Mainhattan Moments
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Susanne Ruitenberg und Julia Breitenöder haben Geschichten geschrieben, die alle etwas mit Frankfurt zu tun haben.
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Verstrahlt | Juli 2014
Ausgeblendet
von Eva Fischer

Mit siebzehn war ich eine Sonnenanbeterin.
Ich streckte meinen jugendlichen Körper der Königin des Himmels entgegen, in der Hoffnung sie möge ihn verwandeln, schokoladenbraun backen, wie es das Modediktat der 70iger vorschrieb. Leider ging das schief.

Dummerweise hatte ich mich zur Tanzstunde angemeldet. Auch so ein Diktat dieser Zeit, dem wir Mädchen uns klassenweise unterwarfen. Mein Kopf glich eher einer Tomate als der einer bronzenen Aphrodite, was die Anzahl meiner Verehrer drastisch reduzierte. So musste ich beim Abschlussball mit einem pickeligem Knaben vorliebnehmen, der seinerseits froh war, eine Partnerin gefunden zu haben. Wir schwiegen uns an. Außer dass wir uns gegenseitig auf die Füße traten, pflegten wir keinerlei Körperkontakt. Dabei starrten wir angestrengt auf unsere Beine, die sich schwertaten, sich dem Rhythmus der Musik anzupassen. Die Worte waren uns schon ausgegangen, bevor wir ihnen eine Chance hätten geben können.

Die Sonne schien mich zum Narren zu halten. Jetzt, wo ich sie mied, überzog sie meinen Körper mit einer ockerfarbenen Glasur, ganz so, als ob sie mit mir Frieden schließen wollte. Doch das kam zu spät. Ich war nachtragend und verzieh ihr nie, was sie mir einst angetan hatte.

Mit vierundzwanzig lernte ich Jan kennen. Zu der Zeit trug ich Sonnenbrillen, nein, nicht nur im Sommer, wenn die Sonne schien, sondern auch im Winter, wenn die Sonne ihren Kampf gegen die Wolken verlor. Ich trug sie auch, wenn ich mit Jan ins Bett stieg. Das machte mich rätselhaft. Männer mögen so etwas. Er kannte zwar die Farbe meines Schamhaares, aber nicht die meiner Augen. Waren sie so grenzenlos blau wie der Himmel? Oder abgrundtief grün wie das Meer? Oder funkelte vielleicht ein dunkles Feuer in ihnen?
Jan war es eine Hochzeit wert, dies herauszufinden. Aber nachdem das Rätsel meiner Augenfarbe geklärt war, erkaltete seine Liebe, und er suchte neue Rätsel bei anderen Frauen. Mädchen, behaltet euer Feigenblatt, an welcher Stelle auch immer! Für mich kam diese Erkenntnis zu spät, und so flüchtete ich mich ins Dunkel, wo Geheimnisse wie Stockpilze an den feuchten Wänden kleben.

Schon als Jugendliche tat ich mich schwer mit dem Aufstehen und noch schwerer mit dem Zubettgehen. Nun machte ich aus der Not eine Tugend und nahm einen Job als Taxifahrerin an. Nicht tagsüber, versteht sich. Mit Sonnenstrahlen jeder Art, sowie mit Männern wollte ich nicht mehr in Berührung kommen. Es gibt Frauen, die sich nachts lieber von einer Frau fahren lassen, und so brauchte ich mir keine Sorgen um Kundinnen zu machen.

Ich sah im Rückspiegel die glücklichen Gesichter der Frauen, die glaubten, ihren Traummann gefunden zu haben, und die unglücklichen, deren Rad sich schon weitergedreht hatte. Irgendwann erwischt es sie alle. Es ist nur eine Frage der Zeit.

Vor Sonnenaufgang erreichte ich meine Wohnung, wo mich Mia, meine Katze, mit sanftem Schnurren empfing, und nachdem ich ihr eine Schüssel Milch hingestellt hatte, fielen wir beide in einen wohligen Schlaf, abgeschirmt von den törichten Strahlen der Helligkeit, denn was ist unkreativer als dieses alles banalisierende Licht?

