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Steinzeit | April 2014
Fremd
von Wolf Awert

Der Mann hatte endlich die letzte Kuppe überwunden und das erste, steilere Drittel des Hangs hinter sich gelassen, als ihm die Jäger mit ihren Spießen entgegenkamen. Sein schnelles Ducken war ein sinnloser Reflex, aber dann fuhr er herum und floh in langen Sprüngen den Hang wieder hinauf, um zu dem Buschwerk zu gelangen, wo der Schnee weniger dicht lag und seine Fußspuren undeutlich würden. Doch auch aus den Büschen kamen sie, kreisten ihn ein und richteten die harten Spitzen ihrer Waffen auf ihn.

Der Mann blieb stehen und ließ die Jäger herankommen. Als er ihnen in die Augen blicken konnte, knurrte er „Grol“ und schlug sich mit der Faust auf die Brust. Die Jäger starrten ihn aus zusammengekniffenen Augen an. Argwöhnisch und feindselig.

Einen bangen Moment geschah nichts. Dann bekam der Mann einen Stoß in den Rücken, der ihn nach vorn taumeln ließ. Da erst ließ er die Schultern und dann auch den Kopf hängen. Nichts mehr zu hoffen, hieß auch, nichts mehr zu fürchten.

Teilnahmslos stolperte er inmitten der Jäger den Hang hinunter, querte den Fluss und erreichte schließlich die überhängende Steilwand auf der anderen Seite des Tals. Dort lebte die Sippe der Jäger, und dort würde auch der sein, auf den es ankam.

Ihre Ankunft wurde beobachtet. Die Kinder rannten ihnen entgegen, und die Frauen unterbrachen ihre Tätigkeiten. Um ein Feuer hockten vier Männer. Zwei mit langen grauen Haaren und eingefallenen Gesichtern. Neben einem Dritten lagen zwei dick gefüllte Taschen, ein Rucksack und einige Beutel. Und dann war da noch einer mit dem Spieß der Jäger und einer Axt am Gürtel, deren Stiel gefärbte Bastfäden verzierten. Ja, das war er. Er würde entscheiden, was geschah.

Der Axtträger stand auf und lachte. In dem Lachen lagen Triumph und Selbstvertrauen, aber keine Grausamkeit. Ein erster Keim der Hoffnung durchbrach die Kruste von Gleichgültigkeit, unter der der Fremde sich zurückgezogen hatte. Und doch spürte er die vielen Augen um sich herum, und die Blicke, die sich durch die Kruste in seine Haut bohrten. In furchtloser Nähe ging Axtträger um ihn herum, ließ die Hand über die Packtaschen gleiten und schlug ihm von hinten auf den Kopf. Spielerisch und doch fest genug, dass es durch den Schädel dröhnte. Doch der Fremde starrte nur auf den Boden. Wo die Augen nutzlos sind, helfen Ohren, Nase und der Wind. Der Wind wehte nicht hier unten an der Steilkante.

Etwas riss an seiner Schulter. Axtträger nahm die erste seiner beiden Taschen an sich. Das war sein Recht. Ein Schmatzen verriet ihm, dass er in seine Notration, einen Klumpen Fett, der mit Nüssen und getrockneten Beeren gespickt war, hineinbiss, während er weiter in der Tasche wühlte. Ein paar Fellflicken flogen nach hinten in Richtung Feuer. Der Rest der Nahrung wurde an jemanden weitergereicht. Der Fremde musste den Blick nicht heben, um zu erkennen, dass eine Frau an das Feuer getreten war. Sie wandte ihm die Seite zu und hatte schöne, kräftige Füße. Axtträger zog ein paar Granite aus der Tasche. Einen Augenblick später landeten sie vor seinen Füßen. Der Aufprall klang dumpf. Der Boden musste unter der Oberfläche weich sein.

Die zweite Tasche brachte Axtträger eine bessere Beute ein.

Das halbe Becken eines Hirsches, einen Oberschenkelknochen und verschiedene Geweihspitzen warf er zu den Granitbrocken. Aber als er unter den Knochen zwei Faustkeile und drei große Feuersteinknollen entdeckte, schrie er auf. Die Feuersteine nahm er an sich, aber die beiden Faustkeile warf er unter großem Gejohle den Jägern zu.
Ganz unten in der Tasche, unter Knochen und Steinen, in der Geborgenheit eines Nestes aus Fellfetzen und Pflanzenfasern, ruhte ein Bündel. Axtträger nahm das Bündel heraus, warf die Tasche hinter sich und löste dann behutsam die Schnüre, die das Stück Leder zusammenhielten. Er faltete es auseinander und fand, in einzelne Basthüllen gewickelt, zwei große und zwei kleine Feuersteinklingen. Schlank wie die Flügel von Wildgänsen und schärfer als alles, was er bisher in der Hand gehalten hatte. Er strich mit dem Finger über die kleinen muschelartigen Bruchkanten, schnitt sich dabei und schaute voller Verwunderung auf die beiden Blutstropfen, die sich auf seinem Daumenballen bildeten.

Zum ersten Mal rührte sich der Fremde. Er öffnete den Mund und stieß einen langgezogenen Klagelaut aus, der am Ende leiser wurde und in einem Wimmern verstummte. Dann senkte er wieder den Kopf.

