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Verdammt und zugenäht | Mai 2014
Meine Freiheit, deine Freiheit
von Martina Lange

Dotty ließ sich das geöffnete Buch aufs Gesicht fallen. Sie stöhnte in die bedruckten Seiten der menschlichen Frühgeschichte, als könnte ihr Hilferuf erhört werden und einige Homo Sapiens zu ihrer Rettung herbeieilen lassen. Stattdessen stampfte der Bass aus dem Nachbarhaus herüber.
Wild skandierte eine Stimme in Dottys Kopf: Nein! Neinnein!! Oh NEIN!
Das unschuldige Buch flog mit einem Schwung in die Ecke der Terrasse, wo es sich an einer Retro-Schale der Bandkeramikzeit den Rücken brach. Dotty schwang sich von der Liege. Nicht schon wieder! Wenn sie von ihren bisherigen Erfahrungen ausging, so würde sie heute Nacht keinen Schlaf bekommen. Ein hässlicher Gedanke überwucherte den nächsten, wobei diese immer blutigere Blüten trieben. Entschlossen trieb sie sie zurück in ihre geistigen Verließe und knallte zum Ausgleich die Terrassentür hinter sich zu.
Natürlich würde sie weder das Haus ihres Nachbarn in die Luft sprengen - sie wüsste noch nicht einmal, wie sie das anstellen sollte - noch dessen Reifen zerstechen. Und auch die Polizei anzurufen, ein im Übrigen sehr ärmlicher Versuch, mit seinem einzigen Nachbarn weit und breit nicht in Kontakt zu treten, unterließ sie, nachdem ein weiteres Nachschlagewerk und eine Obstschale gemeinsam das Zeitliche segneten.
Nach einigen Fehlversuchen, über die steinbrechenden Akkorde hinweg Kontakt aufzunehmen, war Dotty letztlich so verzweifelt, dass sie im nächsten Hotel ein Zimmer für die Nacht buchte.
Ausgerüstet mit ihrem Weekender machte sie sich entschlossen auf den Weg. Sie würde wunderschön essen und einen langen Spaziergang rund um den nahegelegenen See machen. Um der gemeinen Stimme in ihrem Innersten zumindest ein wenig Rechnung zu tragen, warf sie noch eine pubertäre Grimasse in Richtung der vibrierenden House-Klänge und fuhr los.


