Wellensang
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Die Fantasy haben wir in dieser von Alisha Bionda und Michael Borlik herausgegebenen Anthologie beim Wort genommen. Vor allem fantasievoll sind die Geschichten.
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Steinzeit | April 2014
Apologie
von Thomas W√ľstemann

Als er sein Gesicht im Spiegel betrachtet, denkt er unwillk√ľrlich an fr√ľher. Wie das, was ihn hart gemacht hat, in jeder Falte Gestalt annimmt. Wie er stolz darauf sein kann.
Er grinst. Ein Grinsen; eine Herausforderung. Der Mensch braucht Herausforderungen, sonst stirbt er aus. Das Leben. Ist. Ein Kampf.
Er l√§sst den Blick √ľber seinen nackten K√∂rper schweifen; das Handtuch verdeckt nur wenig; so kann er sich durchaus ein bisschen bewundern. Sicher, fr√ľher war er mal st√§rker. Aber er hat sich nicht gehen lassen. Kein Schmerbauch, wie man ihn dem Deutschen gern nachsagt. Was man dem Deutschen nicht alles nachsagt!
Er spannt den Trizeps leicht an. Leicht nur; aber er hebt sich merklich. Daf√ľr muss er noch nicht mal in Pose gehen, l√§sst nur den Muskel tanzen. Er hat noch immer einen muskul√∂sen K√∂rper. Trotz des Alters. Das ist genetisch.
Er hat es erst neulich irgendwo gelesen. Es ist bewiesen - wissenschaftlich bewiesen - dass die europide Rasse Anteile des Neandertalers in ihren Genen hat. Mancher mehr, mancher weniger. Er muss sich nur ansehen und er weiß, woran er ist.
Der Neandertaler war stark. Und intelligenter als der Cro-Magnon. W√ľrde er heute noch existieren, w√ľrde er alles beherrschen. Dann sollten die Negriden mal zusehen, wo sie bleiben. Aber das tut er nicht mehr - existieren. ‚ÄėNur ich‚Äô, sagt er sich ohne Worte vor dem Spiegel. ‚ÄėIch existiere. In mir lebt er fort.‚Äô
Wassertropfen perlen √ľber seinen Oberk√∂rper; er kann sie im Spiegel verfolgen und sp√ľrt sie als leichtes Kitzeln auf der Haut. Bis sie sich im Handtuch fangen und vom Stoff aufgesogen werden. Wie der Sapiens alle anderen Rassen in sich aufgesogen hat. Aufgenommen und verdunsten lassen. Vereinnahmt und ausgespuckt. Zerkaut. Verdaut. Und ausgeschissen. Genozid an der fr√ľhen Menschheit. Rassenvermischung.
Er ist heute in der Stimmung f√ľr Metaphern. Sein K√∂rper ist eine starke Metapher.
Er merkt, dass er abdriftet, und versucht, sich zu konzentrieren. Den Geist und den K√∂rper st√§hlen. Das hat ihm sein Vater immer gesagt. Und wenn er sich nicht selbst bem√ľhte, Geist und K√∂rper fit und rein zu halten - dann wurde es ihm mit Gewalt beigebracht. So war es damals.
‚ÄėHeische ich um Mitleid?‚Äô, fragt er sich in den Spiegel. ‚ÄėUnd von wem?‚Äô Nein, er muss sich wieder daran erinnern, dass all die Entbehrungen, die v√§terliche H√§rte, ihn geformt haben.
Irgendwann ist die Unschuld vorbei und das unschuldige Kind wird infiltriert von Normen und fremden Kulturen. Bis dahin muss es die Härte in sich aufgenommen haben. Das Leben ist ein Kampf.
Das ist seit der Steinzeit so. Glaubt denn hier irgendjemand, Neandertaler w√§ren sensible Gesch√∂pfe gewesen? Oder h√§tten sich f√ľr P√§dagogik interessiert? Sie haben geschunden und gestraft, denkt er und betrachtet seine H√§nde - etwas sehnig vom Alter, aber die Kn√∂chel ragen stark hervor, hart und gebieterisch; H√§nde, F√§uste, die verletzen k√∂nnen. Kleine Abwetzungen an den Kn√∂cheln zeigen, dass er sie zu nutzen wei√ü. Eine Sch√ľrfwunde an der rechten Hand.
