Madrigal für einen Mörder
Madrigal für einen Mörder
Ein Krimi muss nicht immer mit Erscheinen des Kommissars am Tatort beginnen. Dass es auch anders geht beweisen die Autoren mit ihren Kurzkrimis in diesem Buch.
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Mutter, Vater, Wind | Juni 2014
Yin Zhi im Sturm
von Thomas Wüstemann

Yin Zhis Meister hatte schon in den frühen Morgenstunden erkannt, dass aus der Böe, die um den Tempel wehte, am Nachmittag ein Sturm erwachsen würde. “Zhi”, hatte er beim Frühstück ausgerufen. “Gehe meditieren! Du musst bereit sein, denn heute erwartet dich deine schwerste Prüfung.” Damit war alles gesagt und Zhi hatte sich, statt sich ganz der Meditation hinzugeben, alle möglichen Gedanken gemacht.
Nun stand sie inmitten des Sturms und versuchte, ihren kleinen Körper im Gleichgewicht zu halten. Sei “Wu Wei”, ermahnte sie sich, dann wirst du es überstehen. “Wu Wei - ohne Handlung”, war ihr auch von Meister Lu noch einmal eingeschärft worden, kurz bevor sie vor die Tür getreten war. “Überlass dich dem Dao. Das Dao bestimmt alles Sein. Folge dem natürlichen Weg und dir wird nichts geschehen. Nichts zu tun heißt nicht, untätig zu sein. Es heißt, im Einklang mit den natürlichen Kräften zu stehen.”
Zhi versuchte, jede Anstrengung fallen zu lassen. Sie entspannte und gab sich ganz dem Wind hin. Ihr Schwert hielt sie in beiden Händen auf Augenhöhe vor sich, gerade nach vorn gestreckt. Obwohl sie in Angriffsstellung stand, lockerte sie die Knie. Durch den Saum ihrer Hose fuhr der Sturm. Er nahm die Seide auf und zerrte, bis der Stoff vom Fuß zurückgehalten wurde. Sie federte auf der Sohle, ließ dem Wind mehr Raum zu wehen, und bekam so besseren Halt.
Meister Lu hatte ihr nichts weiter auf den Weg gegeben. Keinen weisen Rat, kein Wort dazu, was von ihr erwartet wurde. Sie musste sich auf das verlassen, was sie gelernt hatte.
Versuche dich zu erinnern!
Der große Tiger, der Gott des Krieges. Der Wind. Der Dämon des Westens.
“Großer weißer Tiger!”, rief sie. “Zeige dich!”
Aber der Wind blies ihr nur weiter um die Ohren und drückte gegen ihren kleinen Körper.
Seit Zhi als kleines Kind in Meister Lu Wangs Obhut aufgenommen worden war, hatte er sie im Wuxing, in der Lehre der Fünf Elemente, unterrichtet. Die Elemente, die als Einheit den Zyklus des Lebens, von Tod und Wiederauferstehung, bildeten. Sie hatte interessiert den Worten gelauscht, ohne ihren tieferen Sinn zu verstehen. Es war dann jedes Mal ein ernster Ausdruck über Meister Lus Gesicht gegangen und er hatte gesagt: “Verstehe die Elemente, Zhi, und du verstehst deine Vergangenheit. Im Zyklus des Wuxing sind Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vereint.”
Zhi wusste nichts von ihrem Leben vor dem Kloster. Woher sie kam, wohin sie gehen sollte. Aber wenn sie Fragen in diese Richtung stellte, lächelte Meister Lu nur und wiederholte: “Verstehe die Elemente!”
Während der Sturm um sie herum fegte, versuchte Zhi, ihre Gedanken zu klären. Natürlich wusste sie, welches Element mit dem Tiger verbunden war.
Mit federnder Schwertspitze, sacht aus dem Handgelenk gesteuert, malte sie das Schriftzeichen in die Luft und rief, so laut sie konnte:
“JÌN - DAS METALL!”
Sie sprang hoch, ließ die Knie eng an den Körper schnellen und wirbelte das Schwert herum, bis die Spitze zu Boden zeigte. Als sie landete, rammte sich das Schwert in die lockere Erde. Eine Lichtsäule schoss empor und brachte für einen Moment Ruhe in den tosenden Sturm.
