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Mutter, Vater, Wind | Juni 2014
Zustände bei den Olympiern
von Thea Derado

„Mama, dieser Wüstling, dein jüngster Sohn Kronos, hat mich schon wieder geschwängert. Ich kam nicht gegen ihn an; er ist wahrlich ein Titan. Ach wir Götter sind wirklich arm dran, wir können ja nicht einmal irgendwelche Götter zu Hilfe rufen!“
Rhea warf sich in ihrem Leid Gaja an die moosgepolsterte Brust. Die versuchte zu trösten:
„Du wirst ja nicht zum ersten Male Mutter. Es ist doch erhebend, neues Leben in die Welt bringen zu dürfen, ein Vorrecht, das uns haushoch über die Männer stellt.“
„Aber nicht, wenn der Kindsvater bald nach der Geburt seine Säuglinge auffrisst.“
„Ja ja, der Frauen Zustand ist beklagenswert. Selbst einem rauen Gatten zu gehorchen, ist Pflicht und Trost.“
„Mama!“ Rhea rollte die Augen. Sie fand es spleenig, wenn Gaja mit Zitaten um sich warf, die noch lange nicht geschrieben waren. Nur um damit zu prahlen, dass sie in die Zukunft schauen könne. „Hilf mir lieber, dass dieses Kind überlebt!“
„Kronos hat nun mal Angst, dass ihn, wie prophezeit ward, einer seiner Söhne entthronen wird.“
„Diese Männer mit ihrem Angeber-Syndrom! Jeder will immer der Erste, der Beste, der Größte sein! Und keiner von ihnen will einsehen, dass seine Zeit auch mal abgelaufen ist.“
„Ja ja, die allmächtige Zeit und das ewige Schicksal, meine Herren und deine!“
„Hör auf damit! Erkläre mir lieber, warum wir Götter uns in nichts von den Menschen unterscheiden, genauso borniert, machthungrig und brutal sind wie sie.“
„Das ist leicht zu beantworten: Die Menschen schufen sich ihre Götter nach ihrem Vorbild, ein Geschlecht, das ihnen gleich sei, zu leiden, zu …, nun ja. Sie konnten sich nichts Besseres vorstellen, als was sie selbst waren.“
„Du meinst, sie haben sich alle Götter ausgedacht? Die ägyptischen, die babylonischen, uns? Und wir sind dazu verdammt, die Rollen zu spielen, die sie uns zugedacht haben?“
„Ja, ich kenne nichts Ärmeres unter der Sonne als euch Götter!“
„Bist du auch nur ausgedacht, Gaja?“
„Ich? Aber nein! Ich, die Erdmutter, war von Anbeginn. Lange, bevor es die ersten Menschen gab, ja lange, bevor es überhaupt Leben auf diesem Planeten gab. Selbst der primitivste Mensch, ohne jegliche transzendente Ambitionen, wird mir unbewusst Respekt zollen, da ihm klar ist, dass er weder sich noch die Seinen ernähren kann. Ohne das Wasser, das ich aus meinen Quellen rinnen lasse, wäre er bald verdorrt und verdorben. Nein, ich bin kein Produkt menschlicher Gehirne. Was aus denen entsprießt, kennt man ja. Er nennt es Vernunft und braucht’s allein, nur tierischer als jedes Tier zu sein!“
„Armer Kronos. So gesehen, tut er mir fast leid. Er hat also keinen freien Willen; er kann gar kein liebender Vater sein. So sei du wenigstens eine liebevolle Großmutter und hilf, dass diese Leibesfrucht gesund zur Welt kommt und glücklich und behütet aufwachsen kann.“
Gaja schloss die Augen, so konnte sie die Zukunft besser schauen.
Sie nickte erfreut. „Ich habe ihn gesehen. Es wird ein Sohn. Ein wahrer Wirbelwind. Er wird den ganzen Olymp aufmischen. Auch Kronos wird seinem Schicksal nicht entgehen können, dein Sohn wird ihn zum Tartaros jagen, wenn die Zeit dereinst reif sein wird.“
Gaja legte ihr Ohr an Rheas Bauch und lachte: „Ich höre den künftigen Orkan schon, er säuselt bereits. Gesäusel, Säusl, Säus, ja, Zeus wird er heißen. Er wird alles Überkommene davonblasen.“
„So weit sind wir ja leider noch nicht. Erst brauchen wir einen sicheren Ort …“
„Vorläufig bleibe du in Kronos‘ Nähe, damit er keinen Verdacht schöpft. Wenn es so weit ist, komm rüber nach Kreta. Verborgen im Diktisgebirge habe ich eine wunderschöne Höhle, geschmückt mit den bizarrsten Tropfsteinen, gewachsen in Äonen. Das ist ein würdiger Platz für die Geburt eines Gottes. So etwas, die Geburtsstätte eines Gottes, aber schäbig wie ein Kuhstall, wird man später Bethlehem nennen.
Sogar einen See habe ich dort für dich und deinen Sohn, tief unter der Ebene des Eingangs. Dort bist du geborgen. Ich werde in deiner schweren Stunde bei dir sein.“
„Aber irgendwann kriegt doch Kronos Wind davon.“ Nun musste auch Rhea lachen. „Wind kriegen! Ja gut, soll er seinen Wind kriegen. – Dennoch, was machen wir, wenn er sein Kind von uns fordert?“

