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Verstrahlt | Juli 2014

Der Klügere gibt nach
von Ingo Pietsch

Das Häuflein Hackfleisch auf dem Podest qualmte noch, als Dr. Charleston die Energie herunterfuhr.
Wütend warf er seine Schutzbrille in eine Ecke, drehte sich zu der Tafel mit Notizen um und hämmerte geistesabwesend auf das Kontrollpult.
Er hatte alles genau berechnet. Und trotzdem hatten sich die Nanobots, die das Wachstumsplasma trugen, unkontrolliert im Körper der Ratte verteilt, anstatt ihrer Programmierung zu folgen und ins Gehirn zu gelangen. Die Gamma-Strahlung hätte dann dafür gesorgt, dass die Gehirnzellen sich erneuerten und bis an die Schädelgrenze wuchsen, um der Ratte mehr Intelligenz zu verleihen.
„Sie können auch unsere mensaeigene Mikrowelle benutzen.“ Der Dekan war in das Labor gekommen, ohne dass Charleston es bemerkt hatte. Sein Blick haftete auf dem Rattenschwanz, der aus der Masse heraushing.
„Ich stehe kurz vor dem Durchbruch“, sagte Charleston mehr zu sich selbst.
„Und ich stehe kurz davor Ihnen die Mittel zu streichen. Es kostet unheimlich viel Strom Ihre Laserkanone anzufeuern. Wenn Sie mir bis morgen Abend keine vernünftigen Resultate vorlegen können, gebe ich das Labor weiter an einen fähigeren Wissenschaftler.“
Der Dekan wandte sich ab.
„Ich“, begann Charleston. Es war unmöglich. Im gleichen Moment war ihm die Idee gekommen, einen Selbstversuch durchzuführen. Er schüttelte den Kopf. Er musste es irgendwie schaffen, die Nanobots zu steuern.
Der Dekan murmelte im Hinausgehen: „Ich glaube, der Bewerber heißt Bruce Banner. Schönen Abend noch!“
Charleston betrat die Strahlungskammer durch die Schleuse und entsorgte die Rattenreste. Er desinfizierte alles und sah ehrfürchtig zur Gammastrahlenkanone hoch. Gott spielen war so einfach, aber die Verantwortung dafür übernehmen so unendlich schwer.
Er ging zurück und lud das nächste Geschwader Nanobots auf. Charlestons Gedanken kreisten um den Erfolg seiner Experimente. Man würde Alzheimer-Patienten helfen können. Menschen, die im Koma lagen. Vielleicht sogar Hirntoten. Es lag alles an den Nanobots.
Er musste die Nanobots selbst steuern! Und er wusste auch, wie. Einer seiner Kollegen arbeitete an einem Gerät zur Gedankenübertragung, was für Charleston zwar totaler Quatsch war, aber immerhin klappte es mit einfachen Emotionen.
Aber zuerst musste er das Versuchstier vorbereiten.
Charleston eilte einen Raum weiter, wo die ganzen Käfige standen, und hätte beinahe seine Assistentin Kate umgerannt. Kate war eine seiner Studentinnen. Sie pflegte die Versuchstiere.
Erschrocken schaute sie ihn an.
Charleston blieb wie angewurzelt stehen, als er in ihre Augen blickte. Er versuchte sich zu beherrschen. Er wusste, dass zwischen ihnen mehr als nur einfache Zuneigung war. Aber solange er ihr Lehrer war, blieb es eine unerfüllte Liebe.
„Sorry, ich hatte vergessen, dass du noch hier bist!“, er fasste ihr an die Schulter und glaubte einen Stromstoß zu fühlen. Er räusperte sich und ehe sie etwas erwidern konnte, fügte er hinzu: „Machst du bitte Humphrey fertig?“
Tränen stiegen in ihre Augen. „Bist du schon so weit?“
Er nickte nur.
„Gib mir ein paar Minuten.“ Kate ging zum hintersten Käfig, in dem ein Schimpanse hockte. Sie öffnete den Käfig und ließ ihn heraus. Er kletterte auf ihren Arm und schmuste sie. Sie streichelte seine Wange und ging an Charleston vorbei, zur Versuchskammer.
Dort stellte sie einen Stuhl aufs Podest und schnallte Humphrey an. Der Affe wehrte sich nicht, da Kate beruhigend auf ihn einredete. Er wurde ein bisschen unruhig, als Charleston mit einer Spritze dazukam und sie in seinen Arm stach. Humphrey kreischte und wurde gleich darauf lethargisch.
„Ich möchte nicht dabei sein“, sagte Kate und verschwand aus dem Labor.
Charleston wartete kurz und folgte ihr auf den Flur. Es war niemand zu sehen. Er rannte zum Labor seines Kollegen, brach die einfache Tür mit einem Ruck auf, stahl die beiden Hauben der Gedankenübertragungsmaschine und eilte zurück.
Charleston setzte eine Haube dem Affen auf und stöpselte sie in ein Pult in dem Versuchsraum. Er schloss die Tür und tat dasselbe mit seiner Haube. Die Geräte erklärten sich praktisch von selbst, da sie kaum Knöpfe besaßen.
Charleston konnte vage die Gefühle von Humphrey spüren. Er aktivierte die Nanobots und kontrollierte den Weg, den sie zurücklegten, über einen Monitor.
Humphreys Arm zitterte. Charleston spürte das Kribbeln über die Haube. Er steuerte nach oben Richtung Schultern und die Empfindung stieg höher. Schließlich erreichten die Nanobots das Gehirn. Der Affe kreischte innerlich, war aber zu keiner sichtbaren Reaktion fähig, da er sediert war.
Jetzt war es so weit. Charleston aktivierte die Gammastrahlenkanone. Mit einem lauter werdenden Sirren lud sie sich auf. Er drückte weitere Knöpfe und die Nanobots ließen das Plasma frei.
Humphrey verkrampfte sich.
Charleston schlug auf den Auslöser. Ein gleißender Strahl erhellte den Versuchsraum. Humphrey fiel rücklings mit seinem Stuhl vom Podest. Charleston kniff die Augen zusammen. Gefühle von kaum erfassbaren Ausmaßen breiteten sich in seinem Kopf aus. Er presste die Hände an die Schläfen und schrie aus Leibeskräften. Dann brach er zusammen.

