Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Steinzeit | April 2014
Die Sammlung
von Susanne Ruitenberg

Es fing harmlos an. Auf einem Spaziergang, den wir nach dem Sonntagsbraten unternahmen. Wir schlenderten, uns über dies und das unterhaltend, den Waldweg entlang, als meine Frau auf einmal einen Schrei ausstieß, sich bückte, etwas vom Boden aufhob und vorsichtig Erde und Tannennadeln davon entfernte.
„Hast du ein Geld gefunden?“, fragte ich.
Sie reagierte nicht. Verwundert sah ich zu ihr herüber.
Normalerweise prustet sie los, wenn ich das sage. Dieser Familienausdruck geht auf unseren ältesten Enkel zurück, als er vor Jahren bei einer Jazzmatinee im Kurpark eine Münze erbettelte, sie feierlich auf seinen wackeligen Beinchen zur Bühne trug und mit gekonntem Schwung dem ersten Trompeter vor die Füße warf. Wie bei den Straßenmusikern in der Fußgängerzone. Besagter Trompeter konnte vor Lachen sein Solo nicht zu Ende blasen, die Klarinette musste kurzfristig übernehmen.
„Rita?“, fragte ich. Doch sie stand nur da, hielt einen Gegenstand in der Hand, starrte mit einem entrückten Gesichtsausdruck darauf. Schließlich hob sie den Blick und zeigte mir, was sie aufgelesen hatte. „Er ist wunderschön!“
Ich verkniff mir ein herablassendes Schnauben. Auf ihrer Handfläche lag ein Stein. Ein banaler, grauer Stein mit einer dunkleren Spur mittendurch, wie eine Ader. Nicht hässlich, sicher, aber auch nichts, worüber man in Ekstase ausbrechen müsste.
„Der kommt mit“, bestimmte sie, und wir setzten unseren Spaziergang fort.

