Der Cousin im Souterrain
Der Cousin im Souterrain
Der nach "Dingerchen und andere bittere Köstlichkeiten" zweite Streich der Dortmunder Autorinnengruppe "Undpunkt".
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Steinzeit | April 2014
Apologie
von Thomas Wüstemann

Als er sein Gesicht im Spiegel betrachtet, denkt er unwillkürlich an früher. Wie das, was ihn hart gemacht hat, in jeder Falte Gestalt annimmt. Wie er stolz darauf sein kann.
Er grinst. Ein Grinsen; eine Herausforderung. Der Mensch braucht Herausforderungen, sonst stirbt er aus. Das Leben. Ist. Ein Kampf.
Er lässt den Blick über seinen nackten Körper schweifen; das Handtuch verdeckt nur wenig; so kann er sich durchaus ein bisschen bewundern. Sicher, früher war er mal stärker. Aber er hat sich nicht gehen lassen. Kein Schmerbauch, wie man ihn dem Deutschen gern nachsagt. Was man dem Deutschen nicht alles nachsagt!
Er spannt den Trizeps leicht an. Leicht nur; aber er hebt sich merklich. Dafür muss er noch nicht mal in Pose gehen, lässt nur den Muskel tanzen. Er hat noch immer einen muskulösen Körper. Trotz des Alters. Das ist genetisch.
Er hat es erst neulich irgendwo gelesen. Es ist bewiesen - wissenschaftlich bewiesen - dass die europide Rasse Anteile des Neandertalers in ihren Genen hat. Mancher mehr, mancher weniger. Er muss sich nur ansehen und er weiß, woran er ist.
Der Neandertaler war stark. Und intelligenter als der Cro-Magnon. Würde er heute noch existieren, würde er alles beherrschen. Dann sollten die Negriden mal zusehen, wo sie bleiben. Aber das tut er nicht mehr - existieren. ‘Nur ich’, sagt er sich ohne Worte vor dem Spiegel. ‘Ich existiere. In mir lebt er fort.’
Wassertropfen perlen über seinen Oberkörper; er kann sie im Spiegel verfolgen und spürt sie als leichtes Kitzeln auf der Haut. Bis sie sich im Handtuch fangen und vom Stoff aufgesogen werden. Wie der Sapiens alle anderen Rassen in sich aufgesogen hat. Aufgenommen und verdunsten lassen. Vereinnahmt und ausgespuckt. Zerkaut. Verdaut. Und ausgeschissen. Genozid an der frühen Menschheit. Rassenvermischung.
Er ist heute in der Stimmung für Metaphern. Sein Körper ist eine starke Metapher.
Er merkt, dass er abdriftet, und versucht, sich zu konzentrieren. Den Geist und den Körper stählen. Das hat ihm sein Vater immer gesagt. Und wenn er sich nicht selbst bemühte, Geist und Körper fit und rein zu halten - dann wurde es ihm mit Gewalt beigebracht. So war es damals.
‘Heische ich um Mitleid?’, fragt er sich in den Spiegel. ‘Und von wem?’ Nein, er muss sich wieder daran erinnern, dass all die Entbehrungen, die väterliche Härte, ihn geformt haben.
Irgendwann ist die Unschuld vorbei und das unschuldige Kind wird infiltriert von Normen und fremden Kulturen. Bis dahin muss es die Härte in sich aufgenommen haben. Das Leben ist ein Kampf.
Das ist seit der Steinzeit so. Glaubt denn hier irgendjemand, Neandertaler wären sensible Geschöpfe gewesen? Oder hätten sich für Pädagogik interessiert? Sie haben geschunden und gestraft, denkt er und betrachtet seine Hände - etwas sehnig vom Alter, aber die Knöchel ragen stark hervor, hart und gebieterisch; Hände, Fäuste, die verletzen können. Kleine Abwetzungen an den Knöcheln zeigen, dass er sie zu nutzen weiß. Eine Schürfwunde an der rechten Hand.
