Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Steinzeit | April 2014
Worst Case
von Klaus Freise

Doktor William Beeker hatte heute nicht die Konzentration, um seine Krawatte richtig zu binden.
„Liebling, könntest du mal eben …“, begann er. Seine Frau Caroll stand in der Schlafzimmertür und sah ihn stirnrunzelnd an.
„Was ist denn los mit dir, Schatz? Du musst doch nicht das erste Mal nach Washington. Gestern hast du kaum gegessen und ganze Sätze gab es auch nicht von dir zu hören.“
Sie schob sanft seine Hände zur Seite und löste den Knoten. „Was ist es denn diesmal? Plötzlicher Wintereinbruch im Kongo, Eiszeit in Camp David oder habt ihr Wetterfrösche ein schwarzes Loch über Europa gefunden? Will?“
William seufzte: „Es ist alles viel schlimmer. Erst dieser brennende Tanker vor unserer Ostküste, dann die Aschewolken vom St. Helen und jetzt brennt auch noch eine Pipeline im Kaktus.“ Ohne von ihrer Arbeit an seinem Hals aufzusehen sagte Caroll: „Kaukasus, Schatz, ich glaube es heißt Kaukasus.“
„Äh, wie auch immer, unser Team hat die verschiedensten Wetterereignisse analysiert und routinemäßig einen Bericht an Washington gesendet und plötzlich …“, er schnippte mit den Fingern neben ihrem Kopf. „Zack, wird sofort eine Dringlichkeitssitzung einberufen. Das habe ich noch nie erlebt.“ Sie zupfte fester an seiner Krawatte. „Die ist aber auch verknotet. Was hast du denn damit bloß gemacht?“
„Gar nichts, äh, Schatz. Sie haben sogar schon meinen Laptop und unser ganzes Material eingesammelt.“
„Wirst du ihn sehen?“ Caroll richtete seinen Kragen und sah William ins Gesicht.
Ihr Mann blinzelte irritiert. „Ähem, wen?“
Jetzt seufzte Caroll: „Na wen wohl? Den Präsidenten natürlich.“
„Oh, äh, ich glaube nicht.“
„Will? Tust du mir einen Gefallen? Lass diese Äh`s bitte weg. Das macht keinen guten Eindruck.“
„Äh, sicher, Schatz.“
„Genau das meinte ich. Soll ich dir ein Taxi rufen?“ Sie strich sein Haar glatt.
William versuchte zu lächeln. „Nein, nicht nötig, Schatz. Sie schicken eine Limousine, die mich zum Flughafen bringt.“
Caroll strahlte ihn an. „Wow, mein Mann, der Wetterfrosch des Präsidenten, bekommt eine eigene Limousine.“
Will nahm ihre Handgelenke und sah sie ernst an. „Da ist noch etwas, Caroll. Ich möchte, dass du zu deiner Mutter Kate aufs Land fährst. Boston für ein paar Tage verlässt, okay?“
Caroll zog den Kopf etwas zurück und starrte ihren Mann an. „Was? Warum das denn? Was ist los, Will?“
Er versuchte ihre Hände zu streicheln. „Bitte Caroll, ich kann nicht darüber reden, aber versprich es mir, ja? Wenigstens für die nächsten drei Tage. Bitte Caroll.“

Im Weißen Haus angekommen, nahm ihn die Protokollführerin Susan Price in Empfang.
„Ich hoffe Sie hatten einen guten Flug Mr. Beeper?“ Während sie sprach, ging sie einen langen, mit dickem Teppich belegten Gang entlang. William musste fast laufen, um neben ihr zu bleiben.
„Äh, Dr. Beeker, Miss Price. “ Sie sah kurz auf ihr Clipboard und bestätigte:
„Ah ja, richtig. Dr. Beeker. Also, es läuft folgendermaßen, ich stelle Sie dem Präsidenten und Walter McClusky den Sicherheitsberater vor. Wenn sie zu dem Präsidenten sprechen, ist die Anrede Mister Präsident und Sir. Soweit verstanden?“ Sie erreichten eine weiße Doppeltür und blieben stehen. Miss Price sah ihn an.
