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Steinzeit | April 2014

Medusa
von Sylvia Schöningh-Taylor

Einen Brief machst du auf, auch wenn du im Vorhinein weiß, dass sein Inhalt dich beißen wird wie eine giftige Schlange. Der Brief ist von ihrer Mutter, schon die harten Buchstaben auf dem Umschlag versetzen ihrem Herzen einen Stich. Ich weiß gar nicht, wie eine solche Missgeburt aus meinem Leib hervorgegangen sein konnte, liest Susan. Schon als ich mit dir schwanger ging, hielt ich Dich lange Zeit für einen Tumor. Und ich habe Recht behalten, Du bist ein bösartiger Fremdkörper in meinem Fleische. Ich habe mein Lebensglück geopfert für Dich, um Dir eine treusorgende Mutter zu sein. Du aber in Deinem grenzenlosen Egoismus hast mich verlassen, als ich dringend Deine Hilfe brauchte. Ich bin ein armer Mensch mit so schlimmen Schmerzen schon lange Jahre. Du bist egoistisch und herzlos. Und Du bildest Dir ein, Du könntest das Glück in der Welt da draußen finden. Aber wie du Dich auch abstrampeln magst – Du wirst niemals glücklich sein, weil Du in Deinem Herzen weißt, dass ich immer die Stärkere und Schönere von uns beiden bleiben werden. Der Schmerz fährt Susan ins Herz. Ihr wird schwarz vor Augen. Der Brief in ihrer Hand beginnt zu glühen. Ihr Körper wird taub und eiskalt.

In der Nacht hat Susan einen Traum. Sie ist angeklagt. Das Justizgebäude, in dem ihr der Prozess gemacht wird, ist kreisrund und strebt wie ein Zylinder gen Himmel. Sein elfenbeinernes Dach scheint Lichtjahre entfernt. Oben auf der Galerie drängen sich gesichtslose Männer in grauen Anzügen, ihre Laptops wie Schilde am Körper tragend. Sie gaffen, feixen, lachen obszön und zeigen mit spindeldürren Fingern auf die Träumerin. Ja, es ist sie, die da unten auf einer mehlbestäubten Anklagebank sitzt. Sie ist nackt. Der Richter erscheint in einer weißen Bäckermontur, die Hände und das Gesicht voll Mehl. Jedes Mal, wenn er in seinem dicken Gesetzbuch blättert, stäubt eine Wolke Mehl auf, welche die Gegenstände im Gericht mit einem feinen weißen Film überzieht. Eine große rote Wärme kriecht Susan von der rechten Körperhälfte an. Als sie sich in deren Richtung wendet, steht da der alte Backofen aus dem Märchen Hänsel und Gretel. Ist es nicht der aus ihrem ersten Märchenbuch, vor dem sie sich damals schon fürchtete? Die Hexe türmt sich riesig über Gretel auf und befiehlt ihr, in den Backofen zu kriechen. Der Schlund des Ofens ist weit geöffnet und die Flammen lecken begehrlich an Susan. Das ganze Mehl hier im Gericht – soll sie etwa gebacken werden wie Brot? Trägt der Richter deshalb Bäckerkleidung? Hastig kramt sie in den zerfledderten Schulheften ihrer Kindheit, die sich unter der Anklagebank stapeln. Ist dort die Lösung? Die Flammen kommen erbarmungslos näher, aber sie kann sich nicht bewegen.

Ihr eigener Schrei reißt Susan aus dem Albtraum. Aber er hört nicht auf. Sie fühlt unter ihrem Herzen einen unerträglichen Schmerz, der von einem schwarzen Stein herzurühren scheint. Ungläubig schleppt sie sich ins Bad. Jeder ihrer Schritte ächzt unter der Last des dunklen Magmas, das sich unter ihrem Herzen eingenistet hat. Panisch stellt sie sich unter die kalte Dusche, in der Hoffnung, das kühle Wasser möge den Schmerzkörper wegwaschen. Es ist alles umsonst. Was geschieht mit ihr? Eine Welle namenloser Angst überflutet sie. Der schwarze Klumpen scheint Metastasen zu bilden, die von jeder ihrer Körperzellen Besitz ergreifen. Sie schlurft in die Küche und deckt mechanisch den Frühstückstisch. Alles, was vorher einen Glanz von innen hatte, erscheint mit einem Male stumpf und leblos. Die Kinder kommen und setzen sich an den Tisch wie jeden Morgen. Sie versucht sie anzulächeln, aber ihre Gesichtszüge sind ebenfalls versteinert. Hilflos gießt sie Kakao nach, schmiert Schulbrote, versucht, harmlose Fragen zum kommenden Tag zu stellen. Es ist eine Fremde, die das alles tut. Als die Kinder gegangen sind, rennt sie zum Apfelbaum im Garten. Das meditative Versenken in die Schönheit eines Baumes hat ihr schon oft in Krisensituationen dazu verholfen, wieder Kontakt mit ihrem Herzen zu machen. Sie schaut hinauf ins Apfelblütenmeer, aber alles, was sie erblickt, ist ein lächerliches Abziehbild von einem Baum, zweidimensional, ohne Tiefe. Sie weiß den Grund. Dort, wo sonst ihr Herz in Resonanz zu gehen vermochte mit dem Baum, dem Rosenbeet, dem Gurren der Wildtaube in der Birke, ist jetzt eine Dunkelheit. Sie steht zwischen ihr und der Welt.