Der Neandertaler, auch das hat er gelesen, war Fleischfresser. Ausschlie√ülich. Mehr sogar als manches Tier. Er war st√§ndig auf der Jagd. Und dann die K√§mpfe mit anderen St√§mmen - oder Rassen. Wollte er nicht der Unterlegene sein, musste er sich st√§hlen. Immer im Kampf sein. Den Kampf leben. F√ľhlen, denken. Immerzu. Und waren die Kinder davon wohl ausgenommen? Schule, Lehre - und dann beginnt der Kampf des Lebens? Ha! Er w√ľrde lachen, wenn ihm nach Lachen zumute w√§re. Fraglich, ob ‚ÄúKind‚ÄĚ im Wortschatz des Neandertalers vorkam.
Die verweichlichte Gesellschaft, in der er lebt, hat nichts mit ihm zu tun. In der du nichts darfst; nicht reden, nicht denken. Du darfst nicht leben, wie du willst. Der Neandertaler wusste zwischen Mann und Frau zu trennen - in der nat√ľrlichen Hierarchie -, zwischen seiner Rasse und fremden Rassen. Rassist ist heute ein Schimpfwort. Weil es keine Rassen gibt, sagen sie! Nein, ihm ist nicht nach Lachen.
Es ist wichtig, sagt er sich, selbst feste Ziele zu haben. Statt zu bellen, wenn alle bellen. Den Ballast der Gesellschaft abstreifen. Er nimmt das Handtuch von der H√ľfte, steht ganz nackt vor dem Spiegel. Auf dem rechten Oberschenkel die Kratzwunde, die sie ihm zugef√ľgt hat. Schorf bildet sich da. Ansonsten sieht er gut aus.
Er betrachtet sich, sieht und sp√ľrt, wie die Erektion zur√ľckkommt.
Hätte der Neandertaler alles hinterfragt? Er hätte gehandelt. Der Neandertaler hat keine Fragen gestellt.
W√§hrend die Erektion st√§rker wird, stellt er sich vor, wie sie in ihren H√∂hlen gesessen haben. Das Zentrum wird durch ein Feuer erleuchtet, aber zu den Seiten versinkt alles mehr und mehr im Dunkel. Dieses Dunkel - ein wichtiger Teil des Lebens. Ab und zu schiebt sich jemand in den Lichtschein, weniger wegen des Lichts, sondern weil er kurz W√§rme aufnehmen will. Aber dort am Rand, wo das Licht des Feuers nicht hinlangt, huschen die Schatten, kleine und gro√üe, und gehen ihren Taten und Ideen nach. Die ganze Sippe. Auf engstem Raum. Getrennt durch Dunkelheit. Vielleicht wird auf der einen Seite der H√∂hle ein Kampf geplant, gegen andere St√§mme, andere Rassen. Ganz sicher werden sie √ľberlegen sein; der Neandertaler siegt immer. Auf der anderen Seite nimmt sich vielleicht ein Mann eine Frau. Die M√§nner wussten, sich zu nehmen. Selbst Inzucht war ganz nat√ľrlich, das wei√ü er. Ohne Inzucht h√§tte es keine Menschheit gegeben. Wo sollten sie schon herkommen, die Menschen.
Alles - war nat√ľrlich. Der Neandertaler hat nicht hinterfragt.
Er betrachtet seinen K√∂rper im Spiegel. Die kleine Absch√ľrfung am Kn√∂chel der rechten Hand. Die Kratzwunde am Oberschenkel. Und er m√∂chte nicht hinterfragen.
Wenn er nur einen kleinen Blick im Spiegel zur Seite wirft, kann er sie sehen. In der Reflektion halb verdeckt von seinem nackten K√∂rper, durch die offene T√ľr des Badezimmers. Ihre Atemz√ľge sind jetzt tief und regelm√§√üig. Auf und ab geht ihr nackter R√ľcken, aber ganz ruhig. Sie ist wundersch√∂n. Wie lang wird das halten? Er hofft, sie hat die H√§rte verinnerlicht, bevor sie in die Pubert√§t kommt. Dass sie nicht auf die L√ľgen hereinf√§llt. Dass sie ihm glaubt und nicht den anderen. Sonst wird sie f√ľr ihn verloren sein. Aber noch nicht!
Er l√∂scht das Licht im Bad, tritt leise ans Bett. Ihr Atem geht tief und regelm√§√üig. Er wird sie wecken m√ľssen. Das Leben ist ein Kampf.

V2

Letzte Aktualisierung: 27.04.2014 - 10.13 Uhr
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