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Steinzeit | April 2014
Steine, die von Herzen fielen
von Thea Derado

„Ja, was suchst du denn da unterm Tisch, mein Bub?“
„Na, den Stein.“
„Welchen Stein denn?“
„Du hast doch eben zu Tante Lina gesagt, dir sei ein Stein vom Herzen gefallen.“
Mir schien, die beiden Frauen kicherten da oben über ihren Muckefuck-Tassen. Was war daran so lächerlich?
„Da hab ich ihn ja!“ Triumphierend kam ich mit meiner Beute unter dem Tisch hervorgekrochen.
„Neben deinem linken Fuß, Mama, hat er gelegen. Wie glatt, und das schöne Lila! Darf ich ihn behalten?“
„Gewiss doch! Wer Steine findet, die von anderen abgefallen sind, der sollte sie sehr gut hüten, damit sie nicht wieder übermütig auf ein Herz springen und es unnötig beschweren.“
Später lernte ich, dass es ein Amethyst ist, etwa so groß wie die Fingerkuppe eines Männerdaumens. Nicht sehr ebenmäßig, aber angenehm zu fühlen. Seit Mutters Tod vor wenigen Jahren steckt er in meiner Wintermanteltasche. Wenn die kalte Jahreszeit beginnt und mir der Handschmeichler zwischen die Finger gerät, ist mir zuweilen, als würden mich Mutters Hände streicheln.

Ja, so fing das an mit dem Steine-Sammeln. Damals in den letzten Kriegsmonaten, das war eine richtige Steinzeit. Wie oft fielen in jener Zeit Steine von Herzen: Wenn nach einem Bombenangriff die Wohnung noch stand, wenn vom Mann, Bruder oder Sohn ein Brief mit der Feldpost kam, später dann, wenn vermisst Geglaubte doch noch lebten.
Aufmerksam schaute ich mich in der Umgebung der erleichtert Aufatmenden um, bis ich einen besonderen Stein fand, der, da war ich ganz sicher, vom Herzen gefallen sein musste. Nicht selten halfen mir meine Verwandten und deren Freunde auch bereitwillig beim Suchen.
So unterschiedlich wie die Menschen und die Anlässe, waren die Steine in Form, Farbe und Größe.
Jetzt als alter Mann habe ich meine Sammlung wieder hervorgekramt. Beim Betrachten fallen mit auch die Begebenheiten wieder ein. Du denkst, es sei nichts als ein toter Stein, den du in die Hand nimmst, und plötzlich schaut ein Mensch heraus.

Ein Stein ist besonders hässlich. Die braunschwarze aufgeschäumte Lava gleicht einem Haufen Teufelsschitt. Ja gut, ich weiß nicht, wie Teufel scheißen. Zum Glück stinkt er nicht. Er deutet auf meinen älteren Cousin Harald hin. Bei seinen Schwarzmarkt-Geschäften nach dem Krieg war er in eine Razzia geraten und in der Grünen Minna mit aufs Revier genommen worden. Einige Tage saß er im Knast, aber dann gelang es ihm, den Wärter mit Ami-Zigaretten zu bestechen. Keine Ahnung, wieso er im Kittchen noch immer welche bei sich hatte. Jedenfalls kam er im Dunkeln heim, packte seine Sachen und verduftete. Mein Kaninchen, das seit Tagen unauffindbar war, hatte er auch auf dem Gewissen: Auch das hat er auf dem Schwarzen Markt verkauft, in Büchsen eingemacht. Aber unter der oberen Fleischschicht war der größte Teil simpler Grießbrei.
„Meinem Harald ist aber ein Stein vom Herzen gefallen, dass er nochmal so gut davon gekommen ist!“, berichtete seine Mutter. Als Entschädigung für meinen Freund Langohr ließ sie mich in Haralds Hinterlassenschaften kramen. Zwischen altem Militärspielzeug lag er, der Lavabrocken. Keine Ahnung, was aus dem Kerl geworden ist. Interessiert mich auch herzlich wenig.

Die meisten Steine sind nicht sehr auffällig: Bestandene Examina, überstandene Krankheiten.