Staunend beobachtete Zhi, wie die Luft in kleinen Wirbeln ein Gesicht formte. Feine Härchen, intelligent blitzende Augen. Große Fangzähne.
“Da bin ich!”, rief der weiße Tiger aus Wind, während sich seine Gesichtszüge immer wieder in den Luftströmungen verfingen und neu bildeten. “Bist du bereit zum Kampf, kleine Yin Zhi?”
Zhi war noch viel zu fasziniert vom Erscheinen des Dämons und musste erst Sinn in seine Worte bringen. Sie blinzelte und war wieder ganz bei sich.
“Warum willst du mit mir kämpfen, großer Tiger?”
“Nicht ich will kämpfen, kleine Zhi. Aber welchen Grund hättest du sonst, mich zu rufen? Ich bin der Gott des Krieges.”
Zhi war es nicht gewohnt, zu argumentieren, aber Meister Lu hatte sie ganz hervorragend im Dao unterwiesen. Es war ihr in Fleisch und Blut übergegangen.
“Die Kunst des Krieges”, rief sie, “sollte stets zuerst eine der Kampfvermeidung sein!”
Der Tiger lachte und blies ihr Wind ins Gesicht.
“Schön gesprochen! Dann zeig, was du gelernt hast!”
‘Wu Wei - ohne Handlung’, dachte Zhi. Die Lage erfassen, Ruhe finden.
“SHUÍ - DAS WASSER!”, rief sie und sprang in die Luft.
Als das Schwert in den Boden stieß und die Lichtsäule emporschoss, spürte Zhi, wie sich Entspannung im ganzen Körper ausbreitete. Ihre Muskeln hörten auf zu schmerzen. Der Sturm war schwächer geworden. Sie fühlte sich, als würde sie über der Erde schweben. Ihre Arme bewegten sich ganz von selbst und brachten das Schwert wieder in Angriffsstellung. Besiege den Feind, bevor der Kampf beginnt! Durchbohre ihn mit deinen Blicken!
Aus der Ferne, wie mit einem Hall belegt, hörte sie die Stimme des Dämons: “Die Ruhe des Wassers, eine feine Idee. Aber du hast vergessen, wer ich bin, kleine Yin Zhi. Ich bin der Sturm, der das Meer aufwühlt. Ich bin der Orkan, der das Wasser über die Ufer treten lässt. Kein ruhender See ist vor mir sicher!”
Der wieder erstarkende Wind brachte Zhi fast ins Straucheln. Sie stemmte sich dagegen und schrie gegen das Tosen des Sturms: “Aber du entfachst auch das Feuer!”
Mit zittrigen Händen malte sie das Schriftzeichen in die Luft - eine geschwungene Pyramide mit einem schwebenden Strich an jeder Seite - und sprang hoch.
“HUÓ - DAS FEUER!”
Von der Lichtsäule geblendet, schloss sie die Augen. Sie hörte den Tiger lachen.
“Gehst du also doch zum Kampf über? Wo ist jetzt das Geschwätz von Wu Wei und natürlicher Ordnung?”
Aber Zhi hatte längst einen Plan. Sie hörte Meister Lu im Hinterkopf, erinnerte sich an seine Lehren zum Dao und zum Zyklus der fünf Elemente. Sie rief nur laut aus, was seine Worte waren: “Feuer brennt und schafft Asche! Asche düngt die Erde und macht sie fruchtbar. TÚ - DIE ERDE!”
Als sie dieses Mal auf dem Boden aufkam, erstarb das Lachen. Zhi stand im Auge des Sturms, umgeben von vier Lichtsäulen. Eine weiße, für das Metall. Eine fast schwarze, für das Wasser. Eine rote, für das Feuer. Eine gelbe, für die Erde.
Eine fehlte, um das Pentagramm zu bilden und den Zyklus abzuschließen. Zhi rief: “Aus der fruchtbaren Erde entsteht das Leben. Aus dem Samen wächst der Baum, der fest im Wind steht. MÙ - DAS HOLZ!”
Die Spitze des Schwertes stieß in die Erde und entließ einen grün gleißenden Lichtstrahl, der sich mit den anderen Lichtern verband und alles überstrahlte.
Als Zhi wieder sehen konnte, hatte der Sturm sich gelegt. Nur der Tiger schwebte noch als flüchtiger Nebel vor ihr. Sein Lachen war fort, aber er war nicht verärgert. Oder gar ängstlich. Er schaute anerkennend.
