Der Tod aus der Teekiste
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Mutter, Vater, Wind | Juni 2014
Vater Mörder Mutter Korn Wind Beutel
von Helga Rougui

Meine Familie ist das reine Gift. Immer gewesen. Brutti Sporchi E Cattivi sind nichts dagegen. Curare wäre ein Lebenselixier.

Aus mir ist ebenfalls nicht recht was geworden. Das war Absicht und fand im Geheimen statt. Man muß nicht brüllend mit dem blanken Messer durch die Straßen rennen – es gibt subtilere Methoden. Mit den Jahren wurde aus mir ein Meister in Emotionaler Erpressung, Wortloser Nötigung, Unterschwelliger Drohung, Verschleierter Brutalität.
An dem, was passierte, schien ich schuldlos.

Ich habe den Wind in einen Beutel gesperrt und mich nach ihm benannt.
Nach dem Beutel hauptsächlich.
Andere Namen für mich sind: Spruchbeutel, Plastikbeutel, Dummbeutel, Schleimbeutel.
Alle kommen der Wahrheit ziemlich nahe. Meiner Wahrheit, wie ich sie will.

Natürlich, im Grunde sind wir alle gleich. Die Mörder, die Körner, die Beutel.
Nur ich, wenn ich der Wind bin, bin anders.

Das war mir schon im Alter von elf Jahren klar. Wenn ich gewollt hätte, hätte ich immerzu schneller laufen können als alle anderen. Meistens wollte ich nicht, schon um nicht aufzufallen.
Wer auffällt, muß Berge von Verantwortung übernehmen für seine Taten.
Dann lieber langsam kriechen, alle an sich vorbeiziehen lassen und im letzten Glied unbeobachtet am Leichentuch und dazugehöriger übler Nachrede sticheln.

In der Nacht hatte ich einen Traum. Ich träumte nicht von meiner Mutter, ich träumte nicht von meinem Vater.
Die Frau aber kam in meinem Traum durch Säulen und Blumen kreiselnd auf mich zu, perfekt frisiert, elegant gekleidet, aufgedunsen und bleich, augenscheinlich schwer krank, verschwommen, rotgefleckt. Sie bewegte sich schwerfällig in blasser Nebelsuppe, konnte kaum laufen. Jeder sah, daß ihr Tod nahe war.
Das tat mir wohl.
Das Furchtbare aber war, daß ich das Bedürfnis hatte, ihr aus dem Mantel zu helfen, sie zu einem Stuhl zu geleiten, ihr Trost zuzusprechen.
Das durfte nicht sein.
Beim Aufwachen hatte ich das Gefühl, einer höchst unangenehmen Situation entronnen zu sein.

Meine Laune hob sich sofort, als ich an die Entscheidung des Vorabends dachte. Ich hatte meine Befreiung beschlossen, und ungeachtet des Traums hatte diese Entscheidung Bestand.
Ich erinnerte mich an die Regeln, die ich mir selbst gesetzt hatte – ich hatte tatsächlich große Lust, sie einzuhalten. Meine Hochstimmung hielt ungetrübt an.

Aber ich erinnerte mich auch rechtzeitig an meine Devise: Nur nicht auffallen.
Ich verlangsamte den geplanten Ablauf, nahm die Geschwindigkeit aus der Aktion – die Aktion ansich wäre Geschwindigkeit genug. (Immerhin wohnen wir im zwölften Stock.)

Niemand achtet mehr auf mich.

So kann ich ohne große Worte, ohne Aufsehen alles in die Wege leiten, was nötig ist.
Viel ist es nicht - eigentlich muß ich gar nichts tun außer loszulassen.
Befreiung, ich sage das Wort wieder und wieder mit großer Heiterkeit.

Sie werden es sehen. Zu gegebener Zeit.
Wenn es zu spät ist.

Letzte Aktualisierung: 22.06.2014 - 19.00 Uhr
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