'paar Schoten - Geschichten aus'm Pott
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Verstrahlt | Juli 2014
Alte Freunde
von Reiner Pörschke

Ich wachte auf, gähnte ein paar Mal und schaute auf den Wecker neben meiner Couch, es war halb drei. Die Märzsonne blinzelte mit erster Kraft ins Zimmer herein, und ich überlegte, was ich mit diesem schönen Frühlingstag noch anstellen könnte. Der Frühling platzte dann noch einmal in meinen Raum, das war die Musik von Antonio Vivaldi: ...dadada, dadada, dadadadaadaa..., mein Handy. Ich schaute auf das Display, die Nummer kam mir irgendwie bekannt vor. Es ist doch nicht am Ende der...? „Du etwa...?“, meldete ich mich. „Ich bin’s, Gisbert. Wie geht’s dir? Ich bin gerade nach Hause gekommen und dachte, wir könnten uns doch mal wieder treffen, natürlich nur, wenn es dir passt.“

Ich stockte, überlegte. Unverkennbar, das war Gisbert, derjenige, der schon im Gymnasium neben mir saß, mit dem ich später viele Viertel Gutedel konsumierte, mein alter Freund Gisbert. „Ja, ja gern“, stotterte ich, „komm bei mir vorbei. Du weißt doch, wo ich wohne, gegen sieben?“ „O.K.“, hörte ich, kurz und knapp, wie es immer seine Art gewesen war.

Gisbert, der Perfekte. Warum gerade wir uns damals angefreundet hatten, weiß ich bis heute nicht. Er spielte in einer anderen Liga, schon äußerlich. Da ich kleiner war, musste ich ständig zu ihm aufschauen, was mich störte. Er sah gut aus, war schlank, blond und selbst in der Schule einer der Besten. Gisbert hatte früh großen Wert auf modische Kleidung gelegt. Als Erster aus unserem Provinznest kaufte er in der Dandy-Boutique Hosen und Hemden aus dem Modemekka London. Kein Problem, mit einem Arzt als Vater. Natürlich war Gisbert Mädchenschwarm in der Tanzschule. Ich erinnerte mich lebhaft an Damenwahlen, die zu einem Sprintwettbewerb quer durch den Saal ausarteten, weil nur die Schnellste den Tanz mit ihm ergattern konnte. Dieses Ritual quittierte er mit einem genüßlichen Rundblick auf seine weiblichen Verehrerinnen. Wenn selbst auch nicht häßlich, aber davon konnte ich nur träumen. Mit ihm mithalten konnte ich nie. Was dann mit Verspätung klar wurde: obwohl er durch Zufall nur 20 Kilometer von mir entfernt wohnte, hatten wir uns in der letzten Zeit nur noch selten zu Hause besucht.

Pünktlich um sieben schellte es. Mit forschen Schritten kam er herein. Schlank war er nach wie vor, nur sein Gesicht war gealtert, nicht zuletzt wegen der vielen Falten auf der Stirn. Aber seine blauen Augen strahlten wie früher. Sie erinnerten mich an Steve McQueen, den amerikanischen Schauspieler in vielen Western, dem er auch sonst in Statur und Auftreten ähnelte. Vielleicht wusste er das, eiferte ihm sogar nach.

„Trinken wir erst mal was, habe einen tollen Rotwein aus Frankreich von meinem letzten
Urlaub im Keller“, so begrüßte ich ihn, um ein bisschen Eindruck zu machen. Innerlich
klopfte mein Herz vernehmlich, warum wollte er mich so plötzlich besuchen?
Auf der anderen Seite freute ich mich. Denn, das ist die Wahrheit, ich hatte oft an ihn gedacht.
Das ging so weit, dass ich immer wieder nachts im Schlaf von ihm und alten Zeiten träumte. Diese Träume waren fast wie Filme im Kino, Ausflüge im Schwarzwald oder Kneipenbesuche, er in der Clique der Chef, und ich schon froh, dabei zu sein. Er geisterte in meinem Schlaf herum wie in der Jugend durch meinen Alltag.

