Das alte Buch Mamsell
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Peggy Wehmeier zeigt in diesem Buch, dass Märchen für kleine und große Leute interessant sein können - und dass sich auch schwere Inhalte wie der Tod für Kinder verstehbar machen lassen.
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Schön sein | August 2014
Der Garten
von Eva Fischer

Wenn die Sommersonne ihre Energie etwas herunterschaltet, dann kommt meine Zeit. Dann bewaffne ich mich mit Schere und Eimer, um eine Runde durch meinen Garten zu drehen.

Die Hortensien haben ihre eigenen Sonnen, die hundertfach in kräftigem Ballon-Blau leuchten. Mein Blick flattert wie ein Schmetterling von einer Dolde zu anderen, erfreut sich an der makellosen Schönheit, die nur passive Bewunderung von mir erwartet.

Ganz anders dagegen der Hibiskus. Seine Blütenblätter sind zwar zart wie China-Seide. Jeden Tag gebiert er neue Blüten, doch alte schließen sich für immer, welken , geben sich dem Sterbeprozess hin. Sanft streife ich die verblühten ab, sammle sie in meinem Eimer wie reife Kirschen. Bienen umschwirren den Hibiskus, aber sie und meine Hände kommen sich wundersamerweise nicht ins Gehege, weil die Insekten die geöffneten Blüten aufsuchen, nicht die geschlossenen.

Als Frau weiß ich von den ständig wiederkehrenden, scheinbar sinnlosen Tätigkeiten, wie Staubwischen, Saugen, Wäschewaschen und Hemden bügeln, aber gerade diese Tätigkeiten, die mich geistig nicht besonders fordern, entspannen mich ungemein, geben mir das wohlige Gefühl nützlich zu sein.
Nach einem Arbeitstag im Büro genieße ich es, dem Hibiskus wieder zu perfekter Schönheit zu verhelfen.

Mit nackten Füßen gehe ich weiter zu den Rosen. Rubinrot funkeln die Blüten. Auch hier gibt es jeden Tag neue zu entdecken, die sich aber mehr Zeit nehmen als die des Hibiskus, sich zu öffnen, zu blühen und auch wieder zu verwelken. Sanftes Abstreichen hilft hier nichts. Ich nehme die Schere und schneide das Verblühte vom dornigen Stamm. Obwohl ich keine Handschuhe benutze, bleiben meine Hände ohne blutige Ritzer.

Ich kann mich nicht sattsehen an der Farbenpracht von Fingerhut, Rittersporn, Löwenmaul, Glockenblume, Margerite, Fuchsie, fleißigem Lieschen ...
Sie alle spielen mit in einer großartigen Symphonie der Sinne.

Nachdem ich die Erde mit meinen Fingern befühlt habe, weiß ich, sie brauchen noch etwas Wasser. Während ich die Gießkanne fülle, sehe ich meinen Mann missmutig am Fenster stehen und auf das Abendessen warten.

*

Für mich hätte es keinen Garten gebraucht. Er ist nur Arbeit. Rasenmähen und Heckenschneiden sind nämlich meine Aufgaben. Doch wenn er schon einmal da ist, dann sollte er klare Linien haben.
Im Sommer werde ich immer ganz nervös. Die Blumen wuchern ohne Sinn und Verstand, großmäulig alles verschlingend, mit einem Wort chaotisch. Der Mensch ist doch der Herr seines Gartens nicht die Pflanzen!
Wie oft habe ich diesbezüglich schon mit meiner Frau diskutiert, aber mit Logik ist dem weiblichem Geschlecht nicht beizukommen.
Deshalb ist meine Lieblingszeit der Winter. Da sehe ich den Garten nur durch das Wohnzimmerfenster. Was da bleibt, gefällt mir. Ein von Steinen eingefasster grüner Rasen, exakt geschnittene Hecken und verwaiste Beete. Die Bäume strecken ihre nackten Äste in den Himmel. Kein Laub, das man auffegen muss oder das einem den Blick verstellt in die Weite.
Small Talk mit meinem Nachbar, einem Rentner, muss ich dann auch nicht machen. Was diese Leute immer meinen! Unsereins hat schließlich einen harten Arbeitstag!

*

Mein Garten ist mein zweites Wohnzimmer. Morgens frühstücke ich auf der Terrasse, höre dem Vogelgezwitscher zu und lasse mich von den ersten Sonnenstrahlen wärmen. Während ich den Fischen im Teich ein paar Brotkrumen zuwerfe, plane ich meinen Tag.

Ich begutachte den Wein, dessen Trauben zunehmend an Fülle gewinnen und schaue nach, ob die Feigen schon essbar sind. Die Tomaten werden von mir gedüngt, gewässert und von unnötigem Grün befreit. Die knalligen Blüten der sich rankenden Pflanzen haben sich inzwischen in schmale, längliche Bohnen verwandelt. Auch Auberginen und Zucchinis habe ich gepflanzt. Da weiss ich doch schon, was mittags auf meinem Speisezettel stehen wird. Der Garten gibt mir mehr, als ich essen kann. Ich werde meiner Nachbarin ein paar Feigen schenken. Die mag sie und wir können nebenbei einen kleinen Plausch halten.

