Schreib-Lust Print
Schreib-Lust Print
Unsere Literaturzeitschrift Schreib-Lust Print bietet die neun besten Geschichten eines jeden Quartals aus unserem Mitmachprojekt. Dazu Kolumnen, Infos, Reportagen und ...
mehr ... ] [ Verlagsprogramm ]
 SIE SIND HIER:   HOME » MITMACH-PROJEKT » SCHREIBAUFGABE » Martina Lange IMPRESSUM
NEWSLETTER
Abonnieren Sie unseren Newsletter.

Jetzt anmelden! ]

UNSERE TOP-SEITEN
1.) Literatur-News-Ticker
2.) Leselust
3.) Forum
4.) Mitmach-Projekt
5.) Schreib-Lust-News 6.) Ausschreibungen 7.) Wettbewerbs-Tipps
Verdammt und zugenńht | Mai 2014
Meine Freiheit, deine Freiheit
von Martina Lange

Dotty lie├č sich das ge├Âffnete Buch aufs Gesicht fallen. Sie st├Âhnte in die bedruckten Seiten der menschlichen Fr├╝hgeschichte, als k├Ânnte ihr Hilferuf erh├Ârt werden und einige Homo Sapiens zu ihrer Rettung herbeieilen lassen. Stattdessen stampfte der Bass aus dem Nachbarhaus her├╝ber.
Wild skandierte eine Stimme in Dottys Kopf: Nein! Neinnein!! Oh NEIN!
Das unschuldige Buch flog mit einem Schwung in die Ecke der Terrasse, wo es sich an einer Retro-Schale der Bandkeramikzeit den R├╝cken brach. Dotty schwang sich von der Liege. Nicht schon wieder! Wenn sie von ihren bisherigen Erfahrungen ausging, so w├╝rde sie heute Nacht keinen Schlaf bekommen. Ein h├Ąsslicher Gedanke ├╝berwucherte den n├Ąchsten, wobei diese immer blutigere Bl├╝ten trieben. Entschlossen trieb sie sie zur├╝ck in ihre geistigen Verlie├če und knallte zum Ausgleich die Terrassent├╝r hinter sich zu.
Nat├╝rlich w├╝rde sie weder das Haus ihres Nachbarn in die Luft sprengen - sie w├╝sste noch nicht einmal, wie sie das anstellen sollte - noch dessen Reifen zerstechen. Und auch die Polizei anzurufen, ein im ├ťbrigen sehr ├Ąrmlicher Versuch, mit seinem einzigen Nachbarn weit und breit nicht in Kontakt zu treten, unterlie├č sie, nachdem ein weiteres Nachschlagewerk und eine Obstschale gemeinsam das Zeitliche segneten.
Nach einigen Fehlversuchen, ├╝ber die steinbrechenden Akkorde hinweg Kontakt aufzunehmen, war Dotty letztlich so verzweifelt, dass sie im n├Ąchsten Hotel ein Zimmer f├╝r die Nacht buchte.
Ausger├╝stet mit ihrem Weekender machte sie sich entschlossen auf den Weg. Sie w├╝rde wundersch├Ân essen und einen langen Spaziergang rund um den nahegelegenen See machen. Um der gemeinen Stimme in ihrem Innersten zumindest ein wenig Rechnung zu tragen, warf sie noch eine pubert├Ąre Grimasse in Richtung der vibrierenden House-Kl├Ąnge und fuhr los.