Daheim angekommen, wusch sie den Stein sorgfältig, trocknete ihn mit einem Küchentuch ab und platzierte ihn aufs Fensterbrett im Wohnzimmer, zwischen das Usambaraveilchen und das Elefantenohr. Er fiel dort nicht auf und ich vergaß ihn bald.
Bis ich etwa zwei Wochen später vom Einkaufen heimkam, und ein Haufen weitere Steine das Fensterbrett zierten. Um die Töpfe herum, dazwischen, in Grüppchen und Reihen lagen sie, weiße Steine, graue Steine, schwarze Steine, rötliche Steine.
In unserem Haus ist meine Frau für die Deko zuständig, seit jeher. Ich habe das ästhetische Talent eines umgefallenen Baumstamms, sagt sie, in den seltenen Fällen, in denen ich mich daran versuche. Nun, vielleicht probiert sie ein neues Dekokonzept aus, dachte ich, und verzichtete in grenzenloser Großzügigkeit darauf, sie darauf anzusprechen.
In der nächsten Woche jedoch, am Samstag, der Tag, an dem ich mit zwei alten Freunden immer zum Schwimmen gehe, kam ich heim, hungrig, in Vorfreude auf das Mittagessen - sie war nicht da. Kein halbfertiges Mahl auf dem Herd mit einem Zettel daneben ‚musste schnell nochmal zum Supermarkt, deck schon mal den Tisch‘, kein verpasster Anruf auf meinem Handy, keine SMS. Ihr Auto fehlte ebenfalls. Ich versuchte es bei ihr, bekam nur die Mailbox, sprach darauf und machte mir selbst etwas zu essen.
Gerade, als ich überlegte, ob Panik angebracht war und ich unsere Freunde und Bekannten abtelefonieren sollte, hörte ich ihren Panda in die Einfahrt rollen. Sie stieg mit dem Elan eines jungen Mädchens auf dem Weg zur Tanzstunde aus, sprintete um das Auto herum, öffnete den Kofferraum und wuchtete nacheinander drei Körbe heraus. Sie sahen sehr schwer aus. Als wohlerzogener Ehemann eilte ich nach draußen; nicht, um sie mit Vorwürfen zu überschütten wegen des fehlenden Mittagessens, sondern um ihr beim Tragen zu helfen. Es überraschte mich kaum, dass die Körbe mit Steinen gefüllt waren. „Schau nur“, rief sie, „wie schön sie alle sind. Ich habe eine ganz tolle Stelle gefunden. Am ersten Waldweg, den wir immer nehmen, rechts.“
Kein Wunder, dachte ich, dort geht es zum Steinbruch und es würde sich lohnen, den Weg abzutragen.
„So viele Farben gibt es, ich konnte nicht anders.“
Den restlichen Nachmittag verbrachte sie damit, die Steine zu reinigen und im Wohnzimmer zu verteilen. Ich zog mich in meinen Arbeitskeller zurück und bastelte an den nächsten Vogelhäuschen für den Weihnachtsbasar. Jedem sein Hobby, dachte ich und sie wird ja nicht jeden Samstag das Mittagessen ausfallen lassen.
Das mit den Mahlzeiten spielte sich ein. Aber sie verschwand täglich stundenlang und kam mit Körben und Kartons von Steinen zurück. Die Fensterbretter waren längst voll, nun kamen alle Regale an die Reihe, jede verfügbare Fläche, andere Deko räumte sie rigoros beiseite oder in Kisten, die sie auf den Dachboden trug, um mehr Fläche für ihre kostbaren Steine zu haben. Als ihr der Platz ausging, räumte sie das Gästezimmer leer, kaufte sich über ebay gebrauchte Plexiglasregale aus einer Ladenauflösung und richtete sich dort ihr persönliches Steinmuseum ein.
Alle Versuche meinerseits, ein vernünftiges Gespräch zu dem Thema zu starten, erstickte sie, indem sie nicht antwortete.
Ich war noch dabei zu überlegen, ob ich mal mit dem Arzt oder mit unserem Sohn darüber reden sollte – unser Arzt ist noch neu und kennt uns nicht und unser Sohn ... nun, seit seine Mutter ausgerastet ist, weil er ihr eröffnet hat, dass es keine Schwiegertochter geben wird, sondern einen Schwiegersohn, ist er auf seine Mutter nicht mehr gut zu sprechen.
Doch dazu kam es nicht mehr.
Heute Morgen wachte ich auf, das Bett neben mir war leer. Ich zog mir das Ohropax aus den Ohren – eine dumme Angewohnheit von damals, als wir noch an der Hauptstraße wohnten. Leider kann ich nicht mehr ohne.
Da Rita in letzter Zeit öfters früh aufsteht, um ihre Steine zu sortieren, ging ich erst einmal ins Bad, zog mich gemütlich an, und machte mich auf den Weg nach unten.
In der Küche war sie nicht, auch nicht im Wohnzimmer.
„Rita“, rief ich. Keine Antwort.
Im Garten fand ich sie nicht, überhaupt hatte sie sich darin zuletzt wenig aufgehalten, seit sie alle Steine, derer sie habhaft werden konnte, daraus aufgesammelt und in ihr Museum verbracht hatte.
Das Museum, da wird sie sein, fiel mir ein.
Wie Recht ich hatte.
Als erstes sah ich ihr Bein, der Hausschuh halb vom Fuß gerutscht, in eigenartigem, von der Natur nicht vorgesehenem Winkel vom Körper abstehen.
Das große Regal in der Mitte hatte nicht standgehalten. Beziehungsweise die Dübel, mit denen ich es befestigt hatte.
Rita war tot, erschlagen von ihrer Steinsammlung.
Ich beschloss in dem Moment, dass ich ihr keinen Grabstein kaufen würde.


©Susanne Ruitenberg
Version 1

Letzte Aktualisierung: 22.04.2014 - 16.38 Uhr
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