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Verstrahlt | Juli 2014

Vio Glonda tritt ab
von Monika Heil

Die Müdigkeit begann mit dem Aufwachen. Mühsam richtete sich Viola in ihrem Bett auf und schaute verwirrt in das spärlich erleuchtete Zimmer, das mit wenigen krank aussehenden Möbelstücken ausgestattet war. Sie lauschte angestrengt, konnte aber nur die Stille hören. Hoffnungslose Traurigkeit lag auf ihrem Gesicht. Nicht erst seit gestern. Falten zeichneten Jahresringe um ihre Augen.
«Wo bin ich?», flüsterte sie. Niemand antwortete. Das Zimmer war in diffuses Licht gehüllt. Nur die Tischlampe bildete eine kleine helle Insel. Die Fenster glotzten sie mit nachtschwarzen Augen an.

Sie tastete unsicher und sehr vorsichtig die Wand ab, bis sie eine schmale Schalterleiste fand. Die Deckenbeleuchtung flammte auf. Von der plötzlichen Helligkeit erschreckt, schloss sie die Augen. Sie, die das grelle Scheinwerferlicht gewohnt war, konnte die magere Leuchtkraft einer schmalen Neonröhre nicht mehr ertragen.
«Wo bin ich?», wiederholte sie. «Wie spät ist es?» Die Worte verebbten zu einem heiseren Flüstern, das sie mehr erschreckte als ihr Alleinsein. Was war mit ihren Stimmbändern passiert? Sie brauchte ihre Stimme. Ihr wichtigstes Werkzeug! «Wann kommt endlich der Morgentee?», krächzte sie. Es war niemand da, der ihr hätte antworten können. Ja, sie brauchte Tee. Ihre Spezialkräutermischung. Ganz dringend. Mit fahrigen Bewegungen tastete sie nach weiteren Schaltern an der erbsengrünen Wand bis sie die Klingel fand. Kurz darauf kam eine junge Frau mit stereotypem Begrüßungslächeln herein und zwitscherte ein freundliches:
«Guten Morgen Frau Glodinsky. Gut geschlafen?»
Viola erschrak. Glodinsky? So hieß sie schon lange nicht mehr. Sie war Vio Glonda, die berühmte Vio Glonda. Wer war diese Frau?
«Sind Sie das neue Mädchen? Bringen Sie mir bitte meinen Tee und schicken Sie Pauline herein.»
«Pauline? Gibt es hier nicht.»
»Wer sind Sie?«
»Ich bin Schwester Tamara.«
«Schicken Sie mir Pauline«, wiederholte Viola. »Meine Garderobiere. Sagen Sie ihr, sie soll mein grünes Seidenkostüm mitbringen. Ist die Friseuse schon im Haus? Ich bin spät dran. Beeilen Sie sich.»
«Nur mit der Ruhe, meine Liebe. Wir bleiben jetzt schön liegen, bis ich alles vorbereitet habe und dann waschen wir uns erst mal. Nachher kommt der Professor und dann sehen wir weiter.»
Wie spricht diese unmögliche Person mit mir? Während ihre Gedanken wild hin und her sprangen, beobachtete sie, wie die junge Frau geschäftig mit Waschutensilien hantierte, den schmalen Wandschrank öffnete und ihm Frotteehandtücher entnahm. Was hatte diese Tamara eben gesagt?
«Professor? Welcher Professor? Higgins? Geben Sie mir bitte meinen Morgenmantel. Ich bin noch nicht geschminkt. Spiele ich noch immer die Eliza?», flüsterte sie. Eine Antwort blieb aus. Viola vergaß, was sie noch hatte sagen wollen. Angestrengt suchte sie nach Worten. Bestürzt begann sie von neuem, verstrickte sich in abgerissenen Sätzen. «Ist der Professor ..., welches Theater ...?» Sie hörte Tamaras unfohes Lachen.
«Sie gastieren im St.-Magnus-Krankenhaus und der Professor ist Radiologe. Professor Hans Wegener, Facharzt für Strahlenheilkunde.» Sie kam näher. «Und nun heben Sie mal Ihren hübschen Popo an, damit ich die Bettpfanne unterschieben kann.» Routiniert schob die Schwester den rechten Arm unter Violas dünne Rippen.
«Rühren Sie mich nicht an!», wollte diese schreien. Mehr als ein trockenes Schluchzen kam nicht über ihre pergamentenen Lippen. Erschöpft schloss sie die Augen. Krampfhaft fragte sie sich wieder und wieder, wie das aktuelle Stück hieß. Sie hatte ihren Text vergessen. Sie, die gefeierte und bewunderte Vio Glonda wusste nicht einmal mehr, in welcher Stadt sie gastierte, in welchem Hotel sie abgestiegen war und welches Stück zur Zeit gespielt wurde. Eine Katastrophe! Sie schluchzte immer heftiger. Plötzlich und scheinbar grundlos fiel ihr der Name Gustav Gundlach ein. Ihr Mann? Oder hieß der Regisseur so?
«Rufen Sie meinen Mann an, bitte!» Sie spürte, dass sie die Zeit verlor. Immer wieder strich sie mit den Fingerspitzen über ihre hellblaue Bettdecke. Dass sie noch immer keine Antwort bekam, regte sie zunehmend auf.
»Wissen Sie überhaupt, wer ich bin? Ich bin Vio Glonda, der strahlende Stern des Operrettenhimmels und Gustav Gundlach ist mein Mann.«
»Gustav Gundlach? Der lebt doch schon seit Jahren nicht mehr. Für den hat meine Mutter geschwärmt. Das ist lange her.« Was sie dann, ganz leise, noch hinzusetzte, konnte Viola kaum verstehen. Sie las es mehr aus dem ironischen Lächeln auf den Lippen der Frau. »Ausgestrahlt hat sich´s, Madame.« Viola gestand sich in einem kurzen Augenblick der Klarheit ein, dass Tamara nicht den ehemals berühmten Star sah, sondern eine alte, dünn gewordene Frau, die hilflos in ihrem Bett lag. Sie versuchte, diese Erkenntnis wegzulachen. Es klang wie Weinen.
«Was reden Sie da? Gehen Sie, gehen Sie. Ich will allein sein.» Ihre Stimme bekam wieder etwas Kraft.
«Aber gern, Madame.» Die Schwester deutete einen Knicks an und weg war sie.