Ausgeschlafen und mit sich und der Welt wieder im Einklang, kehrte Dotty am Sonntagmittag von ihrer Flucht zur├╝ck. Aber sie hielt nicht an ihrem Haus, sondern parkte direkt vor dem Carport ihres Nachbarn. Schwungvoll umrundete sie den dort abgestellten Motorpark, ├╝bersprang die zwei Stufen vor der Haust├╝r und dr├╝ckte entschlossen auf den Klingelknopf.
Auf ihrer Wanderung um den See - ein simpler Spaziergang hatte zur Nervenberuhigung nicht ausgereicht - war sie zu einem Entschluss gelangt: Dass sie ihre Ver├Ąrgerung weiter an ihren B├╝chern auslie├č, brachte gar nichts. Jetzt w├╝rde sie Klartext sprechen.
Im Haus regte sich nichts. Selbst nach erneutem Klingeln blieb alles still. Nachdem Dotty noch ein drittes Mal geklingelt hatte, zwickte sie schon das schlechte Gewissen. So etwas tut man nicht. Man bel├Ąstigt niemanden, der eventuell gar nicht ├Âffnen m├Âchte.
Entt├Ąuscht, weil sie ihren einmal gefassten Plan nicht in die Tat umsetzen konnte, wandte sie sich z├Âgernd zum Gehen, als die T├╝r des Wohnmobils unter dem Carport ge├Âffnet wurde.
Ein strubbeliger, weizenblonder Schopf erschien im T├╝rspalt. Verwundert blinzelten sehr kleine Augen in den Mittag.
"Jaa?", kam es gedehnt und ging in ein haltloses G├Ąhnen ├╝ber.
Dotty r├Ąusperte sich und trat einen Schritt n├Ąher. Bevor sie jedoch zu ihrem Anliegen kam, brummte ihr Gegen├╝ber:
"Oh Mann! Jetzt kommen diese Vertreter schon am Sonntag. Kann ich nicht mal an einem Tag in der Woche ausschlafen? Ich kaufe nichts, geh weg." Damit klappte er die T├╝r zu.
"Hallo? Nein, ich bin keine Vertreterin. Ich ..." Dotty starrte auf die geschlossene T├╝r. So etwas? Instinktiv hob sie die Hand und klopfte.
Diesmal flog die T├╝r mit ziemlichen Schwung auf.
"Was?", herrschte der nun recht muntere Nachbar sie an. Seine Augen spr├╝hten blaue Funken.
"Ich bin Ihre Nachbarin, Dotty Vogel. Es tut mir leid, wenn ich Sie gest├Ârt habe, aber ich muss mit Ihnen sprechen." Obwohl ihre innere Stimme befand, dass sie sich kein bisschen schuldig f├╝hlen musste, bem├╝hte sie sich um ein gewinnendes L├Ącheln und fand, dass sie nun ganz sicher wie eine Vertreterin wirkte.
"Oh, ..." Die zerfurchte Stirn ihres Gegen├╝bers begann sich allm├Ąhlich zu gl├Ątten. "Na gut. Wenn es dich nicht st├Ârt, dass ich noch nicht aufger├Ąumt habe ..." Er trat beiseite und wies mit einer einladenden Geste in den d├Ąmmrigen Innenraum. Dotty musterte das enge Chaos. Ihr Gesichtsausdruck schien wieder einmal mehrteilige B├Ąnde f├╝llen zu k├Ânnen.
"Ist vielleicht doch keine so gute Idee, oder?" Der Nachbar warf einen Blick ├╝ber die Schulter, federte die Metallstufen hinunter und grinste Dotty an.
"Ach ja, ich bin ├╝brigens Frank. Frank Knapp." Damit war er auch schon an ihr vorbei. "Kaffee?" In der offensichtlichen Gewissheit, dass sie ihm folgen w├╝rde, schloss er die Haust├╝r auf und verschwand.
Unsicher, was sie als n├Ąchstes erwarten w├╝rde, schl├Ąngelte sich Dotty an einem Berg Schmutzw├Ąsche im schmalen Flur vorbei. Ein Blick in die K├╝che verriet ihr, dass er wohl kaum in der vergangenen Woche aufger├Ąumt hatte.
Tapfer nickte Dotty ihm zu, als er fragend mit der Kaffeekanne wedelte. Obwohl sie starke Zweifel hegte, ob sich in diesem Experimentierfeld eines Chaostheoretikers ├╝berhaupt eine saubere Tasse finden lie├č. Dennoch schien er eigentlich ganz nett zu sein.
Na los, Dotty, du schaffst das, sprach sie sich selber Mut zu.
"Ist gestern wieder sp├Ąt geworden?", hauchte sie durch den Kaffeeduft und sah zu Frank hin├╝ber.
Er schenkte sich ebenfalls ein und lehnte sich gegen die Arbeitsplatte. Ein Stapel schmutziger Teller geriet verd├Ąchtig ins Schwanken. Achtlos schob er ihn beiseite.
Ohne ein Wort zu sagen fixierte Frank sie. Dotty hielt schon nach wenigen Lidschl├Ągen unruhig nach einem Punkt Ausschau, der es ihr erm├Âglichte, diesem intensiven Starren zu entgehen. Unvermittelt stie├č er sich ab und marschierte aus der K├╝che.
"Komm mal mit", bestimmte er und bog um die Ecke. Dotty blieb wieder nichts anderes ├╝brig, als seiner Aufforderung zu folgen.
Im D├Ąmmerlicht am Ende des Flures lauschte sie unsicher, wohin er wohl verschwunden sein mochte. Mit dem verborgenen Brummen von Motoren hoben sich die Rolll├Ąden. Sonnenlicht flutete das Wohnzimmer und geblendet kniff Dotty die Lider zu.
Als sich ihre Augen an die Helligkeit gew├Âhnt hatten, sah sie sich Frank gegen├╝ber, der mit einer Metallstange in H├Ąnden direkt auf sie zukam. Er wollte sie erschlagen. Ein Psychopath! Entsetzt wich Dotty zur├╝ck. Wo war die T├╝r? Wie hatte sie einem Wildfremden nur in die Wohnung folgen k├Ânnen? Schwei├č sammelte sich an ihrem R├╝ckgrat und durchn├Ąsste ihre Bluse. Da hob dieser Irre schon die Stange und Dotty konnte nichts anderes tun, als ihn anzustarren wie die Beute den J├Ąger. Nur Zentimeter von ihr entfernt blieb er stehen, die Stange zum Schlag erhoben.
"Darf ich mal? Ich muss da mal ran." Dotty blinzelte. Frank deutete an die Decke. Dort befand sich eine Bodenluke und die Stange war der Schl├╝ssel.
Sich der eigenen Stimme nicht sicher kr├Ąchzte Dotty: "Oh, nat├╝rlich."
Und Frank grinste wieder.
Gewandt ├Âffnete er den Zugang zum Dachboden, zog die Leiter herunter und stieg nach oben.
"Mitkommen!", kommandierte er. Und Dotty folgte ihm, trotz ihrer weichen Knie und obwohl sie sonst mit Ablehnung auf einen solchen milit├Ąrischen Befehlston reagierte.
Auf der obersten Stufe der Leiter war Frank stehengeblieben und lie├č Dotty gef├╝hlte f├╝nfzehn Zentimeter Platz neben sich.
"Komm hierher. Ich fress' dich schon nicht." Er streckte ihr die Hand entgegen. Weil sich Dotty noch immer wegen ihrer dunklen Verd├Ąchtigungen gegen ihn sch├Ąmte, ergriff sie seine Hand und lie├č sich neben ihn ziehen. "Schau", fl├╝sterte er.

