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Mutter, Vater, Wind | Juni 2014
Fährt der alte Lord Ford
von Glädja Skriva

Alle Campingwagen stehen in Reih und Glied; sauber aufgereiht wie kleine Matchboxautos. Alle schräg zum Wasser. Aufgeschlossen an den ersten, weil der schon schräg zum Wasser stand. Dass das Wohnmobil damit dem Wind, der vom Fluss landeinwärts bläst, eine größere Angriffsfläche bietet, sei nur im Nebensatz erwähnt. Es ist nicht von Bedeutung. Nicht in diesem Moment. Wichtig ist, dass man eine Gemeinschaft bildet. Wagen an Wagen.

Der alte Ford ist längst davongeknattert. Ein kleiner Störfaktor in diesem Bild mit seinem aufreizenden Rot und seinem verbeulten, rostigen Kofferraum mit dem Aufkleber: „Wenn Gott dich nicht liebt, wer liebt dich dann“ oder so, der so gar nicht passte – oder doch passte zu der Liebe, die darin gemacht wurde ... bis die Scheiben davon beschlugen und einer der vier oder sechs Füße darin an dem Nass des Fahrerfensters herunterquietschte. „I got high ...“ dröhnte es heraus und der alte Ford versuchte in beschleunigtem Tempo mit Fahrt aufzunehmen, bis die Keilriemen in Schwingung kamen und ächzend miteinstimmten.

Als die Sonnenstrahlen sich hinter den pudrig weißen Wolken hervorschälen, klappern die ersten Wohnmobiltüren. Picknicktische werden aufgebaut; wind- und wasserdichte, beige Rentnerwesten ins Wageninnere verbannt. Die Frauen zaubern Thermoskannen mit dampfenden Kaffee hervor, während die Männer sich mit Kuchenstücken in aufgeblasenen Hamsterbacken nach links und rechts fachmännisch über E-Bikes austauschen: Ihre neuesten Errungenschaften, auf die sie stolz sind und mit denen sich auch hier am Rhein entlangradeln lässt. Selbst mit Arthrose oder künstlich implantiertem Hüftgelenk. Alles atmet eine stille Zufriedenheit aus trotz der kleinen und großen Widrigkeiten des Lebens, die hier und da unter dem Fahrrad hoppeln, aber auf dessen Sattel man sich gerne hält, zwar mit schmerzendem Hinterteil, aber dennoch munter schwatzend und die Landschaft genießend.

Sommer-Sonnenlaune. Auch an der Brücke. Die ersten Kanuten lassen ihre Boote zu Wasser. Lachend, scherzend. Braungebrannt, in lässig getragenen Badeshorts. Hier und da ein orangener Farbtupfer, einer Boje ähnlich: Rettungswesten. Die Mutigen werfen sich ohne sie in den Wasserstrudel, um sich ganz nach unten drücken zu lassen, durch die Brücke hindurch, um dann auf der anderen Seite wieder prustend aufzutauchen. Wie einfach ist es, dem Ertrinken ein Schnippchen zu schlagen. Wer so jung und voller Leben ist, nach dem streckt der Tod nicht die Schippe aus.

Ich laufe weiter. Bis ich ihr Schäkern nur noch aus der Ferne höre; so, als hätte ich das Radio immer leiser gedreht und den Sender dabei gewechselt. Ich ziehe meine Schuhe aus, spüre, wie das von der Hitze ausgetrocknete Gras in meine Fußsohlen piekst und hüpfe wie immer die letzten Meter bis zu den Stufen, die versteckt unweit zum Wasser liegen. Ich höre es bereits plätschern. Niemand ist sonst hier. Bereits bevor ich mich auf die Steinquader setze, spüre ich ihre Wärme in meinen Schenkeln und wie der Wind leise und vorsichtig unter meinen Rock fährt. Meine Häärchen stellen sich auf. Ich halte mein Gesicht der Sonne entgegen und blicke auf den Rhein. Blau glitzert er, in tiefem Blau. Eine Brise lässt seine Oberfläche kräuseln: Kleine Wellen, die wie Seerobben miteinander spielen, auf- und abtauchen. Die „Minna von Arnheim“, ein Frachter, tuckert an mir vorbei. Schwer beladen, beinahe bis zum Kiel unter Wasser gedrückt, schickt er mir immer kräftigere Wellen ans Ufer. Ich versuche an der Flagge, die backbord flattert, auszumachen, woher er kommt. Deutschland? Holland? Während ich mir ausmale, wie der Kapitän, der auf seiner Brücke residiert, wohl lebt; ob er abends immer Forelle isst, die ihn glubschäugig über den Tellerrand hinweg anglotzt, erfasst eine große Welle eiskalt meine Füße, schwappt unter meinen Rock bis zu meinem Höschen. Ich schreie spitz auf, hüpfe herum, kreische, wie ein hysterischer Teenager, um mich dann dieses nassen Stofffetzens schnell zu entledigen und lachend damit dem Kapitän zu winken. Er tutet.

