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Schmelzpunkt(e) | März 2014

Der Versuch idealer ViskositĂ€t im SĂŒden Englands
von Robert Pfeffer

Es sollte ein spannender Tag werden in Athelhampton Court. Einer, wie ihn die ĂŒber vierhundertjĂ€hrige Geschichte des Hauses noch nicht erlebt hatte. Hoher Besuch stand auf dem Plan, wenngleich er ganz und gar bĂŒrgerlich sein wĂŒrde. Doch selbst Bethany und Finley ritt hin und wieder eine Anwandlung, moderner zu sein, als es die ergraute Gemeinschaft in und um Puddletown gewöhnlich zu sein pflegte. Im Dorf nahe des Landsitzes ging man nicht mit der Zeit, eher langsam am Stock. Die Überalterung des StĂ€dtchens nahm bedrohliche Formen an und es gab Etliche, die nicht nur den Kern des Ortes historisch nannten, sondern auch alle, die sich in ihm bewegten.

An einem frĂŒhherbstlichen Tag des vergangenen Jahres schien Finley Baxter Theodor Heathermore, seines Zeichens Duke of Dorset, der akzeptable Zeitpunkt, seine Gattin von den PlĂ€nen fĂŒr die Zukunft zu unterrichten. Entgegen der sonst unverhandelbaren Gewohnheit, den Tee im oberen Erkerzimmer einzunehmen, von dem aus man trotz seines begrenzten Platzangebotes einen die Seele erheiternden Blick ĂŒber die Wipfel des Puddletown Forrest genoss, richtete er die Zeremonie im Vorraum der Bibliothek ein. Und das aus gutem Grund. Es gab nahezu nichts, was der Duke ohne einen solchen tat, außer vielleicht dem Legen einer Patience dann und wann, wenn durch unachtsame Tagesplanung noch eine Viertelstunde Zeit war, bevor er zu Bett ging.
Bethany Amber Darcy Heathermore, Duchess of Dorset, machte ihren zarten Unwillen ob der OrtsverĂ€nderung fĂŒr den Tee mit einem schnellen Lidschlag deutlich. Sie suchte, die kritische Situation analysierend, den Raum ab, als aus dem Untergeschoss die Stimme ihres Gatten hinauf klang, der sie wieder hinabbat.

Mit einer Mischung aus RĂŒcksichtnahme und Bestimmtheit weihte er sie in sein Vorhaben ein, versuchte, ihr den Gedanken schmackhaft zu machen, so wie sich ein TrĂŒffel dezent und doch mit Nachdruck unter den Gaumen schmiegt. An einer Stelle seines Vortrages setzte sie empört die Tasse ab, holte so viel Luft, wie es gerade noch als damenhaft galt, wartete gleichwohl einen Moment und sammelte die passenden Worte: „Finley, du versteigst dich da in etwas, das mir so sinnlos scheint, wie es ohne Erfolgsaussicht ist, einem Ferkel das Lesen beizubringen! Eine Esskultur entsteht nicht dadurch, dass man SpeiseabfĂ€lle im Trog gratiniert!“

Der Winter blieb auch im SĂŒden Englands ungewöhnlich mild und der Duke unternahm mit Cromwell, einem Havaneser, nicht minder ungewöhnlich oft und lange SpaziergĂ€nge. Dieses Exemplar Hund war so eigenwillig, dass er seinen Namen nach nur drei Monaten in Athelhampton Court einbĂŒĂŸte und von Fitzroy nicht einmal in Oliver umgetauft wurde, sondern gleich dessen Nachnamen erhielt. Die Duchess beobachtete hĂ€ufiger beim Blick aus dem Fenster, wie ihr Gemahl noch auf dem HofgelĂ€nde mit einem jener neumodischen GerĂ€te zu telefonieren begann, dessen Anschaffung sie fĂŒr vollkommen unnötig befand. Doch Finley schien ĂŒber Wochen außerhalb der herzoglichen Mauern vorzubereiten, was heute seinen Abschluss am ersten echten FrĂŒhlingstag des Jahres finden sollte.

