âJa, was suchst du denn da unterm Tisch, mein Bub?â
âNa, den Stein.â
âWelchen Stein denn?â
âDu hast doch eben zu Tante Lina gesagt, dir sei ein Stein vom Herzen gefallen.â
Mir schien, die beiden Frauen kicherten da oben ĂŒber ihren Muckefuck-Tassen. Was war daran so lĂ€cherlich?
âDa hab ich ihn ja!â Triumphierend kam ich mit meiner Beute unter dem Tisch hervorgekrochen.
âNeben deinem linken FuĂ, Mama, hat er gelegen. Wie glatt, und das schöne Lila! Darf ich ihn behalten?â
âGewiss doch! Wer Steine findet, die von anderen abgefallen sind, der sollte sie sehr gut hĂŒten, damit sie nicht wieder ĂŒbermĂŒtig auf ein Herz springen und es unnötig beschweren.â
SpĂ€ter lernte ich, dass es ein Amethyst ist, etwa so groĂ wie die Fingerkuppe eines MĂ€nnerdaumens. Nicht sehr ebenmĂ€Ăig, aber angenehm zu fĂŒhlen. Seit Mutters Tod vor wenigen Jahren steckt er in meiner Wintermanteltasche. Wenn die kalte Jahreszeit beginnt und mir der Handschmeichler zwischen die Finger gerĂ€t, ist mir zuweilen, als wĂŒrden mich Mutters HĂ€nde streicheln.
Ja, so fing das an mit dem Steine-Sammeln. Damals in den letzten Kriegsmonaten, das war eine richtige Steinzeit. Wie oft fielen in jener Zeit Steine von Herzen: Wenn nach einem Bombenangriff die Wohnung noch stand, wenn vom Mann, Bruder oder Sohn ein Brief mit der Feldpost kam, spÀter dann, wenn vermisst Geglaubte doch noch lebten.
Aufmerksam schaute ich mich in der Umgebung der erleichtert Aufatmenden um, bis ich einen besonderen Stein fand, der, da war ich ganz sicher, vom Herzen gefallen sein musste. Nicht selten halfen mir meine Verwandten und deren Freunde auch bereitwillig beim Suchen.
So unterschiedlich wie die Menschen und die AnlĂ€sse, waren die Steine in Form, Farbe und GröĂe.
Jetzt als alter Mann habe ich meine Sammlung wieder hervorgekramt. Beim Betrachten fallen mit auch die Begebenheiten wieder ein. Du denkst, es sei nichts als ein toter Stein, den du in die Hand nimmst, und plötzlich schaut ein Mensch heraus.
Ein Stein ist besonders hĂ€sslich. Die braunschwarze aufgeschĂ€umte Lava gleicht einem Haufen Teufelsschitt. Ja gut, ich weiĂ nicht, wie Teufel scheiĂen. Zum GlĂŒck stinkt er nicht. Er deutet auf meinen Ă€lteren Cousin Harald hin. Bei seinen Schwarzmarkt-GeschĂ€ften nach dem Krieg war er in eine Razzia geraten und in der GrĂŒnen Minna mit aufs Revier genommen worden. Einige Tage saĂ er im Knast, aber dann gelang es ihm, den WĂ€rter mit Ami-Zigaretten zu bestechen. Keine Ahnung, wieso er im Kittchen noch immer welche bei sich hatte. Jedenfalls kam er im Dunkeln heim, packte seine Sachen und verduftete. Mein Kaninchen, das seit Tagen unauffindbar war, hatte er auch auf dem Gewissen: Auch das hat er auf dem Schwarzen Markt verkauft, in BĂŒchsen eingemacht. Aber unter der oberen Fleischschicht war der gröĂte Teil simpler GrieĂbrei.
âMeinem Harald ist aber ein Stein vom Herzen gefallen, dass er nochmal so gut davon gekommen ist!â, berichtete seine Mutter. Als EntschĂ€digung fĂŒr meinen Freund Langohr lieĂ sie mich in Haralds Hinterlassenschaften kramen. Zwischen altem MilitĂ€rspielzeug lag er, der Lavabrocken. Keine Ahnung, was aus dem Kerl geworden ist. Interessiert mich auch herzlich wenig.
Die meisten Steine sind nicht sehr auffĂ€llig: Bestandene Examina, ĂŒberstandene Krankheiten.
Ganz selten fand ich die Steine in ihrem normalen Umfeld â wie die Sandrose.
Als ich schon junger Assistent war, kam in unser Institut eine Ă€gyptische Kollegin. Eine auĂergewöhnliche Frau. âIch bin keine Araberin, ich bin Pharaoninâ, entgegnete sie, wenn wir uns wunderten, dass sie in die Gift und Galletiraden ihrer LandsmĂ€nner (das war zu Nassers Zeiten) gegen Israel nicht einstimmte. Von meiner Kairoer Freundin hörteerfuhr ich erstmals ĂŒber die GenitalverstĂŒmmelungen arabischer und afrikanischer MĂ€dchen.
