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Steinzeit | April 2014
Im Schatten der Weißen Wächter
von Martina Lange

Die Wachfeuer entlang der Palisaden flammten auf. Nala sah, wie der Feuerschein das Wasser unter den Pfahlhäusern, den Verbindungsstegen und dem Gemeinschaftsplatz in flüssigen Sonnenstein verwandelte.
Am fernen, südlichen Seeufer glommen die Weißen Wächter, die gebieterischen Berge, entzündet von der versinkenden Sonne. Zur gleichen Zeit stieg der volle Mond am Himmel empor. Rotgoldene Erwartung durchdrang die Luft. Und in den Wassern des großen Sees spiegelten sich bereits die Schleier der herannahenden Nacht.
Die Zeremonie der Initiation begann mit dem Schlagen der Trommeln und Klangsteine. Dumpf, wie ihr eigener Herzschlag. Mit zitternder Hand ordnete Nala ihr offenes, nussbraunes Haar. Strich über ihr schlichtes, helles Gewand. Die Mutter hatte den Stoff gewebt und in der Sonne gebleicht. Kein Schmuck, keine Stickerei, und mit bloßen Füßen stand Nala zwischen ihren Altersgefährten und bebte wie sie am ganzen Leib.

Mitten zwischen den Pfahlhäusern waren zwei Hütten errichtet worden. Deren Strohdächer sich auf dem festgetretenen Boden abstützten. Es gab weder Fenster noch Luken und die Türen reichten Nala kaum bis zum Knie. "Geburt und Tod bereiten Schmerzen, wie jede Veränderung. Ihr werdet ein wenig davon erfahren, wenn ihr euch die Hände und Knie aufschürft." Das waren die Worte der weisen Urla gewesen. Jetzt stand die Alte ganz ruhig hinter dem zentralen Feuer und erwartete die von ihr Ausgewählten.
Gestalten mit schrecklichen, maskenhaften Gesichtern umkreisten bedrohlich die kleine Gruppe. Wie in einem Fiebertraum sah Nala nur Schemen vorbeihuschen, erkannte in ihnen keine Menschen. Spürte die Hitze des Feuers, das für den Wandel stand. Den stark aromatisierten Rauch, der die Göttin herbeirief, Nala schwindeln ließ und von dem sie husten musste.
Urla reckte die Arme zum vollen Mond empor, die Trommeln verstummten und alle Erwachsenen zogen sich weit zurück, bis an den äußersten Rand der Befestigung. Der Weg zu den Hütten war frei.
Nala ging zögernd auf die linke zu. Die Tür war winzig. Was sich im Innern ereignen würde, war ein Geheimnis. Verlassen würde sie sie erst im Morgengrauen durch eine andere Tür. Der Weg zurück blieb für immer versperrt.
Urs trat auf die rechte Hütte zu. Im Schein des Feuers sah sie sein erstarrtes Gesicht. Instinktiv spürte Nala, dass auch er sich der Endgültigkeit dieses Schrittes bewusst war, mit einer Mischung aus Trotz und Ungeduld sogar herbeisehnte. Als er sich bückte, um durch die Tür zu kriechen, kreuzten sich für einen Lidschlag ihre Blicke. Seine dunkel schimmernden Augen offenbarten ihr den Herzensgefährten.
Die Widerspenstige in ihr lachte auf. Morgen würde sie ihr gemeinsames Versprechen einlösen, damit begann ein neues Leben und sie stellte sich mutig dieser Nacht.

Nala verließ das Dorf. Ihr blieb nur noch wenig Zeit, bis das Wehrtor geschlossen wurde. Sie eilte an den tanzenden Einbaumbooten vorüber den schmalen Steg entlang zum Ufer. Noch war der Weg trocken, aber bald schon würde das Wasser steigen. Von den schneebedeckten Gipfeln strich bereits ein warmer Wind, wie lebendiger Atem kam er über das weite Wasser. Verfing sich in Nalas erstmalig geflochtenem Haar. Zauste an diesem Schmuck der nun jungen Frau und trieb schäumende Wellen gegen das Land, bis sie sich im dichten Schilfsaum verfingen. Schon sah Nala das Wasser steigen und alles überspülen, wie immer nach der großen Kälte, wenn die Berge ihre weißen Umhänge kürzten.
Trotz der Wärme fröstelte Nala. Die Wächter waren über Nacht nah herangerückt. Ein sicheres Zeichen für die um sich greifende Veränderung. Sie regte sich in der Luft, im quirligen Wasser und raschelte im Schilf. Und ergriff von Nalas Körper Besitz.

