'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Das Ruhrgebiet ist etwas besonderes, weil zwischen Dortmund und Duisburg, zwischen Marl und Witten ganz besondere Menschen leben. Wir haben diesem Geist nachgespürt.
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Verstrahlt | Juli 2014
Frühjahr 1986 – Ein Erlebnisbericht
von Thea Derado

„Meinst du, ich sollte meine schwangere Freundin nach Norddeutschland zu ihren Eltern schicken? Dort hat es nicht geregnet. Weißt du Genaueres? Ihr Naturwissenschaftler habt vielleicht mehr Informationen. Unser Innenminister Zimmermann meint ja, Kiew ist 1500 km von hier; da würde uns die Havarie von Tschernobyl, wie sie es nennen, nicht tangieren.”
Uta lachte kurz. “Diese Politiker mit ihrem Unvermögen, Zusammenhänge zu erkennen! Die Schweden haben schon vorm Wochenende erhöhte Strahlung gemessen. Und als der Regen aus allen Wolken brach, hatten wir ausgerechnet Ostwind, laut Wetterbericht. Ich befürchte dasselbe wie du. Aber wissen …”
Nach kurzem Nachdenken: “Ein ehemaliger Kollege von mir arbeitet in der GSF, Gesellschaft für Strahlenforschung. Den ruf ich gleich mal an.”
Der war ganz aus dem Häuschen. „Du glaubst nicht, was bei uns los ist. Wir haben hier einen Raum für Arbeiten mit radioaktiven Substanzen. Wenn die Mitarbeiter den Raum verlassen, müssen sie durch eine Schleuse mit Detektoren, damit sie ja nichts nach draußen tragen. Und heute früh, als sie zur Arbeit kamen, da knatterten die Geräte wie wild, so verstrahlt waren alle. Die Geräte mussten abgeschaltet werden. Das ist verrückt.
Jetzt fährt ein Messgerät durch den Hof. Dessen Zähler sind zwar einen Meter über dem Boden angebracht; aber in jeder Regenpfütze Wahnsinnsmengen Radioaktivität.
Und ein Kollege hat jahrelang eine Kuh mit radioaktivem Futter hochgepäppelt, um rauszufinden, ob das Zeug in die Milch oder ins Fleisch oder auf den Mist geht. Niemand hat den bisher recht ernst genommen. Der ist seit heute der große Mann, denn ganz Oberbayern ist plötzlich sein Forschungsgebiet. Kein Rindvieh kriegt noch unverseuchtes Frischfutter. Es ist jetzt schon klar, dass viel in die Milch geht.“
Uta hatte genug gehört. Jetzt musste sie handeln. Wie sollte sie ihren Sohn davon überzeugen, dass er am schulfreien 1. Mai mit seinen Freunden nicht Fußball spielen könnte. In seinem Alter war Fußball das wichtigste Kommunikationsmittel.
Wie kann man Kindern erklären, dass es eine Gefahr gibt, die man weder riechen noch sehen noch hören kann, eine Gefahr, die von der Evolution nicht vorgesehen war und für die sie uns keine Wahrnehmungs-Sinne mitgegeben hat?