Der Blick der Gorgone hat sie zu Stein werden lassen. Dabei ist Susan sogar bis über die Grenzen ihres Landes vor diesem Blick geflohen. Dem Blick der Mutteraugen, deren fordernder Sog sie jahrelang der eigenen Kraft beraubte. Jahre ihres Lebens hat sie der Mutter geopfert, um ihrem bösen Blick zu entgehen. Veronikas maßlose Gier nach Bewunderung hat sie zu befriedigen versucht, indem sie sich selbst auslöschte. Es gibt nichts Gewalttätigeres als die Rachsucht eines Opfers, wenn seine emotionalen Erpressungsversuche ins Leere gehen. Hat sie nicht alles versucht, um die Mutter zu lieben? Sie wusste ja, dass deren Bedürftigkeit aus einer tiefen Verzweiflung kam und ihre Verwünschungen eigentlich ein Schrei nach Liebe waren. Aber Susan vermag nicht zu lieben, was sie zu vernichten droht. Sie musste sich gewaltsam losreißen, um nicht bei lebendigem Leib aufgefressen zu werden. Die Wirkung des Briefes zeigt, dass sie den Blick der Mutter längst verinnerlicht hat. Den Gorgonenblick, der herrscht, verurteilt, seziert, saugt, entleert, lähmt, vergiftet und versteinert. Der gesammelte Schmerz ihres Lebens sitzt als schwarzer Stein am mutterlosen Ort in ihrer Brust und ruft ihr zu: Schau mich an. Lös mich auf. Befreie dich!

Mit schweren Schritten geht Susan zurück ins Haus. Sie steigt die Treppe zum Schlafzimmer hinauf, kniet sich vor das Ehebett und fingert nach dem Foto der Mutter, das sie vor langer Zeit in einem Wutanfall darunter geworfen hat. Sie findet es, streift den Staub ab und setzt sich damit auf den Boden. Wie schön Veronika doch ist. Auch die Gorgone Medusa war einst eine betörende Schönheit. Caravaggios Bildnis dieses Ungeheuers hat Susan immer schon fasziniert. Darin hielt der Künstler nicht nur das Grauen sondern auch die Angst dieses mythischen Wesens fest. Aus Eifersucht hatte Athene die schöne Medusa in ein Ungeheuer verwandelt und warum? Weil sie Poseidon bei der Vergewaltigung der betörend schönen Frau erwischt hatte. Medusa war also einst Opfer gewesen und ihre Rachsucht hatte hier ihre Ursache. Fortan ließ ihr Blick jeden, der ihrer ansichtig wurde, zu Stein erstarren. Perseus konnte ihr nur mithilfe des Spiegels der Athene den Kopf abschlagen. Wo soll Susan einen magischen Spiegel her nehmen? Warum nur vermag Susan der Mutter nicht zu entgehen? Weil sie Mitgefühl mit Veronika hat. Auch sie ist missbraucht worden, genau wie Medusa. Susan glaubt nicht an die Macht von Dämonen. Sie sind in Wahrheit verletzte Wesen, die erlöst werden wollen. Denn Rachsucht macht nicht glücklich. Sie schreibt nur das Leiden in alle Ewigkeit fort. Ach könnte sie doch das Gift aus der Mutterseele herauslieben! Aber dazu müsste sie zuerst in ihre eigene Macht kommen und keine Angst mehr haben vor Veronika. Denn der Schatten in ihrer Brust ist nichts als die versteinerte Angst, der Mutter Fluch werde sie lähmen, selbst wenn sie bis ans Ende der Welt geflohen wäre.


Der Wecker neben dem Bett durchtickt das schweigende Haus: Tick-Tock, Tick-Tock, Tick-Tock. Sinn-los, Sinn-los, Sinn-los. Freud-los, Freud-los, Freud-los. Zwischen Susan und der Welt hat sich eine geruchlose Glaswand aufgebaut. Durch das Glas kann sie zwar noch sehen, aber nichts mehr riechen, höchstens staubig-dumpf. Sie ist am Punkt ohne Wiederkehr angelangt und weiß nicht weiter. Wenn sie wenigstens weinen könnte. Aber ihre Augen bleiben trocken, brennend trocken. Ach könnte sie doch den Stein in ihrer Brust durch Tränen auflösen. Mechanisch erhebt sie sich vom Bett und schlurft müde zum Airing Cupboard, um den Wasserboiler anzustellen. Im Moment, als sie den Schrank öffnet, strömt der Vater heraus. Es ist sein Aroma, das mit großer Eindringlichkeit den kleinen Raum mit seiner Präsenz füllt. Es ist der leise Geruch seiner alten gütigen Hände, der Duft seines feinen grauen Anzugs, den er sogar an Werktagen nicht ablegte und in dem sie ihn zu Grabe getragen hat vor langer Zeit. Es ist der Geruch seiner breiten Brust, an die er sie jetzt sanft drückt. Mädchen, mein Mädchen, komm her zu mir, ich bin ja bei dir. Du bist nicht allein. Ich bin so stolz auf dich. Du bist ersehnt und gewollt. Fürchte dich nicht. Weißt du noch, wie du damals in den Bach gefallen bist, weil du am anderen Ufer Veilchen für die Mama pflücken wolltest? Und ich dich herauszog und den ganzen Weg nach Hause getragen habe? Und weißt du noch die stillen Winterlandschaften, durch die unser beider Skibretter Seite an Seite glitten, erinnerst du den frisch gefallenen Schnee?

Sie sinkt zu Boden. Ihre Nasenflügel saugen bebend den Vater ein. Seinen Duft, wie er weiter aus dem Airing Cupboard strömt und strömt und strömt; sie umfasst und berührt. So dass der schwarze Stein unter ihrem Herzen zerspringt und endlich, endlich die Tränen fließen können. Welche Erleichterung, welche Gnade. Der Vater ist gekommen, um ihr beizustehen in ihrer dunkelsten Stunde.

Letzte Aktualisierung: 07.04.2014 - 16.15 Uhr
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