Ich träumte mich in eine Welt voller Abenteuer, in der die Schatten der Nacht lebendig wurden.
Der Mond warf sein Licht wie ein Spotlight auf ein Wesen, das bei genauerem Hinsehen einer Ratte ähnelte. Ja, es war eine Ratte, eine fette Ratte, mit widerlichem nacktem Schwanz. Ihr Hunger schien nicht gestillt, denn sie war auf der Suche nach einer Mülltonne, in der die Wohlstandsgesellschaft noch genug übrig gelassen hatte. Keine Delikatesse mehr für Menschen, aber eine für Ratten. Reste von öligen Pommes, von fettem Käse, von abgenagten Hühnerbeinen, vermengt mit dem betörendem Saft von Bier, achtlos in six-packs hinterhergeworfen.
Die Nase der Ratte hatte sie zu ihrem Ziel geführt. Mit zitternden Barthaaren, voller Stolz und Gier, stellte sie sich auf ihre Hinterpfoten. Wenn sie sich gegen die Nachbartonne drückte, konnte sie hochklettern und sich die Köstlichkeiten einverleiben. Sie schaute sich um. Kein Feind, der ihr den Schatz streitig machte. Das einfältige Tier stieg geradewegs hinab in den Höllenschlund, denn kaum war es in der Tonne angekommen, steckte es in der Falle.
Eine Katze war lautlos auf den Deckel gesprungen, der krachend zufiel. Jetzt leckte sie hingebungsvoll ihr schwarzes Fell, das im Mondlicht wie Brillantine glänzte.

Gut gemacht, Mia! Denn ich erkannte sie sofort, meine anmutige Göttin der Nacht, die all dieses Rattengesindel verachtete wie ich, und ihnen das angedeihen ließ, was sie verdienten, nämlich gefangen zu sein in ihrer eigenen stinkenden Lust.
Alle Ratten hatten das Gesicht von Jan, manchmal waren auch pickelige Vertreter darunter, die es nicht einmal schafften, eine Mülltonne ausfindig zu machen.

Ich liebte diese Träume, die unterschiedliche Widerlinge kannten, aber stets wachte ich auf mit Mias unergründlichen grünen Augen, die mich daran erinnerten, dass ich aufstehen musste, um mich für meinen Job als Taxifahrerin fertigzumachen.

Eines Nachts öffnete ich die Augen und sah nichts als Schwarz.
Pechschwarz, kohlrabenschwarz, dunkelstes Dunkel, so sehr ich auch an meinen Augenlidern riss, bis sie schmerzten.
Ich hörte Mia ängstlich miauen, aber ich sah sie nicht mehr, spürte nur, wie sie ihre Pfote auf mein Gesicht drückte, als könne sie mir beim Sehen behilflich sein. Sie konnte es nicht. Keiner schien es je wieder zu können .

Da schrie ich, so laut ich konnte. Einen Schrei mit geschlossenen Augen, aber mit offenem Mund. Ich wollte nicht sterben, nicht jetzt, nicht hier. Solange ich schrie, war noch Leben in mir. Irgendwann kam aus meinem Mund jedoch nur noch das Krächzen eines Raben, der irgendwie Pech gehabt hatte und sich doch schlau dünkte, weil er alles Störende ausgeblendet hatte.

Welches Zeitgefühl haben Erblindete?
Eine Ewigkeit später hörte ich, wie eine Tür aufgebrochen wurde.
„Oh, Gott, wie sieht es denn hier aus?“, erklang eine weibliche Stimme, die ich als die meiner Nachbarin unter mir identifizierte. Widerlich, nun war ich ihr ausgeliefert, während ich sie sonst immer mied, weil ihre Neugier mir auf die Nerven ging, auch wenn sie mir jetzt anscheinend das Leben gerettet hatte.

*

Ich blinzelte in das milchige Licht, das wie ein Eindringling durch meine Augenlider sickerte. Ein Gesicht nahm langsam Konturen an.
„Da haben Sie aber Glück gehabt, Frau Hoffmann!“
Die Stimme war eindeutig männlich. Graue Augen musterten mich freundlich.
War das Gott? Nein, ich meine nicht irgendeinen Gott in Weiß, der mir das Augenlicht durch eine OP zurückgegeben hatte, sondern den Gott, der einem das Leben schenkt. Meist nur einmal. Manchmal auch zweimal.
Ich lächelte ihn an.
Morgendliche Sonnenstrahlen tänzelten durch das Fenster des Krankenzimmers und machten kleine Staubpartikelchen sichtbar. Ich war bereit für einen Neuanfang, mochte er auch noch so schmerzhaft sein.

Letzte Aktualisierung: 23.07.2014 - 18.11 Uhr
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