Vom benachbarten Physik-Institut konnte die besorgte Mutter sich über die Mittagspause einen Geiger-Zähler ausleihen.
„Trommelt mal eure Freunde aus der Nachbarschaft zusammen. Wir werden ein interessantes Experiment machen.“
„So wie früher, als du mit uns allen Vorschul-Kindergarten gemacht hast?“
„Genau so!“
Umringt von sieben Stöpseln: „Ihr habt schon gehört, dass in der Sowjetunion ein Atom-Kraftwerk explodiert ist.“
„Mein Papa sagt, da ist ganz viel giftiger Dreck rausgekommen, also so ne Wolke, so ne aktive.“
„Durch die Wucht und das Feuer ist der Dreck, wie du sagst, sehr hoch geflogen, und der Wind hat die radioaktive Wolke über tausend Kilometer weit getragen. Da, wo es gestern oder vorgestern geregnet hat, da hat sich das niedergeschlagen.
Wollen wir mal versuchen, etwas davon zu entdecken?“
„Wie willst du denn das machen?“
„Schaut mal, hier der kleine Kasten: Wenn er eingeschaltet ist und ein radioaktives Teilchen trifft auf ihn, dann piepst er. Wir fangen mal im Keller in dem Kühlschrank an, der in den letzten Tagen nicht geöffnet wurde.“
Im Kellerkühlschrank reagierte der kleine Kasten spärlich, alle paar Sekunden ein zaghaftes Piep. „Das ist natürlich, das ist immer da. Und die Luft im Keller hat auch noch nichts abgekriegt.“
Als nächstes war der Kühlschrank in der Küche dran. Da waren die Signale aus dem Kästchen schon etwas häufiger zu hören, noch häufiger auf dem Fußboden, auf dem die Kinderschuhe ihr Spuren hinterlassen hatten. „Ab heute werden die Schuhe immer gleich an der Wohnungstür ausgezogen!“
Erwartungsvoll zog der kleine Trupp hinters Haus auf die Spielwiese. Da die Sonne schien, war von dem nächtlichen Regen nichts mehr zu spüren.
In dem Moment, als Uta den Zähler einschaltete, sprang jedes Kind mit entsetzt aufgerissenen Augen einen Schritt zurück. Das war ja plötzlich eine wahre Höllenmaschine, die ratterte wie ein Maschinengewehr. Krrrrrrrr.
Uta, ebenfalls erschreckt, schaltete auf eine weniger empfindliche Skala. Auch da ertönten die akustischen Signale ohne Unterlass, aber es klang weniger bedrohlich.
Sie hatte selbst nicht erwartet, dass ihre kleine Demonstration einen solchen Eindruck machen würde. Es war recht leicht, den Kindern klarzumachen, dass vorläufig Spiele jeder Art auf der Wiese zu unterbleiben hätten. Für etwa 10 bis 12 Wochen. „Einer von den Stoffen, radioaktives Jod, ist dann zerfallen. Ein anderes Element wird paar Jahrhunderte in der Erde bleiben. Übrigens: Wer einen Garten hat, der kann den frischen Salat gleich untergraben. Es wäre leicht gewesen, ihn vorm Regen zu ernten, wenn wir gewarnt worden wären.“

Die Kinder stoben auseinander, um ihre aufregenden neuen Erkenntnisse in die Welt hinauszuposaunen.

Uta brachte den Geigerzähler zurück ins Institut.
Die Wiese war eines. Schwerwiegender war das Milchproblem. Der Tagesbedarf ihrer kleinen Familie lag bei drei Liter. Die Grenzwerte der radioaktiven Belastung waren in Oberbayern nicht einzuhalten. Sie wurden ständig nach oben verschoben und pendelten sich bei 450 Becquerel pro Liter ein. Das war die Anzahl der Atomkerne, die pro Sekunde zerfallen. Viel zu hoch für wachsende Menschen.
Die Mütter waren rasch mal wieder am Drücker. Irgendwo in Bayern gab es ein Lager mit Magermilchpulver aus der Zeit „v. T.“, vor Tschernobyl. Sie kauften alle Bestände, mieteten einen Lastwagen, angelten sich einen Vater, der das Ungetüm fahren konnte und verteilten die Säcke an Interessierte.
Das war immer noch besser, als die kursierenden Rezepte für Sojamilch auszuprobieren.
Pilze und Wildfleisch verschwanden von Utas Speiseplan. Noch jetzt, 28 Jahre später, sind sie in einigen Waldgebieten Süddeutschlands extrem belastet. Gemessen wurden kürzlich 119.000 Becquerel pro Kilogramm.

Es redet nur kaum noch jemand darüber.

Letzte Aktualisierung: 10.07.2014 - 09.15 Uhr
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