Ausgeschlafen und mit sich und der Welt wieder im Einklang, kehrte Dotty am Sonntagmittag von ihrer Flucht zurück. Aber sie hielt nicht an ihrem Haus, sondern parkte direkt vor dem Carport ihres Nachbarn. Schwungvoll umrundete sie den dort abgestellten Motorpark, übersprang die zwei Stufen vor der Haustür und drückte entschlossen auf den Klingelknopf.
Auf ihrer Wanderung um den See - ein simpler Spaziergang hatte zur Nervenberuhigung nicht ausgereicht - war sie zu einem Entschluss gelangt: Dass sie ihre Verärgerung weiter an ihren Büchern ausließ, brachte gar nichts. Jetzt würde sie Klartext sprechen.
Im Haus regte sich nichts. Selbst nach erneutem Klingeln blieb alles still. Nachdem Dotty noch ein drittes Mal geklingelt hatte, zwickte sie schon das schlechte Gewissen. So etwas tut man nicht. Man belästigt niemanden, der eventuell gar nicht öffnen möchte.
Enttäuscht, weil sie ihren einmal gefassten Plan nicht in die Tat umsetzen konnte, wandte sie sich zögernd zum Gehen, als die Tür des Wohnmobils unter dem Carport geöffnet wurde.
Ein strubbeliger, weizenblonder Schopf erschien im Türspalt. Verwundert blinzelten sehr kleine Augen in den Mittag.
"Jaa?", kam es gedehnt und ging in ein haltloses Gähnen über.
Dotty räusperte sich und trat einen Schritt näher. Bevor sie jedoch zu ihrem Anliegen kam, brummte ihr Gegenüber:
"Oh Mann! Jetzt kommen diese Vertreter schon am Sonntag. Kann ich nicht mal an einem Tag in der Woche ausschlafen? Ich kaufe nichts, geh weg." Damit klappte er die Tür zu.
"Hallo? Nein, ich bin keine Vertreterin. Ich ..." Dotty starrte auf die geschlossene Tür. So etwas? Instinktiv hob sie die Hand und klopfte.
Diesmal flog die Tür mit ziemlichen Schwung auf.
"Was?", herrschte der nun recht muntere Nachbar sie an. Seine Augen sprühten blaue Funken.
"Ich bin Ihre Nachbarin, Dotty Vogel. Es tut mir leid, wenn ich Sie gestört habe, aber ich muss mit Ihnen sprechen." Obwohl ihre innere Stimme befand, dass sie sich kein bisschen schuldig fühlen musste, bemühte sie sich um ein gewinnendes Lächeln und fand, dass sie nun ganz sicher wie eine Vertreterin wirkte.
"Oh, ..." Die zerfurchte Stirn ihres Gegenübers begann sich allmählich zu glätten. "Na gut. Wenn es dich nicht stört, dass ich noch nicht aufgeräumt habe ..." Er trat beiseite und wies mit einer einladenden Geste in den dämmrigen Innenraum. Dotty musterte das enge Chaos. Ihr Gesichtsausdruck schien wieder einmal mehrteilige Bände füllen zu können.
"Ist vielleicht doch keine so gute Idee, oder?" Der Nachbar warf einen Blick über die Schulter, federte die Metallstufen hinunter und grinste Dotty an.
"Ach ja, ich bin übrigens Frank. Frank Knapp." Damit war er auch schon an ihr vorbei. "Kaffee?" In der offensichtlichen Gewissheit, dass sie ihm folgen würde, schloss er die Haustür auf und verschwand.
Unsicher, was sie als nächstes erwarten würde, schlängelte sich Dotty an einem Berg Schmutzwäsche im schmalen Flur vorbei. Ein Blick in die Küche verriet ihr, dass er wohl kaum in der vergangenen Woche aufgeräumt hatte.
Tapfer nickte Dotty ihm zu, als er fragend mit der Kaffeekanne wedelte. Obwohl sie starke Zweifel hegte, ob sich in diesem Experimentierfeld eines Chaostheoretikers überhaupt eine saubere Tasse finden ließ. Dennoch schien er eigentlich ganz nett zu sein.
Na los, Dotty, du schaffst das, sprach sie sich selber Mut zu.
"Ist gestern wieder spät geworden?", hauchte sie durch den Kaffeeduft und sah zu Frank hinüber.
Er schenkte sich ebenfalls ein und lehnte sich gegen die Arbeitsplatte. Ein Stapel schmutziger Teller geriet verdächtig ins Schwanken. Achtlos schob er ihn beiseite.
Ohne ein Wort zu sagen fixierte Frank sie. Dotty hielt schon nach wenigen Lidschlägen unruhig nach einem Punkt Ausschau, der es ihr ermöglichte, diesem intensiven Starren zu entgehen. Unvermittelt stieß er sich ab und marschierte aus der Küche.
"Komm mal mit", bestimmte er und bog um die Ecke. Dotty blieb wieder nichts anderes übrig, als seiner Aufforderung zu folgen.
Im Dämmerlicht am Ende des Flures lauschte sie unsicher, wohin er wohl verschwunden sein mochte. Mit dem verborgenen Brummen von Motoren hoben sich die Rollläden. Sonnenlicht flutete das Wohnzimmer und geblendet kniff Dotty die Lider zu.
Als sich ihre Augen an die Helligkeit gewöhnt hatten, sah sie sich Frank gegenüber, der mit einer Metallstange in Händen direkt auf sie zukam. Er wollte sie erschlagen. Ein Psychopath! Entsetzt wich Dotty zurück. Wo war die Tür? Wie hatte sie einem Wildfremden nur in die Wohnung folgen können? Schweiß sammelte sich an ihrem Rückgrat und durchnässte ihre Bluse. Da hob dieser Irre schon die Stange und Dotty konnte nichts anderes tun, als ihn anzustarren wie die Beute den Jäger. Nur Zentimeter von ihr entfernt blieb er stehen, die Stange zum Schlag erhoben.
"Darf ich mal? Ich muss da mal ran." Dotty blinzelte. Frank deutete an die Decke. Dort befand sich eine Bodenluke und die Stange war der Schlüssel.
Sich der eigenen Stimme nicht sicher krächzte Dotty: "Oh, natürlich."
Und Frank grinste wieder.
Gewandt öffnete er den Zugang zum Dachboden, zog die Leiter herunter und stieg nach oben.
"Mitkommen!", kommandierte er. Und Dotty folgte ihm, trotz ihrer weichen Knie und obwohl sie sonst mit Ablehnung auf einen solchen militärischen Befehlston reagierte.
Auf der obersten Stufe der Leiter war Frank stehengeblieben und ließ Dotty gefühlte fünfzehn Zentimeter Platz neben sich.
"Komm hierher. Ich fress' dich schon nicht." Er streckte ihr die Hand entgegen. Weil sich Dotty noch immer wegen ihrer dunklen Verdächtigungen gegen ihn schämte, ergriff sie seine Hand und ließ sich neben ihn ziehen. "Schau", flüsterte er.