Dotty sah sich um. Was sich ihr in dem diffusen Licht des Dachbodens offenbarte, spottete jeder Beschreibung. Die D├Ąmmung hing in Fetzen zwischen den Dachsparren herunter. Gelbe Vliese, Alufolieschnipsel, Eierschalen und Reste undefinierbarer Mahlzeiten verteilten sich ├╝ber den ganzen Dachboden.
"Du liebe Zeit, was ist denn hier geschehen?" Dotty starrte Frank entsetzt an. Genau in diesem Augenblick setzte wieder die trommelfellzerst├Ârende Musik ein. Instinktiv presste sich Dotty die H├Ąnde auf die Ohren und w├Ąre beinah die Leiter hinuntergest├╝rzt. Ein kraftvoller Arm hinderte sie daran und half ihr nach unten.
Dort angekommen schloss Frank wortlos die Luke. Sein Gesichtsausdruck erinnerte Dotty an ihre letzte Wurzelbehandlung. Eine Unterhaltung war unter diesen Umst├Ąnden nicht m├Âglich. Sie deutete energisch zur T├╝r und genoss es, ihn einmal herumkommandieren zu k├Ânnen. Vor der Haust├╝r wies sie zum angrenzenden Grundst├╝ck.
"Kaffee bei mir!"

In Dottys K├╝che war das Wummern noch immer zu sp├╝ren, aber so war zumindest eine Unterhaltung m├Âglich.
"Dass man die B├Ąsse so weit sp├╝ren kann, h├Ątte ich nicht gedacht." Beinah klang das schon wie eine Entschuldigung, dachte sie und machte sich Hoffnung, bald zu einer L├Âsung zu kommen.
"Es tut mir leid, ich h├Ątte vielleicht fr├╝her Bescheid geben sollen."
"Hm, ja, das w├Ąre sicher von Vorteil gewesen." Der innere b├Âse Zwerg genoss, wie kleinlaut ihr Nachbar war. Aber Dotty stie├č den Wicht energisch zur├╝ck in die hinterste ihrer Gedankenschubladen. Er war jetzt mehr als nur unerw├╝nscht.
"Also, warum diese Lautst├Ąrke und die Zeitschaltuhr?"
"Eigenbedarf." Nur ein Wort, als ob das alles erkl├Ąrte. Frank unterstrich seine anschlie├čende ausf├╝hrlichere Erkl├Ąrung mit einem gewinnenden L├Ącheln. Nicht lange danach verschwand Dotty in ihrem Wohnzimmer.
"Damit d├╝rfte er nicht rechnen", schmunzelnd reichte sie Frank eine CD.
"Russ Ballard?"
Dotty nickte und das Funkeln in ihren Augen erinnerte an geschliffenen Stahl.
"Voices."
"Voices? Klasse!"
Als die Zeitschaltautomatik das n├Ąchste Mal die CD aktivierte, ert├Ânte der nervenzerfetzende Klang einer Kreiss├Ąge.
Dotty griente ├╝ber das ganze Gesicht, w├Ąhrend sie ihre neuen Ohrensch├╝tzer aufsetzte. Ein Mitbringsel von Frank, extra f├╝r das Arbeiten an Industries├Ągen.
Nach dieser Spezialkur w├╝rde der Marder bestimmt nicht wieder zur├╝ckkehren und Frank und sie konnten endlich die nachbarschaftliche Stille genie├čen. Gemeinsam.

Letzte Aktualisierung: 24.05.2014 - 08.57 Uhr
Dieser Text enthńlt 9979 Zeichen.

Druckversion

 LINKTIPPS: Naturwaren Diese Website wird unterstützt von:

www.mswaltrop.de
Copyright © 2006 - 2022 by Schreiblust-Verlag - Alle Rechte vorbehalten.