Der himmelblaue Schmengeling
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Schmelzpunkt(e) | März 2014
Frostschutzmittel oder Winter ade
von Elmar Aweiawa

Sehr geehrte Damen und Herren,
bevor ich Ihnen meine Ergebnisse zum Thema Winter vortrage, möchte ich mich kurz vorstellen. Mein Name ist Charles Latan und ich habe im Sommersemester 2654 das Studium der Geschichte hier in Lunacity im ersten Mondsektor aufgenommen. In unseren sublunaren Bunkern sind einige Dinge in Vergessenheit geraten. So ist es nicht verwunderlich, dass der Winter in den letzten Jahrhunderten einen grundlegenden Bedeutungswechsel erfahren hat. Heute, da die Erde unbewohnbar geworden ist, wird dieses Wort nur noch als Metapher für eine besonders angenehme Zeit verwendet. Wer im Winter seines Lebens steht, ist ein Kind des Glücks.

Zufällig bin ich in den Besitz einer kleinen Erzählung eines gewissen Elmar gelangt. Sie ist vor einigen Jahrhunderten in einem Internetforum erschienen ist und eignet sich hervorragend, einige meiner Thesen über den echten Winter zu erläutern. Soweit bekannt, gibt es in den wenigen geretteten Literaturschätzen der Vergangenheit keine Quelle, die sich dafür besser eignet.
Ich werde umfangreich daraus zitieren und Ihnen die Thematik durch meine Anmerkungen erhellen. Hier die ersten Zeilen, die bereits Anlass zu tiefgründigen Fragen geben.


Frostschutzmittel

„Papa, ich hab Angst.“
„Brauchst du nicht, Noah. Es ist nicht gefährlich.“
„Aber es soll so kalt sein!“
„Ist es auch, das ist ja gerade das Besondere. Schau nur, deine große Schwester Miriam ist ganz mutig.“
„Papa?“
„Ja, Miriam.“
„Ich hab auch Angst.“

So weit war es also gekommen. Nicht nur, dass die Kinder den Winter nicht mehr kannten. Nein, sie fürchteten sich sogar vor ihm. Es wurde höchste Zeit, dass ich sie mit Schnee, Eis und Kälte konfrontierte. Seit Jahren waren diese Begriffe in Deutschland nur noch leere Worte ohne konkreten Erfahrungshintergrund. Wer jünger als zwanzig Jahre war, hatte mit ziemlicher Sicherheit nie einen Schneeball geformt oder war auf einer Eisfläche ausgerutscht. Deshalb betrachtete ich es als meine Pflicht, mit Miriam und ihrem Bruder das Wintermuseum im tiefsten Bayerischen Wald zu besuchen.


Wie wir dem Anfang der Erzählung entnehmen können, war der Winter damals schon auf dem Rückzug. Es gab ihn nur noch im Museum, einem Ort, den wir uns ähnlich unserer Mondbibliothek vorstellen können. Dort also gab es den Winter noch im Original zu begutachten. Ein unglaublicher Glücksfall für meine Studien.
Zum besseren Verständnis sollte ich an dieser Stelle erläutern, was Papa, Bruder und Schwester damals bedeuteten. Der Zeitpunkt, seit dem die Fortpflanzung nur noch mittels Fertilitätsdrohnen vorgenommen wird, verliert sich im Dunkel der Zeit, doch wir alle wissen, dass es davor so etwas wie die natürliche Geburt gab. Kinder, die von derselben Person ausgebrütet wurden, nannte man Geschwister. Bruder war der weibliche, Schwester der männliche Part. Mit Vater bezeichnete man den Samenspender, der damals nicht genetisch passend ausgesucht wurde. Die Zeugung der Kinder geschah nach dem Zufallsprinzip, so unglaublich uns das auch vorkommen mag. Wie ein evolutionärer Fortschritt unter diesen Bedingungen überhaupt möglich war, ist ein Thema, dem sich andere widmen müssen. Diese Untersuchungen würden den Rahmen der vorliegenden Abhandlung sprengen. Doch weiter im Text.

