Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Schmelzpunkt(e) | März 2014
Wir integrieren oder When the metal melts the eyes
von Jochen Ruscheweyh

Vor ’n paar Tagen is’ Teschke noch davon am Labern, dass Babsi und er sich irgend ’n Zechenpalast zulegen wollen und jetzt sind die beiden schon dabei, so’n Ding zu sanieren.
Ich schätz mal. weil’s einfach ihr Ding is’, hat Babsi in bester Babsi-Tradition nich’ nur ’n kontinentales Brötchenbuffet aufgebaut, sondern bäckt parallel Crepes und frittiert Speck mit Würstchen.
Babsi und Steffi busseln sich, während Teschke und ich uns jeder ’n Brötchen mit diesem fingerdicken schräg orangefarbenen Lachs-Ersatz reinmetern. „Coole Hütte, Alter, dann bist du jetzt amtlicher Großgrundbesitzer, was?”, sag ich und wisch mir handrückenmäßig über meine Pornogrübchen, weil die auf Öl immer wie so ’n Regenrückhaltebecken reagieren. Teschke macht’s mir reflexartig nach, worauf ich ihn aufklär: „Du hast da übrigens noch ’n Riesenpopel aus der Nase gucken”, was zwar nich’ stimmt, aber hektisches Gewische von Teschke provoziert, weil ihm so was immer ultra peinlich is’.
Das stellt keinen echten Ersatz dafür dar, dass ich kein verficktes Geld für ’n Haus geerbt hab, aber zumindest ’ne kleine Genugtuung.

Unser Shouter Rene Pavermann a.k.a Pavarotti und die deutsche Helga alias Helen alias Mutter seines Kindes stoßen zu uns. „Ey, wat is dat denn für ’n schwuler Fraggle da nebenan, gibt’s dat Modell auch serienmäßig mit fest installierte Zähne?”
Teschke reißt die Hände hoch, als wollt er so ’n 15 Meter-Distanz-Volley- Direkt-Projektil von Rudi Völler abwehren. „Bleib ruhig, Rene! Wir wollen keinen Ärger mit den Nachbarn.”
Helen/Helga hat Töchterchen Lonna Lindsey auf dem Arm und is’ schon wieder dabei, ihre riesigen Helga-Titten auszupacken, weil die Kurze irgendwie immer Durst/Hunger/Pippi zu haben scheint.
Ich guck so schräg an den beiden vorbei und sag: „Ey, Helen, is’ zwar eigentlich ziemlich Rock’n’Roll, aber hältste das für ’ne gute Idee mit der Kleinen, so von wegen Zementstaub und so?”
„Weißte, Wuttke, bei dem Zeug, was mir Rene in seinen Arbeitsklamotten in die Bude schleppt, is’ das hier wie ’n Spaziergang durch die Botanik.”
„He, Wuttke, pack mal mit an!”, hör ich den Buden-Kurt hinter mir. Und als ich mich umdreh, hab ich das Ende von ’nem Doppel-T-Träger inner Hand und krieg nur noch mit, wie Kurt sagt: „Das schaffen Rene und du ja alleine, was?” Dann lässt er los.