„Bethany“, wandte er sich ihr zu, „wir bekommen Besuch vom Vertreter einer großen Firma. Um ihn stilvoll zu empfangen, habe ich im Vorraum der Bibliothek eine Versuchsanordnung aufbauen lassen. Ich hielt es fĂŒr ratsam, die Umgebung fĂŒr die PrĂ€sentation ein wenig einschĂŒchternder zu wĂ€hlen. Dies wird den Aspekt höchster QualitĂ€t noch stĂ€rker pointieren.“
Er hakte sie ein und fĂŒhrte sie durch die Lobby in das angekĂŒndigte Zimmer. Die Herzogin blieb auf der Schwelle wie angewurzelt stehen, starrte erst eine Weile in den Raum und dann in Richtung ihres Gatten.
„GrundgĂŒtiger! Du hast deiner AnkĂŒndigung wahrlich Taten folgen lassen!“
Vor ihr stand ein elektrisch betriebener Herd, was angesichts des zur Seite verlaufenden Kabels nicht zu leugnen, aber wegen der Tradition des Kochens mit Holzkohle im Herrscherhaus geradezu frevelhaft war. Eine einzige Platte hatte das GerĂ€t, rechteckig und schwarz, sah ĂŒberdies schon mehrfach benutzt und nur unvollstĂ€ndig gereinigt aus, jedenfalls fĂŒr die gestrengen Augen der Herzogin. Rechts neben der KochflĂ€che war auf Rollen eine Anrichte platziert, auf der in einer Schale Rötliches auf seinen Einsatz wartete. Eine PfeffermĂŒhle, ein Salzstreuer sowie drei Blöcke KĂ€se und ein Hobel fĂŒr jenen fĂŒllten den Rest vom Tisch. Und ĂŒber allem schwebte ein grauer, fingerdicker Draht, der sich, je lĂ€nger sie hinschaute, orangerot fĂ€rbte.
„Hier, Liebste“, nickte er erwartungsfroh, „das Hackfleisch, nur von besten Rindern, versteht sich, verfeinert mit Zwiebeln und allerlei anderen Ingredienzen, wird auf dem Herd gebraten. Danach kommt das Entscheidende fĂŒr meine PrĂ€sentation, der du hoffentlich beiwohnen möchtest.“
„Um keinen Preis werde ich mir dieses Schauspiel entgehen lassen. Ich hoffe nur, dass der Bratengeruch nicht in die BĂŒcher nebenan zieht!“