„Okay Doktor. Einfache und kurze Sätze, lassen Sie wissenschaftliche Fachbegriffe möglichst weg. Es sind noch zwei Männer vom Secret Service dabei, beachten Sie die gar nicht. Ihr Laptop ist an einen Beamer gekoppelt, sie können Ihr Material direkt vorführen. Noch Fragen?“ William zupfte die Krawatte zurecht.
„Äh, wie sehe ich aus?“
Miss Price öffnete einen Flügel der Tür und sagte leise: „Ganz gut, aber es sind ohnehin keine Pressevertreter anwesend.“
„Mr. Präsident. Dr. William Beeker vom National Weather Service, Sir.“
Der Präsident erhob sich hinter einem zwei Meter breiten Schreibtisch, kam lächelnd auf William zu und gab ihm die Hand.
„Mister Präsident, vielen Dank für die Einladung, Sir.“ In einer Sitzecke saß ein Mann mit kurzen grauen Haaren und nickte ihm zu.
Miss Price deutete auf McClusky. „Mr. McClusky, Doktor Beeker.“ Danach zog sich die Protokollführerin neben die Tür zurück. Der Präsident zeigte auf einen Beistelltisch.
„Ich nehme an, Sie haben noch nicht viel essen können heute, Doktor. Bedienen Sie sich. Es gibt Sandwich, Donuts, Muffins und Kaffee, greifen Sie zu.“ Gerade als William sich bedienen wollte, fing er einen Blick von Miss Price auf. Sie schüttelte unmerklich den Kopf. Seufzend setzte er sich vor den Laptop. Der Präsident nahm seinen Teller mit zwei Muffins und setzte sich wieder hinter seinen Schreibtisch.
„Nun Doktor, dann lassen Sie uns mal sehen, was sich da über uns zusammenbraut.“
Mit ein paar Mausklicks startete William seine Präsentation.
„Also, Mr. Präsident, hier sehen Sie eine Abfolge von Bildern, die eine Sturmfront vor der Ostküste zeigt. Wie Sie sehen, wird sich ein Hurrikan über dem Großraum Boston bilden. Die Sturmwarnungen sind ja bereits in den Medien bekannt gegeben worden“
Der Präsident hatte die Hände auf dem Schreibtisch ausgebreitet und fragte:
„Über welchen Zeitraum reden wir hier, Doktor?“
„Nun, Sir, über die nächsten fünf bis sieben Tage. Aber ich möchte ihre Aufmerksamkeit auf mehrere Ereignisse lenken, die sich gerade jetzt abspielen und einen entscheidenden Einfluss auf den Hurrikan haben.“ Eine Bildfolge über den Norden Russlands wurde auf der Leinwand sichtbar.
„Bei der hier rot eingefärbten Wolke handelt es sich um den radioaktiven Fallout aus dem Unglück bei dem sowjetischen Flottenstützpunkt in Murmansk. Das havarierte U-Boot wurde gestern in den Stützpunkt geschleppt. Die von uns ermittelten Werte übersteigen die Angaben der Russen um ein Zehnfaches, Sir.“
McClusky schüttelte den Kopf und sagte:
„Das ist doch typisch für die Russen, man kann denen einfach nicht trauen. Ich erinnere nur an … “
Der Präsident wedelte müde mit der Hand.
„Ach kommen Sie, Walter, jetzt sagen Sie mir nicht, wir hätten das nicht genauso versucht zu verheimlichen.“ McClusky seufzte und lief rot an.