Pavarotti grinst mich vom anderen Ende des Trägers an, als wär er King of Gewichtheber: „Na, Wuttke, hättse ma drei Eier mehr gegessen, dann tätsse getz auch nich’ so inne Seile hängen!”
’ne prima Idee, ihn mal wieder Rene zu nennen, damit er weiß, was Ambach is’: „Und hätts du früher mal ’n paar Nüsse mehr gegessen, dann würdest du jetzt auch keine Trafos auseinanderschrauben, R-e-n-e!”
Und obwohl mir schon die Bizeps zittern, beton ich jeden e-Vokal als wär’s ’n verficktes Gebet. Oder Werbung für Schokolade oder Slip-Einlagen.
Während wir uns noch anfrotzeln, hat sich der Buden-Kurt so ’n Darth Vader Schweißhelm aufgesetzt und fängt ohne Vorwarnung an, mit ’ner Elektrode am Träger rumzubrutzeln, worauf Pavarotti ihn anbrüllt: „Ey, wat soll’n die schwule Scheiße getz, soll ich blind werden, oder wat?” Was Beckmann dazu veranlasst zu kommentieren: „Dann wärst du sowas wie der Stevie Wonder des Thrash-Metal”, bevor er den Lachs-Ersatz von seinem Brötchen nimmt und durch die Öffnung in der Mauer wirft, wo mal ’n Fenster zur Straße gewesen is’ und jetzt keins mehr, bzw. ’n Loch, weil ’n neues rein soll, also Fenster, nich’ Loch.
Kurt setzt die Maske ab und meint: „Bist du ein Mädchen oder ein Mann?”
Pavarotti scheint noch am Überlegen zu sein, wie er das interpretieren soll, als ihm Steffi zuvor kommt: „Und wofür brauchst DU dann ’ne Maske, Kurt?”
Kurt zieht erst mal Rotze durch die Nase hoch, wie immer, wenn er dem nächsten Satz fett Gewicht verleihen will. Oder wenn ihm nix anderes einfällt.
Er guckt sich ’n bisschen Hilfe suchend um, als wenn er am Überlegen is’, ob die Hütte noch unter dem Status „Bauruine“ läuft (der Boden also berotz- und mit Kippen bespickbar is’) oder ob’s für Babsi und Teschke schon die Vorstufe zum Club-Wohnen darstellt.
Irgendwie kann er sich wohl nich’ entscheiden und zwängt sich den Gilli so die Strotte runter, dass sein Adamsapfel Tiger-Woods-Golfball-mäßig am Hüpfen is’.
„Na, wegen dem Schmelzpunkt”, lässt er uns dann wissen.
„Ey, wat?”, fragt Pavarotti nach.
„Na, weil meine Pupillen sonst schmelzen, du Idiot! Hast du nicht den Kurier von Zarem gelesen?”
Steffi und Babsi unterdrücken sichtbar ’n Lach-Flash und ich stell fest: „Ey, wenn ihr jetz’ hier Literarisches Quartett oder so spielen wollt, können wir dann vielleicht mal den Träger absetzen?”

Pavarotti, Teschke und Kurt sind schwer am Diskutieren und Hypothesieren, wie sich das Zarenreich verändert hätte, wenn der Zar ’n Fuhrpark voll Leo-Panzer gehabt hätte. Ich merk, wie mir langsam der Schweiß am Ausbrechen is’ und farz die drei an: „Bequakt eure Pisse mal später, was is’ jetzt mit diesem verfickten Träger?”
Und Kurt: „Ich muss da eine Naht dranschweißen.”
„Aber warum müssen wir das Teil dazu festhalten?”
Kurt stemmt sich die Pfoten in die Nieren wie ’n beleidigtes vierjähriges Blag und wiederholt: „Wegen dem Schmelzpunkt.”
„Ey, kannst du auch noch wat anderes außer deinem Homo-Schmelzpunkt da?”, kommt es von Pavarotti.
Ich hab die Faxen dick und setz den Träger ab, d.h. ich versuch’s, aber auf dem letzten Stück, gleitet mir das Teil aus der Hand und metert fett auf den Holzfußboden.
Teschke kommt mit ’nem alten Handtuch angerannt und fängt Polyboy-mäßig an, die Delle im Holz zu wienern, was vor dem Hintergrund des augenblicklichen Zustands der Hütte und der Tatsache, dass zwei Meter weiter ’n Mega-Sandhaufen zum Mauern oder für die nächste Beach-Party aufgehäuft liegt, irgendwie übertrieben scheint.
„Ey, ich kann nich’ mit Leuten arbeiten, die Eisen nich’ mit Respekt behandeln tun, dat is’ ’n wertvoller Rohstoff, Wuttke”, moppert Pavarotti und setzt sein Ende des Trägers kinästhetisch gebildet ab.
Beckmann, der heute noch gar nix gemacht hat, außer Brötchen fressen, blöd rumstehen und Helen/Helga auf die Säug-Titten zu glotzen, schlauscheißt: „Dann hol dir doch den Cromme dazu, Pavarotti, dann wirst du sowas wie ...“
„ ... der Co-Sanierer des Heavy Metal”, ergänz ich.
Die Verblüffung plöppt aus Beckmanns Kack-Miene: „Äh, ja genau, woher ... ?”
„Weil du denselben Mundwinkel-Lähmer schon beim Heavy-Rheinhausen-Solidaritäts-Gig gebracht hast.”

