Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Schmelzpunkt(e) | März 2014
Feuer und Eis
von Ingo Pietsch

Milo blickte auf das Vorhängeschloss mit der dicken Kette und fragte sich, ob das ein Witz sein sollte. Er sah sich noch einmal um. Sicher war das eine Falle. Aber er war so wütend auf die Organisation, dass ihm alles egal war.
Er fasste das Schloss mit beiden Händen und wartete einen kurzen Moment. Das Metall glühte auf und begann zu schmelzen. Langsam fielen die Tropfen zu Boden, gefolgt von dem Rasseln der Kette.
Kraftvoll riss er die Schiebetür auf und begab sich in die Höhle des Löwen.

Vier Monate zuvor.
Ein Starbucks in New York.
Lisa und ihre Freundin standen in der langen Schlange an.
Hier arbeitete ein junger Mann, der den Ruf hatte, den perfekt temperierten Coffee-to-go zu servieren.
Sie tuschelten und kicherten die ganze Zeit miteinander, bis sie an der Reihe waren.
„Was darf es denn sein?“, fragte der Verkäufer mit einem charmanten Lächeln. Laut Namensschild hieß er Milo.
Lisa sah ihm tief in die Augen und sagte: „Einen Latte Macchiato und einen Espresso, beides zum Mitnehmen, bitte!“
„Sofort!“ Er bereitete die Coffee-to-go zu und reichte sie Lisa und ihrer Freundin.
Lisa zahlte und nippte kurz an ihrem Becher. Dann gab sie den Latte zurück.
„Der ist kalt!“, bemerkte sie.
Mit einem Mal war es im Laden still geworden.
Das Lächeln in Milos Gesicht fror ein. „Das kann nicht sein.“ Er schüttelte den Becher ein wenig und stellte fest, dass sich darin ein einziger Block befand. Als er Lisa den Becher zurückgab, dampfte es aus der Trinköffnung und der Inhalt war wieder flüssig.
„Besser?“, fragte er freundlich.
Sie nahm den Becher in die Hand und antwortete: „Der ist immer noch zu kalt!“
Wieder war der Inhalt gefroren. Milo runzelte die Stirn und taute den Kaffee wieder auf. Er ahnte, was hier gespielt wurde.
„Wir sollten uns nach meiner Schicht mal treffen“, schlug er vor.
„Gerne. Ich bin dann hier.“

Heute.
In einer Lagerhalle.
Durch den Spalt fiel das Licht bis zum Ende der Halle. Auf den ersten Blick war sie leer, bis auf Staubflusen, die gemächlich durch den Raum schwebten.
Milo blieb stehen.
Mit einem lauten Knall schloss sich die Tür hinter ihm und Flutscheinwerfer flammten auf.
Er hatte keine Angst. Ohne weiteres konnten sie ihn nicht erschießen. Er beherrschte seine Fähigkeit fast perfekt, wie er in vielen Einsätzen für die Organisation bewiesen hatte. Er war in der Lage, einen Hitzeschild um sich herum aufzubauen, der Kugeln verdampfen ließ, ehe sie seinen Körper erreichten.
„Wo ist Lisa?“, rief er in die Stille hinein.
Einige Strahler wurden zur Seite gedreht, damit er nach oben sehen konnte.
Dort saß Lisa, gefesselt und geknebelt auf einem Stuhl. Für sie wäre es ein Leichtes gewesen, die Fesseln einzufrieren und zu zerbrechen, aber gegen Pistolenkugeln war sie nicht unempfindlich.
Neben ihr stand ein Mann mittleren Alters. Er trug einen schwarzen Anzug und lächelte grimmig.
„Lassen Sie sie gehen!“, sagte Milo bestimmt.
Der Mann schüttelte den Kopf. Er hob eine Pistole, entsicherte sie und hielt sie ihr an die Schläfe. Lisa fing an zu wimmern.
„Ich glaube nicht, dass du in der Position bist, Forderungen zu stellen.“
Milos Gesicht und Hände begann zu glühen. Ein Hitzeflirren umgab ihn.
„Wie ich euch Mutanten hasse. Immer müsst ihr so angeben!“
Er nahm die Waffe wieder herunter.
Milo beruhigte sich wieder. Im Dunkeln hinter sich hörte er die Schritte schwerer Stiefel.
„Was wollen Sie?“ Milo kannte die Antwort schon.
„Milo, Milo. Das weißt du ganz genau!“ Der Anzugträger spitzte die Lippen.
„Ich werde jetzt Lisa mitnehmen und von hier verschwinden. Ich werde der Organisation keinen Schaden zufügen und Sie werden niemals wieder von uns hören.“
Kaum hatte er zu Ende gesprochen, ratterten mehrere Maschinengewehre.
Milo war umgeben von einer roten Wand, in der sich die Munition auflöste.
Als nicht mehr geschossen wurde, verschwand auch die Wand.
„Es wäre so einfach gewesen, wenn du alles vergessen hättest. Wem nützt dieses Kräftemessen?“, fragte der Anzugträger.
„Ich mache Ihre dreckigen Spielchen nicht mehr mit! Anfangs kamen mir die Aufträge noch ehrenwert vor. Wo normale Soldaten versagten, schickten Sie uns hin. Aber es war nicht für das Gemeinwohl oder für unser Land. Es war ausschließlich für die Organisation.“
Der Mann wurde sauer. „Ich sehe schon, das führt zu nichts. Ich dachte, du wärst kooperativer.“ Er hob die Pistole und drückte ab.
Das Echo des Schusses hallte noch lange nach.
Lisas Kopf fiel nach hinten und sie sackte zusammen.
Milo brachte keinen Ton mehr heraus und starrte auf den toten Körper seiner Freundin.
Er selbst sank zu Boden und entlud alle Energie, die sich in seinem Körper angesammelt hatte.
Eine mächtige Hitzewelle breitete sich intervallartig aus. Erst verbogen sich nur kleine metallene Dinge, wie Wasserhähne. Dann knickten langsam Stahlträger ein, die ganze Halle wurde instabil.
Der Mann hielt sich ein Taschentuch vor das Gesicht, weil er bei der Hitze kaum noch atmen konnte. Er eilte zur nächsten Tür, konnte sie aber nicht öffnen, weil sie mit dem Rahmen verschmolzen war.
Die Leute, die sich im Hintergrund aufgehalten hatten schrien, als die Metallteile ihrer Ausrüstung sich in die Haut brannten.
Wie Wachs in der Sonne schmolz die gesamte Halle in sich zusammen.