Gaja wusste auch dafür Rat.
Der kleine Zeus kam zwischen all den farbig leuchtenden Tropfsteinen zur Welt. Er war ein kräftiger Wonneproppen.
Rhea verschlug es jedes Mal fast die Milch, wenn sie sich vorstellte, der Vater könnte bald kommen und fordern, seinen Sohn zu sehen. Und dann? Sie hatte es mit ansehen müssen, als das Ungeheuer all ihre und seine Kinder verschlungen hatte. Fünf waren es bisher. Fünf wunderbare Babys, die eigentlich alle hätten Götter und Göttinnen sein sollen!

Der Tag kam. Als es droben am Zugang zur Grotte gewaltig polterte und unter kräftigen Flüchen Kronos‘ Stimme die Stille der Höhle zerriss, versagten Rheas Beine.
„Lass mich nur machen!“ Gaja wickelte einen Stein in Tücher. Den überreichte sie ihrem Sohn, dem Vater des Säuglings.
„Rhea ist noch so geschwächt von den heftigen Wehen, die sie fast zerrissen hätten. Sie kann nicht selbst heraufkommen. So nimm von mir deinen Jüngsten.“
Kronos trieb die Furcht, die Erfüllung der Weissagung könne ihm durch seinen Sohn widerfahren. Er konnte weder klar denken, noch hatte er einen Blick für den Nachwuchs.
Hastig grabschte er nach dem Bündel, gierig stopfte er es in seinen weit aufgesperrten Mund und schluckte es eilig hinunter.
Da blieb es aber nicht. Nur kurze Zeit rebellierte die schwere Kost in Kronos‘ Magen, dann trat sie den Rückwärtsgang an. In einem nicht enden wollenden Brechreiz wurde nicht nur der eingewickelte Stein ans Tageslicht befördert, sondern nacheinander auch alle fünf von Rhea geborenen und von Kronos mit Haut und Haaren verschlungenen Kinder. Kronos begriff nicht, was da mit ihm passierte, ihm, dem Herrn des Geschehens. Dieser sechsfache Sturzbach aus seinem Inneren schwächte den alten Titanen so sehr, dass er nur danach trachtete, in seine gewohnte Umgebung, in sein Bett auf dem griechischen Festland zu gelangen. Er taumelte halb ohnmächtig von dannen.
Gaja hatte flugs ihre fünf wiedergewonnenen Enkelkinder geborgen und legte sie, eines nach dem anderen, Rhea ans Herz. Sie erkannte sie alle wieder: Hestia, Demeter, Hera, Hades und Poseidon. Sie herzte und küsste sie und gab sie dann den Nymphen in Obhut. Denn noch war ihre aktive Zeit nicht gekommen, noch mussten sie vor ihrem Vater versteckt werden.
Zeus wurde von den Nymphen im Ida-Gebirge aufgezogen. Sein Lieblingsspielzeug waren Blitze, die er mit wachsender Präzision über die Berggipfel schleuderte.
Wenn Rhea oder Gaja ihn besuchen kamen, versuchten sie, ihn auf seine spätere Rolle als Beherrscher des Olymps vorzubereiten. Gaja meinte: „Als künftiger Weltensturm übe schon mal an Eichen dich und Bergeshöhn.“
Besonders Rhea stachelte ihn immer wieder an, den, der ihren Nachwuchs fast ausgerottet hatte, in die Schranken zu weisen. Zeus solle seinen Platz einnehmen als Göttervater eines künftigen Geschlechts.

Wenn eine ganze Dynastie von ihm ausgehen sollte, dann müsste er ja wohl so schnell wie möglich anfangen. Kaum war der Knabe geschlechtsreif, lagerte er als weißer Stier an den Gestaden Kleinasiens, um die phönizische Königstochter Europa nach Kreta zu entführen. Auf der Hochebene Mesara hatten die Nymphen unterdessen unter einer Platane das Liebeslager bereitet. Dort zeugten Zeus und Europa als erstes Minos. Dem folgten noch mehrere. Aber Kinder, mit einer Königstochter gezeugt, können schwerlich Götter sein. Es waren die ersten Übungsstücke eines kommenden Herrschers.
Erst mit Hera, seiner göttlichen Schwester, begann das wahre Familien-Götterleben.
Da hatte Zeus aber bereits wie eine wütende Windhose seinen alten Vater hinweggepustet.

Letzte Aktualisierung: 28.06.2014 - 01.11 Uhr
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