Ich hänge meinen Slip an den nächsten Ast der Brombeersträucher. Die Dornen sind die Wäscheklammern. Der Wind mein Trockner. Ich zupfe mir einige Beeren ab, schiebe sie mir in den Mund. Zucke zusammen. Noch etwas sauer. Die nächsten Sonnentage werden ihnen gut tun. Ich lege mich wieder ans Ufer, schiebe mir einen der Strandwedel in den Mund, die sich in der leichten Brise wiegen, wie ein Orchester vor ihrem Maestro. Über mir ist eine weiße Wolkenwand, die sich zu einem blauen Himmel hin aufgerissen hat. Fensterblicke ins Paradies. Darunter ein Vogel, der sich tragen lässt von der Thermik und immer wieder seine Kreise zieht. Ich blinzle. – Schon ist er weg. Vergänglichkeit des Augenblicks. Ich spüre eine sanfte Berührung auf meiner Brust. Ein Kitzeln. Das Flattern eines Schmetterlings. Würde ich davon schreiben, würde es mir niemand glauben, so kitschig schön ist es hier. Seine gelben Punkte, grün und braun umrandet, auf seinen zarten Flügeln.
„Hey, super Bikini hast du da an“, sage ich zu ihm. „So einen Bikini würde ich auch tragen.“
Mir fällt mein Slip im Brombeerstrauch ein, aber ich bin zu faul zum Aufstehen. Von der Ferne höre ich das Graugans-Pärchen schnattern. Irgendwo das Brummen eines Flugzeuges. Das regelmäßige Eintauchen eines Ruders im Wasser. Der Kanute wird mich schon nicht nackt sehen.
Als ich vom Knistern und Rascheln der Blätter aufwache, steht die Sonne bereits tief. Der Wind ist stärker geworden. Ich ziehe mich schnell an. An der Brücke steht nur noch ein einsames Pärchen, dicht aneinandergepresst. Die Wohnmobiltüren sind wieder fest verschlossen. In ihrem Innern flimmern die ersten Kisten: „Wer wird Millionär“ oder „Tatort“. Dinge, die die Welt bewegen.

Als ich bei Mama und Vater die Tür zu ihrer Wohnung öffne, erwartet mich Stille. Stille, die sich mir immer auf die Brust legt.
Vater sitzt vornübergebeugt über seinem Ordner und addiert Zahlen. Auch jetzt, im vorgezogenen Ruhestand. Die Zeit scheint stehengeblieben zu sein. Immer noch presst er die Welt in seine Tabellen, rechnet und prüft, bis das Ergebnis stimmt.
„Du bist 43 Minuten zu spät!“
„Ich weiß.“
„Du weißt es und bist trotzdem zu spät. Wo warst du?“
Ich antworte nicht und gehe zu Mama in die Küche, gebe ihr einen Kuss auf ihre Wange und lege meinen Arm um sie. Wie schmal sie die letzten Wochen geworden ist. Sie richtet Vater das Abendbrot und wie immer halte ich den Atem an, wenn sie die Gurken schneidet, knapp an ihrem Finger vorbei, seit ihre Augen so nachlassen und sie sich dabei nicht helfen lassen will.
„War es schön?“, fragt sie.
„Wunderschön. Ich war am Rhein.“
„Unter der Woche? Es ist nicht Sonntag!“, wirft Vater sofort ein. Mit einer Stimme nicht zu laut, nicht zu leise. Die Schärfe liegt in dem, was er uns bereits als Kinder eingeimpft hatte und in uns Abwehrkräfte bildete, bis heute gegen alles, was lebendig war und Freude machte. Matchboxautos hatten im Spiel immer in Reih und Glied zu stehen. Wenn man schon spielen musste.
„Am Wochentag wird nicht gefaulenzt. Wo kämen wir hin? Schaffe, schaffe, Häusle baue, und nicht nach de Mädle schaue, heißt die Devise.“
Ich erinnere mich an die Reihen, die er im Garten gezogen hatte, wie mit einem Lineal. Parallel mussten sie sein. Alle im gleichen Abstand. Zentimetergenau abgemessen. Ohne ein Unkrautpflänzchen. Nur täglich gerupft war die Welt in Ordnung.
Da weiß ich, endlich muss ich es sagen:
„Vater.“
„Da gibt es keine Diskussion.“
„Vor 14 Jahren, Vater ...“
„Schnee von gestern!“
„Vor 14 Jahren, Vater, hat mich Kalle mitgenommen. Zum Kanufahren. An den Rhein. Obwohl du es mir verboten hast. Damals. Ich habe es mir bisher nie getraut, es dir zu sa ...“
Er poltert los: „Dieses Pack. Mit dem hast du dich eingelassen? Der taugt nichts. Jetzt komme mir nur nicht damit, dass er dir ein Kind gemacht hat?! Der Schlure!“
„Der Aufkleber, Papa, damals auf deinem alten Ford. Du erinnerst dich noch: „Wenn Gott dich nicht liebt, wer liebt dich dann.“ Ich habe das Auto, ich habe dich ... damals gleich darin erkannt. Auch wenn die Scheiben beschlagen waren ...“

In diesem Moment spüre ich das erste Mal die Wut und Tränen, aber auch den Wind auf meiner Haut. Ich winke dem Kapitän, der auf seiner Brücke residiert. Die Brombeeren. Noch sind sie sauer. Ein paar Sonnentage werden ihnen guttun. Die Wolken sind weiß und pudrig. Warm ist es unter meinen Füßen. Die Wäsche flattert im Wind. Der Himmel ist aufgerissen, wie zum Paradies. Kitschig schön.

„Vater, ich werde mir das nicht mehr von dir nehmen lassen.“


© P.S./Glädja Skriva/Juni 2014/ 2. Version

Letzte Aktualisierung: 26.06.2014 - 09.09 Uhr
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