Dotty sah sich um. Was sich ihr in dem diffusen Licht des Dachbodens offenbarte, spottete jeder Beschreibung. Die Dämmung hing in Fetzen zwischen den Dachsparren herunter. Gelbe Vliese, Alufolieschnipsel, Eierschalen und Reste undefinierbarer Mahlzeiten verteilten sich über den ganzen Dachboden.
"Du liebe Zeit, was ist denn hier geschehen?" Dotty starrte Frank entsetzt an. Genau in diesem Augenblick setzte wieder die trommelfellzerstörende Musik ein. Instinktiv presste sich Dotty die Hände auf die Ohren und wäre beinah die Leiter hinuntergestürzt. Ein kraftvoller Arm hinderte sie daran und half ihr nach unten.
Dort angekommen schloss Frank wortlos die Luke. Sein Gesichtsausdruck erinnerte Dotty an ihre letzte Wurzelbehandlung. Eine Unterhaltung war unter diesen Umständen nicht möglich. Sie deutete energisch zur Tür und genoss es, ihn einmal herumkommandieren zu können. Vor der Haustür wies sie zum angrenzenden Grundstück.
"Kaffee bei mir!"

In Dottys Küche war das Wummern noch immer zu spüren, aber so war zumindest eine Unterhaltung möglich.
"Dass man die Bässe so weit spüren kann, hätte ich nicht gedacht." Beinah klang das schon wie eine Entschuldigung, dachte sie und machte sich Hoffnung, bald zu einer Lösung zu kommen.
"Es tut mir leid, ich hätte vielleicht früher Bescheid geben sollen."
"Hm, ja, das wäre sicher von Vorteil gewesen." Der innere böse Zwerg genoss, wie kleinlaut ihr Nachbar war. Aber Dotty stieß den Wicht energisch zurück in die hinterste ihrer Gedankenschubladen. Er war jetzt mehr als nur unerwünscht.
"Also, warum diese Lautstärke und die Zeitschaltuhr?"
"Eigenbedarf." Nur ein Wort, als ob das alles erklärte. Frank unterstrich seine anschließende ausführlichere Erklärung mit einem gewinnenden Lächeln. Nicht lange danach verschwand Dotty in ihrem Wohnzimmer.
"Damit dürfte er nicht rechnen", schmunzelnd reichte sie Frank eine CD.
"Russ Ballard?"
Dotty nickte und das Funkeln in ihren Augen erinnerte an geschliffenen Stahl.
"Voices."
"Voices? Klasse!"
Als die Zeitschaltautomatik das nächste Mal die CD aktivierte, ertönte der nervenzerfetzende Klang einer Kreissäge.
Dotty griente über das ganze Gesicht, während sie ihre neuen Ohrenschützer aufsetzte. Ein Mitbringsel von Frank, extra für das Arbeiten an Industriesägen.
Nach dieser Spezialkur würde der Marder bestimmt nicht wieder zurückkehren und Frank und sie konnten endlich die nachbarschaftliche Stille genießen. Gemeinsam.

Letzte Aktualisierung: 24.05.2014 - 08.57 Uhr
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