Die Zeit der Ernte ist für mich die schönste in meinem Garten.
Manchmal am Wochenende ist meine Enkeltochter Sophie zu Besuch, damit ihre Eltern mal ausschlafen und etwas anderes unternehmen können. Ich glaube, sie kommt gerne und auch ich freue mich sehr. Seit dem Tod meiner Frau ist es doch recht einsam und langweilig geworden. Die Nachbarn sind berufstätig und haben wenig Zeit.

*

Wir wohnen in der Stadt, aber manchmal bin ich bei meinem Opa. Er hat einen Garten. Das finde ich total cool.
Zu Ostern versteckt er dort für mich Schokoeier. Er denkt, dass ich noch an den Osterhasen glaube. Aber ich bin schon sechs, gehe in die Schule und weiß Bescheid, was ich meinem Opa natürlich nicht verrate.
Er meint, seine Ostereier seien die Krokusse, die überall aus der Wiese sprießen. Sie sehen zwar so bunt wie Smarties aus, aber echte aus Schokolade sind mir lieber.

Opa hat auch einen Teich im Garten. Alle Goldfische haben einen Namen. Ich weiß gar nicht, wie Opa es schafft, sie auseinanderzuhalten. Am liebsten mag ich Hulda, die Kröte. Einmal im Jahr kriegt sie Besuch. Wenn es schon dämmert, kommen aus allen Ecken Kröten. Das sieht lustig aus, wie sie durchs Gras hüpfen. Kaum sind sie im Wasser, spielen sie Huckepack. Sie blasen dann ihre Backen auf und machen so Quaktöne. Ich habe das auch schon ausprobiert, aber bei mir klappt es nicht so. Opa kann das. Er kann auch Geschichten erzählen.

*

Hulda, die Kröte, schaute zum hell erleuchteten Vollmond. Wie oft war diese Scheibe schon am Nachthimmel erschienen? Noch drei Monde seufzte sie, dann würde sie ihren Geliebten wiedersehen.
August war ein imposanter Kröterich, der nur Augen für Hulda hatte. Einmal im Jahr besuchte er sie für eine Woche. Danach musste er leider wieder in die weite Welt, um Abenteuer zu erleben, von denen er dann Hulda beim nächsten Treffen berichtete, von Oskar, dem Igel, der ihn beinahe auf seine Hörner genommen hätte, von der Amsel Pia, die sein Bein schon mal mit einem Regenwurm verwechselt und darauf herumgepickt hatte.
„Geht’s noch, du alte Schnepfe!“, hatte sich August beschwert.
Ja, das Leben in der großen weiten Welt war nicht ungefährlich und so bangte Hulda jedes Jahr von neuem.
Drei Monde noch, seufzte sie. Es wurde Zeit, den Teich wieder auf Vordermann zu bringen.
Pit und Pat, die beiden Goldfische halfen dabei. Die Glühwürmchen mussten wegen der Beleuchtung informiert werden.

Endlich war es so weit. Die ersten Besucher kamen schon angehüpft. Man begrüßte und umarmte sich herzlich, aber August war nicht dabei.
„Ohne August wird es kein Fest geben“, verkündete Hulda, die schließlich die Hausherrin des Teiches war.
„Oooooh!“ jammerten die anderen Kröten.
Sie fragten untereinander, ob jemand August in einem anderen Teich gesehen hatte. Nein, keiner hatte August gesehen.
Dicke Tränen rollten aus Huldas Augen. Sie zog sich auf den schlammigen Grund des Teiches zurück und buddelte sich ein.

„Was ist? Findet euer Konzert heuer nicht statt?“, flötete die Fledermaus enttäuscht, die sich am Rand des Teiches niedergelassen hatte.
„August fehlt“, gaben die Kröten zurück.
„Wie sieht er denn aus euer August?“
„Groß und stark“, sagten die einen. „Sehr muskulös“, stimmten die anderen zu.
„Na, ich werde mich mal mit dem Kontrollzentrum in Verbindung setzen, hören, welche neuen Infos es gibt.“
Nach einiger Zeit kam die Fledermaus zurück.
„Euer August wurde etwas 1000 Meter von hier süd-östlich gesichtet. Er hatte einen Unfall und hat sich das Bein gebrochen. Meint ihr, ihr kriegt das hin, ihn abzuschleppen?“
„Klaaaar“, ertönte es gleichzeitig aus allen Krötenmäulern.
Als August wie ein Fußballstar auf den Rücken der Kröten zum Teich getragen wurde, war Huldas Freude groß.
Jetzt konnte das Fest endlich beginnen. Es wurde musiziert, getanzt und gesungen, gegessen und erzählt, pardon, gequakt.
Und das Beste war, Hulda hatte August drei Monate ganz für sich, denn bis so ein Bruch wieder verheilt ist, das dauert.

*

„ Das ist aber eine schöne Geschichte“, sagt Sophie.
„Klar, Geschichten mit Happy End sind immer schön“, lächelt der Großvater.

„Hallo Sophie! Schön, dass du mal wieder zu Besuch bist. Da freut sich dein Opa sicher. Soll ich dir zeigen, wie man aus Blumen eine Kette macht?“
„Au ja. Cool!“


Letzte Aktualisierung: 06.08.2014 - 09.19 Uhr
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