Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten
In diesem Buch präsentiert sich die erfahrene Dortmunder Autorinnengruppe Undpunkt mit kleinen gemeinen und bitterbösen Geschichten.
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Schmelzpunkt(e) | März 2014
Verrechnet
von Martina Lange

Ich bin ein Schreiber. Im Herzen ein Geschichtenweber. War ich einmal ein Chronist? Möglicherweise, von Zeit zu Zeit. Jedoch war das lange bevor alles begann.
Heute trenne ich heimlich Vorsatzpapiere aus alten Büchern und versuche für jedes einzelne Wort am Leben zu bleiben. Der private Besitz von Büchern wurde verboten, ebenso Aufzeichnungen jeglicher Art, sofern der Schreiber nicht damit beauftragt wurde. Die Ereignisse wiederzugeben, die zu den seit vier Jahren herrschenden Lebensumständen führten, ist gegen die Anordnungen. Mein Vorgehen ist somit mehr als gefährlich.
Sollte ich im Besitz eines Buches oder bei unautorisiertem Niederschreiben erwischt werden, drohen mir mindestens fünf Jahre Lager. Fünf Jahre Zwangsarbeit auf den Feldern. Falls ich das überlebe, werde ich danach nie mehr ein Schriftstück verfassen können. Oder wollen.


In grenzenloser Selbstüberschätzung hatten die Wissenschaftler gewagt, den Schöpfer herauszufordern und ihm den Fehdehandschuh hinzuwerfen. "Was du geschaffen hast, ist uns kein Geheimnis mehr. Wir wissen alles und wir können es sogar besser als du. Wir brauchen dich nicht mehr."
Sie sahen es kommen und konnten keine Hilfe anbieten, keine Lösung und keine Rettung. Damals, nachdem das namenlose Grauen, welches allgemein nur noch als "Die große Strafe" bezeichnet wird, nahezu jedes dritte Lebewesen auf diesem Planeten auslöschte. So verschlossen sie, die sich jahrhundertelang selbst weit über die Schöpfung erhoben hatten, ihre Augen und Münder. Später auch ihre Herzen.
Sie erhielten, beinah über Nacht, das Stigma der Ketzerei. Gezeichnet von den Auserwählten mit Asche und Rauch. Es gab seinerzeit auch einige warnende Stimmen, selbst aus der Wissenschaft. Doch sie wurden alle zum Schweigen gebracht. Auf die eine oder andere Weise.


Alles begann mit kleinen Veränderungen. Hier ein Erdbeben, dort eine Flutwelle. Nichts wirklich Spektakuläres. Die Daten der seismischen Aktivitäten wurden aufgezeichnet und gespeichert. Wie die Menschheit überhaupt alles sammelte und konservierte, um es vor dem Vergessen zu bewahren.
Nach und nach häuften sich die Vorkommnisse, nahmen an Intensität zu. Der Meeresspiegel stieg an. Höher als in jeder Berechnung. Aber nicht die schmelzenden Gletscher als Folge von Erderwärmung und Klimawandel waren die Ursache.
In der Tiefsee regte sich etwas. In alten Legenden war von einem Drachen die Rede, auf dessen schuppigem Rücken die Welt ruht. Jetzt streckte er sich in seinem zu eng gewordenen Bett.
Der Mittelatlantische Rücken, ein Grabenbruch tief unter der Oberfläche des Atlantiks, dehnte sich aus. Lava quoll empor und neue Inseln erhoben sich. Feuerinseln. Angeführt von Islands Vulkanen Lakagigar, Snaefellsjökull und von der heimtückischen Katla, reihte sich eine ruhelose Insel an die nächste.
Der Druck auf die Landmassen von Amerika, Europa und Afrika stieg stetig an. Die Aufwölbungen an den Rändern der tektonischen Platten schwankten im metrischen Bereich. Die dadurch hervorgerufen Erdbeben breiteten sich in einer Wellenbewegung über den Globus aus. Das Ausmaß der Zerstörungen war kaum zu erfassen und schon gar nicht zu bewältigen. Hunderttausende starben direkt oder an den Folgen. Von überall streckten sich den führenden Wirtschaftsnationen hilfesuchende Hände entgegen. Wir sahen sie in den Trümmern versinken.

