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Schön sein | August 2014
Un-erhört
von Glädja Skriva

„Hi.“

Sie grinst mich an. Und sofort bin ich zuhause. Ich habe sie gebucht. Für eine Stunde. Ich lege mich auf den Rücken. Auf den Schragen.

„Liegst du gut?“

Wer hat mich das letzte Mal gefragt, ob ich gut liege?

„Der Rücken ist etwas hart. Aber das geht schon.“

Ich schließe die Augen und warte darauf, dass sie anfängt.

„Du sollst gut liegen.“

Sie hebt leicht meine Beine an.

„Besser?“

„Ein bisschen. Ich werde es schon aushalten. Es ist nicht von Bedeutung.“

„Probiere es doch einmal, auf der Seite zu liegen.“

Instinktiv wende ich mich von der dezent gehaltenen, beige-neutralen Wand à la „Schöner Wohnen“ ab und drehe mich hin zum Licht. Zu einer großen Glasfront, die den Raum flutet und unverstellt hinausblicken lässt. In die Weite. Zu saftgrünen Wiesen. Es riecht nach frisch gefallenem Regen.

„Gut so?“

Ich zucke ein wenig zusammen. Ich habe sie für kurze Zeit vergessen, weil ich plötzlich bei mir war. Nach den letzten kühlen Tagen spüre ich die Abendsonne, die sich auf mein Gesicht legt. Ich schließe die Augen und genieße.

„Deine Knie liegen nicht zu hart aufeinander?“

Bevor ich etwas antworten kann, öffnet sie sanft meine Schenkel und schiebt ein weiches Kissen dazwischen.

Ich schäme mich.

Draußen rennen ein kleines Mädchen und ein kleiner Junge durch die ersten raschelnden Herbstblätter. Sie sind ganz darin vertieft, die ersten Kastanien in ihre klappernden Eimer zu sammeln. So können sie uns zum Glück nicht beobachten. Auch nicht ihr Vater, der sich kurz darauf zu ihnen gesellt.

In meinem Nacken fühle ich jetzt ihre vertrauten Hände. Sanft. Zart. Ihre Wärme breitet sich aus, bis ich sie überall in mir spüre.

Inzwischen hat es erneut zu nieseln begonnen. Die Kinder stapfen in Regencapes, die wie kleine Zelte auf Wanderschaft aussehen, durch den nassen Sand eines aufgeworfenen Bauschutthügels. Von der Hügelspitze lassen sie Eimer um Eimer Wasser auf den Boden schwappen, das sich in Sturzbächen kleine Wege bildet. Ihr Vater schleppt von einer Restpfütze noch mehr Wasser heran, das sie begeistert in tiefe Sandlöcher gießen, um darin zu matschen.

Ich schließe erneut die Augen. Wir sprechen nicht mehr miteinander. Nur ihre Hände tasten sich Wirbel für Wirbel in meine Seele. Unaufgeregt bis zum Becken, das sie anfängt leicht rhythmisch zu bewegen. Mein Kopf weiß alles im voraus. Das Becken wird leichte Wellen nach oben schicken bis zum Brustkorb. Wirbel für Wirbel. Bauklötzchen auf Bauklötzchen aufeinandergesetzt, bis ich atemlos darauf warten werde, dass sie den Turm endlich um ... Ich seufze.

Sie hält inne.

Eine Hand auf meinem Becken. Dirigierend und zart zugleich. Die andere zwischen meinen Schulterblättern, die sich in ihre Handhöhle pressen. Sie unterbricht den Rhythmus. Bewegt gegengleich. Mein Becken. Meine Brust. Schwingt. Die Bauklötzchen passen nicht mehr aufeinander. Ich versuche mit meinem Kopf nachzugehen, einzuordnen. Hinweise zu geben, welchen Bauklotz sie endlich auf welchen wie immer zu setzen hat. Dass es wieder vertraut wird. Dass ich sie im Griff habe und mich.

