, das sich wohl nie wieder von seiner mentalen Festplatte löschen ließ, das sein Leben verändern würde, so oder so.
Fest stand, dass er nun nicht mehr gedachte, an seinen Arbeitsplatz zurückzukehren. Frei verfügbare, nicht fremd bestimmte Zeit stand ihm jetzt zur Verfügung, zumindest vorerst, und das versetzte ihn in eine fast euphorische Stimmung.

Die Straßenbahn wälzte sich über die schnurgeraden Gleise, die silbern in der Sonne glänzten. Platanen streckten ihre noch nackten Äste grazil in das frühlingshafte Blau.
Ein Mädchen in engen Bluejeans und dickem Pulli, der den Po nur knapp bedeckte wie ein Minirock, stieg leichtfüßig die ausgefahrenen Stufen hinab. Das blonde Haar war zu einem Pferdeschwanz gebunden und wippte im Takt ihrer Schritte. Ein Lächeln überflutete ihr Gesicht, das nicht ihm, Peter, galt, sondern vermutlich im Zusammenhang mit den Drähten stand, die aus ihren zierlichen Ohren quollen.
Kurz nach ihr drängte sich ein Rentner mit Fahrrad zum Ausgang. Er hievte das Rad schwungvoll über die Treppen und setzte es mit einem sanften Plopp auf den Bahnsteig ab, so als ob diese Handlung zur täglichen Routine gehörte. Dann spurtete er los Richtung Rhein, wo er entlang des Stromes sich von seiner eigenen Entdeckungslust leiten lassen konnte. Gern wäre Peter ihm gefolgt.
Die Türen der Tram schlossen sich wieder, aber Peter hatte keine Eile. Er würde die nächste Bahn nehmen. Die Gedanken sortieren und ordnen oder sich treiben lassen?

Wenig später schlenderte er durch die Altstadt, die er schon eine Ewigkeit nicht mehr werktags um diese Uhrzeit gesehen hatte. Sie zeigte sich ungeschminkt und unausgeschlafen wie eine Frau, die noch nicht bereit ist für ihren Lover. In den engen Gassen versperrten Laster den Weg. Männer rollten geräuschvoll Bierfässer über das Kopfsteinpflaster.
Eine Kneipentür stand offen. Peter fühlte den Wunsch, in das Zwielicht einzutauchen, um das Unwort für immer zu ertränken.
Männer undefinierbaren Alters standen am Tresen, halbvolle Biergläser vor sich. Ihr Blick ging ins Leere. Welche Wörter suchten sie wohl aus dem Gedächtnis zu spülen?
Fast fluchtartig eilte Peter weiter. Nein, er wollte die geschenkte Zeit nicht verplempern.
Sonnenstrahlen blendeten ihn, zwangen ihn, seinen Blick zu senken. Blind folgte er seinen Schritten, bis er abrupt vor einem Gebäude stehen blieb, dessen Tür sich öffnete. Menschen tröpfelten hinaus, andere strömten hinein. Keine uniformierten, gehetzten Büromenschen, sondern Individuen mit einer Ausstrahlung, die von ihrer Kleidung, aber auch von ihrem Gesichtsausdruck herrührte. Neugierig schloss er sich an, wollte sehen, welches Geheimnis sich im Inneren verbarg.
Er irrte durch den Flur mit den hohen Decken, von dem mehrere Räume abgingen, und hinter denen moderne Kunst zur Schau gestellt wurde. Studenten zeigten ihre Semesterabschlusswerke.
Sorgfältig betrachtete er jedes Artefakt. Das ganze Leben ist Kunst, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen. Etwas davon sollte für die Nachwelt erhalten bleiben.

Ein Wolf fletschte die Zähne. Seine Angriffslust ließ keinen Zweifel zu. Peter schaute ihn an. Er spürte, wie auch bei ihm ohnmächtige Wut hochstieg.
Das Bild war mannsgroß. Er betrachtete den Hasen, der vor dem Wolf hockte und sich die Augen rieb. Ein letzter Akt der Trauer, bevor er verschlungen werden würde. Wie ein Pingpongspiel wechselte Peters Blick von einem zum andern. Er konnte sich nicht entscheiden zwischen Wut und Trauer.
Hastig stieg er die Treppen hoch, bis es nicht mehr weiterging. Eine Tür führte zu einem kleinen Balkon. Von dort hatte er eine Aussicht auf die Dächer der Altstadt und in der Ferne auf das graue Band des Flusses. Er bedauerte, dass er keinen Fotoapparat bei sich hatte, der den Augenblick unsterblich machen konnte.
Er atmete tief durch und schaute hinab in die Häuserschlucht. Ein Sprung und alles wäre vorbei, die Wut und die Trauer.
War dies das letzte Kunstwerk, das er von sich zurücklassen wollte? Einen zermatschten Körper, von Schaulustigen begafft? Wollte er wirklich sein Geschenk von verbleibenden Stunden, Tagen, Monaten vielleicht auch Jahren ungenutzt wegwerfen?

Bald darauf spürte er wieder das holprige Kopfsteinpflaster unter den Füßen, verließ die Altstadt, wandte sich den breiten Geschäftsstraßen zu.
Das weiße Cabrio nahm fast das ganze Schaufenster ein. Starten Sie in den Frühling, stand auf einem mit gelben Osterglocken verzierten Schild.
Peter hatte schon immer davon geträumt, Richtung Süden zu fahren, Schweiz, Italien, mit nichts als dem Himmel und den tanzenden Wipfeln der Bäume über sich, Musik der 60iger Jahre aus den Stereoboxen.
„When I got older losing my hair many years from now“, hörte er in seinem Kopf den Beatles-Song.
Es war der falsche Text, das falsche Lied, zum falschen Augenblick. Sein Haar hatte sich zwar auch schon gelichtet, an sixty-four fehlte ihm jedoch ein Jahrzehnt. Die Melodie brachte die Erinnerung an Marie zurück, mit der er gern alt geworden wäre. Mit Macht hatte er jeden Gedanken an sie verdrängt.
Marie. Er wollte sie aus all dem heraushalten, was jetzt noch kommen würde. Er wollte ihr das Leid ersparen. Sie hatte es nicht verdient. Hatte er es verdient? Leid ist kein Erbe, das man ausschlagen kann. Es fällt vom Himmel wie ein Stück Scheiße und begräbt alle Hoffnungen unter sich.

Beim nächsten Blumenhändler kaufte er dreißig rote Rosen. Hochzeitstag, zwinkerte ihm die junge Verkäuferin zu. Er ließ sie in dem Glauben.

Marie schaute Peter überrascht an, als er mit den Blumen an der Türschwelle stand. Fast schüchtern bewegte er sich auf sie zu, als er sagte:
„Ich bin unsterblich verliebt in das Leben. Du bist ein wesentlicher Teil davon.
Leider komme ich zu spät.“

Marie runzelte die Stirn. Doch dann nahm sie mit einem Lächeln die Rosen entgegen, legte sie auf den Tisch und umarmte ihn.

Er presste sich an sie. Sein Körper begann zu zucken wie ein Fisch, den man auf Land geworfen hat. Tränen tropften auf ihre Hände, als sie ihm über den Mund strich, aus dem sich leise das Wort löste:

Knochenkrebs.

Letzte Aktualisierung: 05.03.2014 - 23.39 Uhr
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