„Mensch Papa, die Kleider sind ja irre schwer!“ Noah zog den dicken Wintermantel über, den ihm die freundliche Dame am Empfang reichte. Die Frau hatte Augenmaß, er passte wie angegossen. Auch für Miriam und mich fand sie auf Anhieb im reichen Fundus passende Winterkleidung. Die Ausleihe war natürlich im Eintrittspreis inbegriffen, denn niemand besaß dergleichen noch. Handschuhe, welche die Kinder nur aus Filmen kannten, gehörten ebenfalls zur Ausstattung - und Ohrenschützer, über welche die beiden sich köstlich amüsierten. Gar zu lustig wirkten sie darin.

„Das sieht ja viel weißer aus als in den Filmen“, zeigte Miriam erste Begeisterung, als wir durch die dreifache Schleuse ins Innere gelangten.
„Ist ja auch echter Schnee. Der ist so sauber, den kann man sogar essen“, kramte ich mein Wissen aus früheren Jahrzehnten hervor. Wehmütig schaute ich auf die weiße Pracht. Eigentlich hatte ich sie in den letzten Jahren nicht vermisst, doch jetzt, wo ich mittendrin stand und zusah, wie Noah seinen ersten Schneeball formte, kamen nostalgische Gefühle auf.

„Ihh, da fallen mir ja die Zähne aus“, beklagte sich Miriam, die meinem Beispiel folgte und ein wenig Schnee in den Mund schob. Ihr Lachen steckte auch Noah an und beide schaufelten sich den frischen Schnee in den Mund.
„Kinder, jetzt gibt es eine Schneeballschlacht!“
Mit einem gezielten Wurf auf Miriams Beine eröffnete ich das Gefecht. Schnell verbündeten sich meine beiden Lieblinge und nahmen mich unter Beschuss. Mit Feuereifer gingen sie zu Werk, erfanden sogar die Arbeitsteilung neu, indem Noah die Bälle formte und die etwas größere Miriam, die besser zielen konnte, mich damit eindeckte. Schon lange hatten wir nicht mehr so viel gelacht und herumgealbert.

Durch diesen Textabschnitt ist es mir gelungen, dem Phänomen Schnee ein Stückchen näherzukommen. Ich kann nun endlich mit fundierten Argumenten den hanebüchenen Aussagen des Möchtegernhistorikers Wi N‘ Dei entgegentreten. Wenn er recht damit hätte, dass es sich dabei um ein Abfallprodukt der damaligen Industrie handelte, wäre Schnee nicht als Nahrungsmittel angesehen worden, das man essen kann. Der Vater bietet es seinen Kindern geradezu an, ein eindeutiger Beleg für die Ungiftigkeit und natürliche Herkunft dieser Substanz. Höchstwahrscheinlich waren es pflanzliche Partikel, von einer gewissen Adhäsion, da man sie zu Ballen formen konnte. Da Schnee nur im Winter auftrat, muss es sich um eine Pflanze handeln, die nur in dieser Jahreszeit in bedeutenden Mengen vorkam. Nach intensiver Suche in den alten Enzyklopädien bin ich fündig geworden. Es gab früher einen Strauch, der lateinisch viburnum opulus hieß und vom Volksmund Schneeball genannt wurde. Niemand wird behaupten wollen, dass es sich dabei um einen Zufall handelt.