âSelbst aufgeklĂ€rte Eltern, wie meine, haben selten den Mut, sich gegen die. Ich war schon in der PubertĂ€t, als diese Amputation unter erniedrigenden UmstĂ€nden nachgeholt wurde.
Als ein PalÀstinenser mich spÀter heiraten wollte, war seine erste Frage, ob an mir diese Operation vorgenommen worden sei. Da war mir klar, dass er gewiss eine Jungfrau in der Hochzeitsnacht erwartete. Also lieà ich mich brav zunÀhen, um die Spuren eines LiebesverhÀltnisses zu einem jungen europÀischen Professor an unserem Institut zu tilgen. Die Ehe mit dem PalÀstinenser wurde nie vollzogen.
SchlieĂlich habe ich meinen Eltern klar gemacht, dass solche BlödmĂ€nner es doch gar nicht wert wĂ€ren, mich oder eine meiner Schwestern zu bekommen. Damit habe ich wenigstens meiner jĂŒngeren Schwester diese Tortur ersparen können. Da ist uns beiden aber ein Stein vom Herzen gefallen!â
Ihn zu finden, reiste ich durch die nordafrikanische WĂŒste. Eigenartig durchströmte es mich, als ein Klumpen vor meinen FĂŒĂen lag. Schwer wog er in der Hand, der Barytstein. Erst unterm Wasserstrahl kam sie zum Vorschein, eine rosa schimmernde Sandrose mit bizarren Kristallformen. Meine kleine Pharaonin.
Ach hier, der knallrote! Karla, mit ihr war ich wĂ€hrend des Studiums einige Zeit befreundet. Da gab es die Pille noch nicht. Das war jeden Monat ein aufgeregtes Warten bis zum âLohn der Angstâ! Wie anders als blutrot kann der Stein der Erleichterung sein. Könnte ein Rubin sein, vielleicht aber auch nur im Fluss geschliffenes Flaschenglas.
Die MĂŒhe, das testen zu lassen, habe ich mir erspart.
In drei FĂ€llen habe ich mich von einem Juwelier beraten und unterstĂŒtzen lassen: drei eingefasste edle Steine. Jeweils zur Geburt unserer drei Kinder als Geschenk fĂŒr meine Frau. Eine Zeit lang hat sie sie als AnhĂ€nger getragen. Wir sind uns einig, dass es Zeit wird, jedem der Kinder âseinenâ Stein zu prĂ€sentieren. Zur goldenen Hochzeit werden wir sie ĂŒberreichen.
Ach da, der schwarzerglÀnzender Basalt! Alles andere als ein Leichtgewicht! Mein Studienfreund und Bergkamerad Gerold. Als gestandene MÀnner begegneten wir uns anlÀsslich einer Konferenz in Island. Alter Zeiten gedenkend krönten wir unser Wiedersehen mit eine Rundreise durch das Land der Gletscher und Vulkane.
Gerold, ein Workaholic, hatte kein GlĂŒck mit seinen Frauen. Dazu fehlte ihm die nötige Empathie. Auf der Fahrt erfuhr ich, dass ihm ein groĂer Stein vom Herzen gefallen war, dass seine Frau die Scheidung, seine dritte, praktisch allein durchgezogen hĂ€tte. Er musste nur unterschreiben. Nun sei er wieder frei wie ein Adler. - Wehe, jemand versucht, ihm seine Zeit zu stehlen! Da gibt es nur BefreiungsschlĂ€ge.
Bezeichnend der Fundort des Steines: Wir standen an dem gewaltigen Goðafoss, dem Götterwasserfall. Nachdem im Jahr 1000 auf dem Althing, der islĂ€ndischen Nationalversammlung, beschlossen worden war, sich aus praktischen und wirtschaftlichen GrĂŒnden dem aufstrebenden Christentum anzuschlieĂen, wurden die letzten altehrwĂŒrdigen Götterbilder in diesen Wasserfall geworfen.
So befreit sich jeder auf seine Weise von dem, was ihn einengt.
Da lag er vor mir, der Basaltbrocken, schwer und blank. Die BruchflÀche sieht allerdings gar nicht so homogen aus. Aber die Bruchkanten messerscharf.
Beim Betrachten meiner Steinsammlung rollt wie ein unscharfer Stummfilm mein Leben vor mir ab.
Es wÀre wohl gut, die dazugehörigen Geschichten einmal aufzuzeichnen.
Letzte Aktualisierung: 25.04.2014 - 06.47 Uhr Dieser Text enthält 7312 Zeichen.