Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Steinzeit | April 2014
Im Datenwald des Web 2.0
von Elsa Rieger

Es war einmal im Datenwald, und ja, liebe Kinder, ihr könnt ruhig „kalt“ darauf reimen, denn zwischen all den vielen IP-Nummern, ID-Ziffern, Trashbergen und schnurrenden, schwebenden, umherzischenden Browsern war es oftmals richtig kalt.
Ihr müsst euch vorstellen, die meisten Menschen saßen nicht mehr wie früher gemütlich zusammen, plauderten Aug in Aug vor dem wärmenden Kaminfeuer, nein, man verständigte sich über Glasfaserkabel, sah selten bis nie sein Gegenüber, las nur Worte, die so oder so ausgelegt werden konnten.
Nun, es gab Ausnahmen, einige wenige Ruhepunkte in den unendlichen Weiten dieses turbulenten Treibens. Da trafen sich dann kleine Gruppen, setzten sich Gesichter auf, die Avatare genannt werden, und gaben sich lustige Nick-Namen, damit man sie auseinanderhalten kann.
Mit diesen Namen und Avataren konnte man übrigens ganz nette Ratespiele veranstalten, welch Geistes Kind der Mensch dahinter wohl sein könnte. Nannte sich einer „roter Rächer“ und wählte ein Bild, das einen schnaubenden Stier zeigte, na ja, dann ordnete man dessen Persönlichkeit als ... na? Genau! Gefährlich, huuuuu. Denkste. Nicht selten verbarg sich hinter der wildesten Scheinpersönlichkeit ein Angsthase. Umgekehrt war es durchaus möglich, dass einer, der sich „Elfenkind“ nannte, ein riesengroßes Arschloch war. Wer hätte das überprüfen können? Keiner. Denn im World Wide Web ließ sich der wahre Charakter wunderbar verschleiern.

Aber nicht alle waren derart abgefeimt; manche im Datenwald hatten sich schon im echten Leben getroffen und betrachteten den elektronischen Austausch nur als Erweiterung. Sie saßen gern um ein kleines WINZIP-Feuer, an dem sie sich geborgen fühlten, lachten und redeten.
Andere hatten Spaß mit dem Klauen von Software, die hatten ein bisschen was von Wegelagerern. Es gab auch Zusammenkünfte von gefährlichen Raubrittern, die im Wald alles zerhackten, was ihnen vor die Streitaxt kam. Das schädigte viele Waldbewohner, ja, zerstörte in schlimmen Fällen ihre gesamte Einrichtung.
Einige waren aber selbst schuld, naiv klickten sie harmlos wirkende Briefe an, öffneten verheißungsvolle Werbezuschriften und bemerkten nicht, dass sich dadurch so etwas wie ein trojanisches Pferd in ihrem Häuschen entlud und fürchterliches Chaos anrichtete.
Zu den harmloseren Waldbewohnern zählten jene, die sich der Poesie verschrieben hatten. Sie taten keinem etwas zuleide, ließen IPs und IDs in Ruhe, vermehrten nur selten die Trashberge, weil sie jedes Wort bunkerten, was ihnen einfiel. Sie hüteten ihren Wörtersalat wie die Zwerge ihre Schätze in Höhlen, die sie „geschlossenes Forum“ nannten.
Meist harmlos ging es auch in einer Gemeinschaft namens Facebook zu. Es war ein riesiges Areal im Datenwald, denn es musste Millionen von Usern beherbergen. Da ging es vielleicht lustig zu, liebe Kinder. Täglich wurde zig putzige Katzenfotos gepostet, diverse Mittag- oder Abendessen präsentiert, ehe die Mahlzeit verputzt wurde, und ganz viele Menschen freuten sich darüber und belohnten diese Nachrichten mit einem erhobenen Daumen. Es herrschte in Facebook eine tolle Stimmung, man befreundete sich miteinander, stritt man, entfreundete man sich und beschwerte sich bei den verbliebenen Freunden über diese Persona non grata. Auch das machte Spaß, denn wer zerreißt sich nicht gern das Maul über andere. Tratsch und Klatsch waren das Salz in der Millionensuppe von Facebook. Und nicht zu vergessen die Selfies. Das sind scheußliche Selbstporträts, die man mit dem Smartphone schoss, und die überaus beliebt waren.

Aber alles hat einmal ein Ende, und eines Tages brannte der Datenwald ab, alle Glasfaserkabel verschmorten, es gab einen großen Knall und das Internet war futsch – eine Nova hatte es ausgelöscht.
Ratlos irrten die Bewohner durch eine Aschewüste. Die meisten liefen aneinander vorbei, denn ihr wahres Erscheinungsbild hatten sie bisher nicht kennengelernt. Sie fremdelten.
Die ganz Mutigen sprachen andere Umherirrende an, schrien vor Freude auf, wenn das Gegenüber beschrieb, welchen Nick-Namen und Avatar er seinerzeit im Datenwald benutzt hatte.
Nach und nach wuchsen die persönlichen Kontakte, die Menschen setzten sich an realen Lagerfeuern zusammen und gewöhnten sich daran, ganz normal zu kommunizieren, von Angesicht zu Angesicht, wie es vor der Entstehung des Datenwaldes jahrtausendelang üblich war. Sie fühlten sich nach einer Zeit der Eingewöhnung frei und unbeschwert, dachten mit Schaudern an die nervenaufreibenden Stunden nach diversen Crashs, ausgelöst durch giftige Spams, die mühevolle Arbeit, danach alles wieder aufzusammeln und funktionstüchtig zu machen. Das alles geriet nach und nach in Vergessenheit, ein neues Leben begann.
Und wenn sie nicht gestorben sind, reden sie noch heute miteinander.

(3. Version)
Elsa Rieger

Letzte Aktualisierung: 10.04.2014 - 13.25 Uhr
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