Finley wollte ihr gerade versichern, dass er diese Gefahr durchaus bedacht hat, als der Butler die Ankunft der GĂ€ste vermeldete. Der Herzog ließ bitten.
„Yo man, das ist mal ne stilechte HĂŒtte. Man könnte glatt meinen, wir wĂ€ren in England“, grinste Dave Burrell, blieb kurz in der TĂŒr stehen, blickte einmal rund und lief dann mit ausgestrecktem Arm auf den Duke zu. In seinem Gefolge eine asiatische Barbie und ein grobschlĂ€chtig schreitender HĂŒne mit HĂ€nden, die fĂŒr das Greifen einer Pfanne einen Stiel fĂŒr entbehrlich hielten.
„Wir sind, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, in England, Sir“, machte Bethany darauf aufmerksam, dass sie nicht weniger eine BegrĂŒĂŸung erwartete. Die junge Frau und der Riese blieben hingegen einige Meter abseits und verfielen in eine Starre.
„Ich hab meine Managerin mitgebracht, Li Wang. Waschechte Schottin, wie man sieht, ey?“
Er zwinkerte. Auf eine Art, als habe er etwas sehr Unangenehmes zwischen Nase und Rachenraum sitzen. „Und der schmĂ€chtige kleine Kerl daneben ist unser britischer KĂŒchenchef, Ron Kellerman.“ Der Angesprochene machte einen halben Schritt vorwĂ€rts, nickte kurz in den Raum, ohne dabei jemand anzusehen, und trat zurĂŒck in die Reihe.
Finley kontrollierte seinen Impuls, auch die anderen beiden zu begrĂŒĂŸen. Das war offenbar vonseiten seines Hauptgastes nicht vorgesehen.
„Teuerste“, wandte sich der Duke an seine Frau, „das ist Mister Burrell. Er ist der Chef Westeuropas fĂŒr eine große amerikanische GaststĂ€ttenkette, wie man sie an AutobahnraststĂ€tten und in der NĂ€he von Bahnhöfen bevorzugt findet.“
„Restaurant, sagen wir, nicht wahr? Das wissen Sie doch“, zwinkert der Gast erneut. „Dann werfen Sie ruhig mal den Grill an, Fin“, kam Dave umgehend zur Sache. „Immer drauf auf die Brutzelplatte! Wann kommt der Knaller, den Sie versprachen?“
Bethany zog bei der vertraulichen Namensform ihres Gatten das Taschentuch, um die Empörung zu verbergen, und nahm es nun kurz zur Seite: „Knaller, Finley? Du versprichst Knaller?“
Der Duke formte aus dem Hackfleisch eine Scheibe und legte sie betont vorsichtig auf die Herdplatte.
„Ich versprach, Liebste, dem Herrn aus Amerika einen Clou. Möglich, dass er das etwas anders ĂŒbersetzt hat.“ Er wandte sich zu Dave.
„Die revolutionĂ€re Idee fĂŒr die Steigerung Ihres Umsatzes auf dem britischen Markt, Mister Burell, die ich fĂŒr Sie ersann, besteht im distinguierten Zusammenspiel biologisch erzeugten Rindfleischs mit gleichfalls hochwertigem ChesterkĂ€se. Sie sehen hier einen weißen Cheshire, einen roten und einen gerĂ€ucherten. Auf den blau geĂ€derten habe ich mit RĂŒcksicht auf die geschmackliche Strenge verzichtet.“
Er wendete die Fleischscheibe, griff den KĂ€sehobel und schabte etwas von dem weißen Chester ab.
„Ich denke, dieser wird der GĂ€ngigste sein, aber Sie sollten anschließend auch mindestens den roten kosten.“
„Wenn es meine Zeit erlaubt, euer Durchlaucht“, tippte Dave mit dem Finger auf die Uhr. „Wie lange haben wir es denn noch bis zum Clou?“
„An dieser Stelle ist ein wenig Geduld gefragt, Mister Burrell. Die Heizschleife des Grills hĂ€ngt exakt mit einem Fuß ĂŒber der Herdplatte auf Optimalhöhe. Der Clou besteht dann im Schmelzpunkt des KĂ€ses! Nach einer Zeitspanne von etwa einer Minute und vierzig Sekunden hat er bei einer Ausgangsdicke der Scheibe von Nullkommadrei Inch seine IdealviskositĂ€t erreicht. Gerade so, als könne er binnen einer weiteren Minute genĂŒsslich das Fleisch umschließen, weil die Schwerkraft ihm diesen Weg weist.“
Finley schnitt ein StĂŒck fĂŒr den Gast ab und reichte es auf einem kleinen Teller. Er selbst kostete ein anderes. „Welch ein Genuss, welch ein Duft, diese Aromen! Mister Burrell, es ist wie eine Operette aus Fleisch und KĂ€se, nicht wahr?“
Der Buletten-König von Westeuropa verdrehte ebenso die Augen. „Das schmeckt ja ganz nett, aber ... soll Ron Ihnen mal zeigen, wie lange man bei uns dafĂŒr braucht?“
„Ich befĂŒrchte das Schlimmste, Theodor“, stieß Bethany hervor. Sie nutzte stets seinen dritten Namen, sofern sie plante, sich zurĂŒckzuziehen.
„Ok, lassen wir das“, beruhigte Dave. „Das Fleisch hat vierzig Sekunden von jeder Seite und der KĂ€se“, er hielt eine quadratische, einfolierte Scheibe hoch, „hat elf! Dann ist alles fertig! Sie melden sich einfach, wenn Sie Ihre Operette in der Zeit schaffen, ey? Have a great day und danke fĂŒr die Einladung.“

Im oberen Erkerzimmer stellte Bethany kurz darauf die Teetasse ab.
„Bei Gott, Finley, hast du das gesehen? Sie verarbeiten tatsĂ€chlich gelbes Plastik im Essen. Das nach elf Sekunden gar ist? Ich weiß wahrlich nicht, ob ich diesem Fortschritt gewachsen bin.“
„Ich muss mich, Liebste, fĂŒr meine Idee tadeln. Ich glaubte doch wirklich, dass sie ein wenig Kultur in ihren scheußlichen GaststĂ€tten vertragen könnten. Und dass ich ihn mit dem Geschmack und dem Duft ĂŒberzeugen wĂŒrde. Was denkst du darĂŒber?“
„Nun, Finley, ich denke, in dreißig Sekunden können wir es schaffen. Darunter allerdings kaum.“
(Version 2)

Letzte Aktualisierung: 24.03.2014 - 22.48 Uhr
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