Zwei Monate zuvor.
New York City.
Milo und Lisa kuschelten auf dem Sofa. Sie küssten sich und jeder atmete eine Dampfwolke aus.
„Weißt du eigentlich wie oft ich mit meinen Eltern umziehen musste, wegen meiner Fähigkeit?“ Bedauern lag in Lisas Stimme. „Ich war sieben oder acht, als es anfing. Ich glaube es war ein Wasserglas. Es war heiß draußen, ich wollte nur schnell etwas trinken und dann mit meiner Freundin wieder spielen. Das Glas zerplatzte einfach und meine Freundin bekam ein Splitter ab. Sie schrie fürchterlich. Und ich hatte Angst.“
Milo sah sie ernst an.
„Dann passierte ein Jahr gar nichts. Beim Fischefüttern fror meine Hand mit dem ganzen Aquarium ein. Es dauerte Stunden, bis mein Vater mich befreit hatte.“ Sie lachte gekünstelt. „Ich war einmal sogar so sauer, dass ich unseren Swimming-Pool total vereiste. Deswegen zogen wir in einen anderen Bundesstaat. Wahrscheinlich durch einen Zeitungsartikel wurde die Organisation auf mich aufmerksam. Sie gaben mir ein neues Zuhause.“
Milo nickte. Er konnte sie nur zu gut verstehen.
„Bei mir ging es vor zwei Jahren los. Nicht so extrem wie bei dir. Ich wohnte schon hier in New York. Hört sich vielleicht banal an, aber es war abends, als ich eine Pizza aus dem Ofen holte. Ich vergaß, mir die Ofenhandschuhe anzuziehen und fasste das heiße Blech an. Ich merkte es erst, als die Pizza auf dem Teller lag. Ich ließ vor Schreck das Blech fallen und drehte meine Hände, aber sie waren nicht verbrannt.“
Lisa hörte gebannt zu.
„Ich benutzte eine Kerze zum Üben. Immer wieder ging ich mit der Handfläche über die Flamme. Ich spürte zwar die Wärme, aber es geschah nichts. Nach und nach lernte ich das Feuer zu lenken und sogar selbst zu entfachen.“
Lisa sagte nichts. Sie starrte einfach die Wand an. „Wir sollten die Organisation verlassen. Einfach verschwinden. Diese Vergessen-Spritzen wirken bei uns sowieso nicht. Die glauben zwar, dass wir nach unseren Einsätzen alles vergessen, aber ich habe genug davon. Die werden immer brutaler - und wir auch. Das muss endlich ein Ende haben.“
Milo nickte. „Du hast recht. Nur, wie stellen wir es an?“

Alles um Milo herum rauchte, glühte und knackte vom Abkühlen.
Er hockte in einer Lavalandschaft aus geschmolzenem Beton, Metall und Kunststoff.
Milo sprang auf und suchte Lisa. Er schmolz mit seinen Händen Löcher in die Überreste der Lagerhalle und fand sie schließlich.
Er musste sich beeilen. Hoffentlich hatte sie lange genug die Luft angehalten.
Als das Loch groß genug war, zog er sie heraus und trug sie schnell auf ein Flecken Wiese.
Lisa war eiskalt und blau angelaufen. Sie atmete nicht mehr. Milo begann mit der Wiederbelebung - und hatte nach einigen Versuchen Erfolg.
Sie hustete und öffnete die Augen: „Haben wir es geschafft?“, fragte sie mit rauer Stimme.
Milo nickte und umarmte sie.
Er hatte ein Hitzefeld um sie aufgebaut, als der Schuss gefallen war. Sie hatte so getan, als sei sie getroffen und hatte ihre Körpertemperatur gesenkt, so dass ihr die Hitze nichts anhaben konnte, während das Gebäude sich auflöste.
„Komm, lass uns verschwinden. Hoffentlich sehen wir die Typen nie wieder!“

Im Schutz einer anderen Halle stand ein schwarzer Van. Darin saß ein Mann im Anzug, der genau so aussah, wie der Mann, mit dem Milo gesprochen hatte. Er beobachtete die beiden, wie sie in ein Auto stiegen und verschwanden.
Er legte sein Fernglas weg und murmelte: „Wie ich diese Mutanten hasse!“
Dann folgte er ihnen.

Letzte Aktualisierung: 25.03.2014 - 18.09 Uhr
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