“Tüchtige, standhafte Yin Zhi”, sagte er. “Das war ein guter Kampf.”
Erstaunt über die Freundlichkeit, ließ Zhi das Schwert sinken. Demut überkam sie. Das Kompliment des Dämons war ihr unangenehm. “Ich war nicht darauf vorbereitet, zu kämpfen. Warum hat Meister Lu mich in den Sturm geschickt?”
“Wu Wei heißt nicht, zu wissen. Du hast dich den Elementen gebeugt. Bist ihrem natürlichen Lauf gefolgt. Vermutlich war es das, was Lu Wang dir beibringen wollte.”
“Aber warum hier, warum so? Warum wollte er, dass ich gegen dich kämpfe?”
“Ich war nicht immer der große, weiße Tiger. In der Frühzeit der Erde gab es nur den Himmel und die Erde.”
“Sie waren deine Eltern?”
Der Tiger lachte. “Wenn du es so ausdrücken willst, ja. Irgendwann wurde der Himmel geteilt, in die vier Himmelsrichtungen, die vier Elementen entsprechen. Die Erde, die das fünfte Element bildet, blieb im Zentrum. Ich selbst wurde zum großen, weißen Tiger des Westens. Aber ich bin immer noch das Kind meiner Eltern. In mir steckt ein Teil des Himmels und ohne mich wäre die Erde nicht das Zentrum.”
“Was hat das mit mir zu tun?”
Das Gesicht des Tigers hatte jetzt den strengen Ausdruck angenommen, den Zhi von Meister Lu kannte. “Die fünf Elemente, die du heute zu nutzen gelernt hast, sind nichts ohne die Kenntnis ihrer Entstehung. Die Vergangenheit ist ein Teil von ihnen. Verstehe deine Vergangenheit, kleine Zhi, um das Dao zu finden.”
Die letzten Worte des Tigers waren kaum noch auszumachen. Er hatte sich wieder aufgemacht in den Himmel. Nur ein leichter Wind zeugte davon, dass er immer um sie war.
Deprimiert machte sich Zhi auf den Rückweg zum Tempel. Warum nur mussten Dämonen und Priester immer in Rätseln sprechen? Heimlich fluchte sie über Meister Lu und seine verwirrenden Lektionen.
Die ersten Sonnenstrahlen nach dem Sturm ließen die vergoldeten Säulen des Tempels erstrahlen. Zhis Herz beruhigte sich bei dem Gefühl, nach Hause zu kommen. Schon aus der Ferne nahm sie all das in sich auf, was den Ort ausmachte. Den Geruch von Räucherstäbchen, mit einer Note von schwelendem Holz, wenn die Stäbchen entzündet wurden. Der Dampf von kochendem Wasser, der aus den Fenstern stieg, wenn die Wäsche gemacht wurde. Das Klirren von Metall, wenn die Klangschalen für das Gebet vorbereitet wurden. Das Zischen des Besens auf dem Boden, wenn die Erde vor der Pagode von Blättern befreit wurde.
‘Die Elemente’, dachte Zhi. ‘Sie sind alle um mich. Sie bilden mein Wesen, mein Zuhause.’
Heute hatte sie den Zyklus der Elemente verstanden, hatte gelernt, wie alles zusammenhing.
Meister Lu stand am Tempeltor. Er war in Meditation versunken. Als Zhi an seiner Robe zupfte, öffnete er die Augen und schaute sie mit diesem alles umspannenden Lächeln an, das Zhi für Weisheit hielt.
“Nun, kleine Yin Zhi, was hast du heute gelernt?”
Zhi spürte die warme Erde unter ihren nackten Füßen und den leichten Wind, der ihr die Haare ins Gesicht wehte.
“Meister, Ihr habt gesagt, ich müsse verstehen, woher ich komme.”
Aufmunternd nickte Meister Lu.
“Meine eigene Vergangenheit ist nicht wichtig, das habe ich jetzt verstanden”, sagte sie. “Auch ich bin nur die Summe der Elemente. Ein Teil des Himmels. Meine Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist der Himmel und die Erde, auf der ich stehe.”

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Letzte Aktualisierung: 27.06.2014 - 19.36 Uhr
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