Ganz still war es im Zimmer.
»Ich bin Vio Glonda, die große Vio Glonda«, erklärte sie immer und immer wieder ihren nicht vorhandenen Zuhörern. Irgendwann schwieg sie. Es schien, als wartete sie auf eine Bestätigung. Vergeblich. Erschöpft fiel sie in einen Sekundenschlaf und erwachte schon einen Moment später wieder. Es ist Zeit aufzuhören, sagte sie sich, während in ihren Ohren längst verklungener Applaus rauschte. Ihr Gedächtnis holte Schlagzeilen der Boulevardpresse herbei, die in nicht enden wollenden Lobeshymnen den leuchtenden Stern am Theaterhimmel feierte, wiederholte die Theaterkritiken, die sie über Jahrzehnte als die große Diva der Operette lobten.

Wie viele Jahre war es her, als sie ´Hochzeitsnacht im Paradies` spielten? Das einzige Stück, in dem sie mit Gustav gemeinsam aufgetreten war. Sie war der Operette treu geblieben. Gustav war irgendwann andere Wege gegangen, auch in ihrem Leben. Heute hatte das Musical die Bühnen erobert. Nun war eine andere Generation von Sängern und Schauspielern gefragt. Operetten wurden kaum noch inszeniert und sie, die große Vio Gonda, nicht mehr gebraucht. In einem inneren Monolog wandte sich die alte Diva ein letztes Mal an ein imaginäres Publikum.
«Es ist genug. Fünfzig Jahre war ich der strahlende Star auf allen großen Bühnen dieser Welt. Es ist genug», erklärte sie. Ganz klar war ihre Stimme. Und dann wandte sie sich an ihren Mann:
«Gustav, es ist Zeit, dass wir endlich wieder zusammen arbeiten. Ich komme jetzt zu dir und dann wird alles wieder so wie früher», flüsterte sie und lächelte.
Und dann trat sie ab die große Vio Glonda. Allein. Ohne Publikum. Ohne Applaus.

Version 2

Letzte Aktualisierung: 15.07.2014 - 13.52 Uhr
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