William stellte eine neue Bildfolge ein. „Äh, wie auch immer, Sir. Dies sind Bilder vom Ausbruch des St. Helens vor zwei Tagen. Wie sie sehen verwirbelt sich die Aschewolke und zieht in dreitausend Fuß Höhe in das Einzugsgebiet des Hurrikans.“ Der Präsident nahm die Hände vom Tisch und zog die Luft ein. William spähte zu Miss Price. Sie tippte auf ihre Uhr und sagte:
„Ja, Mister Präsident, wie haben noch zehn Minuten, Sir.“ Aber der schüttelte nur den Kopf:
„Bitte Doktor, fahren Sie fort.“ William spürte, wie sich erste Schweißperlen auf seiner Stirn bildeten. „Leider gibt es aber auch noch diesen brennenden Tanker vor Halifax. Die Rußpartikel steigen seit gestern auf über neuntausend Fuß und werden sich vermutlich mit der Schlechtwetterfront vereinigen.“ Der Präsident wandte sich an Miss Price.
„Erinnern Sie mich bitte daran, dass ich im Anschluss diesem Konzern nochmal auf die Füße trete. Wird Zeit, dass die den Brand unter Kontrolle bringen. Aber ich wollte Sie nicht unterbrechen Mr. Beeker.“
„Vielen Dank, Mr. Präsident. Ich zeige Ihnen jetzt eine Weltkarte, Sir. Darauf sehen Sie die verschiedenen Wetterereignisse und wie sich diese vor unserer Ostküste zusammenfassen.“
Auf den Bildern waren verschiedene Gebiete mit Pfeilen markiert, die sich auf unterschiedlichen Wegen den USA näherten.
McClusky starrte angespannt auf die Leinwand. Susan Price zog die Luft ein und der Präsident blinzelte.
„Und was bedeutet dies alles, ich meine, welchen Einfluss hat das jetzt auf den Sturm, Mr. Beeker.“
„Nun Sir, alle diese Wolken ziehen in verschiedenen Höhen über die halbe Erdkugel, aber auch wenn sie sich dabei abschwächen, dürfte es zu einem erheblichen Risiko der Bevölkerung kommen. Ähnlich wie Katrina in New Orleans. Also Kategorie 5.“
Der Präsident rieb mit beiden Händen über sein Gesicht.
„Also schön, was wäre der Worst Case, womit müssten wir im schlimmsten Fall rechnen, Doktor?“
William öffnete seinen obersten Hemdknopf und spürte wie ihm der Schweiß den Rücken runterlief.
„Es wird schlimm, Mister Präsident, richtig schlimm. Der Fallout wird sich zwar abschwächen, aber wenn er sich mit den Rußpartikel und Ascheresten vereint hat, kann diese Kombination den Himmel für mehrere Tage verdunkeln. Ein Temperatursturz wäre die Folge. McClusky schnappte nach Luft und keuchte:
„Sie meine, es gäbe eine neue Steinzeit?“
„Ähem, Sie meinen sicherlich Eiszeit. Nun Sir, soweit würde ich nicht gehen, aber partiell wäre das möglich. Zumindest für fünf bis acht Tage. Vielleicht zehn bis fünfzehn Grad.
Wenn es dann zu Niederschlägen im Sturmgebiet käme, würden sich Asche, Ruß und möglicherweise auch Restfallout über Boston, Philadelphia, New York und Washington ergießen. Verkehrschaos, Flugverbote, Überschwemmungen. Einige hundert oder tausend Tote.“
McClusky war aufgestanden, rieb sich das Kinn und sagte: „Satelliten, Mr. Beeker. Was ist mit Satelliten? Haben wir Empfang?“
Der Präsident war ebenfalls aufgestanden und wurde blass. „Ja richtig, Mr. Beeker, wie steht es mit den Satelliten?“
„Nun, Sir, Bilder oder Telefonverbindungen könnten schon eingeschränkt sein.“
McClusky betrachtete die Bilder, auf denen sich ein grauer Wirbelschleier über die Ostküste bewegte und sagte:
„Wir hätten keine Luftraumüberwachung, keine Bilder aus dem Katastrophengebiet, durch die Aschewolken müssten alle Maschinen am Boden bleiben. Von Finanzdaten und Überwachungskameras ganz zu schweigen. Von Philadelphia bis New York wäre die Ostküste praktisch blind. Wir wären verwundbar, Mister Präsident. Das wäre der Worst Case, Sir.“

Version 2

Letzte Aktualisierung: 27.04.2014 - 19.27 Uhr
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