Ganz selten fand ich die Steine in ihrem normalen Umfeld – wie die Sandrose.
Als ich schon junger Assistent war, kam in unser Institut eine ägyptische Kollegin. Eine außergewöhnliche Frau. „Ich bin keine Araberin, ich bin Pharaonin“, entgegnete sie, wenn wir uns wunderten, dass sie in die Gift und Galletiraden ihrer Landsmänner (das war zu Nassers Zeiten) gegen Israel nicht einstimmte. Von meiner Kairoer Freundin hörteerfuhr ich erstmals über die Genitalverstümmelungen arabischer und afrikanischer Mädchen.
„Selbst aufgeklärte Eltern, wie meine, haben selten den Mut, sich gegen die. Ich war schon in der Pubertät, als diese Amputation unter erniedrigenden Umständen nachgeholt wurde.
Als ein Palästinenser mich später heiraten wollte, war seine erste Frage, ob an mir diese Operation vorgenommen worden sei. Da war mir klar, dass er gewiss eine Jungfrau in der Hochzeitsnacht erwartete. Also ließ ich mich brav zunähen, um die Spuren eines Liebesverhältnisses zu einem jungen europäischen Professor an unserem Institut zu tilgen. Die Ehe mit dem Palästinenser wurde nie vollzogen.
Schließlich habe ich meinen Eltern klar gemacht, dass solche Blödmänner es doch gar nicht wert wären, mich oder eine meiner Schwestern zu bekommen. Damit habe ich wenigstens meiner jüngeren Schwester diese Tortur ersparen können. Da ist uns beiden aber ein Stein vom Herzen gefallen!“
Ihn zu finden, reiste ich durch die nordafrikanische Wüste. Eigenartig durchströmte es mich, als ein Klumpen vor meinen Füßen lag. Schwer wog er in der Hand, der Barytstein. Erst unterm Wasserstrahl kam sie zum Vorschein, eine rosa schimmernde Sandrose mit bizarren Kristallformen. Meine kleine Pharaonin.

Ach hier, der knallrote! Karla, mit ihr war ich während des Studiums einige Zeit befreundet. Da gab es die Pille noch nicht. Das war jeden Monat ein aufgeregtes Warten bis zum ‚Lohn der Angst‘! Wie anders als blutrot kann der Stein der Erleichterung sein. Könnte ein Rubin sein, vielleicht aber auch nur im Fluss geschliffenes Flaschenglas.
Die Mühe, das testen zu lassen, habe ich mir erspart.

In drei Fällen habe ich mich von einem Juwelier beraten und unterstützen lassen: drei eingefasste edle Steine. Jeweils zur Geburt unserer drei Kinder als Geschenk für meine Frau. Eine Zeit lang hat sie sie als Anhänger getragen. Wir sind uns einig, dass es Zeit wird, jedem der Kinder ‚seinen‘ Stein zu präsentieren. Zur goldenen Hochzeit werden wir sie überreichen.

Ach da, der schwarzerglänzender Basalt! Alles andere als ein Leichtgewicht! Mein Studienfreund und Bergkamerad Gerold. Als gestandene Männer begegneten wir uns anlässlich einer Konferenz in Island. Alter Zeiten gedenkend krönten wir unser Wiedersehen mit eine Rundreise durch das Land der Gletscher und Vulkane.
Gerold, ein Workaholic, hatte kein Glück mit seinen Frauen. Dazu fehlte ihm die nötige Empathie. Auf der Fahrt erfuhr ich, dass ihm ein großer Stein vom Herzen gefallen war, dass seine Frau die Scheidung, seine dritte, praktisch allein durchgezogen hätte. Er musste nur unterschreiben. Nun sei er wieder frei wie ein Adler. - Wehe, jemand versucht, ihm seine Zeit zu stehlen! Da gibt es nur Befreiungsschläge.
Bezeichnend der Fundort des Steines: Wir standen an dem gewaltigen Goðafoss, dem Götterwasserfall. Nachdem im Jahr 1000 auf dem Althing, der isländischen Nationalversammlung, beschlossen worden war, sich aus praktischen und wirtschaftlichen Gründen dem aufstrebenden Christentum anzuschließen, wurden die letzten altehrwürdigen Götterbilder in diesen Wasserfall geworfen.
So befreit sich jeder auf seine Weise von dem, was ihn einengt.
Da lag er vor mir, der Basaltbrocken, schwer und blank. Die Bruchfläche sieht allerdings gar nicht so homogen aus. Aber die Bruchkanten messerscharf.

Beim Betrachten meiner Steinsammlung rollt wie ein unscharfer Stummfilm mein Leben vor mir ab.
Es wäre wohl gut, die dazugehörigen Geschichten einmal aufzuzeichnen.

Letzte Aktualisierung: 25.04.2014 - 06.47 Uhr
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