Ich gesell mich grad noch rechtzeitig genug zu Freundin und Hausherrin Schrägstrich Domina, um mitzukriegen, wie Steffi Babsi fragt: „An was für eine Farbe hast du denn gedacht?”
„Ich schwanke noch”, klärt Babsi auf, „ich will was Helles, aber kein China-Weiß, andererseits soll’s aber auch nich’ zu dotterig werden.”
„Wir finden den Farbton von Frittierfett eigentlich ganz schön”, outet sich Teschke, und kassiert simultan ’n Ellbogen-Check von Babsi.
„Was denn?”
„Bis du eigentlich total blöd? Sollen unsere Freunde denken, bei uns geht’s nur ums Fressen?”
Steffi und ich gucken uns an und ich bin ziemlich sicher, dass wir dasselbe denken.
Wir können die Sache aber nich’ vertiefen, weil Ruby mit ausgebreiteten Armen die Treppe hochkommt und der Psycho-Senior von nebenan abwechselnd von links oder rechts hinter ihr durchzubrechen versucht.

Der Wahnsinn spotzt nur so aus seinen Augen, als er sich wie ’n Derwisch oder Transvestiten-Funken-Mariechen im Kreis dreht und keift: „Das ist alles gegen die Bauordnung!”
„Sagt wer?”, erkundigt sich Kurt.
„Na, die Bauordnung ... und die übrigen Gesetze auch!”
„Und Sie haben da eine Scheibe Lachs-Ersatz hinten auf ihrer Trainingsjacke kleben, kommen Sie, ich mach Ihnen das mal weg”, bietet Ruby an.
„Das könnte Ihnen so passen, Sie impertinentes Stück, alte Männer anfassen.”
„Hmm, ganz ehrlich? Ich könnte mir geilere Sachen im Leben vorstellen.”
„Dann sind Sie quasi sowas wie der asexuelle Käpt’n Iglo von der Siedlung hier?”, schlägt Beckmann dem Typen vor.
Der überhört die Feststellung und guckt sich stattdessen aufgeputscht wie ’n Pudel auf Steroiden um, putzt sich seinen Sabber mit ’nem Stofftaschentuch aus den Mundwinkeln und grunzt durch das Leinen: „Wer ist der Bauverantwortliche hier?”
Teschke tritt bescheuert as bescheuert can be ’n Schritt vor. Ich bin gespannt auf seine Deeskalationsstrategie, aber Teschke kommt gar nich’ dazu, sie anzuwenden, weil der Nachbar ihn irgendwie sofort als Projektions-Zielscheibe für seinen Hass auf Handwerker ausgemacht hat: „Sie ... Sie Dübelkürzer, Sie Überlapp-Tapezierer, Sie Wasserwaagen-Ignorierer.”
Teschke will in ’ne frei Stelle quatschen, aber die gibt’s irgendwie nich’.
„Der ist genauso anstrengend wie Wuttkes Mutter”, meint Ruby.
„Haste schon mal seinen Dad kennengelernt?”, feedbackt Steffi und die beiden fangen ziemlich entspannt an zu quatschen. Geht also tatsächlich.
„Das führt doch zu nichts”, versucht Kurt dem Zycho-Nachbarn seinen Quassel-Flash zu durchbrechen, als auf einmal ’n Tana Schanzara-Lookalike die Treppe raufgestapft kommt. „Heinz, du tust jetzt sofort die Blagen hier in Ruhe lassen. Du warst doch früher auch nicht besser!”
Man kann förmlich sehen, wie dem vermeintlichen Heinz der Puls wie ’n zu hochgetaktetes Relais an der rechten Halsseite am Klopfen is’.
„Aber die führen hier Schweißarbeiten durch, da gibt es Gesetze gegen.”
Die gute Resolute packt Heinz an seinem 2 Streifen-Jogger-Kragen und stellt klar: „Dann entschuldigst du dich jetzt schnell und fragst höflich nach, ob der Herr mit dem Pumuckl auf der Motorradweste” – sie zeigt auf Kurt – „unser Garten-Törchen schweißen kann.”
„Das ist ein tanzender Teufel, gute Frau!”, gibt Kurt Hilfestellung.
„Von mir aus auch das.”
„Können wir Sie auf ein Brötchen einladen?”, bietet Babsi an.
Frau Nachbarin zögert, dann legt ihr Pavarotti die Hand auf die Schulter und meint: „Kenn Sie eigentlich die Story da vom Kurier von Zarem? Sie wissen doch bestimmt, wie dat da mit dem Schmelzpunkt vonne Augen war ...”

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Letzte Aktualisierung: 27.03.2014 - 19.22 Uhr
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