„Schtt ...“

Da kommt ein neuer Impuls und führt mich wieder weg. Ich öffne die Augen und halte mich fest am Eindruck, der mir Sicherheit vermittelt. Eine blaue, eine rote Schaufel ... die Kinder kippen draußen kleine Förmchen aus und lassen Matchboxautos in Serpentinen über aufgehäufelte Berge und durch Tunnel fahren, die ihr Vater ihnen mit allem Ernst der Welt liebevoll festklopft. Nichts scheint wichtiger zu sein, als dieser eine Moment. Auch wenn gerade ein Soldat den anderen niederstreckt. Eine junge Mutter an Krebs erkrankt. Ein Jugendlicher ansetzt gegen die Tunnelwand zu prallen. Sie wissen nichts davon. Weil sie sich haben, ist es friedlich. Und selbst wenn man diesen Augenblick in mattglänzendem Gold rahmen würde, käme er ganz ohne Kitsch davon.

Ich lasse mich los und überlasse meinen Körper. Ihren Händen. Frauenhänden, denen ich vertraue. Als plötzlich alle Bauklötzchen durcheinanderpurzeln und mein Kopf nichts anderes einzuordnen weiß als - wohlig.

Ihre langen Haare kitzeln mich in meinem Gesicht. Ich drehe mich leicht zurück auf meinen Rücken. Alles hat sich wieder sortiert und ist nun doch ganz anders.

„Die Stunde ist zuende“, holt sie mich leise zurück.

Ich rolle mich in Zeitlupe vom Schragen, jede Sekunde noch nachkostend, um dann nach langer Zeit wieder auf meinen eigenen Füßen zu stehen.

„Wie fühlst du dich?“, höre ich sie fragen.

Mein Kopf meldet mir, wie ich mich zu fühlen habe: „Den Rücken geduckt, die Hüfte und linke Seite schmerzend.“

„Gesättigt“, höre ich mich sagen.
Und dann noch fremder: „Gesättigt an Leib, Geist und Seele.“

Draußen sammelt der Vater mit seinen Kindern die Förmchen ein. Abendbrotzeit. Er nimmt das eine Kind auf seine Schulter, das andere Kind an die Hand und läuft zum nahegelegenen Gehöft nach Hause.

Ich gehe zu meiner Louis-Viton-Tasche und ziehe mein Portemonnaie heraus. Das, von dem ich mich nicht trennen kann, obwohl es ein Loch hat und wo immer wieder die Centstücke hindurchfallen. Unsere Gesichter treffen sich beim Aufheben des letzten Geldstückes, das wieder einmal durchgeklackert war.

„Du tust Wunder. Weißt du das? Es war so schön.“

In ihre geöffnete Hand lege ich, zart die ihre berührend, den einen Glückscent und sechs Scheine. Abgezählt wie immer.

Die Abendsonne wirft ihre letzten Strahlen in das Zimmer. Der Bauschutthügel liegt mit einem zurückgelassenen Kinderbagger inzwischen menschenleer. Der Himmel zeigt sein letztes Blitzeblau an diesem Tag. Hingetupft mit Deckweißwölkchen, die scheinbar alles heller werden lassen. Ich bin mir sicher, der Sandkastenvater streichelte auf dem Nachhauseweg sanft und liebevoll über die Köpfe der Kleinen, die später krähend, mit klappernden, plappernden Löffeln ihr Abendbrot lautstark eintrommelten; während ein Restrieselsand in ihrem Kinderhaarflaum als Gruß von einem unbeschwerten Nachmittag zeugte.
Und unter dem Schutz der Nacht wird der Vater dann das eine von ihnen mißbrauchen. Das, das er bereits ausgewählt und auf seine Schultern gehoben hat, damit er im Vorgeschmack mit seinem Kopf bereits unter das Cape hin zu den kleinen Schenkeln fühlen konnte.

„Wie geht es dir?“

Mein Rücken verhärtet sich ein wenig. Aber ich spüre es schon nicht mehr.

„Ich kann erst wieder in einem Monat kommen. Das Geld ...“

Sie wendet sich ab und ich sage nichts mehr.


© P.S./Glädja Skriva/August 2014



Letzte Aktualisierung: 21.08.2014 - 20.51 Uhr
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