Die Vulkane des pazifischen Feuerrings ergaben sich dem steigenden Druck im Erdinnern und wurden aktiv. Selbst die Schläfer erwachten. Tafahi auf Tonga, Inierie auf Flores, einer der kleinen Sundainseln, Daisetsu-zan auf Hokkaido, der Bakening in der Kamtschatka-Region. Geschmolzenes Gestein floss aus allen Öffnungen wie Saft aus einer überreifen Orange, die mit der Hand zerquetscht wird. Einer nach dem anderen stießen die Vulkane heiße Asche, giftige Gase und Lava aus. Tagelang, wochenlang, und schließlich wurde es mehr als ein Jahr. Vielleicht dauert es noch immer an?

Sizilien versank unter dem Bimsstein spuckenden Ätna. Neapel erging es wie Pompeji im Jahre 79 n. Chr. In einem pyroklastischen Strom versteinerte die Metropole am Golf.
Unsere Welt verging in einem nicht enden wollenden Strom aus Feuer und Asche. Als Resultat verdunkelte sich der Himmel. Schwefeldioxid und Fluorid stiegen weit hinauf in die Stratosphäre und umgaben den Planeten mit einem giftigen Schild. Das Sonnenlicht wurde reflektiert und die Temperaturen fielen immer weiter. Die Sonnenauf- und -untergänge prunkten in Purpur und Gold. Nie war der aufkommende Tod schöner gekleidet. Die Tage wurden nicht mehr hell. Diejenigen, denen die Apokalypse der Schrift vertraut war, sprachen von den Fanfaren der sieben Reiter, Feuer und Blut. Und übernahmen die Herrschaft.

Es waren die gewaltigen Eruptionsgewitter, die einen elektromagnetischen Supergau verursachten, und nur wenig später lagen Europa, Teile Nordamerikas und Vorderasien in totaler Finsternis. Die Überseekabel waren schon längst zerborsten, die Satelliten, welche die Erde umkreisten, nunmehr blinkender Weltraumschrott. Die gesamte nördliche Hemisphäre stürzte zurück in eine Zeit, als die einzige allgemeingültige Sprache die Gewalt war und das Recht auf der Seite desjenigen, der sie ausübte.
Wohin dies die südliche Hemisphäre beförderte, vermag ich mir kaum vorzustellen. Die Menschheit wurde entglobalisiert, entmobilisiert und entelektrifiziert.

Ein stinkendes Leichentuch legte sich auf unsere Welt. Und darunter setzte sich das große Sterben fort.
Auf den Straßen erstickten Menschen und Tiere. Die todbringende Schwefelsäure im allgegenwärtigen Nebel verätzte die Lungen. Aus dem Sommer wurde ein bleibender Winter. In Asche gebundenes Fluorid schneite herab und verdarb die Böden, Wiesen und Wälder. Das Vieh verendete, die Menschen fielen übereinander her. Was den giftigen Aerosolen nicht gelang, erreichten Hunger, Kälte, Dunkelheit und Anarchie. Die Erde hatte sich der zivilisierten Menschheit entledigt.

Die Opfer waren bald schon nicht mehr zu zählen. Wozu sollte es uns auch nützen? Aus unserer blühenden Landschaft war eine Ödnis, ein Hades geworden. Mit all seinen üblen Auswüchsen und Chimären.
Experten hatten alles berechnet. Die Daten geprüft und miteinander verglichen. Klimamodelle erstellt und jeden erdenklichen Anstieg der Temperaturen in seinen letzten Konsequenzen für die Erdbevölkerung ausgelotet. Gletscher und Polkappenschmelze, Anstieg des Meeresspiegels, Unwetteraufkommen und Veränderungen in der Tier- und Pflanzenwelt. Nirgendwo war ein Fehler zu finden. Nicht in unserer Generation und nicht in den vorangegangenen. Alles war richtig ... und dennoch war alles falsch.
Ihr, die ihr uns erhöhtet, führtet uns an den Abgrund ... und ließet uns immer noch im dem Glauben, wir könnten fliegen.

Und die Zurückgebliebenen ...? Nun ja, denkbar wäre, dass einige es so handhaben wie ich. Selbst in der Gewissheit der ihnen drohenden Gefahr. Gleichgültig an welchem Ort. Ich weiß es nicht, denn Nachrichten erreichen uns erst nach Tagen oder Wochen. Natürlich gereinigt. Wie viele davon verloren gehen oder aussortiert werden, entzieht sich meinem Vorstellungsvermögen. Eines haben wir jedoch alle gemeinsam: Wir wurden verstummt. Hüten im Geheimen die Erinnerungen an das Paradies, das wir verloren. Und ringen um unser Überleben an jedem neuen Tag.

Letzte Aktualisierung: 25.03.2014 - 10.10 Uhr
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