Der Neandertaler, auch das hat er gelesen, war Fleischfresser. Ausschließlich. Mehr sogar als manches Tier. Er war ständig auf der Jagd. Und dann die Kämpfe mit anderen Stämmen - oder Rassen. Wollte er nicht der Unterlegene sein, musste er sich stählen. Immer im Kampf sein. Den Kampf leben. Fühlen, denken. Immerzu. Und waren die Kinder davon wohl ausgenommen? Schule, Lehre - und dann beginnt der Kampf des Lebens? Ha! Er würde lachen, wenn ihm nach Lachen zumute wäre. Fraglich, ob “Kind” im Wortschatz des Neandertalers vorkam.
Die verweichlichte Gesellschaft, in der er lebt, hat nichts mit ihm zu tun. In der du nichts darfst; nicht reden, nicht denken. Du darfst nicht leben, wie du willst. Der Neandertaler wusste zwischen Mann und Frau zu trennen - in der natürlichen Hierarchie -, zwischen seiner Rasse und fremden Rassen. Rassist ist heute ein Schimpfwort. Weil es keine Rassen gibt, sagen sie! Nein, ihm ist nicht nach Lachen.
Es ist wichtig, sagt er sich, selbst feste Ziele zu haben. Statt zu bellen, wenn alle bellen. Den Ballast der Gesellschaft abstreifen. Er nimmt das Handtuch von der Hüfte, steht ganz nackt vor dem Spiegel. Auf dem rechten Oberschenkel die Kratzwunde, die sie ihm zugefügt hat. Schorf bildet sich da. Ansonsten sieht er gut aus.
Er betrachtet sich, sieht und spürt, wie die Erektion zurückkommt.
Hätte der Neandertaler alles hinterfragt? Er hätte gehandelt. Der Neandertaler hat keine Fragen gestellt.
Während die Erektion stärker wird, stellt er sich vor, wie sie in ihren Höhlen gesessen haben. Das Zentrum wird durch ein Feuer erleuchtet, aber zu den Seiten versinkt alles mehr und mehr im Dunkel. Dieses Dunkel - ein wichtiger Teil des Lebens. Ab und zu schiebt sich jemand in den Lichtschein, weniger wegen des Lichts, sondern weil er kurz Wärme aufnehmen will. Aber dort am Rand, wo das Licht des Feuers nicht hinlangt, huschen die Schatten, kleine und große, und gehen ihren Taten und Ideen nach. Die ganze Sippe. Auf engstem Raum. Getrennt durch Dunkelheit. Vielleicht wird auf der einen Seite der Höhle ein Kampf geplant, gegen andere Stämme, andere Rassen. Ganz sicher werden sie überlegen sein; der Neandertaler siegt immer. Auf der anderen Seite nimmt sich vielleicht ein Mann eine Frau. Die Männer wussten, sich zu nehmen. Selbst Inzucht war ganz natürlich, das weiß er. Ohne Inzucht hätte es keine Menschheit gegeben. Wo sollten sie schon herkommen, die Menschen.
Alles - war natürlich. Der Neandertaler hat nicht hinterfragt.
Er betrachtet seinen Körper im Spiegel. Die kleine Abschürfung am Knöchel der rechten Hand. Die Kratzwunde am Oberschenkel. Und er möchte nicht hinterfragen.
Wenn er nur einen kleinen Blick im Spiegel zur Seite wirft, kann er sie sehen. In der Reflektion halb verdeckt von seinem nackten Körper, durch die offene Tür des Badezimmers. Ihre Atemzüge sind jetzt tief und regelmäßig. Auf und ab geht ihr nackter Rücken, aber ganz ruhig. Sie ist wunderschön. Wie lang wird das halten? Er hofft, sie hat die Härte verinnerlicht, bevor sie in die Pubertät kommt. Dass sie nicht auf die Lügen hereinfällt. Dass sie ihm glaubt und nicht den anderen. Sonst wird sie für ihn verloren sein. Aber noch nicht!
Er löscht das Licht im Bad, tritt leise ans Bett. Ihr Atem geht tief und regelmäßig. Er wird sie wecken müssen. Das Leben ist ein Kampf.

V2

Letzte Aktualisierung: 27.04.2014 - 10.13 Uhr
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