Kate fühlte Charlestons Puls. Er war schwach, aber vorhanden. Sie nahm ihm die Haube ab und legte ihn auf die Seite.
Das Kontrollpult blinkte wie wild; die Kanone hatte sich von selbst ausgeschaltet.
Charleston hustete und Kate half ihm sich aufzusetzen.
„Wa, was ist passiert?“, fragte er stotternd.
„Das Experiment mit Humphrey“, antwortete Kate langsam. Beide erhoben sich und sahen durch die Strahlenschutzscheibe. Humphrey war nicht zu sehen, nur eine Rauchwolke, die hinter dem Podest aufstieg.
Ungelenk stackste Charleston los. Kate stützte ihn. Sie öffneten die Schleuse und blickten auf die Überreste von Humphrey hinunter: Seine Augen war weit aufgerissen, das Fell weitgehend verbrannt. Dort wo die Haube den Kopf bedeckt hatte, lag das Gehirn frei. Ob er noch lebte war fraglich.
Kate schlug die Hände vors Gesicht und presste sich an Charlestons Brust. Er strich ihr zärtlich übers Haar und sie verließen das Labor.

„Warum falle ich? Was ist schief gegangen? Mein ganzer Körper brennt. Es ist alles so hell. Die Wucht des Aufpralls treibt die Luft aus meiner Lunge. Ich kann mich nicht bewegen. Ich bin gefesselt. Ich habe plötzlich Erinnerungen, wie ich in einem Käfig lebe, wie Experimente mit mir angestellt werden. Ich bin ein Affe und lebe in einer Herde. Dann werde ich gefangen und in eine Kiste gesperrte. Etwas zieht an meiner Schädeldecke und reißt sie ab. Ich wünschte ich würde sterben. Ich rieche verkohltes Fleisch. Mein eigenes Fleisch. Ich kann die Tür der Versuchkammer sehen. Sie öffnet sich. Ich sehe Kate. Ich sehe MICH! Wie kann das sein? Kate wendet sich ab. Ich werde blind. Dann Taub. Meine Atmung setzt aus. Die Schmerzen verschwinden langsam. Wir haben unsere Körper getauscht. Ich bin hier und Humphrey dort...

Letzte Aktualisierung: 27.07.2014 - 14.43 Uhr
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