Ich holte aus: „Endlich kommst du mal wieder vorbei. Wir haben uns ja lange nicht gesehen. Nur beim letzten Klassentreffen vor Weihnachten. Aber da hatte ich sogar das Gefühl, dass du mir aus dem Weg gehst.“ „Na ja“, kam seine Antwort, gedehnt und ausweichend, „ ist auch einiges passiert in der Zwischenzeit. Wie geht’s dir denn jetzt, nach dem Tod deiner Frau letzten Oktober?“ „War schon schlimm, aber stand doch alles in der Zeitung. Ein Unfall.“ Ich blickte, an ihm vorbei, durch das Wohnzimmerfenster auf den See hinter dem Garten. „Doris hatte wieder was getrunken, musste aber unbedingt an diesem verdammten Herbstabend nochmal raus zum Wasser, um ihre Runde zu paddeln. Dann plötzlich der Sturm, sie kenterte. Niemand konnte sie retten. Ich habe oben an meinem Computer gesessen und gearbeitet, habe nichts gehört oder gesehen.“ Ich griff nach der Flasche auf dem Tisch, ich brauchte einen Schluck Rotwein, den er kaum angerührt hatte. „Ja, tragisch“, kam die Antwort, und, wie mir schien, mit einem leicht spöttischen Unterton, „war denn niemand in der Nähe?“ „Nein, niemand“, und ertappte mich dabei, lauter zu sprechen. „Was soll jetzt dieses traurige Thema? Lass uns lieber auf alte Zeiten anstoßen.“

„O.K., vergessen wir Doris. Obwohl es mir schwerfällt!“ Es dämmerte, der See vor unseren Augen strahlte in der letzten Abendsonne. „Gar kein Zeuge?“, bohrte er plötzlich wieder nach. „Nein“, bellte ich ihn an. Er ließ nicht locker: „Da gegenüber, am anderen Ufer, da gibt’s doch zwischen den Tannen den kleinen Wanderweg, nicht wahr? Da könnte doch einer langgegangen sein.“ „Es hat sich aber keiner gemeldet“, brüllte ich verärgert. „Vielleicht war auf dem Weg einer, der dich kannte, und deshalb nichts sagen wollte“, fuhr er mit ruhigen Worten fort, während ich keine mehr fand. Geistesabwesend starrte er auf das Bild von Doris, das an der Wand des Wohnzimmers hing. Dann blickte er hinaus in die Dunkelheit, wandte mir den Blick schließlich wieder zu: „Ich war dort auf der andern Seite am Seeufer, habe von drüben gesehen, dass du oben am Fenster deines Hauses gestanden hast und keinerlei Anstalten machtest, ihr zu helfen.“

Bei diesen Worten fuhr ich hoch: „Du bist an diesem windigen Abend herumgewandert? Hast zufällig am andern Ufer gestanden und zugeschaut? Das glaubt dir doch kein Mensch! Mir reicht es jetzt, Gisbert!“ Aber wie ein Arzt zu seinem Patienten spricht, so setzte er mir weiter auseinander: „Nein, zufällig war es nicht. Wir hatten uns ja früher oft gemeinsam getroffen, und ich hatte mich mit deiner Frau stets gut verstanden. Doris hat mich in den letzten Wochen vor ihrem Tod sogar zwei Mal allein besucht. Sie war verzweifelt, sprach von den Schwierigkeiten in eurer Ehe, deiner Gleichgültigkeit ihr gegenüber. Sie war so unsicher und wollte Klarheit, aber du würdest ihr immer ausweichen. Deshalb kam sie auf die Idee, an diesem 16. Oktober abends um sechs rauszupaddeln. Dich wollte sie dann auf dem Handy anrufen und um Hilfe schreien. Das mit dem Sturm konnte sie nicht vorhersehen. Falls doch hat sie es ignoriert, weil sie glaubte, ein Unwetter passe sogar in ihren Plan. Sie würde noch leben, wenn du es gewollt hättest. Immerhin lag an eurem Steg das Ruderboot, damit hättest du sie an Land holen können. Auch dein Notruf ist erst mit Verspätung bei der Polizei eingegangen, wie ich gelesen habe.“

Seine Worte trafen mich wie Pfeile. Er stand auf und fixierte mich mit seinen blauen Augen, die einen harten Ausdruck angenommen hatten. „Jetzt kennst du die Wahrheit und mein Problem. Ob ich eine Aussage bei der Polizei mache, das treibt mich seit Oktober um. Doris würde zwar nicht wieder lebendig und dir würde ich große Schwierigkeiten bereiten. Aber du hast nichts getan, um Doris zu helfen. Als unterlassene Hilfe könnte das sogar strafbar sein. Ich grüble seit langem hin und her und kann mich nicht entscheiden.“ Er zog seine Jacke an und ging ohne ein weiteres Wort zur Tür.

Seine Kälte machte mich stumm, aber in meinem Kopf brodelte es umso heftiger. „Ich werde nie Ruhe vor ihm finden, ob mit Polizei oder ohne“, das wurde mir in diesem Augenblick schlagartig klar. Und ich würde das nicht mehr lange ertragen. Ich nahm die halbvolle Flasche Rotwein vom Tisch und schlug zu. Wein und Blut spritzten auf, während er im roten Nebel zusammenbrach und auf den Boden fiel. „Und wenn es nur einmal ist, diesmal bin ich der Sieger!“

Letzte Aktualisierung: 22.07.2014 - 21.33 Uhr
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