Am flachen Ufer entdeckte sie endlich Urs. Regungslos, den Blick auf die unruhige Oberfläche gerichtet, hielt er seinen Speer locker in der Hand. Nala zog ihren Umhang aus Kaninchenfell eng um die schmalen Schultern und ging weiter. Ein trockener Zweig brach unter ihrem Fuß. Erschreckt erhoben sich die Vögel aus den ufernahen Bäumen. Laut kreischend verließen sie ihre Ruheplätze und flogen in der aufsteigenden Dämmerung davon.
Unwillig schnaubte Urs und ohne sich umzuwenden herrschte er sie grob an.
"Was willst du hier?" Er bückte sich und zog einen Korb aus dem Flachwasser.
"Ich wollte mit dir reden." Ihre Stimme war ungewohnt klein.
"Wozu? Es ist alles gesagt."
"Ja", seufzte sie, "aber gestern war alles gut und nun soll alles ganz anders sein. Du hast seitdem kein Wort gesagt. Bist mir den ganzen Tag aus dem Weg gegangen."
Jetzt wandte er sich doch um. Sein dunkler Blick schubste sie zurück. So weit wie möglich von sich fort. Das schwindende Licht schimmerte auf seiner Haut, die selbst der längste Winter nicht zu bleichen vermochte.
"Wenn sie uns hier zusammen sehen ... Bist du ganz und gar von Sinnen?" Unwirsch ergriff er seine Lederbeinlinge und warf sich Tunika und Weste über. Ohne sie eines weiteren Blickes zu würdigen, drängte er an ihr vorbei.
"Warte!" Ganz selbstverständlich legte sich ihre Hand auf seinen Arm und hielt ihn zurück. Seine Muskeln spannten sich unter seiner Haut, als hätte sie ihn mit der Berührung verbrannt. Trotzdem riss er den Arm nicht fort.
"Nimm deine Hand da weg." Sein Ton passte sich seiner kalten Haut an.
"Urs, was ist nur geschehen?" Ein Kloß, wie ein Stein unter ihrem Herzen, machte ihr das Atmen schwer. Sie suchte in seinem Gesicht nach dem Widerschein ihres gegenseitigen Vertrauens. Wo hinter dieser Maske aus Ablehnung verbarg sich der Weggefährte ihrer Kindheit?


Gemeinsam hatten sie die Ziegen gehütet. Pfeilschäfte aus dem Sprösslingen des Schneeballs geschnitten. Waren auf die Uferbäume gestiegen. Von ihm hatte sie gelernt mit dem Speer zu fischen und Reusen zu bauen. Im Schilf hatten sie den Enten aufgelauert, diese aus hohlem Schilfrohr mit Lehmkügelchen beschossen und anschließend Prügel bezogen, weil sie den Männern den Jagderfolg verdorben hatten.

Urs machte einen plötzlichen Schritt auf Nala zu, als wollte er ein Tier verscheuchen.
"Sag mal, hast du gestern bei der Versammlung nicht zugehört? Wir sind nun keine Kinder mehr. Ich trage jetzt die Verantwortung für meine Familie. Und ich werde meinen Schwur einlösen. Du bist ... nun eine Frau. Also geh weg!", presste er hervor.
Nala senkte betroffen den Kopf. Natürlich hatte sie zugehört. Aber sie wollte sich nicht damit abfinden, mit irgendeinem Fremden eine Familie gründen zu müssen. Warum setzte Urs sich nicht für sie ein? Sie würde ihm doch ebenso beistehen. Sie würde ihn nicht zwingen, seinen Schwur zu brechen.
"Warum hast du mich nicht für dich gefordert?", brachte sie endlich leise hervor. In seinem Gesicht spiegelte sich Verwunderung über ihr Ansinnen. "Nun, also ..." Er kratzte sich am Kopf.
"Noch ist es nicht zu spät, ..." Weiter kam Nala jedoch nicht. Dumpf unterbrach sie der Klang des Holzgongs vom Turm.