Damit hat die strittige Frage nach dem Schnee im Winter jetzt eine eindeutige Antwort gefunden.
Hier eine dritte Textstelle, die sich als besonders ergiebig erwiesen hat:

„So, ihr zwei, wo ist denn eure Angst geblieben? Findet ihr es nicht herrlich hier?“
„Es ist prima, schade, dass es das nur im Museum gibt“, gab meine Tochter zu, und Noahs strahlende Augen verrieten, dass er genauso dachte.
„Jetzt gehen wir Schlittenfahren. Das gehört zum Allerschönsten am Winter“, lud ich meine Kinder ein. Es gab zwar nur eine jämmerliche Bahn, doch den beiden bescherte es ein unvergleichliches Erlebnis, mit dem museumseigenen Schlitten herabzusausen.
Nach zwei Stunden Winterfreude pur wurde es ihnen zu kalt und wir begaben uns zum Ausgang. Dort stand eine überdimensionale Sparbüchse und darüber hing ein Plakat. Im Näherkommen las ich:
„Obwohl Vogelschutz, Amphibienschutz und andere derartige Unternehmungen kläglich gescheitert sind, erbitten wir für unser Museumsprojekt, dem wir den Namen Frostschutz gegeben haben, eine kleine Spende - erhöhen Sie unsere Frostschutzmittel. Denn wir befinden uns hier am kältesten Punkt Deutschlands und der Schnee ist echt. Väterchen Frost zu schützen ist unsere heilige Pflicht. Jeder Yuan ist uns willkommen.“


Mancherorts ist zu lesen, bei Schlittenfahren handele es sich um die Fortbewegung mittels anderer Menschen, auf die man aufsitze wie auf einen Robotrag. Schon immer hielt ich diese Interpretation für lächerlich. Welcher Mensch würde eine solche Last tragen können? Ignoranten, die das behaupten, lassen eine wohlbekannte Tatsache außer Acht: dass nämlich die Schwerkraft auf der Erde fast sechs Mal höher ist als auf unserem Mond. Wenn man dieses wesentliche Faktum berücksichtigt, führt sich die Mensch-als-Robotrag-Theorie selbst ad absurdum. Doch ich will mich nicht länger mit dieser falschen Hypothese aufhalten, sondern endlich Licht in das geschichtliche Dunkel bringen.

Der Schlüssel zum Verständnis ergibt sich aus der Textstelle, aus der hervorgeht, dass es für den Schlitten eine Bahn geben muss. In keiner anderen Quelle wurde das bisher erwähnt, wodurch diese Geschichte wieder einmal zu einer wahren Schatzkiste wird. Wir können dem Autor nicht dankbar genug dafür sein. Es handelt sich um eine Fortbewegung - darin sind wir uns dank des Verbs herabsausen einig - mittels eines Schlittens. Doch da dieser eine Bahn benötigt, liegt es nahe, ein Gefährt auf Rädern zu postulieren. Wie sonst könnte eine Geschwindigkeit erreicht werden, die das Verb herabsausen rechtfertigt? Und bei der Wortgewandtheit des Autors können wir davon ausgehen, dass es sich hier um eine genaue Schilderung des Vorgangs handelt. Ein Vehikel also, das auf Rädern eine Bahn entlangläuft. Mit Sicherheit war diese Bahn schneefrei, da die pflanzlichen Partikel das Gefährt nur abgebremst hätten.

Meine Damen und Herren, ich komme zum Schluss meiner Ausführungen. Sie werden verstehen, dass ich mich noch zwei weitere Semester mit dieser unglaublich reichhaltigen Erzählung beschäftigen werde. In der Kürze der Zeit ist es mir nicht gelungen, die Fülle an Bedeutung zur Gänze zu erfassen und den Schatz komplett zu heben, der sich darin verbirgt. Ich werde jeden Stein in Bewegung setzen - wie man damals zu sagen pflegte- um die Bedeutung von Vogel und Amphibien zu ergründen. Alles deutet darauf hin, dass es die letzten Mosaiksteinchen sind, um den geheimnisumwitterten Begriff des Winters endgültig zu entschlüsseln.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit.


© Aweiawa, 2014

V3

Letzte Aktualisierung: 24.03.2014 - 22.49 Uhr
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