Axtträger schaute immer noch auf die Klingen. Eine nahm er aus dem Bast heraus und hielt sie so hoch in die Luft, dass jeder sie sehen konnte, bevor er sie der Frau überreichte. Die zweite Klinge war kleiner, aber nicht weniger erlesen. Als Axtträger die dritte Klinge ergriff, trat die Frau neben ihn und redete auf ihn ein. Diesen Augenblick der Ablenkung nutzte der Fremde für einen verstohlenen Blick. Die Frau war erheblich jünger als Axtträger, aber nicht so jung, dass sie seine Tochter sein konnte. Sie redete viel und ruhig. Axtträger beschränkte sich auf kurze Ausrufe und schnelle Gesten. Aber am Ende nickte er, verschnürte das Leder sorgfältig und legte es zu den Knochen. Die Frau trat vor und warf eine der leergeplünderten Taschen neben den Knochenhaufen.

Axtträger drehte sich um und ging zu seinem Platz am Feuer zurück, wo er sich setzte, ohne den Fremden weiter zu beachten. Die Jäger senkten ihre Spieße und flüsterten. Der Fremde bückte sich und sammelte ein, was man ihm gelassen hatte. Während er noch damit beschäftigt war, sprach ihn der Mann mit den vollen Taschen an. Der Fremde verstand nicht, aber die Zeichen vom Taschenmann machten klar, dass er die beiden Klingen wollte. Der Fremde schüttelte den Kopf. Taschenmann grub in seinen Sachen und holte eine Feuersteinknolle heraus. Der Fremde prüfte sie, schüttelte den Kopf. Taschenmann holte eine zweite. Der Fremde hob sechs Finger, Taschenmann drei, der Fremde fünf, Taschemann erneut drei. Der Fremde schüttelte erneut den Kopf. Aus den Augenwinkeln bekam er mit, dass Axtträger den Handel verfolgte. Fünf große Knollen waren ein hoher Preis für nur zwei Klingen. Aber er hatte nichts mehr zu verschenken und musste nutzen, was man ihm zugestand.

Zum ersten Mal seit seiner Gefangenschaft hob er nun den Blick und schaute in die Runde. Drei Leute am Feuer, die Frau etwas abseits, die Jäger standen dort, wo sie die ganze Zeit gestanden hatten. Niemand rührte sich. Alle schienen auf etwas zu warten, und so ließ der Fremde seinen Blick schweifen. Über die Steilkante, zurück zum Fluss, in die Ferne und zurück auf den Boden, der so weich war, dass Steine, die auf ihn fielen, dumpfe Geräusche machten. Da, wo er herkam, war der Boden trocken und hart wie die Gräser, die auf ihm wuchsen. Und selbst die Luft roch hier fruchtbar. Der Fremde leerte seine Tasche, die er gerade erst gepackt hatte, zog die kleinere der beiden Klingen aus dem Leder und hob zwei Finger. Der Taschenmann antwortete mit einem, und der Fremde stimmte nach langem Zögern zu. Ein Feuerstein für eine solche Klinge war ein lausiger Preis, aber er hatte keine Wahl.

Der Taschenmann verstaute die Klinge, nahm sein Gepäck auf und wandte sich flussabwärts. Er würde irgendwann mit neuer Ware zurückkommen. Die Blicke der Gruppe folgten ihm.

Erst als der Taschenmann fast außer Sichtweite war, sagte die Frau etwas zu Axtträger. Der zog die Brauen zusammen, schüttelte abweisend den Kopf, schüttelte ihn ein zweites Mal, aber dieses Mal eher verwirrt. Und dann endlich brach er in ein lautes Gelächter aus. Die Frau zog Axtträger die drei Feuersteine, die er dem Fremden abgenommen hatte, aus der Kleidung und legte sie an dem freien Platz ab, an dem vorher noch der Taschenmann gesessen hatte.

Jetzt erst verließ der Fremde die Stelle, an der er die ganze Zeit gestanden hatte. Er nahm den Platz des Taschenmanns ein. Den eingetauschten Feuerstein legte er ins Feuer, blies in die Glut und stocherte mit einem angekohlten Ast darin herum. Was er tat, tat er langsam und verlieh so jeder seiner Bewegung eine Bedeutung.

Dann leerte er seine Tasche, legte einen der wiedergewonnenen Feuersteine auf die Beckenschaufel. Er hielt ihn mit seinen Füßen fest, setzte ein Geweihende an und schlug mit dem Granit, den er als Hammer benutzte, erste flache Splitter ab. Aus den Splittern wurden muschelförmige Schuppen, und je mehr sich die Schläge der Mitte des Steins näherten, desto länger wurden die Stücke, die er gewann. Als er ein Stück geschlagen hatte, das ihm ausreichend lang erschien, wechselte er das Werkzeug. Der Granit wurde durch den Schlagknochen ersetzt und das flache Geweihende durch eine Spitze. Mit geübten Schlägen ließ er winzige Splitter abplatzen und schärfte so die Klinge. Anschließend breitete er die halb fertigen Rohformen und sein Werkzeug vor sich aus, schaute ins Nichts und wartete.

Axtträger stand auf. Der Fremde folgte seinem Beispiel. Die Frau stellte sich neben den Fremden und schaute ihm in die Augen. Der Fremde nickte und wandte sich Axtträger zu.
„Grol“, sagte er und schlug sich auf die Brust.
„Graol“, antwortete Axtträger, schüttelte den Kopf und versuchte es ein zweites Mal. „Grorl!“
Sichtlich zufrieden zeigte Axtträger auf den Fremden und schaute dann triumphierend in die Runde. Begeisterte Rufe antworteten ihm.

Die Sippe hatte einen Werkzeugmacher gewonnen.




VERSION 2

Letzte Aktualisierung: 12.04.2014 - 11.47 Uhr
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