Alle Bewohner wurden zum Schutz gegen die Gefahren der Nacht hinter die Palisaden zurückgerufen. Das Tor würde sich erst wieder öffnen, wenn die Sonne ihren Weg durch die Unterwelt beendet hatte und erneut hinaufstieg über die Weißen Wächter. Nala musterte Urs unruhig, ihnen blieb kaum noch Zeit.
Urs ließ den Korb sinken und seine Schultern folgten traurig. "Ich kann dich nicht für mich fordern. Das wäre Unrecht."
"Warum denn? Wir haben es uns geschworen. Und nun stößt du mich von dir?" Trotz färbte ihre Stimme heller.
"Versteh doch, ich habe mein Blut geopfert. Ich habe es gegeben, damit meine Suche gelingt. Ich habe dir immer gesagt, sollte mein Vater bis zur Versammlung nach der Zeremonie nicht zurück sein, warte ich nicht länger. Ich werde seinen Spuren folgen. Mit den Händlern am See und Fluss entlangziehen. Wenn es sein muss, sogar bis hinauf zu den Weißen Wächtern. Du weißt, wie gefährlich das ist. Angenommen, mir stößt dort im Eis etwas zu, nimmt dich dann deine Familie wieder zurück? Wird dein Vater dann für dich und unsere Kinder aufkommen? Meine Mutter kann nicht für dich sorgen." Urs sprach so eindringlich, dass Nala schließlich seinem Blick nicht mehr standhalten konnte.
Aufgebracht ballte sie die Fäuste: als ob sie nicht auch zur Versorgung der Familie beitragen könnte! Ihre Nägel gruben sich tief in die Handflächen. Sie sah zu den mächtigen weißen Bergen am gegenüberliegenden Ufer auf und zum ersten Mal verabscheute sie sie mit jeder Faser ihres Körpers.
"Du hast es mir versprochen", presste sie ungestüm hervor. Wut und Verzweiflung mischten sich, bis alle Dämme in ihr brachen. In ihrem Innersten fürchtete sie, dass er nicht zurückkehren würde. Das war mehr, als Nala ertrug. Sie stieß Urs beiseite und rannte auf das Dorf zu. Sein erschrockener Ruf ging in der roten Flut in ihrem Kopf unter. Wenn er sie nicht wollte, dann wollte sie ihn nicht mehr sehen. Nie wieder.

Vereinzelt funkelnde Sterne begannen den Nachthimmel zu schmücken, als sie sich, verborgen hinter dem Ziegengatter, Urs wieder zurückwünschte.


* * *


Erst nachdem die Sonne das Einkorn reifen ließ, sah Nala Urs wieder. Mager und mit einem hässlichen Prankenhieb am Oberarm kehrte er zurück. Und er kam allein.
Seine Mutter schloss ihn wortlos vor allen anderen in die Arme. Nala sah zu, wie sie stumm ihre kaum versiegen wollenden Tränen ihren beiden Männern schenkte: dem Vermissten ebenso wie dem Heimgekehrten.
Und Urs? Nala dachte an den Knaben, der er noch gewesen war, als er das Pfahldorf verließ. Seine Suche musste ihn weit hinauf in die Schneefelder und über die eisigen Pässe geführt haben.
"Niemand geht in das Reich der Weißen Wächter und kommt als derselbe wieder zurück", waren die Worte ihres Vaters gewesen. Sie erinnerte sich bangend daran, während sie abseits der Begrüßungsszene stand und sich nicht traute sich dazuzugesellen. Die Berge hatten Urs verwandelt, er war dort oben zu einem Mann gereift. Nala erkannte es. Seinen Vater hatten sie nicht mehr freigegeben.

Letzte Aktualisierung: 23.04.2014 - 10.57 Uhr
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